Hamburgs Olympia-Bewerbung Teurer wird's immer

Hamburg stimmt ab über die Bewerbung für die Olympischen Sommerspiele 2024. Doch bis heute fehlen den Einwohnern entscheidende Informationen zu den Risiken des Großprojekts.

Von und

Geplantes Stadion in Hamburg: Wenigstens "ab und zu" im Budget bleiben
DPA/ gmp/ Bloomimages

Geplantes Stadion in Hamburg: Wenigstens "ab und zu" im Budget bleiben


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Wenn es ganz dumm läuft, dann müssen die Hamburger ab 2024 einfach mehr rauchen.

In Montreal jedenfalls wurde 1976 eine spezielle Tabaksteuer eingeführt, um die Kosten der Olympischen Sommerspiele zu finanzieren. Aus den ursprünglich veranschlagten Budget von gut 200 Millionen kanadischer Dollar waren am Ende 1,6 Milliarden geworden.

So etwas soll in Hamburg ausdrücklich nicht passieren. Der Erste Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) präsentierte kürzlich die nach eigener Einschätzung "am besten durchgerechnete Bewerbung, nicht nur in Deutschland, ever". Der ausführliche Finanzreport berücksichtigt 32 Millionen Euro für Fahrradständer ebenso wie eine jährliche Inflationsrate von zwei Prozent und kommt auf Gesamtkosten von 11,2 Milliarden Euro. Aus Sicht von Scholz haben die Hamburger damit allen Grund, bei einem Referendum am 29. November für die Bewerbung zu stimmen.

Doch trotz allen Bemühens um Transparenz: Der Ringkampf teilt die Stadt. Denn letztlich unterschreiben die Hamburger einen Blankoscheck. Zum einen sind Kostenüberschreitungen bei Olympischen Spielen nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Zum anderen ist bislang ungeklärt, wer diese Mehrkosten übernehmen würde.

Als Forscher der Universität Oxford 2012 die Olympischen Spiele der vergangenen 50 Jahre untersuchten, kamen sie zu einem eindeutigen Ergebnis: Jedes einzelne Mal lagen die Kosten über den Planungen, im Schnitt um 179 Prozent. Andere Großprojekte entsprächen zumindest "ab und zu dem Budget, aber nicht die Olympischen Spiele", so die Autoren.

Kostenüberschreitungen bei Olympischen Spielen

Spiele Land Typ Kostenüberschreitungen in Prozent
London 2012 Großbritannien Sommer 101*
Vancouver 2010 Kanada Winter 17
Beijing 2008 China Sommer 4
Torino 2006 Italien Winter 82
Athen 2004 Griechenland Sommer 60
Salt Lake City 2002 USA Winter 29
Sydney 2000 Australien Sommer 90
Nagano 1998 Japan Winter 56
Atlanta 1996 USA Sommer 147
Lillehammer 1994 Norwegen Winter 277
Barcelona 1992 Spanien Sommer 417
Albertville 1992 Frankreich Winter 135
Calgary 1988 Kanada Winter 59
Sarajevo 1984 Jugoslawien Winter 173
Lake Placid 1980 USA Winter 321
Montreal 1976 Kanada Sommer 796
Grenoble 1968 Frankreich Winter 201

Quelle: Flyvbjerg, Stewart 2012
*lokale Währungen, reale Preise, Kosten für London sind Prognose

Dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) kann das egal sein. Es verlangt von Bewerbern eine unbegrenzte Bürgschaft, diese müssen mögliche Mehrkosten also selbst tragen. Selbst wenn die Hamburger als erste Stadt seit Jahrzehnten den geplanten Kostenrahmen einhalten sollten, haben sie nach heutigem Stand jedoch ein erhebliches Risiko.

Denn nach dem Willen von Scholz soll Hamburg selbst nur 1,2 Milliarden Euro übernehmen. 3,8 Milliarden wollen die Planer über Einnahmen decken, besonders von lokalen Sponsoren, einem IOC-Zuschuss sowie dem Verkauf von Eintrittskarten. Den weitaus größten Posten aber soll der Bund tragen: 6,2 Milliarden Euro.

