Sinkender Ölpreis Schmierstoff der Weltkrisen

Der Ölpreis ist auf ein Rekordtief gestürzt, und er könnte noch Jahre dort verharren. Das ist höchst bedenklich. Denn es destabilisiert nicht nur die krisengeplagten Förderländer, sondern die ganze Welt.

Ölfeld im Irak (Archivbild): Niedrige Preise, große Effekte
REUTERS

Ölfeld im Irak (Archivbild): Niedrige Preise, große Effekte

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Welt ist unsicher geworden in diesem Jahr, und sie könnte 2016 noch unsicherer werden.

In Algerien, Libyen, Nigeria, Venezuela, Ecuador und weiteren Ländern fehlt den Regierungen das Geld für Sozialprogramme und Sicherheit - neue Unruhen und Proteste sind zu befürchten. Der Irak muss für seinen Krieg gegen den "Islamischen Staat" seine Notreserven anzapfen. Und im russischen Haushalt dürfte im kommenden Jahr ein großes Loch klaffen - was nach Ansicht mancher Experten zu neuen außenpolitischen Ablenkungsmanövern führen könnte.

All das liegt vor allem am Ölpreis. 2015 ist er auf ein Niveau gestürzt, das in Zeiten rasch wachsender Handelsströme und erstarkender Schwellenländer kaum mehr für möglich galt. Bei durchschnittlich 54 Dollar pro Barrel (159 Liter) lag der Preis für die Nordseesorte Brent Chart zeigen, die oft als Referenzpreis angeführt wird, im bisherigen Jahresverlauf. Das hat es seit 2005 nicht mehr gegeben. Momentan kostet das Barrel sogar nur noch gut 40 Dollar.

Die Haushalte vieler ölexportierender Staaten sind wegen des Dauertiefs stark unter Druck geraten, neue Krisenherde sind entstanden, alte Krisen haben sich verschärft. Lesen Sie im folgenden, warum der Ölpreis noch für lange Zeit niedrig bleiben dürfte - und was das für die globale Sicherheit bedeutet.

I. WARUM DAS PREISTIEF ANHALTEN DÜRFTE

Hauptgrund für die Dauerniedrigpreise ist ein globales Ölüberangebot. Dieses wiederum geht auf einen Wandel in Saudi-Arabien zurück. Bis vor wenigen Jahren fungierte das Königreich am Persischen Golf als Regulativ des Weltölmarkts. War zu viel von dem Rohstoff verfügbar, drosselte es die Produktion, bei Knappheit erhöhte es die Förderung - immer so, dass der Ölpreis um die 100 Dollar pendelte.

Mittlerweile aber müssen sich die Saudis gegen neue Konkurrenten behaupten. Irak, Iran und die USA sind dabei, ihre Ölexporte massiv zu steigern. Seitdem nutzen Saudis den Ölpreis als Waffe gegen die Konkurrenz: Sie drosseln ihre Produktion nicht mehr, lassen den Preis also abstürzen.

Saudi-Arabien erwirtschaftet mit seinem Öl auch jetzt noch Gewinne. Denn sein Öl liegt leicht zugänglich in der Wüste, es lässt sich teils für zehn Dollar pro Barrel fördern. In anderen Ländern dagegen liegen die Produktionskosten deutlich höher - vor allem in den USA, wo Öl meist mit der ökologisch umstrittenen und technologisch aufwendigen Fracking-Technologie gefördert wird.

Mit den US-Firmen wollten die Saudis kurzen Prozess machen. Doch sie erwiesen sich als überraschend widerstandsfähig: Sie verlegten ihre Bohrtürme in Regionen der USA, in denen sich für teils 30 Dollar pro Barrel Öl aus der Erde fracken lässt. Sie entwickelten neue Verfahren, mit denen mehr Fracking-Vorgänge pro Bohrloch möglich sind. In der Folge nahm zwar die Zahl der Bohrtürme drastisch ab, doch die Ölproduktion selbst sank nur leicht.

