Große Koalition Die Riester-Rente stirbt schleichend

Union und SPD wollen Milliarden in die gesetzliche Rente pumpen, für die Förderung der Riester-Rente haben sie nichts übrig. Die Privatvorsorge bleibt das Stiefkind deutscher Sozialpolitik. Experten fordern eine Radikalreform: einen staatlichen Pensionsfonds.

Wohin mit den Spargroschen? Private Altersvorsorge verliert an Attraktivität
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Wohin mit den Spargroschen? Private Altersvorsorge verliert an Attraktivität


Hamburg - Ein Kompromiss, so scherzte Wirtschaftswunder-Minister Ludwig Erhard einst, sei die Kunst, einen Kuchen so zu teilen, dass jeder glaubt, er habe das größere Stück bekommen. Beim Rentenkompromiss der Großen Koalition war solche Kunstfertigkeit gar nicht nötig. Mit den rund 14 Milliarden Euro, die Schwarz-Rot zusätzlich ausgeben will, gibt es genug Kuchen für alle.

Doch zwischen Lebensleistungsrente, Mütterrente und all den übrigen Wohltaten für den einen Teil der Versicherten auf Kosten des anderen Teils droht der Gedanke der privaten Vorsorge abhanden zu kommen. Den dringenden Reformbedarf gerade bei der sogenannten Riester-Rente will die Große Koalition offenbar auf die lange Bank schieben.

Politisch ist mit der Riester-Rente wenig zu gewinnen

Michela Coppola, Rentenexpertin am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik, ist deshalb "sehr irritiert" von den Beschlüssen. Die Politik setze voll auf die gesetzliche Rente, die Riester-Rente wird im Koalitionsvertrag praktisch nicht erwähnt. "Den Menschen wird signalisiert, dass sie nicht mehr privat vorsorgen müssen."

Dabei könnte Privatvorsorge das Problem gerade für Einkommensschwache lindern: Für sie legt der Staat im Extremfall mehr als 2,50 Euro für jeden aufs Rentenkonto eingezahlten Euro drauf. Wer dieses Geld nicht gerade für die Verwaltungskosten eines besonders schlechten Riester-Vertrages verplempert, kann selbst bei den aktuellen Niedrigzinsen ganz ordentliche Beträge zurücklegen.

Vielleicht ist es der Fluch des fremden Namens: Die Zusatzrente bleibt untrennbar mit ihrem Erfinder, dem früheren Sozialminister Walter Riester, verbunden. Politisch ist für seine Nachfolger mit einer Reform wenig zu gewinnen. Warum das unpopuläre Projekt eines Polit-Rentners retten, mit Geld aus dem eigenen Etat? Riesters Nachfolger gleichen den bösen Stiefeltern, die das fremde Kind zwar dulden, aber links liegen lassen: Aschenputtel Riester-Rente.

Gemessen an dem Betrag, den ein Durchschnittsverdiener in seinen Riester-Vertrag einzahlen muss, ist der reale Wert der Zulage seit 2002 inflationsbedingt um mehr als ein Drittel gesunken. In der bevorstehenden Legislaturperiode geht es wohl so weiter.

Opfer der Inflation: Der reale Wert der Riester-Zulage sinkt seit Jahren
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Dabei wären Maßnahmen, die private Vorsorge wieder attraktiver zu machen, dringend nötig: Seit Jahren schon werden weniger Neuverträge abgeschlossen, im ersten Halbjahr sank sogar die Zahl der bestehenden Riester-Versicherungen. Der Aktienboom, von dem Riester-Sparer über Fonds profitieren könnten, geht an den meisten Deutschen vorbei. Gleichzeitig läuft ihnen die Zeit davon, um ein Finanzpolster fürs Alter aufzubauen: Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung sind die Deutschen so alt wie kein anderes Volk in der EU.

Allein schuld an der Riester-Faulheit ist die Politik nicht: Die Zinsen auf die Super-Sicher-Sparprodukte, die die meisten Deutschen bevorzugen, sind so mies wie nie. Und mit intransparenten und teilweise absurd teuren Angeboten haben manche Versicherer dem Volk der Sparer das Sparen fürs Alter verleidet.

Selbst Riester-Kritiker halten die Politik für falsch

Dass sich auch die Politik von der Privatvorsorge abwendet, müsste Riester-Kritiker wie Axel Kleinlein eigentlich freuen. Der Chef des Bundes der Versicherten (BdV) hält die meisten Riester-Verträge für Abzocke. Doch auch Kleinlein kann den Plänen der Koalition wenig abgewinnen: "Bei Riester brauchen wir eine Radikalreform, kein Weiter-so, wie es die Große Koalition plant", sagt der BdV-Vorsitzende.

Kleinlein schlägt vor, dass der Staat selbst einen Pensionsfonds gründet, statt das Geschäft den Versicherern zu überlassen. Wie bei Riester könnten dann Menschen auf individuellen Konten Geld fürs Alter zurücklegen. Doch weder einen Neustart noch die Verbesserung der bisherigen Angebote hat sich Schwarz-Rot für die nächsten vier Jahre vorgenommen.

Ganz vergessen haben Union und SPD die Privatvorsorge in ihrem Vertrag aber nicht. Statt einer Reform planen sie Riester-Förderung durch die Hintertür: Die Lebensleistungsrente von rund 850 Euro, die Geringverdiener vor der Altersarmut schützen soll, erhält nur, wer privat vorgesorgt hat.

