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Zypern-Rettung: "Die Bürger müssen um ihr Geld fürchten"

Kleinsparer vor Geldautomaten: Unsichere Einlagen Zur Großansicht
AP/dpa

Kleinsparer vor Geldautomaten: Unsichere Einlagen

Erstmals müssen Bankkunden für die Rettung eines Euro-Landes zahlen - der Wirtschaftsweise Bofinger hält den Zypern-Plan für brandgefährlich. Im Interview warnt er vor Anlegerpanik in der Währungsunion. Sein Vorschlag: Nicht-Europäer sollten eine höhere Zwangsabgabe zahlen als EU-Bürger.

SPIEGEL ONLINE: Herr Bofinger, Zypern wird gerettet - und jeder zyprische Bankkunde muss sich beteiligen. Egal ob er Grieche ist oder Russe, egal ob er tausend Euro auf dem Konto hat oder zehn Millionen - ein Teil seiner Ersparnisse wird kassiert. Eine gute Strategie?

Bofinger: Die schlechtestmögliche. Die Beteiligung kleiner Sparer ist hochgradig gefährlich. Sie erschüttert das Vertrauen der Anleger auf dem ganzen Kontinent. Europas Bürger müssen nun um ihr Geld fürchten.

SPIEGEL ONLINE: Sie erwarten, dass Anleger in Spanien, Italien, Portugal und anderen Krisenländern ihre Konten plündern - weil auch ihnen bald die Teilenteigung drohen könnte?

Bofinger: Ja. Diese Angst wird nun geschürt. Spanier, Italiener und Portugiesen werden vielleicht nicht heute oder morgen zur Bank rennen. Aber sobald sich die Krise in einem Euro-Land verschärft, werden sich die Bankkunden dort an Zypern erinnern. Sie werden ihr Geld abziehen - und die Krise verschärfen.

SPIEGEL ONLINE: Die zyprische Regierung will diesen Panik-Effekt minimieren. Laut "Wall Street Journal" sieht ihr neuester Vorschlag nur noch eine dreiprozentige Zwangsabgabe für Kleinsparer vor.

Bofinger: Das würde nichts ändern. Wenn Sie in einem Haus wohnen, erwarten Sie doch auch 100 Prozent Sicherheit. Wenn Ihnen jemand sagt, "Ihnen könnten drei Prozent des Dachs einstürzen", dann wollen Sie da trotzdem nicht mehr wohnen.

SPIEGEL ONLINE: Die Euro-Retter sehen die Beteiligung der Kleinsparer als notwendiges Übel. Die Hilfen aus dem Rettungsfonds ESM werden auf Zyperns Staatsschulden draufgeschlagen. Ohne den Obolus der Bankkunden würde der Schuldenstand der Regierung untragbar.

Bofinger: Das Vertrauen der Anleger europaweit zu erschüttern kann dafür nicht die Lösung sein. Die Euro-Retter hätten notfalls echte Hilfen zuschießen sollen.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen: Zypern Geld schenken?

Bofinger: Am Ende ist es besser, eine Milliarde zur Rettung der Kleinsparer in Zypern in die Hand zu nehmen, als einen Zusammenbruch des Euro-Finanzsystems zu riskieren.

SPIEGEL ONLINE: Das wäre der Einstieg in die Transferunion - und ein mindestens ebenso großer Tabubruch. Griechenland, Portugal, Spanien und Co. wollen dann künftig auch Geld geschenkt.

Bofinger: Das ließe sich leicht vermeiden. Zypern ist ein Sonderfall, und das lässt sich auch so kommunizieren. Kein anderes Euro-Land in Südeuropa hat einen so aufgeblähten Finanzsektor. Und in keinem gibt es einen vergleichbaren Dominoeffekt der Euro-Krise. Zyperns Banken haben 22 Milliarden Euro an griechische Firmen und Privathaushalte verliehen und sehr hohe Verluste bei der Restrukturierung griechischer Staatsanleihen erlitten.

SPIEGEL ONLINE: Geldgeschenke für ein Krisenland sind dennoch kaum vermittelbar. Wie soll Finanzminister Wolfgang Schäuble dem deutschen Parlament erklären, dass man das Geld deutscher Steuerzahler an eine Regierung verschenkt, der ungenügende Kontrollen gegen Schwarzgeld vorgeworfen werden?

