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30. November 2015, 13:52 Uhr

Olympia-Referendum in Hamburg

Die mutlosen Deutschen

Ein Kommentar von

Die Hamburger Olympia-Gegner feiern sich für ihr Nein zum verhassten Großereignis. Dabei zeigt die Absage nur, wie ängstlich und mutlos Deutschland geworden ist.

Sie hätten es ahnen können. Die Entscheidung der Hamburger Politiker, die Bürger der Stadt zur geplanten Olympiabewerbung zu befragen, war gewagt. Denn wenn das Volk in Deutschland etwas entscheiden darf, dann stimmt es selten für Veränderung - egal, ob es um die Nachnutzung des Flughafens Tempelhof geht oder um die Olympischen Winterspiele in München: Für die Mehrheit soll in der Regel bitte alles so bleiben, wie es ist.

So kam es nun auch in Hamburg: Nach einem emotional aufgeladenen Wahlkampf stimmte die Mehrheit gegen die Olympiapläne des Senats - eine dicke Schlappe für den Ersten Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und auch für alle anderen, die gerne etwas Aufbruchstimmung in die Stadt gebracht hätten.

Aber mit Aufbruch braucht man den Deutschen offenbar nicht zu kommen, sie sind gerade vor allem mit Abwehren beschäftigt. Sie pflegen eine ängstlich-defensive Grundhaltung, die sich - je nach politischem Standpunkt - gegen unterschiedliche Gegner richtet: Bei den Rechtskonservativen sind es die vielen Flüchtlinge, die das Land ja verändern könnten. Bei den Linksliberalen sind es Olympia und andere Großprojekte. In der Mitte überschneiden sich die beiden Gruppen und bilden eine veränderungsunwillige Mehrheit.

Sicher, es gab gute Gründe, bei der Frage nach der Hamburger Olympiabewerbung skeptisch zu sein: die ungeklärte Finanzierung, die zunehmende Skepsis gegenüber allzu mächtigen Sportverbänden - alles richtig, und alles nachzulesen, zum Beispiel hier und hier. Doch die Olympia-Gegner sollten sich ehrlich fragen, ob sie wirklich anders gestimmt hätten, wenn der Bund Milliardenhilfen zugesagt hätte und das Internationale Olympische Komitee ein Haufen integrer Ehrenmänner wäre.

Bei vielen scheint hinter der Ablehnung eine allgemeine Angst davor zu stecken, für ein großes Ziel auch einmal ein Risiko einzugehen. Stattdessen hat sich in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft eine Saturiertheit breitgemacht. Die große Mehrheit der Bevölkerung hat sich im Wohlstand eingekuschelt.

Abzulesen ist dieses Phänomen zum Beispiel an einer Umfrage unter 30- bis 59-Jährigen, die das Allensbach-Institut vor wenigen Monaten durchgeführt hat. Dabei bezeichneten 91 Prozent der Befragten die Lebensqualität in Deutschland als gut oder sehr gut. Als größtes Problem nannten sie die hohe Steuer- und Abgabenlast.

Langfristig ist eine solche Grundhaltung für ein Land wie Deutschland schädlich. Sie macht das Land reformunfähig - und gefährdet damit eben jenen Wohlstand, in dem wir uns gerade so schön eingerichtet haben.

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