Ausländische Arbeitskräfte Wen Polen ins Land lässt - und wen nicht

Polen braucht dringend Arbeitskräfte - und wirbt sie in aller Welt an. Nur nicht in muslimisch geprägten Ländern.

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Breslau boomt. Davon kann sich jeder Besucher binnen weniger Minuten überzeugen. Seit dem vergangenen Herbst hat direkt neben dem Hauptbahnhof ein hochmodernes Einkaufszentrum mit Shops, Kino und Gastronomie geöffnet, das sowohl architektonisch als auch bei der technischen Ausstattung so manches Pendant im Westen wie einen Tante-Emma-Laden aussehen lässt. Der Clou: Der Busbahnhof der niederschlesischen Metropole befindet sich in der Tiefgarage.

Hier zeigt sich auch, wie sehr sich der Arbeitsmarkt östlich der Oder in den vergangenen Jahren gewandelt hat. Der Busbahnhof ist zwar immer noch ein Knotenpunkt für Arbeitsmigranten. Doch es sind nicht mehr nur wie früher Polen, die von hier aus abreisen, um im Westen Geld zu verdienen. Heute sind es vorwiegend Ukrainer, die ankommen, weil sie auf ein besseres Leben in Breslau hoffen. Laut jüngsten Schätzungen ist mittlerweile jeder zehnte Bewohner der 630.000-Einwohner-Stadt Ukrainer.

Insgesamt leben in Polen 1,5 Millionen Ukrainer, die meisten von ihnen Arbeitskräfte, die zum Teil nur für einige Zeit gekommen sind und die das Land dringend benötigt. Ob im IT-Bereich, der Baubranche, der Landwirtschaft oder in der Pflege: Die Ukrainer schließen die Lücken, die Polen mit der eigenen Bevölkerung nicht schließen kann. Doch auch die Arbeitsmigration aus der Ukraine, die bereits in den Neunzigerjahren begann, als die ersten Saisonkräfte nach Polen kamen, kann längst nicht mehr den gewaltigen Bedarf der Wirtschaft decken. Auch Weißrussen und Moldauer gehören zwischen Oder und Bug zu begehrten Arbeitskräften. In Warschau sieht man gar Inder, die Essen ausliefern.

"Kulturelle Nähe" zu den Philippinen

Polen wählt daher nun den gleichen Weg wie die Bundesrepublik während des rapiden Wirtschaftswachstums in den Fünfziger- und Sechzigerjahren: Durch Anwerbeabkommen mit den jeweiligen Regierungen sollen Arbeitskräfte aus dem Ausland rekrutiert werden. Bereits bald könnten etwa Arbeitskräfte von den Philippinen kommen. Wie am Wochenende bekannt wurde, steht Polen kurz vor dem Abschluss eines Anwerbeabkommens mit dem südostasiatischen Staat - was mancherorts in Europa angesichts der oft fremdenfeindlichen Rhetorik der polnischen Regierung für Erstaunen sorgte.

Dass doch beides zusammengeht, bewies allerdings der stellvertretende Arbeitsminister Stanislaw Szwed. Mit der "kulturellen Nähe", also dem katholischen Glauben, begründete er das Abkommen. Allerdings kann auch diese gefühlte Nähe durchaus flexibel definiert werden: Polnischen Medien zufolge strebt das Arbeitsministerium weitere Anwerbeabkommen an - eines mit Vietnam, das trotz seiner katholischen Minderheit nicht christlich geprägt ist. Und mit Nepal, in dem vier von fünf Einwohnern dem Hinduismus angehören.

Zu welcher Religionsgemeinschaft die Regierungspartei PiS aber sicher keine kulturelle Nähe empfindet, machte sie bereits im Wahlkampf 2015 deutlich: dem Islam. Damals sagte Parteichef Jaroslaw Kaczynski in einer Parlamentsrede, man könne unter anderem in Schweden beobachten, wozu es führe, wenn zu viele Muslime in einem Land lebten - und schmückte das mit der Schilderung angeblich unhaltbarer Zustände. "Wir Polen wollen Herr im eigenen Haus bleiben", erklärte der PiS-Chef.

