Schwarzgeldjagd: Wie Italien Steuersündern Angst machen will

Von Manuela Mesco, Wall Street Journal Deutschland

Teste dich selbst: Im Kampf gegen die allgegenwärtige Steuerhinterziehung geht Italien neue Wege. Mit einem Online-Programm sollen Steuersünder überprüfen, ob sie demnächst mit Entdeckung rechnen müssen. Das soll sie zu mehr Ehrlichkeit anhalten.

Yachthafen auf Sardinien: Wer ein ein zu großes Boot hat, steht unter Verdacht. Zur Großansicht
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Yachthafen auf Sardinien: Wer ein ein zu großes Boot hat, steht unter Verdacht.

Rom - Die italienische Regierung hat in ihrem immerwährenden Kampf gegen Steuerhinterziehung eine neue Botschaft für Betrüger: Überprüfe dich selbst. Die Idee dahinter ist ein Steuer-Selbsttest. Mit diesem Online-Programm kann jeder überprüfen, ob seine Steuererklärung mit dem übereinstimmt, was er für Wohnen, Mobilität, Bildung und anderes wie das Fitnessstudio oder Maniküre ausgibt.

Bei dem "Einkommenstest" mit Auswahlantworten gibt man sein Gehalt ein und beantwortet anschließend Fragen zu seinem Konsumverhalten: etwa ob man einen Motorroller, ein Boot oder einen Hubschrauber sein eigen nennt; ob man in einer Villa oder einer Einzimmerwohnung lebt oder Geld für Antiquitäten und Elektrogeräte ausgibt. Ein grünes Feld signalisiert am Ende, ob die Ausgaben tatsächlich zu dem Einkommen passen, das man angegeben hat. Wenn ein rotes Feld aufleuchtet, sollte man die Ungereimtheiten besser geraderücken.

Dieser Artikel ist im Wall Street Journal Deutschland erschienen.
"Wer ein rotes Feld sieht, kann ziemlich sicher sein, dass wir hinter ihm her sind", sagt Salvatore Lampone, einer der ranghöchsten Fahnder der italienischen Steuerbehörde, der den Test am Dienstag auf einer Pressekonferenz vorstellte. "Der Test soll so etwas wie ein moralisches Zureden sein."

Steuerhinterziehung ist eines der größten Probleme der italienischen Wirtschaft. Der Umfang des Schwarzmarktes - also alle inoffiziellen Wirtschaftsaktivitäten jenseits der kriminellen wie Drogenhandel - wird von der Statistikagentur Istat auf 275 Milliarden Euro geschätzt, das sind rund 18 Prozent der italienischen Wirtschaftsleistung.

120 Milliarden Euro entgangene Steuern

Die Steuerbehörde schätzt, dass sich die nicht gezahlten Steuern - von nichtdeklarierten Verkäufen in Cafés bis zu zu niedrig angesetzten Einkommen - jährlich auf rund 120 Milliarden Euro belaufen.

Daten von Sogei, einem IT-Dienstleister für das Finanzministerium, zeigen, dass im Jahr 2011 rund 27 Millionen Italiener ein Einkommen von unter 20.000 Euro deklariert haben. Mehr als 200.000 dieser Steuerzahler besaßen jedoch große Boote, Luxusautos oder gar Hubschrauber.

Der Test "ist ein Weg für die Steuerbehörde zu sagen: Pass auf, wir beobachten dich. Und es hilft Steuerzahlern, sich selbst Fragen zu stellen und ihre deklarierten Ausgaben besser einzuschätzen"", sagt Guido Arie Petraroli, Partner der Steuerkanzlei Fantozzi & Associati in Mailand.

Ausforschen kann die Steuerbehörde die Steuerzahler mit dem Test aber nicht. Sie hat keinen Zugriff auf die eingegebenen Informationen, weil der Fragebogen Teil eines Programms ist, das auf den eigenen PC heruntergeladen wird. Er ist entsprechend nur dort einsehbar.

Programm kann Steuerbetrügern auch helfen

Die Bürger auszuspionieren sei auch nicht ihre Absicht, sagt die italienische Steuerbehörde. Der Test sei nur ein Mittel von vielen, um die Menschen zur Steuerehrlichkeit anzuhalten. Einige kritisieren jedoch , dass der Selbsttest letztlich nur ein Gag ohne praktische Relevanz sei - oder noch schlimmer, eine Hilfe für Steuerbetrüger.

Marco Paccagnella, Chef des Steuerzahlerverbandes Federcontribuenti, sieht ein Risiko darin, dass Steuerbetrüger mit dem Test recht gut einschätzen können, wie weit sie gehen können, ohne geschnappt zu werden. "Natürlich werden nur die ihn benutzen, die etwas zu verbergen haben", sagt Paccagnella.

