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Dubiose Angebote: Armutsrisiko private Krankenversicherung

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"Bereits ab 59 Euro privat versichern" - solche Anzeigen führen nicht Sie zum Glück, sondern nur die Vermittler. Auch wer sich früher mit günstigen Tarifen hat locken lassen, dem droht heute Armut. Aber es gibt Auswege.

Patient bei Untersuchung: Die meisten Bürger sind inzwischen gewarnt Zur Großansicht
Corbis

Patient bei Untersuchung: Die meisten Bürger sind inzwischen gewarnt

Anfang der Woche fand auch ich eine dieser Anzeigen bei der Google-Suche nach einer privaten Krankenversicherung: "Bereits ab 59 Euro können Sie sich privat krankenversichern. Und das mit erheblich besseren Leistungen als bei einer gesetzlichen Krankenkasse."

Die Anzeige führt in die Irre. Vor Monaten schon hatte der Verband der privaten Krankenversicherung versichert, dass es überhaupt keinen Vertrag gebe, mit dem man sich für 59 Euro privat krankenversichern könne.

Die Anzeigen werden nicht von den Versicherungen selbst geschaltet, geworben wird auf zahlreichen Websites im Internet: Wer bei Google "PKV" für private Krankenversicherung eingibt, kann sich schnell ein Bild machen. Das Ziel der Anzeigen ist oft gar nicht, potenziellen Kunden guten Versicherungsschutz zu vermitteln. Die Inserenten sammeln nur die Adressen von Interessenten ein und verkaufen diese an Versicherungsvermittler weiter. Der Marktwert einer solchen Interessentenadresse in der Versicherungsbranche kann schon mal bis zu hundert Euro betragen.

In manchen dieser Anzeigen werben Adresshändler sogar mit den Logos großer Krankenversicherer wie DKV, Axa und Allianz. Warum die Versicherer denen das durchgehen lassen, ist mir unverständlich.

Die Situation kann finanziell schnell prekär werden

Die meisten Bürger sind zum Glück inzwischen gewarnt. Sie haben begriffen: Die private Krankenversicherung ist ein Modell für Beamte und für Menschen mit einem dauerhaft sehr hohen Einkommen oder Vermögen. Sie klicken erst gar nicht auf die Anzeigen.

Doch die privaten Krankenversicherer ließen in den vergangenen drei Jahrzehnten ihre Vertriebsmannschaften stets die frohe Kunde verbreiten: Besser versichert sein als in der gesetzlichen Kasse und das auch noch preiswerter. Von 59 Euro war zwar damals nicht die Rede, ihr Ziel fanden sie trotzdem: Vor allem junge Männer und Frauen, denen der Versicherungsschutz zunächst für niedrige Preise angeboten wurde.

Wer aber vor 20, 30 Jahren auf die Werbung hereinfiel und in jungem Alter einen vermeintlich günstigen privaten Vertrag abgeschlossen hat, steht inzwischen nicht selten vor einem ernsten Problem, weil er jetzt nicht über das hohe Einkommen oder Vermögen verfügt und den Versicherungsschutz kaum mehr bezahlen kann.

Die Situation kann finanziell schnell prekär werden. Immer wieder haben wir mit privat Versicherten zu tun, deren Einkommen vor und in der Rente gerade vierstellig ist, deren Krankenversicherung aber leicht zwei Drittel dieses Einkommens auffrisst. Von selbstständigen Freiberuflern, die in der Rente mehr als tausend Euro im Monat für den Versicherungsschutz zahlen ganz zu schweigen. Was können solche Versicherten tun?

Sie haben zwei aussichtsreiche Möglichkeiten:

  • Sie haben das Recht, bei ihrem Versicherer von einem teuren zu einem preiswerteren Tarif zu wechseln. Einige hundert Euro Ersparnis im Monat sind dabei manchmal drin. Weil dieser Wechsel viele Fallstricke birgt und die Fülle an Zieltarifen schwer zu überblicken ist, sollten sich Wechselwillige von einem seriösen Versicherungsberater helfen lassen (nicht von einem Makler!). Der Wechsel zu einem anderen privaten Versicherer ist hingegen in der Regel mit finanziellen Verlusten verbunden.
  • Falls sie noch nicht 55 Jahre alt sind und als Angestellte wenig genug verdienen oder Arbeitslosengeld I beziehen, können sie zudem zurück in die gesetzliche Krankenkasse. Die berechnet die Beiträge nach ihrem Einkommen. Wer wenig Geld hat, zahlt also auch wenig. Freiwillige Einzahlungen in eine betriebliche Altersvorsorge können zum Beispiel das Bruttogehalt unter die magische Versicherungspflichtgrenze drücken.

Bietet beides keinen Ausweg, bleibt als Notlösung noch der Standardtarif sowie der vom Gesetzgeber vor einigen Jahren geschaffene Basistarif. Diese bieten Leistungen der gesetzlichen Kasse und sind vom Beitrag her meist ein Schnäppchen für die Betroffenen. Der Nachteil: In diesen Tarifen bleiben Versicherte regelmäßig auf einem erheblichen Teil der Rechnung sitzen.

Manchmal fragt man sich, warum Privatversicherte nicht schon aus Sorge um ihre wirtschaftliche Existenz schwer krank werden.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Das Onlineportal ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 317 Beiträge
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1. Trotzdem die bessere Lösung
emporda 18.10.2014
Wir haben ab 2003 eine Krankenversicherung mit einer provaten Klinik. Sie deckt alle Arztkosten bei etwa 60 Sezialist sowie Operationen und Klinikaufenthalt. Wir zahlen zusätzlich fürs Naterial und 28 €/Tag Zuschlag fürs Einzelzimmer mit Gästebett Die Versicherung kostete 2003 28 €/Monat/Person, inzwischen sind es 51 €. Dazu muss man sagen, wir leben in Spanien
2.
spacyface 18.10.2014
Ein weiterer Ausweg ist, sich den Arbeitgeber Beitrag abdecken zu lassen. Dieser ist für ein paar Euro zu bekommen und deckt bis zu 300€ im Rentenalter ab. Aber hierzu muss man halt frühzeitig denken und nicht erst zum heulen anfangen wenn es zu spät ist.
3. Danke für den Beitrag
ichsagwas 18.10.2014
... ich hoffe SPON klärt auch künftig auf und wehrt sich gegen die Einflussnahme der Versicherungslobby. Die werden sich bald melden und garantiert protestieren. Nicht nur Krankenversicherungen machen unseriöse Dinge.
4. Da..
pieterbruegel 18.10.2014
..gibt es noch eine 3.Möglichkeit.Wenn man die Abzocker Beiträge nicht mehr zahlen kann,die Rechnung einfach an die FDP weiter leiten,mit der Bitte um Begleichung wg.des sog.Verursacher Prinzip!
5. nicht fair...
mk1966 18.10.2014
... so auf der pkv humzuhacken und den pkv-versicherten Angst zu machen. ich bin kein spitzenverdiener aber froh,pkv zu sein. allein eine sehr aufwändige Zahnwurzel Behandlung letzten Monat hätte mich als gesetzlicher mehrere tausend Euro gekostet. da relativieren sich höhere Beiträge im alter ganz schnell wieder!! Gnade allen gesetzlichen, wenn sie mal richtig krank werden... ich jedenfalls muss keine drei Monate warten, bis ich einen Termin beim Facharzt oder in der Klinik bekomme...
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Die größten privaten Krankenversicherungen
Unternehmen Mitglieder
Debeka 2.186.111
DKV 899.885
Axa 756.128
Allianz 683.008
Central 494.368
Signal 471.871
Continentale 386.975
HUK-Coburg 385.664
Bayerische Beamtenkasse 380.402
Barmenia 306.344
Quelle: Versicherungsjournal.de

Vollversicherte, Stand: 2011

Chronologie der Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.
2009: Das Krankenhausfinanzierungsgesetz wird umgestellt
Die Finanzierung der Länder für Investitionen, die mit dem Krankenhausfinanzierungsgesetz 1972 eingeführt worden ist, wird auf leistungsbezogene Investitionspauschalen umgestellt. Dazu wird ein Orientierungswert eingeführt und die Anbindung an die Grundlohnsumme abgelöst. Der Orientierungswert berücksichtigt die Kostenstrukturen der Krankenhäuser.
2011: Neue Medikamente werden grundlegend geprüft (AMNOG)
Die Preisgestaltung für neu auf den Markt kommende Medikamente ändert sich mit dem Arzneimittelneurordnungsgesetz (AMNOG) grundlegend. Ein Pharmahersteller kann die Preise für patentgeschützte Medikamente zwar zunächst wie bisher frei festsetzen. Spätestens drei Monate danach muss er allerdings den medizinischen Zusatznutzen seines Medikamentes im Vergleich zu bereits auf dem Markt befindlichen Mitteln nachweisen. Ergibt sich kein Zusatznutzen, unterliegt das Medikament der Festbetragsregelung, bei einem nachgewiesenen Zusatznutzen muss der Pharmahersteller spätestens innerhalb eines Jahres nach Markteinführung mit dem GKV-Spitzenverband Preisverhandlungen führen. Grundlage für die Preisverhandlung ist eine Kosten-Nutzen-Bewertung des Medikamentes, die der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) oder in seinem Auftrag das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erstellt.
2011: Der Beitragssatz steigt - das GKV-Finanzierungsgesetz
Diese Reform spüren vor allem die Versicherten: Der Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung steigt um 0,6 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Davon zahlen die GKV-Mitglieder 8,2 Prozentpunkte, die Arbeitgeber 7,3 Prozent. Der Arbeitgeberbeitrag wird bei diesem Beitrag eingefroren. Künftige Ausgabensteigerungen sollen über Zusatzbeiträge finanziert werden, die die GKV-Mitglieder allein zu tragen haben. Kann eine Kasse ihre Kosten nicht mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds decken, muss sie - wie bisher - einen Zusatzbeitrag erheben. Die Höhe des Zusatzbeitrages ist künftig nicht mehr limitiert.
2012: Das GKV-Versorgungsstrukturgesetz
Dieses Gesetz stellt dem Gemeinsamen Bundesausschuss der Krankenkassen und Ärzte weitere Aufgaben: Neue Behandlungsmethoden sollen auf ihren Nutzen hin überprüft werden, ohne sie in dieser Zeit der Patientenversorgung vorzuenthalten. Der GBA kann künftig neue nichtmedikamentöse Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zeitlich begrenzt und unter kontrollierten Bedingungen erproben, um über eine eventuelle Aufnahme in den Leistungskatalog entscheiden zu können. Ebenfalls im Paket enthalten: Fachärzte werden verpflichtet, gesetzlich Versicherten angemessen und zeitnah Behandlungstermine anzubieten. Seit dem GKV-VStG können Versicherte auf Antrag von ihrer Krankenkasse eine Kostenaufstellung der in Anspruch genommenen ärztlichen und verordneten Leistungen in einem Zeitraum von mindestens 18 Monaten vor Antragstellung erhalten.


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