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18. Februar 2013, 15:48 Uhr

Kranker Öldiplomat Chávez

Das Netz des Comandante

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Hugo Chávez ist zurück in der Heimat, doch der Zustand des krebskranken venezolanischen Präsidenten ist ungewiss. Das beunruhigt nicht nur Anhänger in der Heimat. Mit günstigen Öllieferungen knüpfte Chávez weltweit Allianzen. Nun bangt so manches Land um seine Energieversorgung.

Hamburg - Er vertraue "auf Jesus Christus und auf meine Ärzte und Krankenschwestern". Mit diesen Worten meldete sich Venezuelas Präsident Hugo Chávez am Montag bei seinen Anhängern zurück. Nach mehr als zwei Monaten Behandlung auf Kuba ist der krebskranke Präsident wieder in seiner Heimat.

So groß die Freude über Chávez' Rückkehr unter seinen Anhängern ist, so ungewiss ist sein gesundheitlicher Zustand. Vizepräsident Nicolás Maduro kündigte Informationen dazu für die kommenden Tage an. Bislang deutet aber nichts darauf hin, dass Chávez bald das Präsidentenamt antreten kann, für das er nach seiner Wiederwahl im Oktober eigentlich längst vereidigt sein sollte. Der Präsident wird derzeit über einen Luftröhrenschnitt beatmet und muss laut Maduro "äußerst komplexe und harte" Behandlungen über sich ergehen lassen.

Auch wenn Chávez die USA immer wieder als Imperialisten kritisierte: Mit seinem "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" versuchte er in der Vergangenheit, eine Art Gegenimperium aufzubauen. Das Mittel dazu war Öl, Venezuela besitzt laut Schätzungen die zweitgrößten Vorkommen der Welt. Mit den Petro-Dollars förderte der "Comandante" nicht nur regionale Verbündete wie Ecuadors gerade wiedergewählten Präsidenten Rafael Correa. Er knüpfte Kontakte bis nach China und Iran und mischte sich immer wieder in der Weltpolitik ein. Aus einem Land, dessen Wirtschaftsleistung etwa der von Griechenland entspricht, machte Chávez einen Global Player.

Nun stellt sich auch die Frage, ob die von Chávez betriebene Öldiplomatie eine Zukunft hat. Manche Länder bangen schon jetzt um die Lieferungen. Das sind die Partner im Netzwerk des Comandante:

In Lateinamerika gibt Venezuela sein Öl zu Vorzugspreisen weiter. Dafür bekommt das Land unter anderem Bohnen, Fleisch und medizinisches Personal. Mit bis zu 100.000 Barrel täglich ist Kuba der größte Profiteur. Im Gegenzug entsandte der Inselstaat rund 20.000 Fachkräfte, unter anderem kubanische Ärzte, denen Chávez nun auch bei seiner Krebsbehandlung vertraut. "Kuba ist das erste Land, das darunter zu leiden hätte, wenn Chávez nicht mehr Präsident ist", sagt Claudia Zilla von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Auch in anderen Karibikstaaten wächst die Nervosität. Der Wirtschaftsminister der Dominikanischen Republik sprach kürzlich von "großen Sorgen" um Chávez' Gesundheitszustand, da dieser "das Petrocaribe-Abkommen beeinflussen könnte". Über den Wirtschaftverbund beliefert Caracas 17 oftmals arme Staaten mit täglich rund 243.000 Barrel Öl - rund acht Prozent der venezolanischen Produktion.

Für seine Politik fand Chávez in Lateinamerika Verbündete, deren politische Karrieren er gezielt förderte. Die Kandidaturen von linken Politikern wie Ecuadors Präsidenten Correa und Boliviens Staatschef Evo Morales unterstützte er mit seinen Petro-Dollars. Zudem nutzte Chávez das von ihm initiierte Wirtschaftsbündnis Alba, das ausdrücklich als Gegenmodell zu einer von den USA geplanten panamerikanischen Freihandelszone gedacht ist. Doch nicht alle ideologischen Allianzen halten: Perus Staatschef Ollanta Humala war Chávez früher eng verbunden, distanzierte sich jedoch inzwischen von ihm.

