Kranker Öldiplomat Chávez: Das Netz des Comandante

Von David Böcking und

Hugo Chávez ist zurück in der Heimat, doch der Zustand des krebskranken venezolanischen Präsidenten ist ungewiss. Das beunruhigt nicht nur Anhänger in der Heimat. Mit günstigen Öllieferungen knüpfte Chávez weltweit Allianzen. Nun bangt so manches Land um seine Energieversorgung.

Hamburg - Er vertraue "auf Jesus Christus und auf meine Ärzte und Krankenschwestern". Mit diesen Worten meldete sich Venezuelas Präsident Hugo Chávez am Montag bei seinen Anhängern zurück. Nach mehr als zwei Monaten Behandlung auf Kuba ist der krebskranke Präsident wieder in seiner Heimat.

So groß die Freude über Chávez' Rückkehr unter seinen Anhängern ist, so ungewiss ist sein gesundheitlicher Zustand. Vizepräsident Nicolás Maduro kündigte Informationen dazu für die kommenden Tage an. Bislang deutet aber nichts darauf hin, dass Chávez bald das Präsidentenamt antreten kann, für das er nach seiner Wiederwahl im Oktober eigentlich längst vereidigt sein sollte. Der Präsident wird derzeit über einen Luftröhrenschnitt beatmet und muss laut Maduro "äußerst komplexe und harte" Behandlungen über sich ergehen lassen.

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Venezuelas kranker Präsident: Rückkehr des Comandante
Auch wenn Chávez die USA immer wieder als Imperialisten kritisierte: Mit seinem "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" versuchte er in der Vergangenheit, eine Art Gegenimperium aufzubauen. Das Mittel dazu war Öl, Venezuela besitzt laut Schätzungen die zweitgrößten Vorkommen der Welt. Mit den Petro-Dollars förderte der "Comandante" nicht nur regionale Verbündete wie Ecuadors gerade wiedergewählten Präsidenten Rafael Correa. Er knüpfte Kontakte bis nach China und Iran und mischte sich immer wieder in der Weltpolitik ein. Aus einem Land, dessen Wirtschaftsleistung etwa der von Griechenland entspricht, machte Chávez einen Global Player.

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Machtpolitiker Chávez: Der Ölbaron
Nun stellt sich auch die Frage, ob die von Chávez betriebene Öldiplomatie eine Zukunft hat. Manche Länder bangen schon jetzt um die Lieferungen. Das sind die Partner im Netzwerk des Comandante:

  • Die Bedürftigen

In Lateinamerika gibt Venezuela sein Öl zu Vorzugspreisen weiter. Dafür bekommt das Land unter anderem Bohnen, Fleisch und medizinisches Personal. Mit bis zu 100.000 Barrel täglich ist Kuba der größte Profiteur. Im Gegenzug entsandte der Inselstaat rund 20.000 Fachkräfte, unter anderem kubanische Ärzte, denen Chávez nun auch bei seiner Krebsbehandlung vertraut. "Kuba ist das erste Land, das darunter zu leiden hätte, wenn Chávez nicht mehr Präsident ist", sagt Claudia Zilla von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Auch in anderen Karibikstaaten wächst die Nervosität. Der Wirtschaftsminister der Dominikanischen Republik sprach kürzlich von "großen Sorgen" um Chávez' Gesundheitszustand, da dieser "das Petrocaribe-Abkommen beeinflussen könnte". Über den Wirtschaftverbund beliefert Caracas 17 oftmals arme Staaten mit täglich rund 243.000 Barrel Öl - rund acht Prozent der venezolanischen Produktion.

  • Die Sozialisten

Für seine Politik fand Chávez in Lateinamerika Verbündete, deren politische Karrieren er gezielt förderte. Die Kandidaturen von linken Politikern wie Ecuadors Präsidenten Correa und Boliviens Staatschef Evo Morales unterstützte er mit seinen Petro-Dollars. Zudem nutzte Chávez das von ihm initiierte Wirtschaftsbündnis Alba, das ausdrücklich als Gegenmodell zu einer von den USA geplanten panamerikanischen Freihandelszone gedacht ist. Doch nicht alle ideologischen Allianzen halten: Perus Staatschef Ollanta Humala war Chávez früher eng verbunden, distanzierte sich jedoch inzwischen von ihm.