Für diese Aufteilung gibt es bislang aber keinerlei Zusage. In Hamburg beruft man sich auf eine Aussage von Scholz' Parteifreund Thomas Oppermann, wonach die Spiele nicht an dem erbetenen Bundesanteil scheitern würden. Doch entscheidend ist in dieser Frage nicht der SPD-Fraktionschef, sondern das Bundesinnenministerium von Thomas de Maizière (CDU). Und von dort wurde bereits vor einiger Zeit Ablehnung signalisiert. Auf Nachfrage teilt das Ministerium lediglich mit, "dass die Gespräche zwischen Bund und Hamburg weiterlaufen".

Nach Ansicht von Olympia-Befürwortern greift der Blick auf kurzfristige Kosten freilich zu kurz: Sie verweisen auf langfristige Nutzen wie die Modernisierung der Infrastruktur. In Hamburg soll aus dem Olympischen Dorf im Hafen später ein neuer Stadtteil mit 8000 Wohnungen werden, U- und S-Bahnnetz würden ebenso modernisiert wie Fahrradwege und Sportstätten.

Holger Preuß: Professor für Sportsoziologie und Sportökonomie an der Uni Mainz
Peter Pulkowski / JGU

Holger Preuß: Professor für Sportsoziologie und Sportökonomie an der Uni Mainz

"In die Infrastruktur fließt viel Geld, das man vom Bund ohne Olympia gar nicht kriegt", sagt der Sportsoziologe Holger Preuß. Er forscht seit Langem zu den ökonomischen Folgen von Sportgroßveranstaltungen und ist als Mitglied im Vorstand der Deutschen Olympischen Akademie (DOA) erklärter Befürworter der Spiele. Die sollen Hamburg auch bei Touristen und Investoren bekannter machen. "Uns werden alle kennen und toll finden", verspricht Bürgermeister Scholz.

Tatsächlich verzeichneten manche Austragungsorte nach Spielen eine enorme Zunahme an Besuchern - etwa Barcelona, wo sich die Zahl der Touristen vervielfachte. Auch andere Teile der Wirtschaft könnten profitieren, sagt Preuß. "Australien hat nach den Sommerspielen 2000 unheimlich viele Geschäfte mit China gemacht. Da sind zum Beispiel Stadionkonstruktionen für die Spiele in Peking weiterverkauft worden."

Nicht jeder Unternehmer ist begeistert

Doch ist Olympia deshalb auch ein Segen für die Wirtschaft insgesamt? Schon innerhalb der Hansestadt sind keineswegs alle Unternehmer von den Plänen begeistert. So sträubte sich die Hamburger Hafenwirtschaft bislang dagegen, rund hundert Hektar für die Wettkampfstätten abzugeben und die dortigen Unternehmen umzusiedeln. Das Finanzierungskonzept sei in diesem Punkt "nicht solide" kritisierte der Unternehmensverband Hamburger Hafen.

Noch unwahrscheinlicher ist ein positiver Effekt für das gesamte Land. Der US-Ökonom Philip Porter hat frühere Spiele untersucht, und sagte der "New York Times" zum Ergebnis: "Jedes Mal, wenn wir es uns angeschaut haben - Dutzende Forscher, Dutzende von Malen - finden wir keine wirkliche Veränderung in der wirtschaftlichen Aktivität."

So mag Hamburg die erhofften Bundeszuschüsse nur durch die Spiele bekommen - doch das Geld könnte sonst auch anderswo ausgegeben werden. "Die deutsche Wirtschaft insgesamt wird durch die Olympischen Spiele keinen Schub kriegen", räumt Befürworter Preuß ein. "Viele Effekte werden Umverteilungen zugunsten von Hamburg sein."

