Ver.di-Erhebung Krankenhäusern fehlen 80.000 Pflegekräfte

Keine Pausen, Überstunden, spontane Einsätze: Alltag für viele Krankenpfleger. Laut einer Ver.di-Erhebung müssten Krankenhäuser das Personal um mindestens 22 Prozent aufstocken, um den Mangel abzustellen.

Krankenpfleger in Berliner Krankenhaus
DPA

Krankenpfleger in Berliner Krankenhaus


Es ist eine abwegige Vorstellung, doch sie veranschaulicht den Personalmangel treffend: Würden Pflegekräfte normal arbeiten - also mit vorgeschriebenen Pausen, ohne Überstunden und ohne spontane Einsätze an freien Tagen - müssten Stationen in Krankenhäusern jeden Monat eigentlich einige Tage schließen. Das ist das Ergebnis einer Ver.di-Erhebung unter rund 13.000 Beschäftigten in 590 Stations-Teams deutscher Krankenhäuser.

In diesem Monat wäre es demnach bereits am 25. Juni soweit. An diesem Tag haben die Pflegekräfte in Krankenhäusern rechnerisch ihre Arbeit für den gesamten Monat geleistet. Im Mai war das Ver.di zufolge bereits am 24. des Monats der Fall.

Insgesamt, so hat es die Gewerkschaft berechnet, müsste das vorhandene Pflegepersonal in den Krankenhäusern um 22 Prozent aufgestockt werden. In Zahlen entspricht das rund 80.000 zusätzlichen Pflegekräften. Dann könnten diese einerseits die Patienten gut versorgen und andererseits zu eigentlich normalen Bedingungen arbeiten.

Auf vielen Klinikstationen fehlt es am Nötigsten. Zu wenige Pflegekräfte müssen sich um immer mehr Patienten kümmern. Jetzt gibt eine Pflegerin Einblick in ein System, das für alle zur Gefahr wird.

Gegenwärtig gehe die drastische Unterbesetzung sowohl zulasten der Patienten als auch des Personals, sagte Ver.di-Vorstandsmitglied Sylvia Bühler. "Das System funktioniert nur, weil die Beschäftigten über ihre Belastungsgrenze gehen und mit hohem persönlichen Einsatz versuchen, den Personalmangel auszugleichen." Das Pflegepersonal werde "regelrecht verschlissen".

Für die von März bis Mai laufende Erhebung hatte Ver.di Pflegeteams gefragt,

  • wie die Schichtbesetzung für eine angemessene Versorgung der Patienten auf ihrer Station aussehen müsste,
  • wie viele Pflegerinnen und Pfleger dafür benötigt würden und
  • wie weit das tatsächlich vorhandene Personal reicht.

Zwar handelt es sich dabei nicht um eine repräsentative Erhebung nach wissenschaftlichen Standards, doch der Befund eines krassen Personalmangels in der Krankenpflege wird durch zahlreiche amtliche Daten gestützt. So beziffert das Bundesgesundheitsministerium die Zahl der nicht besetzten Stellen in der Krankenpflege im Jahr 2017 auf 10.814. Und das, obwohl die Kliniken bundesweit seit dem Jahr 1995 bereits 25.000 Pflegestellen gestrichen haben - bei steigenden Patientenzahlen.

Das liegt auch am System der Krankenhaus-Finanzierung in Deutschland, die die Kliniken unter enormen Druck setzt, Kosten zu sparen. Verschärft wird dies noch dadurch, dass die Bundesländer den Krankenhäusern im Jahr rund drei Milliarden Euro weniger zahlen, als sie eigentlich müssten.

Viele Pflegekräfte berichten von unannehmbaren Arbeitsbedingungen, die durch den Personalmangel entstehen - und von den Gefahren für Patienten. Auch Ver.di spricht davon, dass das fehlende Personal auf den Stationen nicht nur durch Überstunden und den Verzicht auf Arbeitspausen kompensiert werde, sondern auch durch "Weglassen von Leistungen gegenüber Patienten", "geringere Intensität der Überwachung des Zustands von Kranken" und "Vernachlässigung der Ausbildung".

