Plastikmüll im Ozean Marcella Hansch will das Meer retten

Bis zu 13 Millionen Tonnen Plastikmüll landen jedes Jahr im Meer. Die Aachener Architektin Marcella Hansch hat einen Apparat entwickelt, der die Ozeane davon befreien könnte. Geplant war das allerdings nicht.

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Marcella Hansch hat Angst vor Fischen und taucht trotzdem gern. Wenn ihr Fische entgegenkommen, atmet sie schneller, und die Sauerstoffflasche leert sich rasch. Bei einem Tauchgang vor den Kapverden im Atlantischen Ozean war es 2013 jedoch kein Fisch, der sie erschrecken ließ, sondern eine Plastiktüte. Das brachte Hansch auf die Idee für ihr Abschlussprojekt an der Universität - und ein Konzept, das eines der größten Umweltprobleme lösen könnte.

Hansch studierte damals Architektur in Aachen und war nach eigenen Angaben keine besonders gute Studentin. Die Begegnung unter Wasser hinterließ einen bleibenden Eindruck. Jedes Jahr landet tonnenweise Plastik als Müll im Meer, weiß die 31-Jährige. "Wenn das so weitergeht, gibt es bis 2050 mehr Plastik als Fische in den Ozeanen", sagt sie. Für ihr Abschlussprojekt wollte sie eine Plattform konzipieren, die Plastikmüll aus dem Wasser filtert. "Ich wollte etwas machen, was mir richtig Spaß macht", sagt sie. Umgesetzt werden die Abschlussprojekte in der Regel allerdings nicht.

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Bei Hanschs Projekt ist das anders. Mittlerweile arbeitet ein ganzes Team daran, dass es realisiert wird. Ihr Konzept sei einfach zu schade gewesen, um nach dem Studium in einer Schublade zu verschwinden, so Hansch.

Die Plastikschwemme ist tatsächlich eines der größten Umweltprobleme unserer Zeit. Zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll landen nach Angaben von Meeresforschern jedes Jahr in den Weltmeeren. Plastik ist nur schwer oder gar nicht abbaubar. Eine einfache Plastiktüte beispielsweise hat eine Lebensdauer von etwa zwanzig Jahren, eine Plastikflasche hingegen überdauert schätzungsweise 450 bis 500 Jahre im Meer. Die Verschmutzung der Meere wirkt sich negativ auf das Ökosystem aus - und auch auf den Menschen.

Durch Salzwasser, Sonnenlicht und Erosion wird Plastikmüll zu winzigen Teilen zerkleinert. Diese Mikroplastikteilchen - maximal fünf Millimeter lang - werden über die Nahrung von Fischen aufgenommen und so schließlich auch vom Menschen.

Mehr der künstlerische Typ

Lebhaft erzählt Hansch, wie ihre Idee Gestalt annahm und dabei immer wissenschaftlicher wurde. Und das, obwohl sie selbst keine Forscher-Ader habe, sondern "mehr der künstlerische Typ" sei. Für ihr Projekt wagte sich Hansch dennoch weit über den Rand ihres Fachbereichs hinaus. Sie setzte sich in Vorlesungen für Maschinenbau, berechnete Strömungen und beschäftigte sich mit verschiedenen Algenarten. Das Ergebnis war eine Anlage, die den Müll einsammelt und - wenn alles optimal funktioniert - keinen Abfall produziert.

Da ein Großteil des Mikroplastiks eine ähnliche Dichte hat wie Wasser, bleibt es im Prinzip an der Oberfläche. Durch Wellen und Strömungen wird es allerdings bis zu 30 Meter unter die Wasseroberfläche gedrückt. Ein Kanalsystem unter der von Hansch entworfenen Plattform soll das Wasser punktuell so weit beruhigen, dass man das Plastik von der Oberfläche abschöpfen kann - ohne Netz, ohne Fische oder Plankton zu fangen.

Müllsammeln ist nicht genug

Wenn sie ihr Konzept erklärt, spricht Hansch schnell und setzt dabei stets ihre Hände ein. In den vergangenen Jahren hat sie ihre Idee schon unzählige Male vorgestellt - an der Uni, auf Konferenzen, vor Wissenschaftlern. Ursprünglich hatte sie vorgesehen, dass der Müll durch eine spezielle Verbrennung in Kohlendioxid und Wasserstoff umgewandelt werden soll, weil er sich nur schlecht recyceln lässt, doch das erwies sich nicht als praktikabel. Ein Forschungsteam sucht nun nach einer anderen Lösung, denn Kohlendioxid wird in ihrer Anlage gebraucht, um Algen zu züchten, aus denen ein umweltverträglicher Biokunststoff hergestellt werden soll.

