Früherer FDP-Chef Was wurde aus Philipp Rösler?

Philipp Röslers Karriere als FDP-Chef und Vizekanzler endete weit früher als geplant. Nach einem Intermezzo beim Weltwirtschaftsforum arbeitet er nun beim chinesischen Konzern HNA. Der kann Imagepflege dringend brauchen.

Philipp Rösler am Abend der Bundestagswahl 2013
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Philipp Rösler am Abend der Bundestagswahl 2013

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Eigentlich hätte Philipp Rösler noch bis Februar Zeit gehabt - dann feiert er seinen 45. Geburtstag. In diesem Alter werde "Schluss sein mit der Politik", hatte Rösler einst als junger Gesundheitsminister verkündet. Die freiwillige Festlegung auf ein frühes Ende der Politkarriere sorgte für Aufsehen. Tatsächlich kam der Abschied aber noch viel schneller.

Denn im Herbst 2013 erreichte die FDP unter Röslers Führung ihren bisherigen Tiefpunkt. Erstmals in ihrer Geschichte verfehlten die Liberalen den Einzug in den Bundestag. Symbolfigur der Niederlage war Rösler, der am Wahlabend mit versteinerter Miene neben Spitzenkandidat Rainer Brüderle auf der Bühne stand.

Rösler trat als Parteichef ab, seine Zukunft schien ungewiss. Bei einem der letzten Auftritte als Wirtschaftsminister - es ging um das Herbstgutachten der Bundesregierung - wurde er nach seinen Zukunftsplänen gefragt. Die seien "nicht Gegenstand der Herbstprojektion der Bundesregierung", antwortete Rösler knapp. Er wirkte wie so oft gegen Ende seiner politischen Karriere: verkrampft.

Einen entspannteren Rösler erlebte, wer in den kommenden Jahren ins schweizerische Davos reist. Hier tagt ein Mal im Jahr das Weltwirtschaftsforum, das Rösler schon kurz nach dem Wahldebakel zu einem seiner Geschäftsführer berief. Der Ex-Politiker fiel weich, er war nun zuständig für Regierungskontakte und bezeichnete sich als "eine Art Chefdiplomat".

Tatsächlich traf Rösler nun mit vielen prominenten Politikern aus dem Ausland zusammen. Mit dem britischen Premier David Cameron stand er ebenso auf einer Bühne wie mit dem iranischen Außenminister oder dem philippinischen Gewaltpropagandisten Rodrigo Duterte. Im vergangenen Jahr befragte Rösler in Davos öffentlich Anthony Scaramucci, dessen politische Karriere als Kommunikationschef von Donald Trump noch viel kürzer ausfallen sollte als seine eigene.

Bei solchen Auftritten und in Hintergrundgesprächen lässt sich ahnen, warum der promovierte Mediziner einst eine steile Karriere in der FDP machte. Rösler ist selbstbewusst, für einen Spitzenpolitiker aber erstaunlich uneitel und selbstironisch. Damit erschien er zu Beginn seiner Karriere als interessante Alternative zum oftmals rechthaberischen Parteichef Guido Westerwelle.

Rösler mit OECD-Chef Angel Gurría in Davos (2014)
AP

Rösler mit OECD-Chef Angel Gurría in Davos (2014)

Als Rösler 2009 Landeswirtschaftsminister in Niedersachsen wurde, bezeichnete ihn der FDP-Ehrenvorsitzende Otto Graf Lambsdorff als "Hoffnungsträger". Nur zwei Jahre später löste er Westerwelle als Parteichef ab und wurde Vizekanzler. Von da an blieben ihm noch einmal gut zwei Jahre bis zum politischen Absturz. "Der Sommer ist schneller vorbei, als man denkt", heißt ein Lied von Udo Jürgens, zu dessen Fans Rösler zählt. Doch warum ging es in seinem Fall derart schnell?

Der gläubige Katholik wollte seine Partei auf einen "mitfühlenden Liberalismus" verpflichten. Der Begriff stammte vom damaligen Generalsekretär Christian Lindner, der zusammen mit Rösler und seinem Staatssekretär Daniel Bahr die "Boygroup" der FDP bildete. Altgediente Liberale konnten mit deren neuen Tönen jedoch wenig anfangen, Röslers Rivale Brüderle bezeichnete sie als "Säuselliberalismus".

Trotz neuer Slogans betrieb die FDP denn auch weiter traditionelle Klientelpolitik. So verantwortete Rösler als Gesundheitsminister das Einfrieren der Arbeitgeberbeiträge zur Krankenkasse - seitdem werden Kostensteigerungen nur noch von den Arbeitnehmern getragen. Mit vielen anderen Vorhaben scheiterte die FDP allerdings, darunter auch die ersehnten Steuersenkungen.

Rösler reagierte mit markigen Ansagen, die oft missglückten. Schlecker-Verkäuferinnen forderte der mitfühlende Liberale nach der Pleite auf, sich selbst um eine "Anschlussverwendung" zu kümmern. Als ihm mit Joachim Gaucks Nominierung als Bundespräsident ein Erfolg gegen Merkel gelang, verglich er die Kanzlerin mit einem Frosch. Haften blieb aber vor allem das Bild von Rösler als "Fipsi". Unter diesem Namen verspotteten ihn Satiresendungn als unreifen Mitarbeiter der Kanzlerin, der seiner Chefin wenig entgegenzusetzen habe. Auch frühere Mitstreiter wandten sich vom glücklosen Parteichef ab, Lindner schmiss schon Ende 2011 hin.

