Ölpreis-Crash Angst vor der Kettenreaktion

Der Absturz des Ölpreises setzt gewaltige Kräfte frei: Billionen von Dollar werden umverteilt, Millionen Firmen und Investoren ändern ihre Strategien, ganzen Staaten droht die Pleite. Gerät die Weltwirtschaft aus dem Gleichgewicht?

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Ölbohrung in North Dakota: Systemische Risiken
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Ölbohrung in North Dakota: Systemische Risiken


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Es ist nur eine einzelne Zahl, nur ein einzelner Wert, der sich verändert. Doch wenn er dies tut, dann setzt das gewaltige Kräfte der Veränderung frei.

Seit Tagen bewegen sich die Preise für die drei weltweit wichtigsten Ölsorten unter der Marke von 30 Dollar. Seit Mitte 2014 sind sie um 75 Prozent eingebrochen. Und viele Experten, darunter die Internationale Energieagentur, erwarten, dass die Talfahrt in den kommenden Monaten weitergeht. Ökonomen bereitet das zunehmend Sorgen.

Eine besonders drastische Warnung stammt von einem prominenten deutschen Finanzexperten. Der Preissturz sei ein "systemisches Risiko", sagt Klaus Kaldemorgen von Deutschlands größter Fondsgesellschaft DWS. Was im Klartext heißt: Es besteht die Gefahr, dass der Preissturz am Ölmarkt eine neue globale Finanz- und Wirtschaftskrise auslöst. Eine katastrophale Kettenreaktion, die Staaten an den Rand der Pleite bringen und Dutzende Millionen Menschen ins Elend stürzen könnte.

Nicht alle Ökonomen sehen das so. Doch immer mehr Experten halten den rapide fallenden Ölpreis für ein globales Risiko. Sie sehen gleich drei Gefahren.

1. GEOPOLITISCHE RISIKEN

Schon jetzt destabilisiert der Preissturz eine Reihe Länder, deren Haupteinnahmequelle der Ölexport ist. In Staaten wie Algerien, Libyen oder Nigeria fehlt den Regierungen das Geld für Sozialprogramme; das könnte soziale Unruhen verschärfen. Venezuela und wohl auch Ecuador droht gar die Staatspleite.

Auch die russische Regierung steckt in Finanznöten, allein im laufenden Jahr muss sie ihren Haushalt um zehn Prozent kürzen. Nach Ansicht mancher Experten könnte Präsident Wladimir Putin versuchen, mit neuen außenpolitischen Abenteuern vom Elend daheim abzulenken.

2. RISIKEN FÜR DIE FINANZMÄRKTE

In der Finanzkrise 2008 platzte eine Spekulationsblase im US-Immobiliensektor. Nun droht, abermals in den USA, eine neue Spekulationsblase zu platzen: Investoren haben massig Geld in Firmen gesteckt, die Öl mit der sogenannten Fracking-Technologie fördern (genaueres hier). Durch den niedrigen Ölpreis droht vielen Fracking-Firmen nun die Pleite. "Die Zinsen für die Anleihen solcher Unternehmen sind auf Finanzkrisenniveau gestiegen", sagt der Ökonomieprofessor Henrik Enderlein.

Das direkte Risiko ist überschaubar. Die Gesamtschulden der US-Fracking-Industrie werden auf etwa 200 Milliarden Dollar geschätzt. Doch Experten fürchten einen Dominoeffekt. "Wenn Investoren Hochrisikoanleihen verkaufen, dann stoßen sie meist auch Anleihen anderer Firmen ab", sagt Eugen Weinberg, Rohstoffanalyst der Commerzbank.

Betroffen sind einerseits Firmen aus anderen Branchen, denen ein Platzen der Fracking-Blase ebenfalls schaden würde - Zulieferer zum Beispiel oder Banken, die die Fracking-Firmen finanziert haben. Es kann aber auch zu Panikverkäufen kommen, bei denen die Risikoaufschläge für alle möglichen Unternehmensanleihen in die Höhe getrieben werden - auch von solchen, die objektiv gar nicht betroffen sind. Den Unternehmen fehlt dann Geld für neue Investitionen. Dadurch verschlechtern sich ihre Wachstumsperspektiven.

Das wiederum sorgt für Unruhen an den Börsen. Zum einen, da Anleger die Aktien der betroffenen Energieunternehmen, Banken und Zulieferer abstoßen. Zum anderen, weil Ölunternehmen in nahezu allen wichtigen Aktienindizes gelistet sind und diese nach unten ziehen können. In der Folge kann es auch an der Börse zu Panikverkäufen kommen.

3. UMBRÜCHE IM GEFÜGE DER WELTWIRTSCHAFT

Das dritte Risiko für die Weltwirtschaft ist die Umlenkung großer Kapitalströme. Während Ölproduzenten sowie deren Zulieferer und Kreditgeber dramatische Verluste erleiden, sparen die Ölverbraucher viel Geld - und können dieses an anderer Stelle ausgeben.

Was für eine gewaltige Umverteilung da im Gange ist, zeigt folgende Rechnung: Lange war ein Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel (159 Liter) die Norm. Bei diesem wäre die jährliche Weltölproduktion gut 3,5 Billionen Dollar wert. Beim derzeitigen Ölpreis von rund 30 Dollar sind es nur noch rund eine Billion Dollar.

