Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Gefahr durch Banken: Die Bombe tickt

Ein Kommentar von

Die New Yorker Zentrale von Lehman-Brothers 2008: Ende einer Ära Zur Großansicht
AFP

Die New Yorker Zentrale von Lehman-Brothers 2008: Ende einer Ära

Die Euro-Finanzminister sind in Vilnius zusammengekommen, um über die Rettung maroder Banken zu diskutieren. Trotz groß angekündigter Reformen sind die wichtigsten Krisenursachen noch immer nicht beseitigt. Der Finanzsektor bleibt auch fünf Jahre nach der Lehman-Pleite eine Gefahr für die Gesellschaft.

Als die Welt am 15. September 2008 erwachte, war sie eine andere als zuvor. Am frühen Morgen hatte in den USA die Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz angemeldet. Es sollte der Auftakt sein für die größte Finanzkrise seit Jahrzehnten. An jenem Montagmorgen ging auch eine Ära zu Ende: die Ära der Deregulierung. Waren sich zuvor Europäer und Amerikaner weitgehend darin einig gewesen, die Potentiale des Finanzmarkts zu entfesseln, verlegte man sich nun auf das Einfangen jener Geister, die man gerufen hatte.

Was haben sich die Großen der Welt damals nicht alles vorgenommen: Man werde das Finanzsystem sicherer machen, versprachen die Staats- und Regierungschef auf ihren Krisengipfeln - den Schock noch in den Gliedern. Nie wieder sollten Banken die Bürger in Geiselhaft nehmen können. Eine "Ära der Verantwortungslosigkeit" werde beendet, konstatierte Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Fünf Jahre später sitzen die europäischen Finanzminister an diesem Wochenende im litauischen Vilnius zusammen und streiten darüber, wie man marode Banken künftig abwickeln kann - mit Steuergeld versteht sich. Noch immer haben sie keinen Weg gefunden, mit Bankenkrisen umzugehen. Irgendetwas ist also schiefgelaufen. Irgendwo auf der Strecke sind die großen Versprechen verlorengegangen.

Es wäre falsch zu behaupten, dass die Politik seitdem nichts getan hätte. Boni-Deckel, Finanzsteuer, Kapitalpolster, Derivatereform - die Reihe der eingeleiteten Reformen ist länger, als viele Experten erwartet hatten. Doch hat die Politik damit auch genug getan? Und vor allem: War es das Richtige?

Keine der beiden Fragen lässt sich mit "Ja" beantworten. Nach fünf Jahren Finanzmarktreformen lautet das traurige Fazit: zu wenig, und oft nicht zielgenau.

Staatsschulden werden immer noch als Null-Risiko gewertet

Statt die großen Probleme zu lösen, hat sich die Politik zu sehr in publikumswirksamen Debatten um die Finanztransaktionssteuer, Bonusbegrenzungen und Leerverkaufsverboten verkämpft - dabei sind das allesamt Themen, bei denen es eher um moralische Argumente geht als darum, das System wirklich sicherer zu machen.

Wie gefährlich die Banken für die Gesellschaft immer noch sind, zeigt ein Blick auf die gigantischen Schulden, die sie mit sich herumschleppen - und das vergleichsweise immer noch geringe Eigenkapital. Die Bilanzsumme der Deutschen Bank betrug zum 30. Juni dieses Jahres 1,9 Billionen Euro. Dem stand ein Eigenkapital von 57,5 Milliarden Euro entgegen - gerade einmal drei Prozent. Diese Quote hatte auch Lehman Brothers, kurz vom dem Zusammenbruch.

Experten wie der Bonner Max-Planck-Ökonom Martin Hellwig halten eine Quote von 20 bis 30 Prozent für gesund - doch dazu kann sich Politik nicht durchringen. Sie fürchtet, verängstigt durch Lobbyattacken, die Banken könnten die Kreditvergabe einstellen, wenn man ihnen zu viel Eigenkapital vorschreibe. Dabei zeigt die Realität, dass der Zusammenhang eher umgekehrt ist: Schwach kapitalisierte Banken vergeben keine Kredite, weil sie Angst vor neuen Risiken haben.

Stattdessen greifen nun neue Kapitalregeln, die unter dem schönen Namen Basel III firmieren - und genauso kompliziert sind, wie sie klingen. Sie zwingen die Banken zwar dazu, ihr Eigenkapital etwas zu erhöhen, doch sie öffnen zugleich Dutzende Möglichkeiten, die eigenen Risiken kleinzurechnen. Zu allem Überfluss werden Kredite an EU-Staaten nach den neuen Regeln immer noch als Nullrisiko gewertet - als hätte es Griechenland und die Euro-Krise nie gegeben. Wie praktisch für die Politik!

