Ökonomen-Schelte Lammert hält Experten-Tipps in Euro-Krise für untauglich

Top-Ökonomen haben die Regierung wegen ihrer Krisenpolitik scharf kritisiert - nun schlägt die Politik zurück. Bundestagspräsident Norbert Lammert sagt: "Von allen denkbaren Verfahren ist das am wenigsten taugliche die Umsetzung von Expertenempfehlungen."

Bundestagspräsident Norbert Lammert: "Entscheidungsunfähigkeit zu Protokoll geben"
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Bundestagspräsident Norbert Lammert: "Entscheidungsunfähigkeit zu Protokoll geben"


Berlin - Die Euro-Rettungsmaßnahmen der Bundesregierung schaden Deutschland - so die jüngst in einem öffentlichen Aufruf verbreitete These mehrerer prominenter Ökonomen. Nun kommt die Retourkutsche von Bundestagspräsident Norbert Lammert: Für die Politik hätten sich die Experten in der Krise als nicht hilfreich erwiesen, sagte Lammert (CDU) am Samstag. "Von allen denkbaren Verfahren in der Bewältigung dieser Krise in den vergangenen Monaten ist das am wenigsten taugliche die Umsetzung von Expertenempfehlungen gewesen", sagte er dem Radiosender SWR2.

Zu jeder denkbaren Option hätten sich Fachleute zwar geäußert. Es gebe aber zu keiner einzigen relevanten Frage eine gemeinsame Expertenmeinung. "Würden sich darauf politische Entscheidungsinstanzen verlassen wollen, würden sie damit ihre Entscheidungsunfähigkeit zu Protokoll geben", sagte Lammert.

Seit Ende der Woche sorgt der Aufruf von rund 170 Ökonomen rund um Ifo-Chef Hans-Werner Sinn für Ärger. In diesem werden die Brüsseler Gipfelbeschlüsse, vor allem die Bankenunion, scharf kritisiert. Die "lieben Mitbürger" sollen ihre Volksvertreter vor den drohenden Gefahren warnen, heißt es in dem Appell. "Soliden" Ländern wie Deutschland könnten durch hochverschuldete Länder immer höhere Risiken aufgebürdet werden. Darauf hatte es einen Gegenappell anderer Ökonomen gegeben.

Der Initiator des ersten Protestaufrufs um Hans-Werner Sinn, Walter Krämer, verteidigte den Vorstoß dagegen. Es handle sich um keinen Generalverriss der Krisenpolitik. Der Professor am Institut für Wirtschafts- und Sozialstatistik der TU Dortmund sagte den "Ruhr Nachrichten", er hoffe vielmehr, dass die Warnung der Wissenschaftler vor einer Bankenunion in Europa und einer Überforderung der Steuerzahler der Regierung den Rücken stärke. "Sie sollte endlich auf Einhaltung der Regeln in Europa bestehen", verlangte Krämer. Er fügte hinzu: "Es geht uns nicht um Protest, sondern um Information. Es war doch kaum jemandem klar, was sich in der kurzen Gipfelerklärung für ein Sprengstoff verbirgt."

Aufruf der Wirtschaftsweisen

Am Freitagabend hatten sich auch die fünf Wirtschaftsweisen in einem Sondergutachten zu den Ergebnissen des jüngsten EU-Gipfels geäußert. Ihrer Meinung nach darf die europäische Schuldenkrise nicht zur "übereilten Einführung einer Bankenunion führen". Außerdem dürften nur dann Hilfen an notleidende spanische Banken fließen, wenn "klare Kriterien zur Rekapitalisierung und Restrukturierung" befolgt würden, schreibt das Beratungsgremium der Bundesregierung. Diese würden aber "auf absehbare Zeit nicht erfüllt". Gleichzeitig betonen die Sachverständigen in ihrem Gutachten, dass der Euro durch die Schuldenkrise in einer "systemischen Krise" stecke. Es sei eine Situation entstanden, "die den Fortbestand der gemeinsamen Währung und die ökonomische Stabilität Deutschlands gleichermaßen gefährdet".