Querschnitt der Plattform: In einem Kanalsystem soll die Wellenbewegung punktuell beruhigt werden
Pacific Garbage Screening

Querschnitt der Plattform: In einem Kanalsystem soll die Wellenbewegung punktuell beruhigt werden

"Habe ich wirres Zeug erzählt?", fragt die junge Entscheiderin am Ende ihrer Erklärung. Hat sie nicht. Dieser Meinung waren auch jene Freunde und Kommilitonen, denen sie während der sechsmonatigen Arbeitsphase von ihrem Konzept erzählt hatte. Sie überredeten sie dazu, ihre Idee nach dem Studium weiterzuverfolgen.

"Die lachen mich bestimmt aus"

Nach dem Abschluss fing sie als Architektin an zu arbeiten. In einer Mittagspause besuchte sie das Institut für Wasserbau an der Uni Aachen und stellte ihr Projekt vor. "Ich dachte, die lachen mich bestimmt aus. Ich bin ja nicht vom Fach", sagt sie. Gelacht hat niemand. Stattdessen stieß Hansch auf großes Interesse.

Garbage-Screening-Plattform
Pacific Garbage Screening

Garbage-Screening-Plattform

Es folgten Einladungen, das Institut schrieb eine Abschlussarbeit aus, die Hansch weiterhelfen sollte, und immer mehr Menschen unterstützen das Projekt.

So richtig vorwärts ging es allerdings lange nicht. Als Hansch kurz davor stand aufzugeben, willigte sie noch einmal ein, einen Vortrag zu halten. Es hätte der letzte Vortrag werden können. Doch während sie sprach, habe sie gemerkt, wie sehr sie für das Thema brenne. "Da wurde mir klar, ich kann das nicht einfach lassen", sagt sie.

Wenig später gründete Hansch mit ihren Mitstreitern den gemeinnützigen Verein Pacific Garbage Screening. Etwa 35 Mitglieder, darunter Ingenieure, Umweltwissenschaftler und Biologen, arbeiten darauf hin, dass die Plattform irgendwann tatsächlich zum Einsatz kommt. Sie forschen ehrenamtlich und größtenteils selbst finanziert.

Unterstützt werden sie dabei nach wie vor vom Aachener Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft. Regelmäßig werden dort Abschlussarbeiten geschrieben, die zur Grundlagenforschung des Projekts beitragen. Mittlerweile gibt es eine Promotionsstelle, die vom Bundesministerium für Umwelt finanziert wird. Bereits 2016 bekamen Hansch und ihr Team den Bundespreis ecodesign. Dieser wird unter anderem vom Bundesumweltamt und dem Umweltbundesministerium verliehen. In seiner Laudatio würdigte Thomas Holzmann, Vizepräsident des Umweltamtes, das Projekt als "sowohl visionäre als auch lösungsorientierte Arbeit".

Weltweit gibt es mehrere Projekte, die ein ähnliches Ziel wie Hansch verfolgen. So will das niederländische Projekt Ocean Cleanup noch in diesem Jahr damit beginnen, Plastik aus dem Meer zu fischen. Als Konkurrenz betrachtet Hansch das nicht. "Es gibt genug Plastik für alle im Meer", sagt sie. Außerdem finde zwischen einzelnen Projekten ein Austausch statt. Man lerne voneinander. Allerdings sei ihr Ansatz bisher der einzige, der sich mit Mikroplastik beschäftige.

Bis Hanschs Plattform zum Einsatz kommt, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Noch werden grundlegende Fragen geklärt. Bisher sei beispielsweise nicht klar, wie groß die Plattform sein müsse und wie viel Müll jährlich beseitigt werden könne. In den kommenden Jahren soll zunächst ein Prototyp entstehen - und in einer Flussmündung platziert werden. Damit das Projekt vorankomme, hat Hansch ihre Arbeit reduziert. Bis zu sechzig Stunden steckt sie jede Woche in die Vereinsarbeit.

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Fotostrecke: Die Architektin und das vermüllte Meer

"Natürlich kann man das nicht ewig so weitermachen, aber im Moment ist das okay. Es gibt mir viel Energie", sagt sie. Ein Zeitplan für das Projekt sei schwer zu erstellen, innerhalb der kommenden fünf Jahre solle die Grundlagenforschung abgeschlossen sein, so hofft sie.

Humor statt Zeigefinger

Dieses Jahr will Hansch aktiv auf Sponsoren zugehen. "Ich bin eine absolute Idealistin", sagt sie. Unternehmen aus der Verpackungsbranche kämen daher nur dann in Frage, wenn sie auch etwas ändern. "Es bringt ja nichts, wenn wir alles hinten rausholen und vorne wieder Müll reingekippt wird", sagt sie.

Sie selbst achte auch darauf, weniger Müll zu produzieren. "Ich renne nicht mit erhobenem Zeigefinger rum, aber ich weise humorvoll auf einiges hin", sagt sie. Und fügt hinzu: "In meiner Gegenwart benutzt zumindest niemand mehr einen Strohhalm."

Im Video: DER SPIEGEL live - Vom Umgang mit den Meeren

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