Vor- und Nachteile des Preisverfalls Billiges Öl - ist doch super, oder?

Der Ölpreis fällt, Heizen und Benzin werden endlich billiger. Auf den ersten Blick profitieren Unternehmen und Verbraucher. Doch ein niedriger Ölpreis kann auch das Symptom einer Krise sein.

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Ölplattform vor der norwegischen Küste: Preisverfall hat nicht nur gute Seiten
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Ölplattform vor der norwegischen Küste: Preisverfall hat nicht nur gute Seiten


Hamburg/Berlin - Es ist noch nicht lange her, da galt die Zukunft des Ölpreises als ausgemacht. Im Frühjahr 2012 riefen Experten die Ära des 100-Dollar-Öls aus.

Der tägliche weltweite Ölbedarf werde durch den Boom in den Schwellenländern von derzeit gut 90 Millionen Barrel (159 Liter) bis 2030 auf 103 Millionen Barrel steigen, sagte unter anderem Christof Rühl, Chef-Volkswirt und Vizepräsident von BP. Um diesen Bedarf zu decken, müsste man immer tiefer bohren, in immer entlegeneren Gebieten, zu immer größeren Förderkosten. Entsprechend seien 100 Dollar realistisch. Mehrere Jahre bewegte sich der Ölpreis tatsächlich auf diesem Niveau.

Nun aber fällt er rapide - von deutlich über 100 Dollar Mitte Juni auf derzeit noch gut 60 Dollar. Experten sahen zunächst vor allem die gute Seiten des Preisverfalls: billigeres Benzin, billigere Industrieproduktion - was erfahrungsgemäß zu mehr Konsum und Wachstum führt. Ein gewaltiges globales Konjunkturprogramm schien da im Gange.

Nun aber melden sich immer mehr Skeptiker zu Wort. Denn der Crash am Rohstoffmarkt hat auch weniger erfreuliche Seiten:

1. Wachsende Angst vor globaler Flaute

Arbeiter bei ThyssenKrupp: Mehr Wachstum daheim, weniger Kunden in der Welt
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Arbeiter bei ThyssenKrupp: Mehr Wachstum daheim, weniger Kunden in der Welt

Für Unternehmen sind fallende Ölpreise zunächst ein Grund zum Jubeln. Schließlich profitieren viele Branchen unmittelbar, wenn der wichtige Rohstoff günstiger wird - von der Chemie bis zur Luftfahrt. So könnte die deutsche Wirtschaft nach Schätzungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung allein aufgrund des niedrigeren Ölpreises 2015 ein zusätzliches Wachstum von 0,4 Prozent verbuchen.

Für erdölexportierende Länder jedoch wird der Preisverfall zunehmend bedrohlich. Länder wie Russland, die Golf-Staaten oder auch Norwegen beziehen einen Großteil ihrer Einnahmen aus dem Ölexport. In ihren Haushaltsplänen haben sie häufig mit Preisen von mehr als 100 Dollar pro Barrel kalkuliert. Diese Planungen werden durch den Sinkflug nun infrage gestellt, was wiederum Investoren beunruhigt.

Manche Beobachter sehen den Ölpreis sogar als Vorboten für einen erneuten Absturz der Weltwirtschaft. Schließlich zeigt sich eine verschlechterte Geschäftslage bei vielen Unternehmen unmittelbar in einem verringerten Rohstoffverbrauch - der wiederum auf die Ölpreise drückt.

Dazu passt: Die Internationale Energieagentur korrigierte ihre Nachfrageprognose auch deshalb nach unten, weil der "Rhythmus der Erholung der Weltwirtschaft" immer zögerlicher verläuft.

Als Konjunkturindikator taugt der Ölpreis allerdings nur bedingt. Neben der Nachfrage wird er nämlich auch durch das Angebot beeinflusst, wie es sich etwa in den Fördermengen der Opec-Staaten ausdrückt.

2. Steigende Nervosität an den Aktienmärkten

Kurs-Tafel in Frankfurt: Warten auf das Crash-Signal
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Kurs-Tafel in Frankfurt: Warten auf das Crash-Signal

Bei vielen Anlegern ist die Freude über den niedrigen Ölpreis in den vergangenen Tagen in Sorge umgeschlagen. Börsen in Golf-Staaten wie Dubai oder Katar erlebten einen Kursrutsch. Norwegens Zentralbank senkte ihren Leitzins, um die ölabhängige Wirtschaft des Landes zu stützen. Die Angst in den Ölstaaten drückt auch die wichtigsten Börsenindizes in den USA und Europa. Allein am Montag fiel der deutsche Aktienindex Dax Chart zeigen um 2,7 Prozent. "Wir kommen jetzt an einen Punkt, an dem das Risiko von Staats- und Unternehmenspleiten steigt", sagte Christophe Donay, Chef-Anlagestratege des Vermögensverwalters Pictet.

Viele Börsen haben Rekordstände erreicht. Mittlerweile warten viele Investoren auf das Signal für eine Korrektur. Der stetig fallende Ölpreis könnte ein solches Signal sein, weil sich Anleger in Erwartung eines Kurseinbruchs vorsorglich von Rohstoffaktien trennen.