Den Großteil der Derivate braucht kein Mensch

Das bisschen Eigenkapital, was die Banken nun haben, dürfte im Fall einer neuen Krise also schnell verbrannt sein. Doch was passiert dann? Auch in dieser Frage kommen Politik und Regulierer nicht recht voran. Nach dem Präzedenzfall Zypern haben die Euro-Staaten zwar beschlossen, künftig auch Anleihegläubiger und Sparer heranzuziehen, um Banken aufzufangen oder abzuwickeln. Doch würden sie sich das auch trauen, wenn statt auf einer kleinen Mittelmeerinsel ein großes Institut in Deutschland oder Frankreich auf der Kippe stünde? Wohl kaum.

In Vilnius streiten die Euro-Finanzminister nun darum, eine Abwicklungsbehörde aufzubauen - inklusive eines Fonds, dessen Gelder die Abwicklung abfedern sollen. Doch auch hier gibt es Ärger: Deutschland will keine gemeinsame EU-Abwicklungsbehörde - und wie der Geldtopf schnell gefüllt werden soll, ist auch noch völlig unklar. Will man die Mittel von den Banken selbst besorgen, dürfte es noch Jahrzehnte dauern, bis der Fonds eine große Pleite abfedern kann.

Trotz aller Bemühungen ist das Finanzsystem heute auch kaum weniger komplex als damals: Die Banken sind eher größer als kleiner geworden, der Handel mit Derivaten ist zwar etwas besser geregelt, doch immer noch gigantisch groß. Und viele Produkte sind immer noch so kompliziert, dass selbst Profis sie nicht durchschauen. Für die reale Wirtschaft ist dabei nur ein verschwindend kleiner Teil von Nutzen. Den Rest braucht kein Mensch - außer den Bankern selbst.

Fünf Jahre nach dem Lehman-Schock bleibt deshalb die ernüchternde Einsicht: Es könnte jederzeit wieder passieren.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wundere mich....
spon-facebook-10000523851 13.09.2013
gibt's ueberhaupt noch Banken um herkoemmlichen Sinne ? Das was da heutzutage und besonders in den USA abgeht ist doch schon Bankunwesen.
2. optional
genervt! 13.09.2013
Na dann, volle Kraft voraus in Richtung Bankenunion... Mannomann, wenn das Ding mal zusammenbricht, dann knallt's aber mal richtig...!
3. Doch wieder gelogen Frau Merkel, die tickende Euro.Bombe
gaviota 13.09.2013
haben sie nicht gesehen, haben sie auch nicht gehört. Politisch blind und taub, aber nichts ausschließen wollen, die Kanzlerin. Erbärmlich! Und so eine politische Gefühlsnudel wollen die Deutschem mehrheitlich wiederwählen? Es sollte in allen Schulen Pflichtlektüre werden, das Büchlein von Cora Stephan. "Angela Merkel - ein Irrtum!
4. wir habens doch
artis 13.09.2013
unsere Regierung steckt den Banken heute noch das Geld in den Hintern statt sich mal um eine vernünftige Regulierung zu kümmern.Leerverkäufe, um Lebensmittel zocken das können die und dann hört es schon auf.
5. Meinungskommentar
cortesz 13.09.2013
Zitat von sysopAFPDie Euro-Finanzminister sitzen mal wieder zusammen, um über die Rettung maroder Banken zu diskutieren. Trotz groß angekündigter Reformen sind die wichtigsten Krisenursachen noch immer nicht beseitigt. Der Finanzsektor bleibt eine Gefahr für die Gesellschaft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/pleite-von-lehman-brothers-die-bombe-tickt-noch-a-922172.html
Die "Märkte" sind der Politik immer voraus, aus fachlich-qualitativen Grünen udn weil die Gier nach wie vor groß ist, erst recht nachdem man Blut geleckt hat. Und die Aussage, dass Politik befürchtet, die Banken würden die Kreditvergabe einstellen, wenn man sie zu mehr angemessener Eigenkapitalsbildung verpflichtet, macht eines deutlich: Wenn Staaten sich solchermaßen überschulden, begeben sie sich in die Abhängigkeit der Märkte. Zudem hat der Kardinalsfehler der völligen Deregulierung des Finanzwesens eine enorme Kreativität zum "Geldmachen" entwickelt, den Zockern eine egomanische Spielwiese geboten. Diese Büchse der Pandorra bekommt h.E. die Politik nicht wieder zu, insb. weil sie nicht die finanztechnischen Qualifikationen vorzuweisen hat und die Verschuldung in der €uro-Zone nicht im Geringsten abgenommen hat. Das Szenario vergleichbar mit der OK, die mit ihren "Geschäften" der Justiz immer voraus ist, u.a. auch, weil der Rechtsstaat mit legalen Instrumenten gg. sie zu ermitteln hat, während die Kriminellen sich darum nicht scheren und außerdem "Spitzen"fachkräfte in Schlüsselpositionen einsetzen können, weil sie die entsprechend honorieren. Was früher der Leibeigene für den Adel und die Kirche war, ist längst der weitgehend wehrlose Steuerbürger für die Gier des Kapitals und die Fehler einer längst hörigen Politik: Das Geiselpotential, das immer neben der tickenden Bombe gefangen ist.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Chronik der Pleite
September 2008
15. September - der schwarze Montag: Die Investmentbank Lehman Brothers muss Insolvenz anmelden. Der Anfang einer verheerenden, globalen Kettenreaktion. Zu eng ist die Finanzbranche verstrickt, als dass sie eine solche Mega-Pleite aushält. Noch dazu wird an diesem Tag noch der Lehman-Konkurrent Merrill Lynch von der Bank of America aufgekauft. Das Vertrauen der Banker in die eigene Zunft ist erschüttert. Die Börsen weltweit brechen ein.

