Peru: Kniefall vor der größten Dreckschleuder Lateinamerikas

Von Knut Henkel

Es sind Geschäftsmethoden, die an den Frühkapitalismus erinnern: Ohne Rücksicht auf Umwelt, Gesundheit der Anwohner und Lieferanten betreibt der US-Minenkonzern Doe Run eine Metallschmelze in der kleinen peruanischen Stadt La Oroya. Die Regierung setzt sich nur halbherzig zur Wehr.

La Oroya: Leben mit dem Gift Fotos
Knut Henkel

La Oroya - Moisés Galarza Amaro ist direkt am Schornstein aufgewachsen, dem 167 Meter hohen Schlot, der die hoch in den Anden liegende Bergbaustadt La Oroya prägt. Wie die allermeisten Bewohner hat der 15-Jährige ein gespaltenes Verhältnis zu dem Monstrum aus Backstein. Denn es verteilt giftige Abgase über die gesamte Gegend. "Ich habe Atemprobleme, kann mich nur schlecht in der Schule konzentrieren", klagt der schlaksige Jugendliche mit den zurückgekämmten schwarzen Haaren. 58,3 Mikrogramm Blei hat er pro Deziliter im Blut - fast das Sechsfache des von der der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegten Grenzwertes.

Den Namen des Unternehmens, das dafür verantwortlich ist, kennt in La Oroya jedes Kind: Doe Run Perú. In der Bergbaustadt steht und fällt alles mit dem Konzern, der 3500 Arbeiter beschäftigt. Indirekt hängen mindestens noch einmal so viele Menschen von ihm ab. Wie ein Krake umschließt die Hütte die Altstadt und reicht weit in die Neustadt hinein, mit Raffinerien für Blei und Kupfer.

Doch weder dort noch in der zentralen Schmelze wird derzeit gearbeitet. Für Moisés Galarza Amaro hat das etwas Gutes, denn die Atemnot, die ihn sonst ständig quält, ist seitdem wie weggeblasen.

Doch das wird sich bald wieder ändern. Spätestens in einem Monat soll die Produktion wieder aufgenommen werden. Das haben die Manager von Doe Run in Lima vor wenigen Tagen freudestrahlend verkündet. Da hatte der peruanische Kongress ein Gesetz verabschiedet, dass dem Unternehmen einen weiteren Aufschub gewährt, um die seit Jahren fixierten Umweltauflagen endlich umzusetzen. "Nun darf Doe Run Perú Menschen und Umwelt weitere 30 Monate lang vergiften", klagt Miguel Curi. Der 44-Jährige wohnt wie Moisés Galarza Amaro in der Altstadt von La Oroya und kämpft seit Jahren in der "Bewegung für die Gesundheit in La Oroya" (Mosao) gegen die systematische Vergiftung der Bevölkerung.

Doe Run Peru äußerte sich im Juni in der "New York Times" zu den Vorwürfen. Seit das Unternehmen im Jahr 1997 die Anlage von der peruanischen Regierung übernahm, habe man die giftigen Emissionen "dramatisch reduziert". Das habe zu einer radikalen Verbesserung der Umweltbedingungen geführt.

Die dreckigste Stadt Lateinamerikas

Doch die Verseuchung ist hinreichend bewiesen. Bereits vor vier Jahren kamen US-Ärzte der Universität St. Louis aus Missouri in die auf 3750 Meter über dem Meeresspiegel liegende Stadt, um Blut- und Urinproben einzusammeln. "Die bewiesen schwarz auf weiß, dass die Menschen in La Oroya vergiftet werden" erzählt Monseñor Pedro Barreto. Diese Ergebnisse, aber auch die Boden- Wasser- und Luftproben haben 2006 das Blacksmith Institute, eine US-amerikanische Umweltorganisation, dazu bewogen, La Oroya zur schmutzigsten Stadt Lateinamerikas zu küren.

