Eröffnung des neuen Kanals Oh wie schön schleust Panama

Neun Jahre lang schufteten 40.000 Arbeiter am neuen Panamakanal. Nun ist die Erweiterung fertig. Künftig können auch Riesenfrachter die Wasserstraße passieren - und doppelt so viel Fracht transportieren.

Zuschauer bei Eröffnung der Panamakanal-Erweiterung
DPA

Zuschauer bei Eröffnung der Panamakanal-Erweiterung


Die Regeln für die Neueröffnung des Panamakanals am Sonntag sind deutlich: Wer zur Feier kommt, muss seine Waffen zu Hause lassen, auch mit Alkohol kommt man nicht mit auf die Tribüne. So erklärt es die Kanalbehörde "Autoridad del Canal de Panamá", kurz ACP, auf Twitter. Weiter gibt sie sich fürsorglich: "Für die Besucher stehen kostenlos Wasser, Eis und Säfte bereit", auch Regenschirme werden verschenkt.

Prominenz hat sich angesagt: US-Präsident Barack Obama soll vor Ort sein, ebenso wie der chinesische Staatschef Xi Jingping. Mit ihnen werden Tausende aufs brackige Wasser blicken, wenn im umgebauten und vergrößerten Kanal das erste Schiff vorbeizieht. Die Jungfernfahrt wurde verlost. Der Gewinner: Kapitän Jude Rodriguez und sein Frachter Cosco Shipping Panama. Die chinesische Reederei, der das Schiff gehört, überwies für die etwa elfstündige Durchfahrt gut 600.000 US-Dollar.

Ob brasilianisches Öl, Früchte aus Ecuador oder Autos aus Deutschland: Waren aus aller Welt tuckern quer durch den schmalsten Teil Amerikas. Der Panamakanal ist eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt. Gut drei Prozent des internationalen Seefrachtverkehrs laufen über das Land mit drei Millionen Einwohnern.

14.300 Schiffe pro Jahr

Die Idee einer Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik entstand bereits im 19. Jahrhundert. Nach zehn Jahren Bauzeit wurde die Wasserstraße 1914 erstmals in Betrieb genommen. Mittlerweile machen jährlich im Mittel 14.300 Schiffe die gut 80 Kilometer lange Strecke zwischen dem atlantischen Hafen Colón und Balboa am Pazifik. Die Schiffe gelangen so schneller und billiger ans Ziel, als wenn ihre Fahrt über das Tausende Kilometer entfernte Kap Hoorn an der Spitze Südamerikas ginge.

Erst seit 17 Jahren verfügt Panama über die Kontrolle seiner Lebensader, zuvor hatte die in US-Hand gelegen. Nachdem das kleine Land die Verwaltung selbst übernahm, wurde die Nutzung des Kanals enorm profitabel. Panama profitiert von den stattlichen Gebühren für die Passagen. Von den 2013 erzielten 1,8 Milliarden US-Dollar gingen mehr als die Hälfte direkt an den Staat.

Die Berechnung der Kosten für die Durchquerung erfolgt nach einem komplizierten System. Sie richtet sich nach der Größe und Dringlichkeit der Durchfahrt. Wer mehr bezahlt, darf schneller reisen. Und: Jeder Schiffseigner muss den Preis für seine Passage im Voraus entrichten und exakt angeben, wann die Fahrt geplant ist.

Das Votum für den Ausbau war eindeutig. Vor gut zehn Jahren hatten 80 Prozent der Bevölkerung in einem Referendum für die Erweiterung des Panamakanals gestimmt, der Baubeginn folgte ein Jahr später. Gebuddelt wurde unter der Leitung des spanischen Konzerns Sacyr. Neben den Spaniern gehörten Firmen aus Belgien, Italien, Deutschland und Panama zum Konsortium.

Bei den Kosten lief es nicht rund. Eigentlich waren etwa 3,2 Milliarden Dollar eingeplant. Doch daraus wurden flugs 5,25 Milliarden Dollar. Der Streit über die Übernahme der hohen Summe hätte fast zum Baustopp geführt. Die zuständige Projektmanagerin Ilya Espino de Marotta sagte über das Malheur: "Wir werden das Budget überziehen, wir wissen nur noch nicht, wie stark." Panamas heutiger Präsident Juan Carlos Varela bezeichnetet die beteiligten Baufirmen in einem internen Memo, das die Enthüllungsplattform Wikileaks veröffentlichte, als "schwach".