  • Die losen Verbündeten

Für manche Nachbarländer ist das venezolanische Öl weniger wichtig, Einfluss übte Chávez dort aber dennoch aus. So erhielt Venezuela aus Argentinien für sein Öl unter anderem Rindfleisch und kaufte wiederholt argentinische Anleihen. 2007 wurden am Flughafen von Buenos Aires zwei Reisetaschen mit 800.000 Dollar beschlagnahmt - angeblich Wahlkampfhilfe für die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner. Selbst im mächtigen Nachbarstaat Brasilien mischte Chávez mit: Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva half er bei der Finanzierung von Auslandsschulden, dieser unterstützte ihn noch im letzten Wahlkampf. Doch Lula und seine Nachfolgerin Dilma Rousseff stehen für einen moderateren Kurs als Chávez, ihr Land gilt als neue Vormacht des Kontinents. "Ein Präsidentenwechsel in Venezuela würde Brasilien in die Hände spielen", sagt Annegret Mähler, Venezuela-Expertin am Hamburger Giga-Institut für Lateinamerika-Studien.

  • Die östlichen Partner

Umso wichtiger könnten Verbindungen werden, die Chávez in Asien knüpfte. So exportiert Venezuela täglich rund 300.000 Barrel Öl nach China. Im Gegenzug gewährt Peking Milliardenkredite, chinesische Firmen sind an der Erschließung von Venezuelas Ölreserven beteiligt. Das Gleiche gilt für Unternehmen aus Russland, von wo Chávez im Laufe der Jahre Waffen und Kredite in Milliardenhöhe erhielt. Die beiden Länder hielten auch gemeinsame Militärmanöver ab. "Die Beziehungen zu Russland und vor allem China dürfte ein Machtwechsel wenig beeinflussen", sagt Mähler. "Hier besteht auf beiden Seiten großes wirtschaftliches Interesse, das schon immer von politischen Fragen getrennt wurde."

  • Die Antiamerikaner

Vor kurzem entdeckten Düsseldorfer Zöllner beim iranischen Ex-Minister Tahmaseb Masaheri Khorsani einen Scheck über 53 Millionen Euro - ausgestellt von einer Bank in Venezuela. Der Fund zeigt: Das Land unterhält auch in den Nahen Osten gute Kontakte. Chávez unterstützte das Atomprogramm in Iran und lobte Präsident Mahmud Ahmadinedschad als Verbündeten im Kampf gegen die USA. Als Gegenleistung sollte Iran in Venezuela unter anderem Fabriken für Waffen, Zement und Traktoren bauen. "Diese Kooperation war vor allem eine politische Provokation", sagt Mähler. "Von den angekündigten gemeinsamen Projekten wurde nur ein Bruchteil realisiert." Auch das international isolierte Regime von Baschar al-Assad in Syrien wird aus Venezuela angeblich weiterhin mit Treibstoff beliefert.

  • Die überraschenden Abnehmer

Selbst Chávez' Antiamerikanismus hat Grenzen: Für die USA ist Venezuela der viertgrößte Lieferant von importiertem Rohöl und Rohölprodukten. Auch gegenüber armen Amerikanern präsentierte sich Chávez als Wohltäter: Sie erhielten aus Venezuela verbilligtes Heizöl. Ähnlich war es in Großbritannien: Finanziert durch venezolanische Öllieferungen bekamen Geringverdiener in London günstigere Busfahrscheine. Zum Dank schickte Ex-Bürgermeister Ken Livingstone Stadtplanungsexperten nach Venezuela.

Reine PR-Aktionen wie in London dürften unter Chavez' Nachfolger aufhören. Venezuela hat selbst große wirtschaftliche Probleme, die Erlöse aus der Ölförderung gehen zurück, was auch an veralteten Anlagen liegt. Im August brannte eine der wichtigsten Raffinerien des Landes, mehr als 40 Menschen starben. "Die Zeit, in der Venezuela als Modell in Südamerika galt, ist vorbei", sagt SWP-Expertin Zilla. Auch im Land wächst die Kritik an den Ölgeschenken.

Chávez' Wunschnachfolger Nicolás Maduro bekannte sich bei einem Treffen mit Petrocaribe-Vertretern zwar zur Fortsetzung des Programms. Anders könnte es aber unter Parlamentspräsident und Ex-Militär Diosdado Cabello aussehen, dem ebenfalls Chancen auf die Chávez-Nachfolge zugeschrieben werden. "Cabello dürfte stärker auf nationale Interessen achten und die Kooperation langsam zurückfahren", sagt Venezuela-Expertin Mähler.