Italien ist nicht das einzige europäische Land, das sich immer stärker auf die Bekämpfung der Steuerhinterziehung fokussiert. In Griechenland, wo die Steuerbehörden seit Jahren mit der grassierenden Steuerflucht kämpfen, erwägt die Regierung derzeit die Schaffung eines Vermögensregisters für alle Steuerzahler.

Als Teil einer umfassenden Reform des griechischen Steuersystems, die die Regierung in den nächsten Wochen auf den Weg bringen will, müssen alle Griechen auch Angaben zu ihrem Grundbesitz und anderen Investmentanlagen machen, damit diese dann mit den Einkommenserklärungen abgeglichen werden können.

Italiener verpfeifen immer öfter ihre Mitbürger

In Italien sorgte zum Jahreswechsel 2011/12 eine Razzia der italienischen Steuerbehörde im Nobel-Skiort Cortina d'Ampezzo für Schlagzeilen. Die Fahnder kontrollierten Restaurants und Geschäfte, ob sie ordnungsgemäße Quittungen ausstellten und filzten auch die Halter von Luxusautos, deren Lebensstil offenbar nicht zu ihrer Steuererklärung passte. Im Fernsehen wurden Spots gesendet, in denen Steuerbetrüger mit verschiedenen Tieren, Fischen, Holz und Darmparasiten verglichen wurden.

Das schärfere Vorgehen zeigt Wirkung: Während die Italiener unter den Sparmaßnahmen leiden, die sich tief in ihr tägliches Leben einschneiden, ist die Zahl der Anzeigen wegen möglichen Steuerbetrugs - über die kostenlose Hotline der Steuerbehörde - in den ersten neun Monaten dieses Jahres im Vergleich zu 2011 um 92 Prozent auf 50.000 gestiegen, wie die Steuerpolizei mitteilt.

Auf ihrer Pressekonferenz am Dienstag bezeichneten die italienischen Steuerbeamten ihren neuen Selbsttest als einen kleinen Teil ihrer intensiveren Anstrengungen gegen Steuerbetrug. Die Behörde hat auch ein neues System eingeführt, mit dem sie effizienter als bisher deklarierte Einkommen mit statistischen Daten zum Ausgabeverhalten abgleichen und auf ihre Plausibilität überprüfen kann. "Wer nicht betrügt, hat nichts zu befürchten", sagt Attilio Befera, der Chef der Steuerbehörde.