Saudi-Arabische Hauptstadt Riad: Gewaltige Umverteilungsmaschine
AFP

Saudi-Arabische Hauptstadt Riad: Gewaltige Umverteilungsmaschine

Die Umlenkung der Kapitalströme verändert die Weltwirtschaft an Millionen Stellen gleichzeitig, im großen wie im kleinen. Betroffen sind Unternehmen, die ihre Projektpläne ändern müssen. Investoren, die ihre Risikokalkulationen und Anlagestrategien anpassen. Aber auch ganze Märkte, in denen sich Angebot und Nachfrage verändern. So fehlen dem Sektor für Luxusimmobilien plötzlich die reichen Ölscheichs als Kunden. Und in Nahost werden Infrastrukturprojekte aufgeschoben - was dann bei europäischen Baufirmen zu Ausfällen führt.

Betroffen sind einzelne Autobesitzer, die plötzlich verschwenderischer fahren. Konsumenten, die sich durch die niedrigen Energiepreise nun Dinge leisten können, von denen sie vor einem Jahr nicht einmal zu träumen wagten. Aber eben auch Regierungen wie Russland, die ihren Jahreshaushalt zusammenstreichen müssen.

FAZIT

Die wachsenden geopolitischen Risiken, das drohende Platzen der Fracking-Blase, die millionenfachen Veränderungen in der Weltwirtschaft: All das erzeugt vor allem ein Gefühl. "Es herrscht große Unsicherheit", sagt Enderlein. "Und es gibt nichts, was die Märkte mehr hassen."

Denn Unsicherheit lässt Investoren weltweit Entscheidungen aufschieben. Sie provoziert irrationale Entscheidungen an Börsen und Finanzmärkten. Unsicherheit kann sich schlimmstenfalls selbst verstärken - und das wirtschaftliche Gleichgewicht stören.

Ein Ende der Unsicherheit ist nicht in Sicht. Denn niemand weiß, wie lange und wie tief die Ölpreise noch fallen. Viele neue Förderprojekte liegen aus Geldmangel auf Eis. Das Angebot auf dem Weltölmarkt dürfte sich also irgendwann wieder verknappen. Dann werden die Preise wieder steigen - womöglich ebenso ruckartig wie sie zuvor gefallen sind. Die Kräfte der Veränderung wirken dann erneut - in die andere Richtung.

Zusammengefasst: Der Ölpreis fällt immer schneller. Ökonomen sehen dadurch drei große Gefahren: Der Preissturz destabilisiert erstens ganze Weltregionen und zweitens die Finanzmärkte. Drittens werden durch den Preissturz die globalen Kapitalströme umgelenkt - was die Weltwirtschaft an Millionen Stellen gleichzeitig verändert. All das erzeugt Unsicherheit bei Investoren und Unternehmern.

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Seite 1
nici_d 21.01.2016
1. mal weiter gedacht: kostenlose Energie
Wenn heute also eine Energieform (Öl) billiger wird, bringt es die Weltwirtschaft zum Schwanken. Jetzt stelle man sich mal vor, die Welt nutzt irgend wann in der Zukunft nur noch Wind- und Sonne, die ja täglich und kostenlos zur Verfügung stehen. Wind- und Sonnenenergie einzufangen und zu verteilen bedeutet natürlich Aufwand, also Kosten. Aber unsere Ingenieure arbeiten ja daran, dass dies so billig wie möglich geht. Fällt da was auf? Warum sollte also dieses geniale Wirtschaftssystem nicht kollabieren, wenn es billige Wind- und Sonnenenergie nutzt anstatt billiges Öl? Entweder verdienen gerade ein paar wenige mächtig an der ganzen Sache, oder das gesamte Wirtschaftssystem wird tatsächlich kollabieren.
mhwse 21.01.2016
2. richtig wäre
ein Ölpreis um die $90. damit wäre Treibstoff noch leistbar aber doch teuer genug um zum Sparen zu zwingen. Und Ingenieursarbeit zur Optimierung von bestehenden Techniken, bzw, Investition in neue Verfahren würde angestossen. Folge: langfristiges Wachstum. Jetzt (ist): Strohfeuer. Überhitzende Wirtschaft mit grossen Krisen (lokal, im worst Case global ..) in Folge.
christiewarwel 21.01.2016
3. Warum
war Öl erst sündhaft teuer und ist nun plötzlich spottbillig? Der 3. Weltkrieg war weder ausgebrochen, noch ist er zu Ende gegangen, der Euro erlebt keine rekordverdächtigen Höhenflüge und die sonstigen Katastrophen bewegen sich auch im üblichen Rahmen. Kann es vielleicht sein, daß unsere Börse zu einem absurden Theater geworden ist, daß mit der Realität nicht mehr viel zu tun hat?
ratxi 21.01.2016
4. Aber schon komisch, dass man...
Ja, alles ist immer schlimm. Und es finden sich immer Experten, die das Desaster sehen. Nun gut. Aber schon komisch, dass man einen recht ähnlichen Text lesen konnte, als der Ölpreis eine Zeit lang exorbitant anstieg.
Leser161 21.01.2016
5. Schnell=Instabil
Die Weltwirtschaft ist zu schnell geworden. Das grundatom der Wirtschaft ist der Abschluss eines Handels. Dafür brauchte man früher ein bisschen. Heute geht das blitzartigst. Dadurch können sich Störungen leichter aufschaukeln und ausser Kontrolle geraten. Ich sehe auch kaum Kontrollmöglichkeiten, da heutzutage ja schon mit Waren gehandelt wird, die man morgen vielleicht kaufen wird. Vielleicht könnte man versuchen solche Geschäfte zu verbieten. Wer etwas verkauft muss es auch haben. Man müsste natürlich auch die Einhaltung kontrollieren.
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