Video: Pflegenotstand in Deutschland

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fdi/dpa/AFP

insgesamt 78 Beiträge
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Lorah 18.06.2018
1. Problem ist,
dass das Geld dafür irgendwo herkommen muss. Mal ganz ehrlich: Wer, der sich hier empört, ist bereit, wie viel mehr an die Krankenversicherung zu zahlen oder ein anderes Gesundheitssystem (Stichwort Beitragsbemessungsgrenze abschaffen, Bürgerversicherung, nur als Beispiel, hier gibt es bekanntlich viele weitere Modelle) zu akzeptieren? Das ist so, wie in der Altenpflege. Solange Gesundheitsdienste, wie andere kommerzielle Dienstleistungen (wie z. B. die Wartung von Software oder das Buchen von Fernreisen) behandelt werden, die im Wettbewerb miteinander stehen, wird es immer billiger werden müssen, bei gleichzeitig abnehmender Qualität. Ein Unding! Aber wer will das denn schon ernsthaft ändern? Die Patientenlobby wirft ja auch kein Geld ab und willige billige Arbeitskräfte gibt es noch genug.
uhahn 18.06.2018
2. Der Nutzen von Unternehmungsberatern
in sozial relevanten Bereichen des Lebens ist gleich Null. Erst wenn die Politclowns das begreifen geht es mit diesem Land wieder aufwärts. Es sieht also auch weiterhin nicht gut aus für die normalen Leute hier.
Spiegelleserin57 18.06.2018
3. Alles schon einigen Jahren bekannt!
Nichts tut sich. Hier könnte sich Herr Spahn Lorbeeren verdienen und seine Qualifikationen beweisen anstatt bei Frau Merkel zu intervenieren. Da sieht man keine Qualität! Die Angaben von Verdi sind richtig! Ich kenne diese miesen Arbeitsbedingungen nur zu gut. Der Staat hat sich aus der Verantwortung gestohlen und weite Teile des Gesundheitswesens privatisiert. Das sind nun die Folgen. In der U-Bahn lernte ich einen ausländischen Mann kennen, über 70 der als Pflegekraft mit einem Stundenlohn von 10,23€ eingearbeitet wird. Sind dies die Leute die Herr Spahn am Krankenbett sehen will?
xse 18.06.2018
4. Alle...
zahlen prozentual von ihrem Vermögen/ Gehalt ohne Deckelung in die Krankenkasse. Vielleicht würde das dann reichen um den Sozialstaat aufrecht zu erhalten. Eine der reichsten Familien Deutschlands sackt jährlich bis zu 1000000000€ nur an Dividende eines bayerischen Automobilherstellers ein. Davon gehen 25% an den Fiskus und nichts ins Sozialsystem. Jede Pflegekraft hat mehr Abgaben und muss dafür auch tatsächlich arbeiten. Zudem müsste man den Pfelegeberuf mit deutlich besseren Gehalt attraktiver machen. 80.000 Pflegekräfte warten nicht mal eben darauf jetzt eingestellt zu werden. Es gibt auch einfach nicht genug Menschen, die diese Arbeit machen wollen unter diesen Bedingungen.
SPONU 18.06.2018
5. Gerne würde ich für meine
....93 jährige Oma eine Pflegerin einstellen die sich ganztags um sie kümmert. Wohnraum wäre vorhanden. Ich konnte durch meine Tauchreisen auf die Philippinen dort Kontakte knüpfen und habe die freundliche und älteren Menschen gegenüber äusserst liebevolle Art kennenlernen dürfen. Gerne würde ich eine Fremde einstellen, eine Ausländerin. Sie nach Europa holen, ordentlich bezahlen, versichern und ihr eine Wohnung stellen. Geht nicht. Keine Chance. Sogar Besuchervisum ist fast ausgeschlossen.
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