Dunkelflaute Ist der Winter wirklich zu düster für den Ökostrom?

Deutsche Wind- und Solaranlagen haben im Januar kaum Strom produziert - im Fachjargon heißt das Dunkelflaute. Die Vertreter der alten Energiewirtschaft warnen nun vor einer Versorgungslücke. Doch das ist Unfug.

Windenergiepark in Brandenburg
DPA

Windenergiepark in Brandenburg

Von


Die Energiewirtschaft ist voller seltsamer Begriffe. Einer, der in dieser Woche wieder einmal für Schlagzeilen sorgt, ist die sogenannte Dunkelflaute - eine Zeitspanne, in der es gleichzeitig wenig Sonnenlicht und wenig Wind gibt, und die Lobbyisten der klassischen Energiewirtschaft regelmäßig zur Panikmache nutzen.

Denn während einer Dunkelflaute bricht die Ökostromproduktion regelrecht ein, zudem passiert das meist im Winter, wenn der Strombedarf der Republik besonders hoch ist. Andere Kraftwerke, vor allem Gaskraftwerke, müssen einspringen, Schwankungen in den Netzen ausgeglichen werden.

Die "Welt" weist nun darauf hin, dass es im Januar gleich mehrere Dunkelflauten gab, meist verursacht durch für die Jahreszeit typische Hochdruckgebiete, die gleichzeitig für Windstille und Nebel sorgen. Der Bericht stützt sich auf öffentlich verfügbare Daten, die die deutsche Ökostromproduktion und den deutschen Energieverbrauch stundengenau abbilden. Ein typischer Dunkelflautentag war demnach der 24. Januar.

  • Die rund 26.000 Windkraftanlagen, die auf deutschem Boden stehen, produzierten fast den ganzen Tag über eine Leistung von weniger als einem Gigawatt.
  • Die rund 1,2 Millionen Solaranlagen schafften maximal 2,3 Gigawatt - und das auch nur mittags für kurze Zeit. In den dunklen Morgen- und Abendstunden erzeugten sie gar keinen Strom.
  • Die vom Wetter weitgehend unabhängigen Biomasse- und Wasserkraftwerke kamen auf gut sieben Gigawatt.
  • Der deutsche Stromverbrauch dagegen lag bei bis zu 74,5 Gigawatt.

Der Beitrag der erneuerbaren Energien zur deutschen Energieversorgung war entsprechend niedrig. Gegen 18 Uhr, als der Verbrauch am größten war, steuerten alle Ökostromanlagen zusammen nur rund elf Prozent zum Strommix bei, die Solar- und Windanlagen sogar nur gut zwei Prozent. Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke deckten die meiste Zeit des Tages etwa 90 Prozent des Verbrauchs.

Lobbyisten warnen vor Versorgungslücke

Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) schlägt deshalb Alarm. Er warnt, dass es in den kommenden Wintern zu Versorgungslücken kommen könnte. Denn während sich das deutsche Winterwetter kaum ändern wird, durchlebt der deutsche Kraftwerkspark einen rapiden Wandel: Die restlichen Atomkraftwerke gehen bis 2022 vom Netz, und auch viele Gas- und Kohlekraftwerke stehen zur Disposition.

Die sogenannten konventionellen Kraftwerke sind kaum oder gar nicht mehr rentabel, weil die erneuerbaren Energien an sonnigeren und windreicheren Tagen eben viel mehr Elektrizität produzieren; zu manchen Stunden decken sie den deutschen Bedarf zu fast 100 Prozent. Am Strommarkt gibt es daher oft ein Überangebot, das die Verkaufspreise abstürzen lässt, bisweilen fallen die Preise gar in den negativen Bereich. Stromhändler müssen dann draufzahlen, um ihre Kilowattstunden überhaupt noch loszuwerden.

Die Folge ist, wie die klassischen Energieversorger es ausdrücken, ein wahres "Kraftwerksterben". In den vergangenen fünf Jahren seien insgesamt 82 konventionelle Stromerzeuger mit einer Leistung von mehr als zwölf Gigawatt zur Stilllegung angemeldet worden, schreibt die "Welt". Der Boom der erneuerbaren Energien drängt die klassischen Kraftwerke demnach regelrecht aus dem Markt. Zu Zeiten, in denen Wind- und Solaranlagen kaum Strom produzieren, wird das aus Sicht des BDEW dann zum Problem.

Die konventionellen Stromerzeuger fordern nun neue Regelungen, die den Betrieb ihrer kaum rentablen Meiler wieder attraktiver machen. Ein denkbarer Weg sei, die Kraftwerksbetreiber für sogenannte Systemdienstleistungen zu bezahlen, die sie zur Stabilisierung des Stromnetzes erbringen, heißt es beim BDEW.

Deutschland exportierte trotz Dunkelflaute weiter Strom

Im Lager der Ökostrombefürworter dagegen sieht man die Situation entspannter. "Bange machen ist fehl am Platz", sagt etwa Patrick Graichen, der Chef von Agora Energiewende. "Das deutsche Stromsystem hatte am 24. Januar noch reichlich Reserven."

