Südkoreas Wirtschaft Reif für die Spiele

Olympia 1988, WM 2002 und jetzt die Winterspiele: Findet ein Sportereignis statt, präsentiert sich Südkorea wirtschaftlich stets in guter Verfassung. Doch unter der Oberfläche schwelen die Krisen weiter.

Die Skyline von Seoul
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Die Skyline von Seoul

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Von wegen Krise - der diesjährige olympische Gastgeber Südkorea, die laut Weltbank elftgrößte Wirtschaftsmacht, dürfte wieder gut wegkommen, wenn sich wegen der Winterspiele alle Blicke auf das Land richten.

Jedes Mal ist das so. Erst knallt es auf der Halbinsel, die Welt ist entsetzt, dann aber kommt der große Auftritt der Südkoreaner. Wirtschaftlich und politisch präsentieren sie sich zu sportlichen Großereignissen in der eigenen Heimat stets in Höchstform.

Vor den Olympischen Sommerspielen in Seoul im Jahr 1988 schien das Land im Straßenkampf von Studenten und Gewerkschaften gegen die damalige Diktatur und die Macht der großen Konzerne unterzugehen. Doch es kam anders: Zu den Spielen herrschte Frieden und eine neue Demokratie. Die westliche Welt war begeistert. Ebenso bei der Fußballweltmeisterschaft, die man 2002 gemeinsam mit Japan austrug.

Zuvor hatte Südkorea mehr als fast jedes andere Land unter der Asienkrise von 1997 gelitten. Es hing Jahre am Tropf des Weltwährungsfonds. Doch 2001 zahlte das Land seine letzten Schulden an den Fonds zurück und konnte die WM 2002 unter einem angesehenen Präsidenten, dem Friedensnobelpreisträger Kim Dae Jung, als großen Prestigeerfolg gestalten.

Die Winterspiele 2018 werden da wohl kaum eine Ausnahme machen. Noch Ende 2016 schien das Land erneut am Ende: sinkendes Wachstum, gravierende Handelsprobleme mit China und viele Hunderttausend Menschen auf den Straßen, die ein Amtsenthebungsverfahren gegen die eigene Präsidentin wegen ihrer Kungelei mit den Großkonzernen forderten.

Mehr als drei Prozent Wachstum

Und doch sieht heute schon wieder alles anders aus: Die Wirtschaft wächst wieder mehr als drei Prozent. Die Probleme mit China sind auch dank US-Präsident Donald Trump, der in Peking als größerer Handelsgegner gilt, vom Tisch. Und die ungeliebte Präsidentin Park Geun Hye wurde nach allen demokratischen Regeln vom Verfassungsgericht ihres Amtes enthoben. Statt ihrer wählten die Südkoreaner einen neuen, forsch-linksliberalen Präsidenten: den Menschenrechtsanwalt Moon Jae In.

Präsident Moon Jae In
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Präsident Moon Jae In

Es liegt an Frauen wie der 37-jährigen Drehbuchautorin Lee Chae-Kyung aus Seoul, dass das Land seine wechselhafte Geschichte so entschlossen meistert. Lee ist die Tochter eines in Südkorea bekannten Theaterregisseurs, Lee Yun-Taek, 65 Jahre, der sein Leben lang, bis heute, gegen den Siegeszug des amerikanisch geprägten Kapitalismus revoltierte. Doch was machte die Tochter? Sie ging einen normalen Weg, arbeitete zehn Jahre in einer großen südkoreanischen Firma und studierte zwischendurch in den USA. Ihr Vater grummelte.

Als sie aber vor einiger Zeit überlegte, sich dauerhaft in den USA niederzulassen, ging Südkoreas Jugend gerade wieder auf die Straße. So wie der Vater in den Achtzigerjahren. "Wir nannten das Kerzenlicht-Revolution, weil die Demonstranten überall Kerzen aufstellten", erzählt die junge Lee. "Die Leute machten vor, wie man sich gegen die Dunkelheit in der Politik wehrt. Sie bewirkten einen Regierungswechsel. Das bedeutete, dass Korea sich ändern kann. Also blieb ich. Für mich fühlt sich die Gesellschaft heute positiv an. Auch wenn das Leben für viele Koreaner große wirtschaftliche Schwierigkeiten birgt."

Im Lebenslauf der jungen Drehbuchautorin Lee vermischen sich auf für Ostasiens einzigartige Art und Weise rationale, ökonomische und idealistische, werteorientierte Entscheidungen. Genau diese Mischung macht die Südkoreaner im Moment von Großereignissen wie den Olympischen Spielen für die Welt so sympathisch. Aber wie haltbar ist die Mischung?

Wachsende soziale Ungleichheit

Gerade versucht die neue südkoreanische Regierung unter Moon massiv gegen die wachsende soziale Ungleichheit im Land vorzugehen. Um 16 Prozent erhöhte sie im vergangenen Jahr den Mindestlohn auf umgerechnet etwa acht Euro. Kleine und mittlere Firmen, die in Südkorea 80 Prozent der Arbeitnehmer beschäftigen und solche Löhne oft nicht bezahlen können, unterstützte die Regierung mit Milliardensubventionen. Doch viele Ökonomen bezweifeln, ob sich die Regierung die neue Lohnpolitik auf Dauer leisten kann.

Die wirtschaftlichen Sorgen spiegeln sich auch in der neuen Skepsis der Jüngeren gegenüber einer eventuellen Wiedervereinigung mit Nordkorea. Für die Alten wie den Theaterregisseur Lee hatte der Norden früher noch eine gewisse Glaubwürdigkeit, bis in die Sechzigerjahre war die Bevölkerung dort wohlhabender. Das ist längst vergessen. Lees Tochter ist der koreanische Nationalismus eher fremd. Ihre Generation fürchtet vor allem die wirtschaftlichen Kosten einer Wiedervereinigung, wohlwissend, dass die Menschen im Norden immer wieder Hunger leiden.

