Pferdekrise in Irland Verhökert, vergessen, verhungert

In den Boomjahren leisteten sich viele Iren edle Pferde als Statussymbol - in der Krise werden die Vierbeiner zur Last. Manche Tiere werden einfach ausgesetzt und streifen herrenlos über die Insel. Ihnen droht im Winter ein qualvoller Hungertod.

Von Marco Evers


Wenn vor der Krise das Telefon klingelte, dann bedeutete das für Conor Dowling meistens, dass er wieder einen Hund oder eine Katze retten musste. So war es damals, in den guten Zeiten, als Irland noch der keltische Tiger war und so reich wie noch nie in seiner Geschichte, also bis vor fast drei Jahren.

Wenn jetzt das Telefon klingelt, dann ahnt der Tierschutzinspektor, dass er gleich den Anhänger anspannen kann. "Bei 70 Prozent der Anrufe geht es um ein Pferd", sagt Dowling. Dann steht wieder irgendwo ein Hengst auf der Kreuzung. Oder neben der Autobahn. Oder jemand sah sich auf seinem Grundstück plötzlich einem herrenlosen Rennpferd gegenüber.

"Wir haben ein gewaltiges Problem", sagt Dowling. Seine Ställe sind voll von Pferden, die keiner will. Es wird immer schwieriger, sie an neue Besitzer zu vermitteln. "Kaum einer wagt es laut zu sagen, aber wir werden viele dieser Tiere töten müssen."

Irland war einst chronisch arm, dann einen Moment wohlhabend und ist jetzt auf dem Weg in den Ruin. Das aktuelle Drama eines Staates auf der Kippe lässt sich auch erzählen am Beispiel der Pferde in Not.

Rund 20.000 Pferde könnten überflüssig sein

In den fetten Jahren haben die Iren es sich gut gehen lassen. Unternehmer überzogen die Insel massenhaft mit Neubauvierteln, manche flogen in eigenen Hubschraubern von Baustelle zu Baustelle. Dann kam der Crash. Jetzt stehen in sogenannten "Geistersiedlungen" mehr als 33.000 Häuser und Wohnungen leer, nagelneu und dennoch nicht verkaufbar.

Der Milliardenschaden, den Baulöwen und Banker verursacht haben, droht die Republik in den Abgrund zu reißen. Krisenmanager der EU und des Internationalen Währungsfonds IWF sind bereits eingeflogen nach Dublin. Sie nehmen den irischen Politikern das Zepter aus der Hand, härteste Sparmaßnahmen stehen an, über Jahrzehnte werden die Iren an den Folgen leiden.

Doch das ist nicht alles. Das Immobilien- und Schulden-Desaster hat eine bisher kaum beachtete Folge: Rund 20.000 Pferde, so schätzen Tierschützer, sind auf der Kriseninsel überflüssig geworden.

Manche von ihnen irren frei umher in der Landschaft, ausgesetzt von ihren Besitzern. Mitunter sind selbst Vollblüter darunter, die noch vor kurzem für die Galoppbahn ausgebildet wurden. Viele Tiere sind bei Leuten gelandet, denen es an Kompetenz, Platz und Geld fehlt. Andere stehen auf Weiden und sind viel zu mager für die Jahreszeit. Im kommenden Winter, so fürchten Tierschützer, droht eine Rekordzahl von ihnen zu verhungern.

Wie Galopper zu Spekulationsobjekten wurden

"Das Gras hat jetzt alle Nährstoffe verloren", sagt Orla Aungier, Managerin des Dubliner Tierschutzvereins DSPCA ("Dublin Society For The Prevention Of Cruelty To Animals"). Wenn ihnen niemand Heu gebe, bekämen die dürren Pferde in der nächsten Zeit so gut wie nichts mehr zu fressen. Drei Monate später seien sie tot.

Nahe Dublin sind im vergangenen Jahr 14 Pferde am Hunger gestorben; es war "ein furchtbarer Anblick", sagt Aungier. Allein ihre Organisation musste in diesem Jahr 49 Tiere erschießen oder einschläfern lassen, mehr denn je. Sie waren ausgezehrt, verletzt, krank oder sind misshandelt worden. Ein Pferd hat sie gefunden mit einer Wunde im Leib, aus dem ihm die Eingeweide herausquollen. In der Rezession, das ist für sie eindeutig, hat sich der Umgang der Menschen mit der Kreatur dramatisch zum Schlechten gewandelt.