Für manche Nachbarländer ist das venezolanische Öl weniger wichtig, Einfluss übte Chávez dort aber dennoch aus. So erhielt Venezuela aus Argentinien für sein Öl unter anderem Rindfleisch und kaufte wiederholt argentinische Anleihen. 2007 wurden am Flughafen von Buenos Aires zwei Reisetaschen mit 800.000 Dollar beschlagnahmt - angeblich Wahlkampfhilfe für die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner. Selbst im mächtigen Nachbarstaat Brasilien mischte Chávez mit: Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva half er bei der Finanzierung von Auslandsschulden, dieser unterstützte ihn noch im letzten Wahlkampf. Doch Lula und seine Nachfolgerin Dilma Rousseff stehen für einen moderateren Kurs als Chávez, ihr Land gilt als neue Vormacht des Kontinents. "Ein Präsidentenwechsel in Venezuela würde Brasilien in die Hände spielen", sagt Annegret Mähler, Venezuela-Expertin am Hamburger Giga-Institut für Lateinamerika-Studien.

Umso wichtiger könnten Verbindungen werden, die Chávez in Asien knüpfte. So exportiert Venezuela täglich rund 300.000 Barrel Öl nach China. Im Gegenzug gewährt Peking Milliardenkredite, chinesische Firmen sind an der Erschließung von Venezuelas Ölreserven beteiligt. Das Gleiche gilt für Unternehmen aus Russland, von wo Chávez im Laufe der Jahre Waffen und Kredite in Milliardenhöhe erhielt. Die beiden Länder hielten auch gemeinsame Militärmanöver ab. "Die Beziehungen zu Russland und vor allem China dürfte ein Machtwechsel wenig beeinflussen", sagt Mähler. "Hier besteht auf beiden Seiten großes wirtschaftliches Interesse, das schon immer von politischen Fragen getrennt wurde."

Vor kurzem entdeckten Düsseldorfer Zöllner beim iranischen Ex-Minister Tahmaseb Masaheri Khorsani einen Scheck über 53 Millionen Euro - ausgestellt von einer Bank in Venezuela. Der Fund zeigt: Das Land unterhält auch in den Nahen Osten gute Kontakte. Chávez unterstützte das Atomprogramm in Iran und lobte Präsident Mahmud Ahmadinedschad als Verbündeten im Kampf gegen die USA. Als Gegenleistung sollte Iran in Venezuela unter anderem Fabriken für Waffen, Zement und Traktoren bauen. "Diese Kooperation war vor allem eine politische Provokation", sagt Mähler. "Von den angekündigten gemeinsamen Projekten wurde nur ein Bruchteil realisiert." Auch das international isolierte Regime von Baschar al-Assad in Syrien wird aus Venezuela angeblich weiterhin mit Treibstoff beliefert.

Selbst Chávez' Antiamerikanismus hat Grenzen: Für die USA ist Venezuela der viertgrößte Lieferant von importiertem Rohöl und Rohölprodukten. Auch gegenüber armen Amerikanern präsentierte sich Chávez als Wohltäter: Sie erhielten aus Venezuela verbilligtes Heizöl. Ähnlich war es in Großbritannien: Finanziert durch venezolanische Öllieferungen bekamen Geringverdiener in London günstigere Busfahrscheine. Zum Dank schickte Ex-Bürgermeister Ken Livingstone Stadtplanungsexperten nach Venezuela.

Reine PR-Aktionen wie in London dürften unter Chavez' Nachfolger aufhören. Venezuela hat selbst große wirtschaftliche Probleme, die Erlöse aus der Ölförderung gehen zurück, was auch an veralteten Anlagen liegt. Im August brannte eine der wichtigsten Raffinerien des Landes, mehr als 40 Menschen starben. "Die Zeit, in der Venezuela als Modell in Südamerika galt, ist vorbei", sagt SWP-Expertin Zilla. Auch im Land wächst die Kritik an den Ölgeschenken.

Chávez' Wunschnachfolger Nicolás Maduro bekannte sich bei einem Treffen mit Petrocaribe-Vertretern zwar zur Fortsetzung des Programms. Anders könnte es aber unter Parlamentspräsident und Ex-Militär Diosdado Cabello aussehen, dem ebenfalls Chancen auf die Chávez-Nachfolge zugeschrieben werden. "Cabello dürfte stärker auf nationale Interessen achten und die Kooperation langsam zurückfahren", sagt Venezuela-Expertin Mähler.

Ganz verschwinden wird das Netz des Comandante aber kaum. So hätten sich im Umfeld des Wirtschaftsbündnisses Alba viele weitere Projekte entwickelt, sagt Ana Soliz Landivar, die am Giga-Institut über Venezuela forscht. Dazu zähle etwa der Fernsehsender Telesur, den lateinamerikanische Länder als Antwort auf CNN betreiben. Am Ende könnte Venezuela zwar seine Vormachtstellung verlieren, Lateinamerika als Ganzes aber dürfte sich zunehmend als eigene Macht auf der Weltbühne verstehen.

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