3. Weniger Anreize für den Umweltschutz

SUV in Kalifornien: Spritschlucker wieder gefragter
REUTERS

SUV in Kalifornien: Spritschlucker wieder gefragter

Was den Verbraucher freut, ist nicht unbedingt gut für die Umwelt - das gilt auch für den Ölpreis. Denn wenn Autofahrer weniger für Benzin zahlen müssen, sinkt ihre Motivation, auf unnötige Fahrten zu verzichten und damit die Umwelt zu schonen. In den USA steigen die Verkaufszahlen großer Geländewagen. Die Kunden fühlten sich angesichts der Benzinpreise offenbar "wohler" mit den Spritschluckern, sagte der Europa-Chef von Ford Chart zeigen.

Allerdings sehen Umweltexperten den niedrigen Ölpreis nicht nur negativ. Denn wenn Produzenten weniger mit dem Rohstoff verdienen, haben sie auch weniger Interesse daran, noch mehr Öl aus dem Boden zu holen. Gerade umweltschädliche unkonventionelle Fördermethoden werden dadurch unattraktiver.

So gilt das ökologisch umstrittene Fracking oder der ebenso bedenkliche Abbau von Ölsanden erst ab Ölpreisen zwischen etwa 60 und 80 Dollar als lukrativ. Es gibt sogar die Theorie, dass Saudi-Arabien mit hohen Fördermengen absichtlich den Ölpreis drückt - um so die aufstrebende Fracking-Branche in den USA in die Knie zu zwingen.

4. Preisverfall kommt bei Autofahrern kaum an

Tankstelle (Archivbild): Starker Dollar hebt schwachen Ölpreis teils auf
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Tankstelle (Archivbild): Starker Dollar hebt schwachen Ölpreis teils auf

Um gut 40 Prozent ist der Ölpreis in den vergangenen Monaten gesunken. Doch nur ein Teil der sinkenden Preise kommt überhaupt bei Deutschlands Verbrauchern an. Denn auch der Euro-Wechselkurs ist im Vergleich zum Dollar gefallen. Einfuhren von Energierohstoffen werden aber meist in Dollar abgerechnet - was den Effekt des sinkenden Ölpreises dämpft.

Unverändert bleibt bei sinkenden Ölpreisen auch die Mineralölsteuer. Die wird unabhängig vom Preis je verbrauchten Liter erhoben. Folge: Diese Benzinpreise in Deutschland sind im November um lediglich 3,3 Prozent gegenüber dem Vormonat gefallen, obwohl Energierohstoffe im selben Zeitraum rund zehn Prozent billiger wurden.

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spiegel-kommentar 16.12.2014
1. Erschreckend
Ich finde erschreckend, wie sich der Ölpreis und damit unser aller Kosten für Energie offensichtlich nur an politischen Interessen ausrichtet. Der Rückgang führt zu keinerlei erkennbaren Problemen bei irgendwelchen Ölkonzernen, ausschließlich Staaten geraten langsam an den Rand des Konkurses. Offensichtlich haben wir in den letzten Jahren diversen meist Diktaturen den Staatshaushalt finanziert und jetzt, da die USA das nicht mehr so haben möchten, sinkt der Preis wieder. Mit Angebot und Nachfrage oder mit Kosten der Förderung hat das alles nur nohc wenig zu tun. Ich fühle mich verschaukelt.
MütterchenMüh 16.12.2014
2. Billiges Öl immer gut
Ob nun die Scheichs etliche Milliarden weniger "Spielgeld" in der Tasche haben oder nicht dürfte dem größten Teil der Menschheit egal sein. Billiges Öl war schon immer das beste "Treibmittel" für die Wirtschaft respektive ein super "Konjunkturprogramm"! Hoffen wir, daß es noch lange so bleibt!
Hank Schrader 16.12.2014
3.
Ich weiss ja nicht womit der Autor sein Haus beheizt, aber ich musste letzte Woche 5000 Liter Heizöl kaufen, und das fiel mir wesentlich leichter als noch 8 Wochen zuvor. Die Ersparnis betrug rund €1500. Soviel dazu, dass der Preisverfall kaum ankommt.
nowodon 16.12.2014
4. Wenn.....
wir mal nix zum meckern haben. Die Welt geht unter weil der Ölpreis steigt, die Welt geht unter weil der Preis sinkt und die Welt geht unter weil der Preis stagniert. Freuen wir uns lieber über das jetzt es. Teurer wird das Öl von ganz alleine wieder.
Beat Adler 16.12.2014
5. Eine kleine Ueberproduktion fuehrt zu grossem Preiszerfall. Na und?
Eine kleine Ueberproduktion fuehrt zu grossem Preiszerfall. Na und? Wenn unrentabel gewordene Erdoelfoerderungen aus dem Markt gedraengt werden, loest sich damit die Ueberproduktions-Problematik und der Preis beginnt sich bei einem neuen Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage zu stabilisieren. Das ist nichts besonderes. Die Umwelt kann davon sogar profitieren, Arktisexplorationen, Tiefseebohrungen, etc. allerdings nicht der CO2 Ausstoss! Was im Artikel nicht angesprochen wurde, ist, dass Erdgas mehr und mehr den Verbrauch von Erdoel ersetzt. Das ist so im Transportwesen und bei der Produktion elektrischer Energie, auch in der chemischen Industrie. Insgesamt ist der tiefe Erdoelpreis ein kurz- bis mittelfristiger Segen fuer die Weltwirtschaft, besonders fuer China, Indien und die USA. Dort ist die Frackingindustrie zwar negativ betroffen, ist aber im Vergleich zum Konsum nur ein kleiner Teil des Bruttoinlandproduktes. mfG Beat
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