yes/dapd

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Seite 1
Kalix 07.07.2012
1.
Zitat von sysopDPAEs ist eine harsche Antwort auf die Kritik an der Krisenpolitik der deutschen Regierung: Bundestagspräsident Norbert Lammert weist den Appell mehrerer Ökonomen um Hans-Werner Sinn scharf zurück. Expertenempfehlungen seien am wenigsten tauglich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,843192,00.html
Es ist die Fahnenflucht der letzten Armeen; daher das groß Geschrei. Herr Schäuble, Herr Lammert; die Schlacht ist längst verloren, nur Sie haben es nicht wahrgenommen.
marthaimschnee 07.07.2012
2.
Zitat von sysopDPAEs ist eine harsche Antwort auf die Kritik an der Krisenpolitik der deutschen Regierung: Bundestagspräsident Norbert Lammert weist den Appell mehrerer Ökonomen um Hans-Werner Sinn scharf zurück. Expertenempfehlungen seien am wenigsten tauglich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,843192,00.html
Wenn es wenigstens Experten wären ... Aber es ist ja nicht das erste Mal, das sowas passiert. Nach Ausbruch des ersten Weltkrieges haben sich schließlich auch zig Akademiker und Experten auf deutscher Seite gefunden, die den Krieg glaubhaft als "korrekt" rechtfertigten (und auf der Seiten der Entente ebenso).
liesalott 07.07.2012
3. optional
Vielleicht hätte man einfach in den 1990ern auf die "untaugliche Empfehlung", eine Währungsunion mit derart unterschiedlichen Volkswirtschaften bleiben zu lassen, hören sollen. Dann wäre man jetzt nicht in einer Situation, in der es kaum noch einen Ausweg gibt.
genugistgenug 07.07.2012
4. Lammert für Planwirtschaft und Diktatur, oder?
---Zitat--- Es gebe aber zu keiner einzigen relevanten Frage eine gemeinsame Expertenmeinung. "Würden sich darauf politische Entscheidungsinstanzen verlassen wollen, würden sie damit ihre Entscheidungsunfähigkeit zu Protokoll geben", sagte Lammert.Ökonomen-Appell: Lammert kritisiert Wirtschaftsexperten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,843192,00.html) ---Zitatende--- Lammert für Planwirtschaft und Diktatur, oder? Also Lammert wenn die Politik nicht aus mehreren Möglichkeiten die BESTE auswählen kann, dann ist das ein Armutszeugnis. Eine einzig gemeinsame Meinung gab es offiziell bis 89 und 45 - annte sich Planwirtschaft und Diktatur. Oder sind gewisse Personen nicht mehr flexibel genug um mehr wie EINE Information zu verarbeiten.
thepunisher75 07.07.2012
5. *Lach* Noch einmal zum mitlesen....
Zitat von sysopDPAEs ist eine harsche Antwort auf die Kritik an der Krisenpolitik der deutschen Regierung: Bundestagspräsident Norbert Lammert weist den Appell mehrerer Ökonomen um Hans-Werner Sinn scharf zurück. Expertenempfehlungen seien am wenigsten tauglich. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,843192,00.html
.."EXPERTENempfehlungen seien am wenigsten tauglich." Also, was sie uns damit sagen wollen, Herr Lammert, ist das die Politiker es besser wissen als sogenannte Experten ihres Fachs ? Da muß ich sagen da fand ich die Antwort von Herrn Schäuble besser. Wenigstens stimmte die. Obwohl sich so langsam die Herrn und Frau Politiker sich mit ihren Antworten lächerlich machen. Aber ehrlich gesagt, diese sogenannten Experten, genauso wie die werten Politiker um Frau Merkel, verfolgen auch nur ihre eigenen Ziele und vertreten bestimmte Gruppen. Deswegen, da hat der Herr Lammert wahrscheinlich Recht, diese Art Experten will er natürlich nicht zuhören.
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