Bofinger: Solche politischen Versäumnisse gilt es so schnell wie möglich aufzuarbeiten. Aber es geht nicht in erster Linie um Zypern, sondern um die Frage, wie wir die Stabilität des Euro garantieren. Das ist auch im deutschen Interesse.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Bofinger: Nach der Wahl in Italien ist die Situation der Währungsunion wieder sehr labil. Ein Ende der Gemeinschaftswährung wäre für die deutsche Industrie der Super-GAU. Die Frage ist: Wie lässt sich der Euro möglichst kostengünstig stabilisieren? Wenn verunsicherte Anleger in ganz Europa ihre Konten plündern, wird die Rettung teurer, als wenn man die Mittel zur Rettung der kleinen Sparer in Zypern aufbringt.

SPIEGEL ONLINE: Die Beteiligung zyprischer Bankkunden dient noch einem anderen Zweck. Auf den Konten der Institute liegt viel Geld reicher Russen. Manche vermuten: viel Schwarzgeld. Die Teilenteignung der Anleger soll den Vorwurf entkräften, dass der ESM zum Russen-Rettungsschirm wird.

Bofinger: Auch dafür gäbe es eine bessere Lösung. Anleger bis 100.000 Euro sollten ihr Geld komplett behalten. Reichere Anleger sollten umso mehr zahlen. Ab einer Million Euro könnten 20 Prozent der Ersparnisse gepfändet werden, ab zehn Millionen Euro 30 Prozent. Auch könnte man rechtlich prüfen, ob sich Anleger aus dem europäischen Ausland stärker in die Pflicht nehmen lassen als EU-Bürger.

SPIEGEL ONLINE: Sie fordern eine höhere Zwangsabgabe für Russen als für Europäer?

Bofinger: Warum nicht.

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Das Interview führte Stefan Schultz

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1.
sfb 18.03.2013
Zitat von sysopAP/dpaErstmals müssen Bankkunden für die Rettung eines Euro-Landes bluten - doch der Wirtschaftsweise Bofinger hält den Zypern-Plan für brandgefährlich. Im Interview warnt er vor Anlegerpanik in der Währungsunion. Sein Vorschlag: Nicht-Europäer sollten eine höhere Zwangsabgabe zahlen als EU-Bürger. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/peter-bofinger-zur-krise-in-zypern-a-889448.html
Ich hab noch einen viel besseren Vorschlag: Niemand zahlt mehr irgendwas für irgendwen, sondern jeder behält einfach sein Geld!
2. Da blickt doch kein....
fritzlothar 18.03.2013
...Schwein mehr durch. Von uns Kleinbürgern gar niemand und von den sogenannten Experten auch kaum einer. Die einzigen, die wissen was läuft, das sind die Zocker. Daher können die auch alle und jeden an der Nase herumführen, zu ihrem, ausschließlich ihrem eigenen Vorteil. Die Politik ist längst machtlos, unterwandert von Lobbyisten. Unklar ist, ob Rösler, Westerwelle, Brüderle & Co schon Lobbyisten sind oder noch dümmste Politiker....
3. Selbstbeteiligung Zyperns -- oder die Rettung nach der Rettung ist vorprogrammiert
black-out 18.03.2013
Die ausgehandelten bzw. angeforderten Rettungskredite in Höhe von 10 Mrd. bzw. 17,5 Mrd. Euro stehen in keinem Verhältnis zur Wirtschaftsleistung der politisch geteilten Mini-Insel. Übertragen auf deutsche Wirtschaftsdaten, wäre es so, wie wenn Deutschland einen Rettungs-Finanzbedarf von 1500 Mrd. bzw. 2600 Mrd. Euro (2,6 Billionen Euro) hätte. Die Schuldenlast Zyperns aus der explodierenden Staatsverschuldung würde damit auf ca. 128 % bzw. 170 % des BIP katapultiert – zumal der Südteil schon jetzt mit über 70 % BIP verschuldet ist. Die Republik Zypern (Südteil) hat gerade mal 860.000 Einwohner und eine Größe von knapp 1/6 des Landes Baden-Württemberg. Welche Beweggründe hatte die Politik, diese Steueroase und ein Paradies für Schwarzgeld und Geldwäsche in die Eurowährung aufzunehmen – zudem eine geteilte Insel, in deren Nordteil die türkische Lira Landeswährung ist. Aus meiner Sicht eindeutiges Indiz für politischen Größenwahn und kurzsichtigen Aktionismus bei den Verantwortlichen auf allen EU-Ebenen, Einerseits wird erfolgreich versucht, die Schweiz als bisherige Steueroase trockenzulegen – anderseits hat die EU mit Zypern als Euroland ein Scheunentor für Fluchtgelder und Steuervermeidung geöffnet. Wo bleibt da der gesunde Menschenverstand ?? Im Falle der Kreditgewährung im gewünschten Umfange wäre es nur eine Frage der Zeit, bis die Republik Zypern Kandidat für einen Schuldenerlass a la Griechenland werden würde. Dies würde allerdings dann auch die Kredite aus dem Rettungsfond betreffen und abwerten. Zudem erschweren die Rettungskredite die Wiedervereinigung mit dem türkischen Norden der Insel, da die dort wohnenden 270.000 Einwohner wohl kaum für die Schulden des Südteils aus dem Banken-Roulett gerade stehen wollen. Sodann wäre es logisch am sinnvollsten, zuerst die Mitspieler, welche den zypriotischen Banken durch Einbringung von Kapital das Drehen eines großen Rades ermöglichten, an den Verlusten massiv zu beteiligen – und in 2. Linie mit Geldern aus dem Rettungsfond den Absturz der Wirtschaft durch gezielte Förderung werthaltiger Projekte zu vermeiden. Die bisherigen Rettungskandidaten Irland und Portugal und, außer Konkurrenz auch Island, konnte man durchaus noch als seriöse Antragsteller mit wirtschaftlichem Fundament und Perspektive betrachten. Die aktuell geplante Zypern Rettung sprengt aber jeglichen Rahmen einer gebotenen, angemessenen Verhältnismäßigkeit. Quellen für die Zahlen und Statistiken: Eurostat Offizielle Zahlen für 2012 sind noch nicht veröffentlicht BIP 2011: Zypern 17,979 Mrd Deutschland 2592,600 Mrd. Staatsverschuldung 2011: Zypern 12,777 Mrd Deutschland 2097,998 Mrd “ in % des BIP 2011: Zypern 71,1 % Deutschland 80,5 %
4. Der Euro bringt Wohlstand und Frieden(??)
Lenny10 18.03.2013
Zitat von sysopAP/dpaErstmals müssen Bankkunden für die Rettung eines Euro-Landes bluten - doch der Wirtschaftsweise Bofinger hält den Zypern-Plan für brandgefährlich. Im Interview warnt er vor Anlegerpanik in der Währungsunion. Sein Vorschlag: Nicht-Europäer sollten eine höhere Zwangsabgabe zahlen als EU-Bürger. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/peter-bofinger-zur-krise-in-zypern-a-889448.html
Wann erkennen die dümmsten denn endlich dass dies eine Totgeburt war und ist, und kehren diesem Wahnsinn endlich den Rücken? Europa ja, aber nicht mit allen Mitteln, dann lieber wieder alles zurück. Wenn man im Falle Zypern schon soweit denkt, dann sind auch bei uns die Konten nicht mehr sicher vor dem Zugriff...!
5.
Olaf 18.03.2013
Zitat von sysopAP/dpaErstmals müssen Bankkunden für die Rettung eines Euro-Landes bluten - doch der Wirtschaftsweise Bofinger hält den Zypern-Plan für brandgefährlich. Im Interview warnt er vor Anlegerpanik in der Währungsunion. Sein Vorschlag: Nicht-Europäer sollten eine höhere Zwangsabgabe zahlen als EU-Bürger. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/peter-bofinger-zur-krise-in-zypern-a-889448.html
Also wenn es Herrn Bofingers Absicht war irgendwie beruhigend zu wirken, dann muss ich sagen: Das ging nach hinten los.
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Zum Autor
DPA
Peter Bofinger gehört seit März 2004 dem Gremium der "Fünf Wirtschaftsweisen" an. Er hat Volkswirtschaftslehre in Saarbrücken studiert und promovierte dort 1984. Seit 1992 ist er Professor an der Universität Würzburg. In seinem aktuellen Buch "Ist der Markt noch zu retten?" beschäftigt er sich mit den Konsequenzen, die die Welt aus der Finanzkrise ziehen sollte. Mehr zu Peter Bofinger auf der Themenseite...



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