Das hat in Peru zwar für ein beachtliches Medienecho gesorgt, aber auch nicht verhindert können, dass die Dreckschleuder in den Anden 2006 eine erste Fristverlängerung für die Installation von Entschwefelungsanlagen erhalten hat. Bis Ende Oktober hatte das Unternehmen, welches in den letzten Jahren aufgrund der hohen Preise für Industriemetalle prächtig verdient hat, Zeit, um die Auflagen zu erfüllen. "Doch schon Anfang 2009 wurde klar, dass Doe Run dem Zeitplan hinterherhinkt", so Michael Pollmann, Umweltexperte vom Deutschen Entwicklungsdienst in Lima.

Schon im Februar hatten die Banken erstmals die Konten des Konzerns eingefroren und damit ein heftiges Tauziehen zwischen der Regierung, Arbeitnehmern und der Konzernmutter in den USA ausgelöst. So ließ man einen im April ausgehandelten Kompromiss zur kompletten Wiederinbetriebnahme platzen, weil das Mutterunternehmen frisches Geld hätte nachschießen müssen. "Vorgesehen war die neuerliche Belieferung der Hütte in La Oroya mit Konzentraten unter der Voraussetzung, dass Doe Run eine Kapitalerhöhung vornimmt, sich zu den Schulden bei den Lieferanten bekennt und die Aktien als Sicherheit für die Umsetzung der Umweltauflagen an den Staat verpfändet", so Pollmann.

Doch dass Doe-Run-Management zeigte sich mit Hinweis auf die weltweite Krise alles andere als konzessionsbereit - und setzte im Gegenteil den Staat unter Druck. Man schickte die Hütte in La Oroya kurzer Hand in die Insolvenz, legte den Betrieb still und warb gleichzeitig in bunten Anzeigen dafür, einen neuerlichen Aufschub für die Erfüllung der Umweltauflagen zu erhalten - 30 Monate sollten es sein.

Arbeiter ins Feld geführt

Um der kaltschnäuzigen Forderung Nachdruck zu verleihen, wiegelte Doe Run Perú auch seine Arbeiter auf. Die blockierten ab Mitte August mehrfach die Strecke von Huancayo nach Lima, eine zentrale Versorgungsader für die Hauptstadt, und erhöhten so den Druck auf die Regierung. Die knickte schließlich Ende September ein und gestand den Doe-Run-Managern die Fristverlängerung in vollem Umfang zu. Den Beschluss muss Präsident Alan García noch unterzeichnen.

Dass er das nicht tut, glaubt indes niemand: "Die Regierung hat sich von Doe Run erpressen lassen und das könnte Schule machen, denn schließlich zweifelt in Lima niemand daran, dass Alan García das Gesetz unterzeichnen wird", sagt Pollmann.

Doch der Freifahrtschein für die Umweltvergiftung genügt den Konzern-Bossen in den USA offenbar noch nicht. Sie legen es darauf an, dass die Lieferanten auf Forderungen in Höhe von 150 Millionen Dollar verzichten - oder der Staat mit Krediten einspringt. Ohne eine Regelung der Altschulden wollen die Lieferanten aber keine Erze zur Verhüttung liefern. "Damit steht die Wiederaufnahme der Produktion in den Sternen", erklärt Pollmann.

Für die Arbeiter in La Oroya wäre das ein Desaster, denn ohne die Hütte ist die Stadt kaum lebensfähig. Das weiß auch die Regierung und so wird in La Oroya bereits spekuliert, dass die Regierung Doe Run tatsächlich mit Krediten zur Seite springt. Ein Szenario, dass selbst dem nicht gerade als allzu kritisch bekannten Bergbauverband nicht passt. Dessen Präsident Hans Flury mahnte vor wenigen Tagen, dass Doe Run auf dem besten Weg sei aus dem Unternehmensverband ausgestoßen zu werden.

Ob das dem Milliardenschweren Doe Run-Besitzer Ira Rennert interessiert, bezweifelt Umweltaktivist Miguel Curi allerdings. "Letztlich ist die Regierung dafür verantwortlich, dass meine Kinder in La Oroya gesund aufwachsen können. Das ist nicht der Fall und deshalb klage ich vor dem Interamerikanischen Menschenrechtshof", kündigt der Umweltaktivist an. Das Urteil erwartet er in den nächsten 18 Monaten. Bis dahin wird er immer wieder auf den Schornstein blicken. Ob der dann raucht oder nicht, dass wird sich in den nächsten Wochen entscheiden.

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