Erkennbar sei das am Einsatz der Gaskraftwerke, die fehlenden Ökostrom vornehmlich ausgleichen. Tatsächlich waren am 24. Januar maximal Gaskraftwerke mit einer Leistung von 10 Gigawatt im Einsatz, möglich gewesen wären bis zu 28 Gigawatt.

Unterm Strich exportierten die deutschen Kraftwerke zudem auch während der Dunkelflaute des 24. Januar permanent Strom. Selbst gegen 18 Uhr, als der Verbrauch der Republik am größten war, wurden netto noch mehr als eine Gigawattstunde Elektrizität in andere Länder verkauft, vor allem nach Frankreich, Österreich und in die Schweiz.

Momentan ist die deutsche Versorgung also auch zu Zeiten von Dunkelflauten gut gesichert. Und auch künftig wird das so bleiben. Denn die Betreiber dürfen ihre Kraftwerke stets nur mit Genehmigung der Bundesnetzagentur stilllegen. Wenn diese irgendwo Engpässe sieht, kann sie Unternehmen dazu zwingen, ihre Anlagen weiterzubetreiben.

Das für die Energiewende zuständige Bundeswirtschaftsministerium hält die Situation in Deutschland ebenfalls für undramatisch. Zusätzliche Zahlungen für die Betreiber der Kohle- und Gaskraftwerke seien unnötig, heißt es dort. Wenn weitere Kohle- und Atomkraftwerke vom Netz gehen, dürften die Strompreise wieder steigen. Der Betrieb der verbleibenden Meiler werde dann automatisch wieder rentabler.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 619 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
esmitleeremkopfzutun 07.02.2017
1. Man merkt, wer die Anzeigen bezahlt...
Die "Analyse" der Welt ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, mit welchen Anzeigen- und Marketingbudgets die großen Energieversorger derzeit versuchen, verlorenen Boden gut zu machen. Der Fantasiekonzern innogy etwa pumpt Millionen in Image-, PR- und Anzeigenkampagnen, die nicht zuletzt bei Springer & Co. landen. Mit dieser Macht ausgestattet können die den BDEW bestimmenden alten Energiekonzerne vielen Journalisten immer noch in den Block diktieren. Es ist dem Spiegel daher hoch anzurechnen, dass er sich hier gedanklich unabhängig macht und nicht "alternativfaktisch", sondern anhand von nachvollziehbaren Zahlen, Gesetzen und Regelungen argumentiert. Blödsinn wird so nicht mit Blödsinn, sondern rationalen Argumenten begegnet. Die Energiewende geht weiter!
horst.koehler.2 07.02.2017
2. Ich warte auf einen großen Vulkanausbruch ...
... mit daraus resultierender monate- oder jahrelanger Abschwächung des Sonnenlichtes. Einen Vorgeschmack bot vor 7 Jahren ja der Ausbruch des isländischen Eyjafjallajökull, der zu einer Woche Einstellung des Flugbetriebes in Teilen Skandinaviens führte, aufgrund von Sichtbehinderungen. und dies ist nur ein kleiner Ausbruch gewesen. Was wäre wohl los, wenn es einen großen Ausbruch von Vesuv oder den Phlegräischen Feldern gäbe oder gar die gigantische Magmablase unter dem Yellowstone Nationalpark hochgehen würde? Das hieße in letzterem Fall jahrelange Dunkelheit auf der ganzen Welt. Aber hey, immer schön alles auf eine Karte setzen, die das Sonnenenergie heißt ...
kunibertus 07.02.2017
3. Das ist aber nun wirklich
eine bahnbrechende Erkenntnis. Jeder, der eine Photovoltaikanlage auf dem Dach hat weiß, dass die ertragsstärksten Monate Mai - Juni sind. Bei mir macht das jeweils rund 13% aus, während es im Januar nur 2% und im Dezember sogar nur rund 1% sind. Genau deswegen benötigen wir ja die Reservekapazitäten und dafür bezahlen wir ja auch.
M. Michaelis 07.02.2017
4.
Zwangsbetrieb unrentabler konventioneller Kraftwerke ist faktisch eine Versorgungslücke. Wenn es tatsächlich so wäre dass Solar und Wind selbst im schlechtesten Fall immer noch Exporte ermöglicht könnte man ja sofort alle konventionellen Kraftwerke abschalten. Das Problem ist dass der Autor schlichtweg keine Ahnung von der Physik eines Wechselstromnetzes hat und den Fehler macht Stromproduktion nur aus Marktsicht zu betrachten.
Sibylle1969 07.02.2017
5. In Frankfurt
Hier in Frankfurt war der Winter bisher sonniger als in den Vorjahren. Während in den Vorjahren wirklich wenig die Sonne schien und es häufig trüb war, hatte es in diesem Winter bisher auch längere sonnige Perioden durch Hochdruckgebiete. Die Ausbeute von Solaranlagen müsste im Winter also zumindest besser als in den Vorjahren gewesen sein. Geografisch bedingt ist die Ausbeute im Winter aber per se gering.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.