Projekt Jing-Jin-Ji China plant 130-Millionen-Megacity

Eine Fläche, mehr als doppelt so groß wie Bayern: Peking wird nach dem Willen der chinesischen Staatsführung mit zwei seiner Nachbarregionen zur gewaltigsten Stadt der Welt verschmolzen. Name des Giga-Projekts: Jing-Jin-Ji.

Von Ulrike Putz

Getty Images

Die U-Bahn-Station Haojiafu, eine knappe Fahrtstunde außerhalb Pekings, ist blitzsauber. Selten geistert ein Fahrgast durch die hellgrau gekachelten Gänge, denn sie liegen im Nirgendwo: Auf den Feldern ringsherum ernten Bauern Getreide, dazwischen lassen Schäfer ihre Herden grasen. Nur die sechsspurige Autobahn, die das Idyll zerschneidet, erinnert an die Zukunft, die Haojiafu vorherbestimmt ist: In wenigen Jahren soll hier das Herz des kommunistischen Chinas schlagen.

Große Teile der Verwaltung und der Regierung Chinas sollen schon bald aus dem Zentrum Pekings verschwinden und an Orte wie Haojiafu ziehen. Ministerien, Universitäten, Krankenhäuser und vielleicht sogar die Zentrale der Kommunistischen Partei sollen auf die grüne Wiese verlagert werden. Der Umzug werde spätestens 2017 beginnen, sagte Guo Jinlong, Politbüromitglied der Kommunistischen Partei in Peking, vor einigen Tagen.

Der Wegzug der Institutionen aus der Pekinger Innenstadt ist Teil des wohl weltweit größten Stadtplanungsprojekts, das China nach jahrzehntelanger Vorbereitungsphase nun in Angriff nimmt. Danach stehen der Hauptstadt der Volksrepublik und seinen Nachbarregionen gigantische Umbauten bevor.

Aus Peking, der Hafenstadt Tianjin und der Provinz Hebei wird eine neue Megastadt auf einer Fläche von mehr als 200.000 Quadratkilometern. Bis zu 130 Millionen Einwohner soll der Moloch nach seiner Vollendung haben und damit das bei Weitem größte urbane Zentrum weltweit sein. Als Name haben sich die Planer Jing-Jin-Ji einfallen lassen: ein aus den Städtenamen Beijing, Tianjin und dem historischen Namen für Hebei, "Ji", gebasteltes Kürzel.

Umzug soll auch Luftprobleme lösen

Jing-Jin-Ji im Vergleich zu Bayern
SPIEGEL ONLINE

Jing-Jin-Ji im Vergleich zu Bayern

Der Koloss, für den das heute etwa 22 Millionen Einwohner fassende Peking als eine Art Innenstadt fungieren soll, wird mehr als doppelt so groß sein wie Bayern. Der gigantomanische Plan markiert eine Kehrtwende der chinesischen Baupolitik: Bislang war es Ziel der Zentralregierung, ihre Institutionen im historischen Zentrum des kaiserlichen Pekings anzusiedeln und so den historischen Sieg der Arbeiterklasse zu feiern. Doch im Mai kündigte Präsident Xi Jinping Pekings Entzerrung an und sagte, der Bau der Superstadt sei Teil der Reformagenda, mit der China sich für die kommenden Jahrzehnte fit machen wolle.

Jing-Jin-Ji soll danach das nordchinesische Gegenstück zu den zwei bereits bestehenden Wirtschaftszonen im Delta des Jangtse rund um Shanghai und in Nanjing in Zentralchina werden. Hintergrund der Entscheidung sind politische wie wirtschaftliche Überlegungen: Indem Institutionen und bis zu 1200 Industriebetriebe von Peking aufs Land ziehen, sollen dort einerseits Arbeitsplätze geschaffen werden. Auch Hospitäler, Schulen und Universitäten werden ausgelagert. So soll das extreme Entwicklungsgefälle zwischen Stadt und Land, das politisch für wachsende Unruhe sorgt, ausgeglichen werden.

Indem die Arbeitsplätze näher an die Wohnviertel rücken, könnte auch ein zeit- und nervenraubendes Problem behoben werden: Derzeit pendeln viele Berufstätige in Peking jeden Tag bis zu fünf Stunden zu und von ihren Arbeitsplätzen. Gleichzeitig soll der von Umweltverschmutzung und Übervölkerung geplagten Metropole so Luft zum Atmen verschafft werden.