Seit jeher pferdeversessen, haben die kaum 4,5 Millionen Iren ihren Wohlstand bis vor kurzem auch im Sattel gefeiert. Nirgendwo in Europa leben pro Kopf der Bevölkerung mehr Sport- und Freizeitpferde als hier. Hochgezüchtete Rennpferde kamen in die Hände normaler Bürger, denn sie wurden anteilsweise an Gruppen von Privatleuten verkauft, die hofften, so nebenher Geld zu verdienen. Galopper wurden zu Spekulationsobjekten wie Immobilien.

Lange ging das gut. Irische Züchter zählen zu den erfolgreichsten der Welt. Ihre besten Fohlen verkauften sie für bis zu eine Million Euro. Bauernhöfe verwandelten sich in Gestüte; Möchtegernzüchter produzierten Vollblut um Vollblut, wie Lottospieler in der Hoffnung, das nächste Los werde ein Gewinn sein.

Dann kam der Crash. Seither wird es eng in den Ställen. Nur die Top-Züchter reduzierten die Zahl der Geburten. Die übrigen machten zunächst ungerührt weiter - und jetzt, im Kollaps, können sie kaum noch Tiere verkaufen. Viele können sich daher nicht einmal mehr deren Unterhalt leisten. "Es ist eine Schande", sagt Tierschützerin Aungier. "Was hier passiert, gefährdet unseren Ruf als Pferdenation."

Auf einer Auktion Ende September zahlten reiche Ausländer zwar noch bis zu 300.000 Euro für Exemplare exzellenter Abstammung. Aber für die übergroße Mehrheit der zweit- und drittklassigen Pferde ist der Markt zusammengebrochen. Sie durchzufüttern, ist nicht finanzierbar. Für viele gibt es da nur einen Ausweg: Die überschüssigen Tiere müssen "auf humane Weise getötet und entsorgt" werden, zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie des University College Dublin (UCD).

Warum nur die bestversorgten Tiere geschlachtet werden

Sogar ein nationales Tötungsprogramm ist im Gespräch. Erwogen wird auch eine Amnestie für all jene überforderten Pferdebesitzer, die eklatant gegen die Tierschutzbestimmungen verstoßen. "Bis zu einem Stichtag könnten überzählige Pferde kostenfrei gekeult und beseitigt werden", berichtet der Autor der UCD-Studie, der Tierarzt Joe Collins. Noch allerdings sei nichts beschlossen - "obwohl offenkundig ist, dass hier sehr bald etwas geschehen muss".

Über 3000 Pferde hat allein eine Pferdeschlachterei in Kilkenny im vergangenen Jahr zu Fleisch verarbeitet, fünfmal so viele wie 2005. Drei weitere Betriebe haben bereits die Arbeit aufgenommen. Die Pferde-Steaks gehen vor allem nach Frankreich.

Doch geschlachtet werden dürfen nur die bestversorgten Tiere, deren Gesundheitszustand lückenlos dokumentiert ist. Ein falsches Medikament und schon gilt das Fleisch als "nicht verkehrsfähig". Anders als EU-weit vorgeschrieben, tragen die meisten irischen Pferde keine implantierten Microchips mit den wichtigsten Daten. So können ihre Überreste noch nicht einmal zu Hundefutter verarbeitet werden.

Und wegen der fehlenden Chips kann kaum jemand zurückverfolgt werden, der ein Pferd aussetzt. Entsprechend groß ist die Versuchung für manchen Eigentümer, denn es würde ihn rund 300 Euro kosten, ein Tier vom Veterinär töten und entsorgen zu lassen.

Tierschicksale stehen nicht auf der Tagesordnung

Doch Dublins Politiker haben derzeit größere Sorgen: Gerade erst haben sie Milliardenhilfen von den EU-Partnern beantragt. In der Folge muss die Regierung nun ein radikales Sparprogramm auflegen, das wohl Hunderttausende Iren ihre Jobs kosten wird. Die Regierungskoalition droht zu platzen. Der Staat Irland ist also in akuter Not - Tierschicksale stehen da in absehbarer Zeit nicht auf der Tagesordnung.