19. September: Die US-Regierung kündigt ein 700 Milliarden Dollar schweres Rettungspaket für die Finanzbranche an.

25. September: Die größte US-Sparkasse Washington Mutual bricht zusammen, wird von der Großbank aufgefangen.

29. September: Die Krise erreicht endgültig Deutschland. Für den Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) muss ein 35 Milliarden Euro schweres Rettungspaket geschnürt werden.
Oktober 2008
5. Oktober: Die Bundesregierung verkündet eine Komplettgarantie für private Einlagen. Das Rettungspaket für die Hypo Real Estate muss von 35 auf 50 Milliarden Euro aufgestockt werden.

8. Oktober: Sechs große Notenbanken senken gemeinsam die Leitzinsen. Die Panik an den Börsen können sie nur kurz eindämmen.

13. Oktober: Die Bundesregierung stellt ein gigantisches Banken-Rettungspaket im Volumen von 500 Milliarden Euro vor. Frankreich präsentiert einen 360 Milliarden Euro schweren Hilfsplan. Andere EU-Länder schnüren ebenfalls Notpakete.

21. Oktober: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy schlägt die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien vor. Berlin lehnt dies ab.

23. Oktober: Die Krise schwappt in die Realwirtschaft, als erstes trifft es die Autobranche. Die US-Hersteller kämpfen ums nackte Überleben. Auch der Ertrag von Mercedes-Benz bricht im dritten Quartal ein.

29. Oktober: Die US-Notenbank Fed senkt den Leitzins angesichts düsterer Konjunkturerwartungen um 0,5 Prozentpunkte auf einen Prozent.
November 2008
3. November: Die Commerzbank - das zweitgrößte deutsche Kreditinstitut - sowie die Landesbanken HSH Nordbank und WestLB müssen das deutsche Rettungspaket in Anspruch nehmen.

5. November: Die Bundesregierung beschließt ein rund 12 Milliarden Euro schweres Konjunkturpaket. Sie hofft, Investitionen von 50 Milliarden Euro anstoßen und eine Million Jobs sichern zu können.

6. November: Die EZB senkt erneut drastisch die Leitzinsen auf 3,25 Prozent. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert, dass erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg praktisch alle Industriestaaten in die Rezession rutschen werden.

9. November: China kündigt ein fast 600 Milliarden Dollar schweres Konjunkturpaket für die beiden kommenden Jahre an.

13. November: Deutschland ist offiziell in der Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte in zwei Quartalen in Folge.

14. November: Der Autobauer Opel bittet die Bundesregierung um Bürgschaften von gut einer Milliarde Euro. Der Anfang eines zähen Kampfs ums Überleben.

19. November: Die Finanzkrise erreicht die Chemiebranche. Der Branchenführer BASF drosselt die Produktion um 20 bis 25 Prozent.

25. November: Die US-Notenbank kündigt ein 800 Milliarden Dollar schweres Programm zum Aufkauf toxischer Wertpapiere an. Das gewaltige Volumen ist ein Alarmsignal.

26. November: Die EU-Kommision schlägt ein 200 Milliarden Euro umfassendes Konjunkturpaket vor.

28. November: Die Dimension der Krise der BayernLB wird deutlich. Sie braucht Unterstützung von insgesamt 30 Milliarden Euro. Die Bank will 5600 Stellen streichen und das Auslandsgeschäft kappen.
Dezember 2008
4. Dezember: Die EZB senkt den Leitzins von 3,25 auf 2,50 Prozent. Die Wirtschaftskrise erreicht die IT-Branche auf breiter Front. Nokia senkt die Absatzprognose zum zweiten Mal in drei Wochen. Der Chiphersteller AMD kündigt einen Umsatzeinbruch von 25 Prozent an. Der US-Telekomkonzern AT&T streicht 12.000 Jobs. Wenige Tage später schließt sich Sony mit dem Abbau von 16.000 Stellen an.

8. Dezember: Die Krise sorgt für einen Paukenschlag in der Medienbranche. Der US-Zeitungskonzern Tribune, zu dem unter anderem die "Los Angeles Times" und die "Chicago Tribune" gehören, beantragt ein Insolvenzverfahren mit Gläubigerschutz.

16. Dezember: Die US-Notenbank Fed senkt den Leitzins praktisch auf null Prozent und will die Notenpresse anwerfen, um die Rezession abzuwenden.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: