Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Ost-West-Vergleich: Weg frei für die Wirtschafts-Einheit

Von

Die Aufholjagd ist vorbei: Die Ost-Wirtschaft hat sich dem Westniveau angenähert - was jetzt noch als Kluft bleibt, liegt Ökonomen zufolge oft an anderen Faktoren als dem West-Ost-Unterschied. SPIEGEL ONLINE analysiert, wie es um Wohlstand und Arbeit, Löhne und Perspektiven wirklich steht.

Feiern zum Mauerfall: Blumen, Domino und eine Bronzebüste Fotos
AP

Hamburg - Der Osten Deutschlands hat ein beispielloses Wohlstandswachstum erlebt. Das Wirtschaftsniveau hat sich in bemerkenswertem Tempo jenem des Westens angenähert - das ist das Fazit zahlreicher Studien zum Jahrestag des Mauerfalls.

Der Osten hole schneller auf als erwartet, berichtet das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW). In zwölf Jahren sollen die Lebensverhältnisse in den neuen Ländern vergleichbar sein mit denen in Schleswig-Holstein oder Niedersachsen.

Ist die Einheit also bald auch ökonomisch vollzogen? Kann die milliardenschwere Umverteilung mittels Solidarpakt wie geplant im Jahr 2019 auslaufen? Und braucht es gar einen Aufbau West, wie ihn der neue Verkehrsminister Peter Ramsauer fordert? Der CSU-Politiker argumentiert, nach 20 Jahren Osthilfe seien nun die alten Bundesländer an der Reihe. Hier gebe es großen Nachholbedarf bei Autobahnen, Ortsumgehungen und ICE-Trassen.

Wirtschaftsforscher warnen vor zu viel Euphorie. Denn noch ist die Arbeitslosigkeit im Osten fast doppelt so hoch wie im Westen. Die Löhne sind ein Drittel niedriger. Und die durchschnittliche Wirtschaftsleistung der Bürger, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, erreicht im Osten gerade einmal 70 Prozent des Westniveaus.

West gegen Ost - wie gut oder schlecht ist die Lage wirklich? Auf SPIEGEL ONLINE analysieren Experten den wahren Stand der wirtschaftlichen Einheit:


WIE WEIT SIND WIR BEIM WACHSTUM?

Gern wird nur auf den generellen Ost-West-Durchschnittsvergleich geachtet: die Arbeitslosenzahlen, das Wirtschaftswachstum, die Löhne. Doch dieser verengte Blick ist problematisch. Denn die Daten verallgemeinern extrem. Wichtige Faktoren wie das Alter der Menschen, ihr Bildungsgrad, die Bevölkerungsdichte und die Verteilung der Bürger auf Stadt und Land werden ausgeblendet - sie beeinflussen die wirtschaftlichen Kennziffern manchmal stärker als die Frage: Ost oder West?

Die IW-Forscher plädieren deshalb dafür, sich einfach vom Westniveau als Maßstab für den Aufbau Ost zu verabschieden. Reiche Handelsstädte wie Hamburg oder Frankfurt am Main ließen sich mit ländlichen Regionen im Osten nun mal nicht vergleichen. Und eigene Ostzentren, die an Hamburg oder Frankfurt heranreichen, gibt es nun mal nicht.

Besonders gut zeigt das Berlin, wo es keine nennenswerte Industrie mehr gibt. "Von der Hauptstadt geht kaum Dynamik für die neuen Bundesländer aus", sagt Wirtschaftsprofessor Martin Rosenfeld vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

Fotostrecke

3  Bilder
Ost vs. West: So steht es um die Wirtschaft
Ähnlich ist es in Leipzig. Nach der Wende wollte die Stadt zum Dienstleistungsstandort werden. Nur zog es die großen Banken und Versicherungen nicht in die ehemalige Industriestadt. "Die Konzernzentralen blieben im Westen, das hat nicht funktioniert", sagt Rosenfeld.

Weil die Industrie bisher nur wenige Forschung- und Entwicklungsabteilungen in den neuen Bundesländern aufgebaut hat, gibt es eine Produktivitätslücke. "Dienstleistung alleine reicht nicht", sagt Rosenfeld, genauso wenig wie "verlängerte Werkbänke", also bloße Montagewerke, die dem Westen zuarbeiten.

Immerhin: Was für Leipzig ein Problem ist, gilt nicht für Städte wie Chemnitz, Dresden und Jena. Hier konnte die Industrie an bestehende Traditionen anknüpfen, technische Universitäten liefern Arbeitskräfte und Know-how zu. Zahlreiche Firmen haben sich angesiedelt, sogenannte Cluster für Maschinenbau, Optik und Halbleiterindustrie sind entstanden. Oft dank staatlicher Subventionen.

Aber noch sind es im Osten vor allem kleine Firmen, die zum Bruttoinlandsprodukt beitragen. 43 Prozent des Umsatzes in den neuen Ländern wird von Unternehmen gemacht, die weniger als fünf Millionen Euro pro Jahr umsetzen. Entsprechend können sie weniger in Forschung investieren. In den alten Bundesländern gibt es deutlich mehr große Unternehmen, die das tun.


WIE SCHLIMM SIND ARBEITSLOSIGKEIT UND ABWANDERUNG?

Die hohe Arbeitslosigkeit im Osten ist ein Dauerthema seit der Einheit. Der Grund dafür ist aber weniger die Wirtschaftskraft der fünf Bundesländer als "hauptsächlich die Diskrepanz zwischen Anforderung und Qualifikation der Arbeitnehmer", sagt Ökonom Rosenfeld. Viele Branchen suchen Akademiker - finden diese im Osten aber zu selten. Der Lohnunterschied ist für den Experten genauso zu erklären. Hochqualifizierte bekämen durchaus Westgehälter gezahlt, sagt Rosenfeld, denn "die gehen sonst in den Westen". Auf der Strecke blieben im Osten am Ende jene, die auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr gefragt seien.

Und noch eine Entwicklung trifft die Wirtschaft im Osten hart: die Abwanderung. Die Einwohnerzahl der Bundesrepublik schrumpfte laut Statistischem Bundesamt zwischen März 2008 und März 2009 um 0,3 Prozent. Im Osten geht es schneller. Sachsen-Anhalt verlor 1,3 Prozent seiner Einwohner, Mecklenburg-Vorpommern 1,0 Prozent, Thüringen 0,9 Prozent und Sachsen 0,7 Prozent. Nur Brandenburg fällt aus dem Raster, weil viele Berliner ins Umland ziehen.

Weniger Geburten, Umzug in die Städte - oder gleich ab in den Westen: In den neuen Bundesländern veröden ganze Landstriche. Schrumpfende Städte und erhebliche Unterschiede zwischen Stadt und Land gebe es natürlich auch im Westen, sagt Rosenfeld, "aber nicht jede Region im Osten wird in absehbarer Zeit das durchschnittliche Westniveau erreichen können".

Schon im Juni hatte eine Studie für den damaligen Verkehrs- und Aufbau-Ost-Minister Wolfgang Tiefensee (SPD) das Gleiche ergeben. Die Forscher vom Berlin-Institut forderten damals, bestimmte Regionen von der öffentlichen Förderung abzukoppeln. Motto: kontrollierter Absturz statt immer neuer Subventionen. Tiefensee distanzierte sich eiligst von den Studienergebnissen.


WIE GROSS IST DAS WOHLSTANDSGEFÄLLE?

Fest steht: Bei der Wirtschaftsleistung haben sich Ost und West angenähert. Anfang der neunziger Jahre haben die neuen Bundesländer rund 40 Prozent des Westniveaus erreicht - nun sind es rund 70 Prozent. Doch sagen diese Daten vor allem etwas über die Arbeitswelt aus, über den Output der Industrie und das Wachstum der Dienstleistungen. Was bei den Menschen ankommt, ist eine ganz andere Frage.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass sich das Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West wieder vergrößert. In den neuen Bundesländern ist das durchschnittliche Nettovermögen von 2002 bis 2007 sogar gesunken, von 34.000 auf 31.000 Euro. "Sozialpolitisch besorgniserregend" nennen die DIW-Forscher diesen Schwund. Im gleichen Zeitraum stieg der westdeutsche Mittelwert von 91.000 auf 101.000 Euro.

Das DIW hat auch umfangreiche Erhebungen zur Lebenszufriedenheit und anderen Daten in West und Ost erstellt - auch sie sehen 20 Jahre nach dem Mauerfall eine Spaltung. Die gefühlten Unterschiede sind sogar noch größer als die tatsächlichen (siehe Fotostrecke).

Fotostrecke

9  Bilder
Gefühlter Abstand: So denken Ost- und Westdeutsche

Wo nicht viel ist, kann auch nur wenig an jüngere Generationen weitergegeben werden. Dem Land Hamburg hat die Erbschaftsteuer im vergangenen Jahr rechnerisch 244 Euro pro Einwohner beschert. In Sachsen-Anhalt lag das Aufkommen pro Kopf bei gerade einmal vier Euro. Insgesamt sind es im Westen laut Finanzministerium durchschnittlich 68 und im Osten sechs Euro. Mit der Angleichung der Lebensverhältnisse ist es da nicht weit her.

Und dies empfinden die Bürger auch so. Laut ARD-Deutschlandtrend steht zwar die Mehrheit der Deutschen der Einheit positiv gegenüber. Aber 64 Prozent der Ostdeutschen finden, die deutsche Gesellschaft sei seit der Wiedervereinigung ungerechter geworden. Das sind deutlich mehr als im Westen (43 Prozent).


WIE GEHT ES MIT DEN OST-WEST-TRANSFERS WEITER?

In zehn Jahren wird der Solidarpakt II auslaufen - ab 2019 soll es keine gesonderten Zuweisungen mehr an die neuen Bundesländer geben. Allerdings endet die Solidarität dann nicht.

Über den Länderfinanzausgleich geht die Umverteilung weiter. Schon jetzt macht der Solidarpakt nur noch ein Fünftel der Transferleistungen von West nach Ost aus - das hat das Institut für Wirtschaftsforschung Halle errechnet. Der weitaus größere Teil fließt bereits über den Länderfinanzausgleich. Solange, bis sich die Lebensverhältnisse angeglichen haben. Und das gilt auch für arme Westländer wie Bremen oder das Saarland.

So gesehen gibt es den von Ramsauer geforderten Aufbau West bereits.

Fotostrecke

29  Bilder
Chronik: Der Tag, an dem die Mauer fiel

Diesen Artikel...
Forum - Welche Hoffnungen weckte der Mauerfall, welche erfüllten sich davon?
insgesamt 1962 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Außenpolitisch
derweise 31.10.2009
Außenpolitisch kann sich das Werk Kohls sehen lassen, innenpolitisch ("geistig-moralische Wende") war es nichts.
2. ritualisierter Vergangenheitsbewältigung
c++ 31.10.2009
Wir haben diese Form der ritualisierten Vergangenheitsbewältigung noch nicht einmal 64 Jahre nach dem Ende des 2. WK überwunden, noch immer kommt, meist unangebracht, die erhobene Zeigefinger: "Deutschland bei seiner Geschichte ...", "Aufgrund des historischen Erbes...". Und da wollen die Genossen schon nach 20 Jahren aus ihrer historischen Schuld entlassen werden. Nein, Genossen, noch über 40 Jahre muss das Gedenken an den DDR-Sozialismus in Deutschland allgegenwärtig sein. Da darf es nicht zu Verharmlosungen und Relativierungen kommen. Die eigentliche Auseinandersetzung mit der NS-Zeit begann 1968, 23 Jahre nach dem Zusammenbruch. Die Auseinandersetzung mit der DDR-Diktatur müsste jetzt mal langsam beginnen. Ansonsten hat Platzeck natürlich Recht. Wer die DDR als Irrweg sieht, sich zum demokratischen Rechtsstaat bekennt, warum sollte man da Barrieren errichten? Allerdings wirklich nur dann, wenn es keine DDR-Nostalgiker sind. Und die gibt es noch in der Linken. Noch ist die Einsicht in das Unrecht nicht ausgelöscht, der Schoß ist fruchtbar noch.
3.
goethestrasse 31.10.2009
Versöhnen mit den SED - Erben .. Schwamm drüber , über 40 Jahre DDR. da bin ich mal gespannt, was hier im forum abgeht.
4. Mit oder ohne Hoffnungen
mursilli 31.10.2009
Zitat von sysopZwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer darf Bilanz gezogen werden. Nach großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anstrengungen bleiben für viele Deutsche die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurück. Welche Hoffnungnen weckte der Mauerfall, welche konnten Ihrer Meinung nach erfüllt werden?
- der Fall der Mauer selbst war das Ereignis. Plötzlich war das Zuchthaus offen und seine Leitung entmachtet.
5.
ArbeitsloserMathematiker 31.10.2009
Zitat von derweiseAußenpolitisch kann sich das Werk Kohls sehen lassen, innenpolitisch ("geistig-moralische Wende") war es nichts.
Tja, die "geistig-moralische Wende" kann man eher mit der Inversion am Einheitskreis vergleichen...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Video-Special
DPA

1989: Der Untergang der DDR



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: