Studie zu Baukosten Offshore-Windparks haben geringere Mehrkosten als Atomkraftwerke

Windparks auf hoher See gelten als teuer und pannenanfällig. Dabei fallen die Kostensteigerungen beim Bau deutlich geringer aus als bei Atomkraftwerken, zeigt eine neue Studie.

Offshore-Windpark DanTysk: Keine Mehrkosten für Betreiber
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Offshore-Windpark DanTysk: Keine Mehrkosten für Betreiber

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Die Belustigung war groß im August 2013: 15 Kilometer vor der Nordseeinsel Borkum war soeben der Windpark Riffgat feierlich eröffnet worden. 30 Windräder - doch sie lieferten keinen Strom, im Gegenteil. Das Seekabel zum Anschluss an das Stromnetz an Land war noch nicht fertig. Deshalb musste die Anlage mit Diesel betrieben werden, um nicht zu rosten. Zigtausende Liter Kraftstoff wurden verbrannt, wo eigentlich klimafreundlich Energie erzeugt werden sollte. Ein Treppenwitz der Energiewende.

Der Fall Riffgat reiht sich ein in die vielen Pannen beim Bau von Offshore-Windparks und diese wiederum in die zahlreichen Verzögerungen und exorbitanten Kostensteigerungen bei Großprojekten. Ob Stuttgart 21, die Elbphilharmonie oder der Berliner Flughafen. Deutschland, jahrzehntelang in aller Welt bewundert wegen seiner Ingenieurskunst und Organisationsfähigkeit, schien Großprojekte gründlich verlernt zu haben. Und nun auch noch die Blamage bei den ambitionierten Hochsee-Windparks.

In einem Punkt schneiden die deutschen Offshore-Windparks allerdings vergleichsweise gut ab: Die Kostensteigerungen während des Baus fallen deutlich geringer aus als bei den im vergangenen Jahrhundert errichteten Atomkraftwerken in der Bundesrepublik. Und die Verantwortlichen für die Windparks scheinen aus Fehlern wesentlich gründlicher zu lernen, als es bei der Atomkraft der Fall war. Das geht aus einer Studie der Hertie School of Governance hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Ein AKW kostete im Schnitt dreimal mehr als geplant

Auch wenn die Studie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, liefert sie zum ersten Mal einen aufschlussreichen Überblick: 170 Großprojekte im öffentlichen Interesse aus den vergangenen fünfeinhalb Jahrzehnten haben die Wissenschaftler systematisch auf Kostensteigerungen und Zeitverzögerungen untersucht.

Ihr Ergebnis ist insgesamt ernüchternd. Statt wie geplant 141 Milliarden Euro kosteten die untersuchten Projekte bislang 200 Milliarden Euro. Die Zahl dürfte noch steigen, denn 51 Projekte waren noch nicht fertiggestellt. Bei den abgeschlossenen Projekten stiegen die Kosten im Durchschnitt um 73 Prozent. "Wir waren überrascht. Die Summen lagen höher, als wir ursprünglich dachten", sagt Studienleiterin Genia Kostka, die an der Hertie School einen Lehrstuhl für Energie und Infrastruktur innehat.

Die acht untersuchten deutschen Offshore-Windparks fallen dabei unterm Strich positiv auf. Im Schnitt kostete ihr Bau die privaten Betreiber lediglich 20 Prozent mehr als geplant - während die sechs untersuchten Atomkraftwerke mit durchschnittlich 187 Prozent fast dreimal so teuer wurden wie veranschlagt. (Weitere Details siehe Tabellen.)

Zudem ist ein deutlicher Lerneffekt erkennbar: Der erste große Windpark Bard 1 (Baubeginn im Juni 2009) übertraf mit 2,9 statt 1,5 Milliarden Euro Baukosten die Planung um 93 Prozent und ging mit zwei Jahren Verspätung ans Netz. Der ebenso leistungsstarke Windpark Global Tech I, der ab August 2011 gebaut wurde, kommt seine Betreiber lediglich um 200 Millionen Euro oder 13 Prozent teurer zu stehen und liefert ein Jahr später Strom als geplant.

