Kriminalität 230 Pflegedienste unter Betrugsverdacht

Sonderermittler sind laut Berichten einem bundesweiten Netzwerk von Pflegediensten, Patienten und Ärzten auf der Spur, das Schäden in Höhe von einer Milliarde Euro pro Jahr verursachen könnte.

Tagespflegestätte (Symbolbild)
DPA

Tagespflegestätte (Symbolbild)


Rund 230 russisch-eurasische ambulante Pflegedienste stehen Berichten zufolge im Verdacht, in Deutschland ein System für Abrechnungsbetrug aufgebaut zu haben - teils bundesweit. Dabei seien nicht erbrachte Leistungen abgerechnet worden, berichten der Bayerische Rundfunk und die Zeitung "Die Welt" am Dienstag unter Berufung auf den Abschlussbericht einer Sonderermittlungsgruppe von Bundeskriminalamt und Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen.

Die ambulanten Pflegedienste sollen zudem Pflegedokumentationen gefälscht und nicht qualifizierte Pflegekräfte eingesetzt haben. Der mutmaßliche Betrug habe auf allen Ebenen stattgefunden - durch die Betreiber der Pflegedienste, durch Leistungsempfänger und Angehörige, durch Ärzte und Apotheken, heißt es in den Berichten. (Wie die Masche funktioniert, lesen Sie hier.)

Regionale Schwerpunkte der Pflegemafia seien Nordrhein-Westfalen und Berlin. Allein in diesen beiden Bundesländern hätten 141 verdächtige Unternehmen ihren Sitz. Weitere Fälle seien in Niedersachsen, Brandenburg und Bayern aufgedeckt worden.

Auch Geldwäsche und Glücksspiel?

Gut zwei Drittel der Einzelunternehmen seien über Netzwerke bundesweit miteinander verbunden. Den Angaben zufolge wurde das Netzwerk überwiegend von Berlin aus gesteuert und hat die Pflegekassen um hohe Summen betrogen. Den jährlichen Schaden nur im Bereich der Intensivpflege schätzen seriöse Anbieter wie die Deutsche Fachpflege Gruppe auf etwa eine Milliarde Euro.

Viele der beschuldigten ambulanten Pflegedienste und ihre Betreiber sollen auch in diverse andere kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen sein, darunter Geldwäsche, Schutzgeldzahlungen und Glücksspiel. Unter den ehemaligen Firmenbetreibern sollen sich auch Personen befinden, die von den Behörden als Auftragsmörder verdächtigt werden.

Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Karl Josef Laumann, kritisierte die Manipulationen scharf. "Gerade im Pflegebereich zu betrügen, finde ich besonders makaber", sagte der CDU-Politiker am Dienstag im SWR2-"Tagesgespräch". Pflege brauche aber einen Mittelweg: Es müsse so kontrolliert werden, dass Betrugsfälle aufgedeckt werden könnten - Familien und Pfleganbieter beschwerten sich andererseits aber über Bürokratie bei zu vielen Kontrollen.

ssu/AFP/dpa-AFX



insgesamt 49 Beiträge
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inmyopinion61 30.05.2017
1. Wo Gewinnmaximierung die Devise ist.
Bitte nicht vergessen: auch die völlig legale Betreibung der ambulanten oder stationären Pflege ist ein Geschäft, das auf Gewinne abzielt. Wenn dann noch die Lizenz zum Gelddrucken mangels Kontrolle ("da können wir sparen") erteilt wird, lockt das Kriminelle ab wie das Licht die Motten. Hut ab vor denen, die als Pfleger ehrliche Arbeit leisten. Was die Geldschneiderei zuviel bekommt, bekommen die Pflegekräfte zu wenig. Keine Anerkennung, keine gerechte Entlohnung, nur Mitleid.
Palmstroem 30.05.2017
2. Einladung zum Betrug
Es zeigt sich wieder einmal, dass eine Kontrolle so riesiger Summen wie im Gesundheitswesen fast unmöglich ist und zur Selbstbedienung einlädt. Abrechnungsbetrug ist ja nichts Neues im System, nur dass es hier um kriminelle Banden geht, die die Schwäche des Systems nutzen. Was kann man dagegen tun? Nichts, solange es den Patienten völlig egal ist, welche Kosten abgerechnet werden - er muss es ja nicht bezahlen. Selbst eine noch so geringe Selbstbeteiligung würde das ändern und Milliarden sparen und es kriminellen Machenschaften schwerer machen!
Braveheart Jr. 30.05.2017
3. Aha, die Pflegedienste ...
... stehen unter Verdacht. Offenbar schon länger, denn der "verwandte" Artikel ist vom 16.04.2016. Und was ist in dieser Zeit geschehen? NICHTS !! Dankeschön, meine Damen und Herren Politiker, genau so stelle ich mir eine aktive, energische, am Wohl des Wählers orientierte Gesundheits- und Innenpolitik vor!
gagagogotralafitti 30.05.2017
4. Seit Jahren bekannt
Der Spiegel berichtete schon vor Jahren von dem Problem und es ist fuer Leute, die in dem Bereich arbeiten, auch kein Geheimnis. Wenn es nur wenige Jahre dauert, den Betrug aufzuklaeren, war es wegen der Milliarde wohl nicht eilig.
mcafro 30.05.2017
5. zu #2 / #3
Im Grunde stimme ich Ihnen zu, ggf. würde es aber schon reichen, wenn mann die Abrechnungen auch als Kassenpatient sieht. Das sit zumindest bei normalen Behandlung nach meinem Wissen nicht so (ih jedenfalls sehe immer nur die Belege für die Dinge, die ich zuzahlen muss). Ein Kollege, privat versichert, hat mir mal die Abrechnung für eine Komponente/Leistung gezeigt, die aus einer einer leeren, normalen Wasserflasche mit einem Strohhalm bestand... :-) Andererseits aber steht im Artikel auch, dass es ein Netzwerk auf allen Ebenen war, also inkl. der vermeintlichen Patienten. Da hilft dann weder der Abrechnungsbeleg noch die Selbstbeteiligung (der ergaunerte Betrag ist sicherlich ausreichend höher, um eine SB wegzustecken). Traurig finde ich halt nur, dass a) jeder Vollhorst in der Lage ist, eine Organisation zu betreiben, die den Kontrollbehörden zumindest über einen längeren Zeitraum deutlich voraus ist, b) wie #3 zurecht geschrieben hat, es auch gefühlt keine Konsequenzen hat, wenn diese krim. Orgas auffliegen und c) wie überhaupt solche Summen abgehockt werden können. Ich vermute, man könnte mit ein wenig Statistik sich einen Überblick verschaffen, wo in welcher Zeit welche Abrechnungen/Beträge sich ungewöhnlich stark entwickelt oder gehäuft haben etc.
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