Philipp Rösler und Angela Merkel (2013)
DPA

Philipp Rösler und Angela Merkel (2013)

Er habe viel "über Menschen und Macht gelernt", sagte Rösler nach seinem Abgang. Auf Fragen zur FDP reagierte er nun schnell genervt. "Ich bin in einer neuen Rolle da", sagte er dem SPIEGEL 2014 über ein bevorstehendes Treffen mit der Kanzlerin für das Weltwirtschaftsforum. Und tatsächlich schien Röslers neue Rolle besser zu ihm zu passen.

Diplomatisches Auftreten, das Rösler in der Politik als Schwäche ausgelegt wurde, gehört für einen Davos Man ebenso zur Grundausstattung wie die FDP-typische Nähe zur Privatwirtschaft. Dass Rösler mit neun Monaten aus Vietnam adoptiert wurde, war in dem hochglobalisierten Forum dagegen völlig nebensächlich. In seiner Partei hatten manche Röslers Aussehen zu einem Problem für die Akzeptanz beim Wähler erklärt.

Vom Waisenhaus ins Flüchtlingsheim

In Davos kam Rösler auch in Kontakt mit dem chinesischen Mischkonzern HNA, er gehört zu den Sponsoren des Forums. Anfang November wurde bekannt, dass der Ex-Minister künftig eine neue, gemeinnützige Stiftung des Unternehmens leiten wird.

Ging Rösler, weil er vergeblich auf die Nachfolge von Forumsgründer Klaus Schwab hoffte? Aus seinem Umfeld ist eine andere Begründung zu hören: Den neuen Job könne Rösler vom deutschsprachigen Zürich aus erledigen. Dort habe seine Frau, mit der Rösler neunjährige Zwillingstöchter hat, als Ärztin bessere Karrierechancen als im französischsprachigen Genf, wo das Weltwirtschaftsforum seinen Sitz hat.

Ein Schwerpunkt seiner künftigen Arbeit liege in Flüchtlingslagern, erzählte Rösler dem "Handelsblatt". Hat ihn auch die eigene Biografie zu der Aufgabe motiviert? Als Politiker wich Rösler solchen Fragen oft aus, verweigerte sogar einmal die Freigabe eines Interviews mit der "taz", die ihn offensiv zu Rassismuserfahrungen befragt hatte. Jetzt sagte er: "Als jemand, der als Kind in einem Waisenhaus in Vietnam aufwuchs, jetzt diese Arbeit übernehmen zu können - das ist schon was."

Für HNA allerdings ist Rösler weniger wegen seiner Herkunft als wegen seiner Regierungskontakte interessant. Der Konzern ist seit Jahren auf Einkaufstour und hat sich unter anderem Anteile an der Deutschen Bank gesichert. Doch es ist unklar, wer wirklich hinter HNA steht und wie die finanzielle Lage des Konzerns ist. Verschiedene Behörden ermitteln, darunter auch die deutsche Finanzaufsicht BaFin. In solch einer Lage kann es zur Vertrauensbildung nicht schaden, einen ehemaligen Vizekanzler zu verpflichten.

Röslers neuer Job könnte damit schneller wieder politisch werden, als ihm lieb ist. "Wir haben direkt nichts damit zu tun", sagte er dem "Handelsblatt" zu Unternehmensstruktur und Finanzlage von HNA. Und auf die Frage, was er von der Beteiligung an der Deutschen Bank halte: "Ich konzentriere mich auf die Aufgaben, die wir uns mit der Stiftung vorgenommen haben." Das klang schon fast wieder so schmallippig wie am Ende von Röslers FDP-Karriere.

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Knackeule 08.01.2018
1. Was wurde aus Philipp Rösler?
Wer will das wissen, wen interessiert das ? Doch keine Sau !
Newspeak 08.01.2018
2. ...
"Bei solchen Auftritten und in Hintergrundgesprächen lässt sich ahnen, warum der promovierte Mediziner einst eine steile Karriere in der FDP machte. Rösler ist selbstbewusst, für einen Spitzenpolitiker aber erstaunlich uneitel und selbstironisch." Ja, das ist der Grund...oder aber, dass er ein gnadenloser Opportunist und Karrierist ist...aber nein, doch nicht, es wird schon die fehlende Eitelkeit sein und die Selbstironie.
duplomat 08.01.2018
3. weich gefallen
ist gar kein Ausdruck: https://en.wikipedia.org/wiki/HNA_Group Hier wird dem angenehm selbstironische Spitzenpolitiker gewiss viel Gelegenheit für seine Chefdiplomatie geboten.
forky 08.01.2018
4. Bei Beckmann
Ich werde nie vergessen, wie der kleine Fips bei Beckmann staunend neben Professor Hörmann saß. Dem Steuerzahler wurde live zu bester Sendezeit vorgeführt, dass der amtierende Bundeswirtschaftsminister keine Ahnung von den wichtigsten Grundlagen der Geldpolitik hat.
dieter_huber 08.01.2018
5. SPON kann auch nicht über seinen Schatten springen
warum diese dümmlichen Bosheiten? Und sich dann über schmale Lippen echauffieren. Mit seiner Politik konnte ich nichts anfangen, aber als Mensch wirkt er auf mich sehr sympathisch. Wer weiss, vielleicht wechselt er die Partei und kommt noch zu sich?
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