Erahnen lässt sich die Zukunft vieler irischer Pferde an Orten wie "Dunsink", einer nur scheinbar romantischen Wiese auf einem Hügel im Norden von Dublin. Rund 140 Ponys und gemischtrassige Pferde grasen hier friedlich neben der Autobahn.

Wer genauer hinschaut, erkennt: Der Hügel ist eine ehemalige Mülldeponie. Schrott liegt herum, das Gras wächst spärlich. Schweife und Mähnen vieler Pferde sind zu Klumpen und Matten verfilzt, die Hufe verwahrlost. Fohlen springen umher, mit geringen Chancen, den kommenden Hungerwinter zu überstehen.

Und das sind die Tiere, denen es vergleichsweise gut geht.

Tausche Pferd gegen Handy

In den Vororten von Dublin leben zwischen den Sozialbauten Tausende von zierlichen Stadtpferden, so viele wie noch nie. Angeleint grasen sie auf Bolzplätzen, auf öffentlichem Grün oder auf den Brachen zwischen leer stehenden Geisterhäusern. Die Kinder der Arbeitersiedlungen reiten sie ohne Sattel. Pferdebesitz gehört hier zur Tradition. Neu aber ist: Weil die Tiere so gut wie wertlos sind, werden sie auch so behandelt.

In Ballymun, dem elendsten Viertel von Dublin, liefern sich jugendliche Ghetto-Reiter spontane Rennen auf dem Asphalt. Andere hängen den Tieren zweirädrige Wagen an und peitschen sie zur Höchstgeschwindigkeit. "Flashing" nennen sie das. Ob die Gelenke der Tiere das Spiel überstehen, ist zweitrangig. Selten greift die Polizei ein.

Verschärft wird die Tierquälerei durch die Gesetze des Marktes. Denn es ist viel billiger, ein neues Pferd zu kaufen, als ein verletztes zum Tierarzt zu bringen. Auf Dublins Smithfield Market, jeden ersten Sonntag im Monat, werden Pferde gegen Handys eingetauscht. Oder verscherbelt ab 20 Euro.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand die Zwischenzeile "Mehr als 20.000 Pferde sollen auf der Kriseninsel umherirren". Dies ist falsch. Tatsächlich geht es um 20.000 Pferde, die nach einer Schätzung der Tierschutzorganisation DSPCA nicht mehr benötigt werden, weil viele Betriebe mit bis zu 200 Pferden seit dem Crash auf dem irischen Pferdemarkt kein Geld mehr einbrächten.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 142 Beiträge
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Seite 1
shokaku 23.11.2010
1.
Kennen die Iren keinen Sauerbraten?
archie, 23.11.2010
2. Antwort
Warum schlachtet man die nicht einfach und isst sie auf? Pferdefleisch schmeckt sehr gut. Und bevor hier Sentimentalitäten aufkommen: Schweine haben in etwa die Intelligenz von Dreijährigen und wir essen die zu Millionen.
Sapientia 23.11.2010
3. Das ist doch momentan völlig irrelevant ,...
Zitat von sysopIn den Boomjahren leisteten sich viele Iren edle Pferde als Statussymbol - in der Krise werden die Vierbeiner zur Last. Die Folge: Viele Tiere werden einfach ausgesetzt und streifen herrenlos über die Insel.*Ihnen droht im Winter ein qualvoller Hungertod. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,730403,00.html
im übrigen ist der Einfluss des Golfstroms dort so gross, dass die schon nicht erfrieren und verhungern werden - und wenn schon. Verschohnen Sie uns hier mit irgendwelchen infantilen Tierschutzattitüden in dem Moment, wo es wohl eher darum geht festzustellen, wer die Kriminellen dort sind, die es notwendig machen, dass jetzt 80 Milliarden Euro aus dem Ausland kommen sollen/müssen.
wilde Socke 23.11.2010
4. Lecker?
Pferde? Sonst keine Sorgen? Lecker Braten draus machen und gut is'! Andere Viecher werden schließlich auch zu Millionen umgebracht, damit im Supermarkt billiges Fleisch in der Kühltheke liegt. Die haben halt bloß eine schlechtere Lobby.
elbröwer 23.11.2010
5. abscheulich
In der Krise beweist sich wie zivilisiert eine Nation ist. Anstatt sie zu schlachten quält der Ire sie zu Tode.
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