Konkreter Zeitplan ist geheim

Jedes der drei Subzentren der Megastadt soll einen eigenen Charakter wahren: Peking mittendrin als intellektuelles Zentrum, Hort von Kultur und Technologieentwicklung. Tianjin wird danach die großen Produktionsstätten beherbergen und mit seinem Hafen die Anbindung an die internationalen Verkehrswege garantieren. Hebei wird vor allem Platz für Wohnungen, Betriebe und Lebensmittelanbau bieten. Mit Hochgeschwindigkeitszügen soll es von Subzentrum zu Subzentrum maximal eine Stunde dauern.

Dass die neue Megastadt trotz Chinas nachlassendem Wachstum florieren wird, halten Experten für wahrscheinlich. Die Betriebe der Jing-Jin-Ji-Region produzierten vor allem für den chinesischen Markt und hätten die jüngsten Krisen der Weltwirtschaft gut überstanden, schreibt die Ökonomin Hong Yu in einer gerade veröffentlichten Studie über die Entwicklung der verschiedenen Regionen Chinas. In Tianjin gebe es zwar viele Betriebe, die auf den Export setzten, doch seien sie meist auf High-Tech-Produkte spezialisiert und das sei eine zukunftsträchtige Branche.

Wie genau die Integration der so unterschiedlichen Regionen ablaufen soll, ist noch nicht bekannt. Auch der genau Zeitplan für die Umstrukturierung der Hauptstadtregion ist bislang geheim. Lokale Medien spekulierten diese Woche, dass die Zentralregierung das Volk am 1. Oktober, dem chinesischen Nationalfeiertag, über die Details des Vorhabens informieren könnte.

Sollte es so kommen, dürfte dies mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Immobilien-Goldrausch in den drei betroffenen Regionen führen: Allein das Gerücht, ein Ort könnte zum neuen Standort eines ausgelagerten Betriebs werden, hat zuletzt die Quadratmeterpreise für Wohnraum in den ländlichen Gebieten rund um Peking in die Höhe schießen lassen. In Lucheng in der Provinz Tongzhou seien die Quadratmeterpreise zwischen Mai und Juni um 730 Euro pro Quadratmeter gestiegen, berichtet die "China Daily" - und das, bevor verkündet wurde, dass ein Teil der Pekinger Verwaltung hierher ausgelagert werden würde.

Zur Autorin
Ulrike Putz ist Korrespondentin von SPIEGEL ONLINE und berichtet über Indien und den Nahen Osten.

E-Mail: Ulrike_Putz@spiegel.de

Mehr Artikel von Ulrike Putz

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 144 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hakmak 25.07.2015
1. 130 Millionen Menschen
das bedeutet für alle im Winter schlechte Luft aus vielen Kohlekraftwerken und eine Sichtweite von 50m...
rickmarten 25.07.2015
2. Wieder einmal der Zeit voraus
China´s Ideen und Mut zu Neuem sind einmalig. Während man hier nicht einen Provinzflughafen zum laufen bringt, arbeitet man in China in ganz anderen Dimensionen. Auch andere Großregionen Asiens gehen diesen Weg. Der Trend läuft eindeutig zu den Mega-Cities.
goldt 25.07.2015
3. Kommunismus?
Man kann ja vom Kommunismus halten was man will, aber was genau hat China damit zu tun? China ist ein turbokapitalistisches Land, dessen undemokratischer Führung sogar einst CDUler öffentlich Anerkennung zollten, da dies wohl besser für das Wachstum ist.
spassig 25.07.2015
4. Peking und Bayern
Guten Tag Wenn man sich auf google maps Peking und Bayern im gleichen Massstab ansieht, erkennt man dass schon heute Peking als Umriss fast so groß wie Bayern ist. Grüße
coraccorioredannae 25.07.2015
5. richtig,...
Richtig, das wäre die Chance, eine ganze Stadt ohne Verbrauch fossiler Energien (weitgehend) zu bauen. Mit neuen Verkehrskonzepten und Technologien, Passivhaeusern verschiedener Art, für arm und reich.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.