Turbinen sind Standardprodukte

Bei der Atomenergie war von einem Lerneffekt hingegen nichts zu bemerken. Während der 1966 in Betrieb genommene Atommeiler Gundremmingen A doppelt so teuer wurden wie geplant, explodierten die Kosten bei den in den Achtzigerjahren fertiggestellten Projekten geradezu: Sowohl der Schnelle Brüter in Kalkar (Kosten 2,8 Milliarden Euro statt geplanter 471 Millionen Euro, Steigerung: 494 Prozent) als auch der Reaktor in Hamm-Uentrop (Kosten 4,0 Milliarden Euro statt geplanter 918 Millionen Euro, Steigerung: 336 Prozent) entwickelten sich zu Milliardengräbern.

Kostensteigerungen bei Offshore-Windparks

Offshore-Windpark Leistung in MW Baubeginn Zeitverzö-
gerung in Monaten
Geplante Kosten in Millionen Euro Tatsächliche Kosten in Millionen Euro Kosten-
steige-
rung in Prozent
Alpha Ventus 60 August 2007 12 190 250 32
Baltic 1 48 Juli 2009 6 200 200 0
BARD 1 400 Juni 2009 24 1500 2900 93
Nordsee Ost 295 Juli 2012 18 1000 1130 13
Borkum Riffgat 108 September 2012 6 480 480 0
Global Tech I 400 August 2011 12 1600 1800 13
Meerwind Süd/Ost 288 September 2012 18 1200 1300 8
DanTysk 288 Dezember 2012 6 1000 1000 0

Quelle: Hertie School of Governance

Kostensteigerungen bei Atomkraftwerken

Atomkraftwerk Bau-
beginn
Geplante Fertig-
stellung
Tatsäch-
liche Fertig-
stellung
Geplante Kosten in Millionen Euro (preisbe-
reinigt)
Tatsäch-
liche Kosten in Millionen Euro
Kosten-
steige-
rung in Prozent
Schneller Brüter Kalkar 1973 1983 1985 471,1 2797,2 494
Thorium-Hochtemperatur-
reaktor Hamm-Uentrop
1971 1976 1985 917,9 4000 336
AKW Grafenrheinfeld 1975 1978 1982 1218,4 2500 105
AKW Gund-
remmingen A
1962 1965 1966 103,3 207,7 101
AKW Mülheim-Kärlich 1975 k.A. 1986 5219,7 7885 51
AKW Niederreisbach 1966 k.A. 1973 294,5 400 36

Quelle: Hertie School of Governance

Dass die Kostensteigerungen bei Offshore-Windparks im Vergleich zu Atommeilern wesentlich kleiner ausfallen, erklären die Wissenschaftler auch mit der geringeren Komplexität der Technologie. Und: "35 Prozent der Kosten für den Bau von Offshore-Windparks entfallen auf die Turbinen - und bei diesen handelt es sich wegen der weiten Verbreitung von Windrädern an Land inzwischen um Standardprodukte", sagt Niklas Anzinger, Co-Autor der Studie. Bezeichnend, dass die Betreiber im Fall des fast doppelt so teuer wie geplant geratenen Windparks Bard 1 eigene Turbinen entwickelten und bauten, statt auf Produkte spezialisierter Zulieferer zu setzen.

Allerdings erzeugte die Offshore-Windkraft insgesamt gesehen höhere Mehrkosten, als die Studie abbilden kann. Denn die Autoren konzentrierten sich auf Kostensteigerungen beim Bau der eigentlichen Windparks. Zusatzkosten für die Anbindung ans Stromnetz oder bei Zulieferern sind hingegen nicht eingerechnet, auch weil dafür keine gesicherten vollständigen Zahlen vorliegen. Bekannt ist, dass etwa Siemens Hunderte Millionen Euro für Pannen bei Konverterplattformen abschreiben musste.

Auf keiner Seekarte verzeichnet

Und auch die Netzbetreiber mussten tiefer in die Tasche greifen als geplant, etwa wenn sie beim Verlegen der Seekabel auf technische Probleme trafen. Zusätzlich müssen sie den Windpark-Betreibern Entschädigungen für die durch den verspäteten Anschluss entgangenen Umsätze zahlen. Das Geld dafür holen die Netzbetreiber am Ende aber großteils bei den Stromkunden über eine eigene Umlage zurück. Bis Ende 2014 waren das mehr als eine Milliarde Euro - rechnerisch für jeden der acht Windparks 132 Millionen Euro.