Das klingt dann manchmal so, als sei den jüngeren Südkoreanern das eigene, kleine Auto heute wichtiger als das Überleben der Landsleute auf der anderen Seite der berühmten Waffenstillstandslinie, die seit 1953 beide Koreas trennt. Und doch ist gerade dieser Vorwurf aus der Luft gegriffen. Denn wenn es drauf ankam, standen gerade die jungen Südkoreaner in den vergangenen Jahrzehnten immer auf der richtigen Seite und waren moralisch engagiert.



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henninghuno 12.02.2018
1. Versöhnliche Töne
Versöhnliche Töne sind noch lange keine Wiedervereinigung. Die Probleme, die sich aus einer Wiedervereinigung ergeben, sind in Deutschland zu sehen: die eine Seite hat die andere komplett über den Tisch gezogen, die "Schwestern und Brüder" werden verachtet wie nie zuvor. Einer Entspannung auf der koreanischen Halbinsel ist uneingeschränkt zuzustimmen, ist doch die Kriegsgefahr in den letzten Monaten extrem angestiegen. Wenn jetzt diese olympischen Spiele ganz im Zeichen der koreanischen Entspannung stehen, mag das in den Augen der westlichen Wertegemeinschaft bedauerlich sein, weil der kleine Sieg über Russland dadurch in den Hintergrund getreten ist, aber für Korea und die Welt ist es ein großer Gewinn. Mehr als alle sportlichen Erfolge erbringen könnten.
rabandie 12.02.2018
2. Zwischen Tiger und Bär…
Südkorea ist ein äußerst diszipliniertes, arbeitsames und sympathisches Land. Die Menschen sind kulturorientiert, entdecken ihre alten Wurzeln gerade wieder und verbinden Tradition mit einer Moderne, die man sich hierzulande nicht vorstellt. Die Züge fahren pünktlich, die Autoindustrie produziert wegweisende Technologie, gleichzeitig sind die Menschen naturverbunden und lieben es zu malen, zu lesen und gemeinsam zu essen. Gravierende Nachteile liegen allerdings in der Versorgung von Alten und Armen ebenso, wie in einem gnadenlosen Leistungsdruck, besonders für die Jugend. Das gilt besonders für Frauen, den traditionell zählen Söhne immernoch mehr als Töchter. Aber Koreaner schaffen es, durch friedliche Demonstrationen korrupte Regierungen abzulösen und auch die Gesellschaft weiter zu reformieren - wie gerade jetzt, wo man sich darauf besinnt, die Ungleichheit zwischen Arm und Reich wieder zu verringern. Alles in allem: Ein fantastisches Land mit einer liebenswerten Bevölkerung.
makromizer 12.02.2018
3.
Dass ausgerechnet Südkorea "mehr als fast jedes andere Land unter der Asienkrise von 1997 gelitten" haben soll, halte ich für eine ziemlich seltsame Aussage. Zwar war Südkorea unter den betroffenen Staaten die größte Volkswirtschaft und mag daher in absoluten Zahlen den größten Rückgang verzeichnet haben, aber im Vergleich zu Thailand oder insbesondere Indonesien war die Krise in Südkorea geradezu mild.
brasshead 12.02.2018
4.
"Doch viele Ökonomen bezweifeln, ob sich die Regierung die neue Lohnpolitik auf Dauer leisten kann." Ökonomen wissen, dass eine Regierung mit souveränem Währungsmonopol sich, zumindest finanziell, jede Lohnpolitik dauerhaft leisten kann. Ansonsten liegt die Inflation um 1%, die produktiven Kapazitäten scheinen nicht ausgelastet. Soweit kein Problem in Sicht.
wallot10 17.02.2018
5.
Zitat von rabandieSüdkorea ist ein äußerst diszipliniertes, arbeitsames und sympathisches Land. Die Menschen sind kulturorientiert, entdecken ihre alten Wurzeln gerade wieder und verbinden Tradition mit einer Moderne, die man sich hierzulande nicht vorstellt. Die Züge fahren pünktlich, die Autoindustrie produziert wegweisende Technologie, gleichzeitig sind die Menschen naturverbunden und lieben es zu malen, zu lesen und gemeinsam zu essen. Gravierende Nachteile liegen allerdings in der Versorgung von Alten und Armen ebenso, wie in einem gnadenlosen Leistungsdruck, besonders für die Jugend. Das gilt besonders für Frauen, den traditionell zählen Söhne immernoch mehr als Töchter. Aber Koreaner schaffen es, durch friedliche Demonstrationen korrupte Regierungen abzulösen und auch die Gesellschaft weiter zu reformieren - wie gerade jetzt, wo man sich darauf besinnt, die Ungleichheit zwischen Arm und Reich wieder zu verringern. Alles in allem: Ein fantastisches Land mit einer liebenswerten Bevölkerung.
Ich befürchte, dass genau deswegen es zu keiner Vereinigung kommen wird. Südkorea hat gelernt mit dem Leistungsdruck umzugehen. Nordkorea nicht. Die würden nach einer Vereinigung vom Leistungsdruck plattgemacht werden. In Deutschland gab es bei der Wiedervereinigung noch keinen so großen Leistungsgedanken wie heute (und der ist bestimmt immer noch niedriger als in Südkorea). Heute wäre eine Wiedervereinigung in Deutschland noch schwieriger als 89/90.
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