Kein Platz für große Schiffe

Dass der Ausbau überhaupt nötig wurde, hat wirtschaftliche Gründe. Bislang können nur mittelgroße Schiffe den Kanal passieren. Zuletzt nutzten deshalb immer weniger Container- und Kreuzfahrtschiffe die Route. Maximal 4.400 Container passen auf so ein Transportschiff der Panamaklasse. Ab Sonntag schippern auch riesige Kähne der sogenannten Postpanamax-Klasse hindurch. Diese Riesen haben bis zu 13.000 Container an Bord und sind bis zu 366 Meter lang und 49 Meter breit. Damit lassen sich in einem Rutsch etwa doppelt so viel Güter transportieren - es ist eine Wette auf die Zukunft des Warenverkehrs.

Gestützt wird die vom Ingenieurskorps des US-Heeres, das einst schon den Kanal baute. Die Fachleute sagten in einer Studie voraus, dass schon 2030 "zwei Drittel aller Containerschiffe der großen Klasse angehören" werden.

Panama will von diesem Trend profitieren? "Der Kanal wird seine Kapazität mit dem Ausbau um fünfzig Prozent erhöhen", sagt Adie Tomer vom britischen Think Tank Brookings Institution. "Die Märkte der östlichen und westlichen Hemisphere wachsen zusammen."

Diese Erkenntnis ist nicht unumstritten. Die Autoren der Studie einer aktuellen Studie aus dem Fachblatt "Maritime Policy & Management" kommen zu einem anderen Ergebnis. Ihrer Einschätzung nach habe sich "die Wichtigkeit von Kanälen im globalen Warenverkehr verringert."

Zudem droht dem Kanal neue Konkurrenz: Im nahen Nicaragua entsteht seit 1,5 Jahren ein neuer Kanal. Mit der Trasse will die dortige Regierung den Erfolg aus Panama kopieren.

Dabei zeigen sich auch die neuen Machtverhältnisse in der Weltwirtschaft. Die Geldgeber und Baufirmen des 278 Kilometer langen Kanals kommen nicht etwa aus den USA oder Europa, sondern aus China. Etwa 30 Milliarden Dollar investiert das Unternehmen HKND, das zum Imperium des chinesischen Milliardärs Wang Jing gehört - und erhält später im Gegenzug die Nutzungsrechte für ein ganzes Jahrhundert.



insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hdudeck 26.06.2016
1. Ok, verstehe ich das richtig?
"Maximal 4.400 Container passen auf so ein Transportschiff der Panamaklasse. Ab Sonntag schippern auch riesige Kähne der sogenannten Postpanamax-Klasse hindurch. Diese Riesen haben bis zu 13.000 Container an Bord und sind bis zu 366 Meter lang und 49 Meter breit. Damit lassen sich in einem Rutsch etwa doppelt so viel Güter transportieren" Wenn man das Maximum fuer jedes Schiff zu Grunde legt verdreifacht sich die Menge (3 X 4400 = 13200). Oder werden hier wieder Apfel mit Gurken verglichen. Entweder rechnet man mit dem Maximum oder dem Mittel, aber mixt diese Zahlen nicht miteinander.
INGXXL 26.06.2016
2. Wenn der Zweite
Kanal durch Nicaragua wirklich fertig wird, wird es für beide ein wirtschaftliches Desaster. Die Chinesen können das durchstehen Panama nicht
kommentar2016 26.06.2016
3. Technisch beeindruckend
Die Größenordnungen sind schon beeindruckend. Was ich nicht verstehe - die Kapazität des Kanals steigt um ca. 50% - klar, bis zu 3x größere Schiffe, aber eben weniger in der Anzahl... Aber warum lassen sich jetzt, wo die Postpanamax-Schiffe (bis zu 13.000 Container) den Kanal nutzen können mit denen nur etwa doppelt so viele Güter transportieren, wie mit den Alten (Maximal 4.400) - eigentlich müsste doch rd. 3x so viel gehen? Können die nicht voll beladen werden?
nbrunsch 26.06.2016
4. Im ersten Moment
habe ich gedacht es wäre die Bild-Zeitung. Oh wie schön schleust Panama....??? So langsam lauft Ihr dem Blatt den Rang ab. Die selbe Farbe habt Ihr ja schon.
Jucken 26.06.2016
5.
Und wieder einmal kann man sehen, wie sehr China in die Zukunft denkt! 100 Jahre werden die 30 Milliarden wie Peanuts aussehen lassen. In Europa denkt man in zu kurzen Zeiträumen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.