Manche US-Fracking-Firmen sind inzwischen pleite. Andere dafür umso effizienter. Denn wegen der schärferen Konkurrenz müssen Zulieferer für Fracking-Rohstoffe und Bohrdienstleistungen nun ebenfalls mit den Preisen heruntergehen.

Hinzu kommt, dass selbst defizitäre Fracking-Firmen noch immer frische Kredite bekommen. Denn die Banken bündeln die Risiken für solche Kredite in sogenannten forderungsbesicherten Wertpapieren und verkaufen diese weiter. Investoren halten Fracking-Papiere zwar für riskant, aber angesichts der niedrigen Zinsen für Anlageprodukte noch immer für hinreichend attraktiv.

Und so kommt es, dass sich der Preiskampf zwischen den USA und den Saudis weit länger hinzieht als gedacht. Daniel Yergin, einer der weltweit renommiertesten Experten für den Öl- und Gasmarkt, rechnet damit, dass die Produktion der US-Fracking-Firmen im April 2016 noch immer bei rund 8,6 Millionen Barrel pro Tag liegen wird, nur rund eine Million Barrel unter dem Rekordabsatz von April 2015.

Gleichzeitig steigt in anderen Teilen der Welt die Produktion:

  • Iran hat angekündigt, seine Produktion nach dem Ende der internationalen Atom-Sanktionen binnen Monaten um bis zu eine Million Barrel pro Tag hochzufahren.
  • In Libyen steigen die Chancen auf eine einheitliche Regierung - und damit die Chancen auf eine stabilere Ölproduktion. Das globale Angebot könnte dadurch noch einmal um bis zu eine Million Barrel steigen.

Die globale Nachfrage wächst zwar ebenfalls - laut Prognose der Internationalen Energieagentur aber deutlich langsamer als die Produktion steigt.

Fazit: Die Ölförderländer pumpen aus allen Rohren. Wenn Saudi-Arabien und die anderen Ölexporteure sich nicht auf eine sinkende Förderung einigen, "könnte der Ölpreis noch zwei, drei Jahre auf niedrigem Niveau liegen", sagt Steffen Bukold, Chef von Energycomment und Autor des Buches "Öl im 21. Jahrhundert".

II. WAS DAS FÜR DIE GLOBALE SICHERHEIT BEDEUTET

Für Staaten, die stark von Ölexporten abhängen, sind das katastrophale Aussichten. Sie rutschen mit jedem Tag, den die Baisse anhält, tiefer in die Haushaltskrise. Mittelfristig ist das auch für den Rest der Welt besorgniserregend.

Russischer Präsident Putin: Neigung zu außenpolitischen Ablenkungsmanövern
DPA

Russischer Präsident Putin: Neigung zu außenpolitischen Ablenkungsmanövern

Russlands Regierung etwa rechnet laut einem Bericht der staatlichen Nachrichtenagentur Tass im kommenden Jahr mit einem Haushaltsdefizit von 6,7 Prozent. Die staatlichen Rücklagen könnten dafür schlimmstenfalls nicht mehr ausreichen. Bei einem niedrigen Ölpreis und einem unverändert schwachen Rubelkurs droht nach Angaben von Finanzminister Anton Siluanow eine Lücke von umgerechnet bis zu 13 Milliarden Euro. "Die Russen sollten nicht länger den Lebensstandard erwarten, den sie hatten, als der Ölpreis hoch war", sagte Vizefinanzminister Alexei Moiseew am Dienstag.

Eine neue nationale Krise aber könnte Putins Neigung zu außenpolitischen Ablenkungsmanövern steigern, warnt Rem Korteweg von der britischen Denkfabrik Centre for European Reform in einer Analyse. So gesehen seien die Folgen des niedrigen Ölpreises auch für Europa ein neuer Unsicherheitsfaktor.