Zwar könnten viele Hamburger am 29. November entscheiden, dass sich der Wert von Olympia nicht in schnöden Zahlen berechnen lässt. Wer jedoch belastbare Angaben will, der wird an der Wahlurne alleingelassen - zu diesem Ergebnis kommt auch der Hamburger Rechnungshof. Aus heutiger Sicht sei "zum Zeitpunkt des Referendums eine tragfähige Ermittlung der Kosten nicht möglich", so die Rechnungsprüfer.

Deutlich steigen könnten zum Beispiel Ausgaben für die Sicherheit. Bislang veranschlagt Hamburg hierfür 461 Millionen Euro. Die Organisatoren gehen dabei von "grundsätzlich friedlich verlaufenden Spielen" mit einer nur "latenten Bedrohungslage durch terroristische Gewalttäter" aus. Die jüngsten Anschläge von Paris haben allerdings erneut gezeigt, wie schnell sich eine solche Einschätzung ändern kann. "Die Kosten könnten deutlich steigen, wenn wir beispielsweise Extra-Zufahrtswege für die Polizei oder zusätzliche Sicherheitstechnologie brauchen", sagt Preuß.

Auch wenn sich die Hamburger Ende des Monats für die Spiele entscheiden, sollten Senat und Bürgerschaft nach Ansicht des Rechnungshofs spätestens in zwei Jahren "noch einmal innehalten". Vor dem endgültigen Abschluss eines Vertrags im Jahr 2017 müsse erneut die finanzielle Lage überprüft werden - auch mit Blick auf die Einhaltung der Schuldenbremse.

Ein solches Innehalten hätte wohl auch Jean Drapeau nicht geschadet. Der Bürgermeister von Montreal hatte vorab behauptet, die Spiele in seiner Stadt könnten "genauso wenig Verluste machen wie ein Mann ein Kind zur Welt bringen kann". Die letzten Schulden aus dieser Fehleinschätzung tilgte Montreal erst 30 Jahre später.

Zusammengefasst: Hamburg hat im Oktober eine Kostenschätzung für die Olympischen Sommerspiele 2024 vorgelegt, die Stadt geht von Ausgaben in Höhe von 11,2 Milliarden Euro aus. Doch selbst Befürworter der Spiele räumen ein: Einige Kostenpunkte lassen sich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht absehen - und bislang ist Olympia jedes einzelne Mal teurer geworden, als geplant. Für die Bürger in Hamburg ist das ein Problem. Sie sollen am 29. November über die Olympia-Bewerbung ihrer Stadt entscheiden. Auch inwieweit der Bund sich an den Kosten beteiligt, bleibt im Vorfeld des Referendums ungeklärt.

Mehr zur Hamburger Olympia-Bewerbung finden Sie hier

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 96 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
jbkdge14.god 20.11.2015
1.
Olympia ist genauso ein korruptes Zeug wie Fifa-Weltmeisterschaften. Man sollte diesen Leuten einfach keinen roten Teppich mehr ausrollen - sollen die doch selbst zusehen, wie sie ihre Wettkämpfe ausrichten.
egonist 20.11.2015
2. Gold für Hamburg
Die Kostenüberschreitung von Montreal wird Hamburg locker überschreiten: die Elbphilharmonie zeigt, was in Hamburg steckt!!
andreas_leh 20.11.2015
3. Bloss kein Olympia
Die Bürger dieser Stadt sind kluge Leute und durchschauen die Lügen zur Finanzierung der Spiele. Es sind ja nicht die Spiele des Volkes sondern die Spiele des Otto Versand, der Bauunternehmer, Handelskammer, Banken usw. Olympische Spiele in Hamburg sind so überflüssig wie ein Kropf.
jujo 20.11.2015
4. ...
Es ist so wie immer! Es soll ein Blankoscheck unterschrieben werden. Wenn dann abgerechnet wird sind die heutigen Entscheider nicht mehr im Amt. Zeigt dem IOC die rote Karte!
ovhaag 20.11.2015
5. Die Schmiergelder,
die man für eine solche Bewerbung braucht, fehlen auch noch in der Kostenrechnung. (Wir lernen doch von der Fußball WM, oder nicht?)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.