Originalartikel auf Wall Street Journal Deutschland

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1. Steuern
wennderbenzbremst... 21.11.2012
Bin ja mal gespannt wie das mit der Guarda di Finanza so weiter geht. Ich für meinen Teil kann leider als Angestellter in Italien eher wenig hinterziehen, allerdings hüte ich mich, allzu viele Spuren zu hinterlassen. Das Gehalt wandert sofort nach Eingang auf ein deutsches Online-Konto, so ist das schonmal sicher. Um die Finanzer gar nicht erst auf dumme Ideen kommen zu lassen, werden Autos etc sowieso nur in Deutschland zugelassen. So muss ich mich wenigstens bei ner Steuerprüfung nicht rechtfertigen, warum ich denn so dicke Karren fahre oder sonstigem Kram. Denn wer auf dem Papier nichts hat, dem kann auch keiner in die Taschen greifen. Wenn man nämlich was hat, kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass der italienische Staat da auch nen ungerechtfertigt großen Anteil von haben will. So habe ich auf dem Papier kein Auto, wohne zur Miete und habe noch Telefon und Internet. Mehr nicht, meine Akte bei denen dürfte enorm dünn sein. Mit dem Staat ist das wie mit den Ärzten... Halte dich so weit wie möglich von fern und lebe besser :D
2. Steuerprüfung auch in D privatwirtschaftlich organisieren
freidenker49 21.11.2012
Alle Firmen und Steuerpflichtigen sollten auch in D regelmäßig und vollständig geprüft werden. Heute wird eine GmbH nicht einmal alle 12 Jahre geprüft. Hierbei könnte sich der Staat mit seinen Steuerbeamten auf eine Kontrolle privatwirtschaftlixh geführter Steuerprüfungsberribe beschränken. Diese könnten prozentual auch an nacherhobenen Steuern beteiligt werden. Dann käme Zug in den Laden . Alle würden ihre Steuern zahlen. Der Ehrliche wäre nicht mehr der Dumme.
3. Wo waren wir Europäer ohne die EU?
mainstreet 21.11.2012
Wir waren frei.! Strafzettel konnten nur in dem entsprechenden Land zugestellt werden aber dazu mußte dich die Polizei erst mal anahlten oder das Auto mit einer Kralle blockieren.-Elektronisch über Datenaustausch ging da gar nichts es gab keine Länderübergreifenenden Verkehrsverstöße zur Ahndung per Datenaustausch. Jedes Land hatte seinen Haushalt und kam irgendwie mit dem klar notfalls gabs mal Abwertungen aber die Welt war in Ordnung! Die Bürger der Länder Europas waren freundlicher zueinander den bösen Deutschen gibts erst wieder seit der EU ! In Zolloasen konnte man frei und billig einkaufen das Preisgefälle für manche Dinge des Bedarf und des Kosumbedarf war enorm und in den Ferien konnte man dies ausnutzen: Heute nur noch Einheitsbrei in jeden Land dasselbe.-Die Pluralität und Kreativtät ging verloren! Arbeiten konnte man auch im Ausland das bedurfte der Eu nicht und in die Rentenversicherung konnte man auch einzahlen vom Ausland aus! Steuerliche Vorteile! Alles im Allem war Europa ohne die EU ein freies Land für jeden Bürger ohne Reglementierung einer der EU-Behörden ! Für den Bürger wurden die kleinen Freiheiten die die Dinge des Lebens lebenswert machten zugunsten einer EU-Behörde geopfert -Sie brachte mehr Steuern und deshalb muß Sie auf friedlcihem Wege sobald als möglich wieder Abgeschafft werden damit die Steuerbehörden nicht weiter auf so dumme Ideen kommen im Freizeitbereich den Menschen nachzuschnüffeln ob Sie ein Boot haben oder nicht. In 15 Jahren wird es die EU nicht mehr geben und wir dürfen Gott dafür danken die Freiheit kehrt wieder Heim nach Euopa wo Sie hingehört der Spuk ist vorbei!
4. das schaffen sie nicht
addit 22.11.2012
die Italiener sind hier viel zu kreativ, das haben die über Jahrzehnte verinnerlicht!! Es wird so sein, wie Marco Paccagnella, Chef des Steuerzahlerverbandes Federcontribuenti sagte, er sieht ein Risiko darin, dass Steuerbetrüger mit dem Test recht gut einschätzen können, wie weit sie gehen können, ohne geschnappt zu werden. "Natürlich werden nur die ihn benutzen, die etwas zu verbergen haben", sagt Paccagnella.
5.
SpitzensteuersatzZahler 22.11.2012
Zitat von freidenker49Alle Firmen und Steuerpflichtigen sollten auch in D regelmäßig und vollständig geprüft werden. Heute wird eine GmbH nicht einmal alle 12 Jahre geprüft. Hierbei könnte sich der Staat mit seinen Steuerbeamten auf eine Kontrolle privatwirtschaftlixh geführter Steuerprüfungsberribe beschränken. Diese könnten prozentual auch an nacherhobenen Steuern beteiligt werden. Dann käme Zug in den Laden . Alle würden ihre Steuern zahlen. Der Ehrliche wäre nicht mehr der Dumme.
Ja genau und die Polizei privatisiernen wird dann auch gleich mit und bezahlen nach der Anzahl der 'Verbrecher' die sie auftreiben kann. Selten sowas blödes gelesen. Und dass Sie keine Ahnung haben wie (unfair) eine Steuerprüfung abläuft, wie viel Aufwand und wie viel Arbeit das mit sich bringt, ergibt sich von selbst.
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Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 59,571 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Giorgio Napolitano

Regierungschef: Matteo Renzi

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Steckbrief Italien
REUTERS
Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone. Das Land hat im Gegensatz zu Griechenland zwar eine recht solide Wirtschaft, leidet aber ebenfalls unter einer gigantischen Staatsverschuldung. Die wichtigsten Daten im Überblick:
Wirtschaftsleistung 2011
1589 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2589 Milliarden Euro

Griechenland: 222 Milliarden Euro
Wirtschaftswachstum 2011
+0,7 Prozent, zum Vergleich:

Deutschland: 2,9 Prozent

Euro-Zone: 1,6 Prozent
Wirtschaftswachstum 2012
+0,6 Prozent
Staatsverschuldung
1911 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2133 Milliarden Euro

Griechenland: 351 Milliarden Euro
Staatsverschuldung in Prozent des BIP
120 Prozent. Das ist doppelt so viel wie nach dem europäischen Stabilitätspakt eigentlich erlaubt.
Neuverschuldung 2011
4,0 Prozent. Laut Stabilitätspakt dürften es nur 3,0 Prozent sein.
Arbeitslosenquote
8,3 Prozent. In der Euro-Zone sind es 10,0 Prozent.

Quelle: EU-Kommission