Ganz verschwinden wird das Netz des Comandante aber kaum. So hätten sich im Umfeld des Wirtschaftsbündnisses Alba viele weitere Projekte entwickelt, sagt Ana Soliz Landivar, die am Giga-Institut über Venezuela forscht. Dazu zähle etwa der Fernsehsender Telesur, den lateinamerikanische Länder als Antwort auf CNN betreiben. Am Ende könnte Venezuela zwar seine Vormachtstellung verlieren, Lateinamerika als Ganzes aber dürfte sich zunehmend als eigene Macht auf der Weltbühne verstehen.

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Hugo Chávez: Der Comandante in Bildern

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insgesamt 26 Beiträge
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    Seite 1    
1. Caudillos
kalle blomquist 18.02.2013
Solange die Lateinamerikaner immer wieder auf ihre "caudillos" hereinfallen, "starke Männer", die mal mit rechter, mal mit linker populistischer Ideologie und viel Klientelismus den Himmel auf Erden versprechen, das eine oder andere Geschenk verteilen und zugleich ihre Gegner unterdrücken lassen, wird es nichts mit der Überwindung der alten Dämonen. Die Perón, Castro, Pinochet, Chavez und wie sie alle heißen, ob sie in Voll- oder Halbdiktaturen regieren, sind sich untereinander sehr ähnlich, ob rechts oder links.
2. Kleine Korrektur
Hamstedt 18.02.2013
In der Fotostrecke "Der Comandante in Bildern" heißt es unter Bild Nr 5 zum Putschversuch im Jahre 2002 "Teile des Militärs erzwingen am 12. April seinen Rücktritt": An diesem Tag wurde der Präsidentenpalast von Teilen des Militärs umstellt und Chavéz wurde in den anschließenden erpressten Verhandlungen mit der pro-amerikanischen Wirtschaftslobby zum Rücktritt gedrängt. Chavéz ist jedoch niemals zurückgetreten! Er hat sich freiwillig in die Hände des Militärs begeben, aber Chavéz Rückhalt in der Bevölkerung war so groß, dass die Putschregierung unter Pedro Carmona nach 36 Stunden fliehen musste, nachdem hunderttausende Demonstranten den Präsidentenpalast belagert hatten. Dass Chavéz damals zurückgetreten sei, ist eine Lüge der Putschisten und der Putschisten-treuen Medien Venezuelas, die diese Lüge ins Ausland verbreitet haben! Nach fast elf Jahren ist das nun bekannt und ich erwarte von Journalisten, dass sie zumindest in der Lage sind, Daten und Fakten richtig zu recherchieren!
3. ..........
lupenrein 18.02.2013
Was haben diese 'Bösewichte' , die hier genannt werden, alle gemeinsam ? Alle waren nicht (mehr) bereit), ihr Land von diversen ausländischen Konzernen ausbeuten zu lassen.....
4.
carahyba 18.02.2013
Zitat von sysopHugo Chávez ist zurück in der Heimat, doch der Zustand des krebskranken venezolanischen Präsidenten ist ungewiss. Das beunruhigt nicht nur Anhänger in der Heimat. Mit günstigen Öllieferungen knüpfte Chávez weltweit Allianzen. Nun bangt so manches Land um seine Energieversorgung. Öldiplomat Hugo Chávez: Warum viele Länder um seine Gesundheit bangen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/oeldiplomat-hugo-chavez-warum-viele-laender-um-seine-gesundheit-bangen-a-883584.html)
Zitat aus dem Artikel: ---Zitat--- Doch nicht alle ideologischen Allianzen halten: Perus Staatschef Ollanta Humala war Chávez früher eng verbunden, distanzierte sich jedoch inzwischen von ihm. ---Zitatende--- Ollanta Humala war nie Chávez eng verbunden, wie im Artikel behauptet. Während seiner Wahlkampagne zur Präsidentschaftswahl in Peru hatte er sich mehrer Male öffentlich von Chávez distanziert.
5. optional
butch_cassidy 18.02.2013
Sehr guter Artikel.Immmer der Wahrheit verpflichtet, Objektiv bis es kracht und ganz im Sinne der Bewohner Südamerikas, die den ganzen lieben Tag den Zeiten der Kolonialisten nachtrauern.
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