Überzeugt ist von dieser Billiglösung aber niemand: "Zwangsriestern für Geringverdiener" nennt Kleinlein den Plan empört. Und Ökonomin Coppola glaubt schlicht nicht, dass die Rechnung aufgehen wird: "Die, die heute schon privat vorsorgen, brauchen keine Mindestrente. Und die, die sie bräuchten, sorgen nicht vor."

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mxmx 02.12.2013
1. Gehört in die gesetzliche Rente integriert
In Norwegen (Schweden?) ist eine guthabenbasierte Rente in die gesetzliche Rente integriert: Falls man nicht per Opt-Out die Anlage in die eigene Hand nimmt, wird das angesparte Vermögen kostengünstig von der gesetzlichen Versicherung angelegt. Ohne abzockende Versicherungen und Banken dazwischen. Außerdem hat dadurch wirklich jeder diese Rentenkomponente. Aber sowas simples bekommt man in Berlin ja nicht auf die Reihe. Abgesehen davon: Neulich ein Vergleich in den Nachrichten: Rente in den Niederlanden: 89% vom letzten Lohn, Deutschland 45% (oder waren es 49%?). Offensichtlich können die das doppelt so gut wie unsere Regierung.
Roueca 02.12.2013
2. Aha, nun soll das Kind...
Zitat von sysopDPAUnion und SPD wollen Milliarden in die gesetzliche Rente pumpen, für die Förderung der Riester-Rente haben sie nichts übrig. Die Privatvorsorge bleibt das Stiefkind deutscher Sozialpolitik. Experten fordern eine Radikalreform: einen staatlichen Pensionsfonds. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/plaene-der-grossen-koalition-fuer-rente-vernachlaessigen-private-vorsorge-a-936115.html
mit einem neuen Namen in die Welt gesetzt werden, damit man die gesetzliche Rente weiter senken kann um einen -Pensionsfond- zur Geburt zu verhelfen, wo der dumme Bürger einzahlt und das Geld dann anderweitig veruntreut wird. Ist das alles was die Politik und Presse den Bürgern zu bieten hat? Fonds -Riestern ? Warum wird dieses Geld nicht in die Gesetzliche einbezahlt und dort gelassen? Warum? Warum werden die Arbeitnehmer bestohlen um dann lautschreiend zu verkünden die Rente ist tot? Ist doch klar, wenn in A nicht mehr genügend einbezahlt wird, dann sinkt die Auszahlung, weil das Geld mit Betrug nach B umgeleitet wird und da muß dann der Arbeitnehmer ohne Arbeitgeber dafür aufkommen - denn das ist das Ziel, eine Rentenversicherung ohne Arbeitgeberanteil, allein vom Arbeitnehmer bezahlt.
SchmidtPe 02.12.2013
3. Warum kein Staatsfonds?
Wenn ein geringer Teil der Rentenbeiträge in internationalen Unternehmen investiert würde, könnte das die Altersrenten stabilisieren. Interessanterweise machen das Staaten wie Norwegen oder Quatar. Dann braucht man keine teuren Versicherungen abzuschließen.
malu501 02.12.2013
4. Riestern für Niedrigverdiener Schwachsinn
Riestern lohnt sich also besonders für Niedrigverdiener. Woher nehmen Sie diesen Unsinn? Sie sollten sich besser informieren, Herr Demling! Ich erkläre Ihnen das kurz. Lassen Sie einen Niedriglöhner riestern, hat er davon rein gar nichts. Er sieht von seinem eingezahlten Geld keinen Cent wieder. Denn den Niedriglöhner erwartet nicht mehr als die Mindestrente. Und bekanntlich wird die Riesterrente in diesem Fall mit der Mindestrente verrechnet. Und der Niedriglöhner bekommt dann, sie ahnen es, trotz riestern nur seine Mindestrente. Diese besteht zwar jetzt zu einem Teil aus seiner Riesterrente, dafür kürzt ihm Vater Staat seine Mindestrente in genau der Höhe der Rieserrente. Genau so, als hätte er nicht geriestert, bekommt er also seine Mindestrente. In diesem Fall hat der Staat mit seinem Zuschuss nur der Versicherung die Taschen gefüllt. Die Riesterrente gehört aus diosem Grund komplett abgeschafft. Sie ist und war ein Zögling der Versicherungswirtschaft.
hajo58 02.12.2013
5. optional
Lassen Sie mich einmal eine einfache, provokante Rechnung aufmachen: Angenommen ein 25 jähriger spart jeden Monat 100€ auf seinem Girokonto. Demnach hat er 12 x 40 x 100 = 48.000€ wenn er 65 Jahre alt ist. Er bekommt keine Zinsen, keine Zuschüsse vom Staat und muss aber auch keine Steuern zahlen. Wenn die besagte Person dann 200€ pro Monat verbraucht, reicht es bis zu 85 Lebensjahr. Auch dann, im Rentenalter, muss dafür keine Steuer gezahlt werden. Bei einer Riester-Rente kommt auch nicht mehr im Monat heraus und es muss, was viele gar nicht wissen, auch noch Steuern gezahlt werden. Fazit: Riester-Renten haben noch nicht einmal „Kopfkissenqualität“! Denn Reibach machen Banken, Versicherungen ...
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