Ölpipelines im Irak: Schrumpfende Finanzreserven
DPA

Ölpipelines im Irak: Schrumpfende Finanzreserven

Der Irak steht ebenfalls vor großen Problemen. Im laufenden Jahr rechnet die Regierung mit einem Defizit von 25 Milliarden Dollar. Ausgeglichen wäre der Haushalt laut Internationalem Währungsfonds erst wieder, wenn der Ölpreis auf 70 Dollar pro Barrel und die Förderung um 1,3 Millionen Barrel pro Tag steigen würden. Beides ist derzeit nicht realistisch.

Die Finanzpolster der Regierung sind zuletzt auf gut 60 Milliarden Dollar geschrumpft. Setzt sich die aktuelle Entwicklung fort, wären Iraks Finanzreserven in zweieinhalb Jahren aufgebraucht, bei verschärfter Ölpreiskrise sogar schneller. Danach müsste sich das Land Geld leihen - auch für seinen Krieg gegen das Terrornetzwerk IS.

Brennende Öllager in Libyen: Öl ist die einzige Einnahmequelle des Landes
REUTERS

Brennende Öllager in Libyen: Öl ist die einzige Einnahmequelle des Landes

Staaten wie Algerien, Nigeria, Ecuador oder Venezuela indes finanzieren sich einerseits größtenteils über Ölexporte und verfügen andererseits kaum über finanzielle Rücklagen. Gleichzeitig versuchen sie, die Bevölkerung mit hohen Sozialausgaben ruhig zu halten. Müssen die Ausgaben gekürzt werden, könnten sich die sozialen Unruhen in diesen Ländern verschärfen. Die Staaten könnten mit neuen Repressalien reagieren. Die Folge könnten neue Flüchtlingswellen in Richtung USA und Europa sein.

Zusammengefasst: Die Welt ist unsicher geworden durch den niedrigen Ölpreis. Es ist im Sinne Europas, auf eine Lösung hinzuwirken, die ihn bald wieder steigen lässt. Sonst könnten die daraus resultierenden Probleme in Form von neuen internationalen Konflikten und noch größeren Flüchtlingsströmen bald auch die EU treffen.

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insgesamt 189 Beiträge
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Seite 1
aprilapril 10.12.2015
1. Dieses Bild...
zeigt einen weiteren Umweltverschmutzer großen Stils. Zugleich eine ähnlich heilige Kuh wie Tanker und Jets.
DuDDle 10.12.2015
2.
Also ich erinnere mich noch an eine Zeit, da prophezeiten wie Wirtschaftler den Zusammenbruch der Weltwirtschaft, wenn der Ölpreis über 25$/Barrel steigt. Weit drüber gestiegen, kein Zusammenbruch. Jetzt sollen wir in Panik verfallen nur weil er mal gesunken ist?
Jens141243 10.12.2015
3. ***
Die armen krisengeplagten Förderländer? Wie Saudi Arabien, die Emirate usw.....seltsame Sichtweise....
Wunderläufer 10.12.2015
4. Zweifel
"In Algerien, Libyen, Nigeria, Venezuela, Ecuador und weiteren Ländern fehlt den Regierungen das Geld für Sozialprogramme und Sicherheit". Meine Interpretation: Die Regierungen können nicht mit dem vorhanden Geld umgehen: Russland braucht viel Geld in Tschetschenien, Syrien, auf der Krim; Venezuela hat all die Jahre über nur Geld mit der Schaufel ausgegeben, ohne für die Zukunft zu sorgen. Diese Liste lässt sich beliebig erweitern. Fazit: Das Problem sind nicht die sinkenden Einnahmen aus dem Erdölgeschäft; dass Problem ist die Unfähigkeit und/ oder der Unwille, mit Hilfe der Einnahmen in eine Zukunft nach dem Erdöl zu invetsieren
Kielt 10.12.2015
5. Hauptsache Krise
Es wird allmählich nur noch manisch, wenn selbst positive Entwicklungen für den Verbraucher wie sinkende Treibstoffpreise hier als "Krise" dargestellt wird. Die Krise war vor der inflationären Nutzung durch Journalisten ohne Sprachempfinden eine dramatische Situation. Heute ist es schon eine Krise, wenn der Wirt kein Bier hat.
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