Die Autoren der Studie kommen daher zum Schluss: Auch wenn die Offshore-Windkraft in Sachen Planbarkeit immer noch weit besser abschneidet als die Atomkraft, muss das Zusammenspiel von Windpark- und Netzbetreibern sowie den Zulieferern dringend verbessert werden. Und die Politik sollte eine unabhängige Kontrollagentur einrichten, die bereits im Vorfeld mögliche Ursachen für Verzögerungen und Kostensteigerungen ermittelt und so zu realistischeren Planungen führt.

Diese Agentur würde auf die Erfahrungen bisheriger Projekte zurückgreifen können - etwa den eingangs erwähnten Fall Riffgat: Für das Seekabel mussten Unmengen an im Meer versenkter Munition aus dem Zweiten Weltkrieg geborgen werden. Sie war in keiner Seekarte eingezeichnet.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 151 Beiträge
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paula_f 20.05.2015
1. keine Brennstoffkosten - keine Endlagerkosten
das wurde hier nicht richtig dargestellt. Was soll ein isolierte Betrachtung - welche Absicht hat der Autor?
bwk 20.05.2015
2. Off-shore Windparks, Mehrkosten
Deutschlands Klimapolitik ist gescheitert. Daran ändern auch solche Artikel nichts. Ich empfehle dem Redakteur den Artikel von Björn Lomborg, erschienen in der FAZ am 15.05.2015, zu lesen. Tatsache ist dass, zumindest nach den Daten der OECD und der IEA, der Strompreis für deutsche Haushalte zwischen 2000 und 2013 inflationsbereinigt um 80 (!) % gestiegen ist. Das ist hauptsächlich der grün-rot-schwarzen Energiepolitik geschuldet. Der ärmere Teil der Deutschen finanziert den Solar- Wind- und Biostromerzeugern ein risikoloses 20-jährig garantiertes Einkommen. Der deutsche Beitrag zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes ist gleich Null und die deutsche Kulturlandschaft weiträumig verschandelt. Größe zeigt man im Eingestehen von Fehlern, weiter so ist Dummheit.
Krass357mag 20.05.2015
3. Lustiger Artikel.
Lustiger Artikel. Immerhin ist SPON so fair., so was zu schreiben. All zu viel Hoffnung, dass neben all den anderen Fragen diese Windmühlen jemals "nachhaltig" zu Stromversorgung Deutschlands ggf. bis runter nach Bayern beitragen werden, darf man sich indes nicht machen, wenn man das verständig liest. Allein der Ruf nach einer weiteren "Kontrollbehörde" zu Koordination von Strom-Erzeugern und Netzbetreibern spricht Bände. Wenn ich Deutschland was nicht funktioniert, wird erst mal eine Kontrollbehörde geschaffen. Kontrolle schafft indes keine Funktion, sondern stellt nur fest das was funktioniert oder auch nicht. Eine falsche Idee kann damit nicht berichtigt werden. Das beste an diesen Off-Shore-Parks scheint noch zu sein, das nebenher Munition geräumt werden muss.
soulbrother 20.05.2015
4.
Besser als AKW abzuschneiden ist keine besondere Kunst, denn hier erlebt man die größten Investitionsruinen mit teilweise jahrzehntelanger Bauzeit ohne Fertigstellung. Dennoch, die Offshore-Technik ist recht neu und muss daher durch eine Lernkurve. Am Ende liefert sie relativ konstant klimaschonend hergestellten Strom, also geben wir der Technik eine Chance.
aaaron 20.05.2015
5. Der wesentliche Unterschied ist ein anderer
Kernkraftwerke liefern kontinuierlich Strom und nicht nur, wenn der Wind gerade mal weht. Außerdem halten sie 50 Jahre und nicht nur 20 wie ein Windrad, was die Preise der Windparks nochmals im Vergleich mehr als verdoppelt, in der Studie jedoch scheinbar vergessen wurde zu erwähnen.
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