Ukrainer als Alibi im Flüchtlingsstreit mit der EU

Der damalige Innenminister Mariusz Blaszczak begründete vor einem Jahr in einem Brief an die EU-Kommission die Weigerung, Flüchtlinge etwa aus Syrien aufzunehmen, explizit mit dem Verweis auf die Anschläge in Paris, Berlin oder Barcelona - eine in der Rhetorik der Regierungspartei nicht unübliche Verknüpfung von Muslimen und Terroristen.

Im Streit mit der EU um die Aufnahme von Flüchtlingen kommen der PiS die vielen Arbeitskräfte aus dem Ausland gelegen - als Alibi. "Wir haben bereits eine Million Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen", heißt es aus Warschau. Das kann man wohlwollend als eine sehr eigenwillige Interpretation bezeichnen. Durch die Annexion der Krim und den Krieg in der Ostukraine haben zwar tatsächlich mehr Ukrainer den Weg nach Polen gefunden - doch um einen offiziellen Flüchtlingsstatus haben sich im vergangenen Jahr nur 671 Ukrainer bemüht. Als Flüchtlinge anerkannt wurden gerade einmal 56 ukrainische Staatsbürger. Im Jahr 2016 erhielten gar nur 16 Ukrainer in Polen einen Flüchtlingsstatus.

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Arbeitsmigranten in Polen: Schlangen im Ausländeramt

Der polnischen Regierung bleibt nichts anderes übrig, als langfristig den einheimischen Arbeitsmarkt für ausländische Arbeitskräfte zu öffnen. Trotz der im In- und Ausland kritisierten Politik der regierenden Nationalkonservativen erlebt die polnische Wirtschaft einen Boom. Allein 2017 wuchs das Bruttoinlandsprodukt um 4,6 Prozent. Die aktuellen Zahlen deuten daraufhin, dass das Wachstum so stark bleibt.

Das macht sich auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Die aktuelle Arbeitslosenquote liegt bei 5,9 Prozent und ist somit so niedrig wie noch nie seit Einführung der Marktwirtschaft in den frühen Neunzigerjahren. Noch im November 2011 lag sie bei fast zwölf Prozent.

Allerdings ist für den Arbeitskräftemangel nicht nur das Wirtschaftswachstum verantwortlich. Seit dem EU-Beitritt Polens im Mai 2004 haben rund 2,5 Millionen Polen das Land verlassen, darunter viele hochqualifizierte Akademiker wie Ärzte und Ingenieure. Dass davon die meisten nicht zurückkehren werden, mussten bereits die bis 2015 in Polen regierende liberalkonservative Bürgerplattform und ihr Koalitionspartner PSL erfahren. Trotz der weltweiten Wirtschaftskrise 2008, von der Polen weitgehend verschont blieb, und trotz aller Aufrufe kamen nur wenige zurück. Viele bereits im EU-Ausland lebende Polen versuchten stattdessen in anderen Mitgliedstaaten oder in Norwegen ihr Glück. Arbeitskräfte, die nun fehlen.

Polen ist kein Einzelfall

Erschwerend kommt die Demografie hinzu: Die Gesellschaft altert, die Geburtenrate gehört zu den niedrigsten in der Europäischen Union. Auch das von der PiS eingeführte Kindergeldprogramm "500+" konnte sie nur minimal erhöhen. Deswegen ist Polen langfristig angewiesen auf den Zuzug ausländischer Arbeitskräfte. Für die ist das Land durchaus ein interessantes Ziel. Während beispielsweise in der Ukraine das Durchschnittsgehalt bei rund 300 Euro liegt, sind es in Polen nach Angaben des polnischen Statistikamtes GUS rund tausend Euro.

Spätestens in 14 Jahren soll der monatliche Verdienst der Polen dem EU-Durchschnitt entsprechen, hat Ministerpräsident Mateusz Morawiecki versprochen. Ein ehrgeiziges Ziel, welches nur bei stabilem Wirtschaftswachstum möglich ist. Daher zeigt sich die nationalkonservative PiS-Regierung bei wirtschaftlichen Themen ausgesprochen pragmatisch. So wie sie, trotz aller antideutschen Rhetorik, den Bau eines Motorenwerks von Mercedes-Benz im niederschlesischen Jawor subventioniert, öffnet sie den polnischen Arbeitsmarkt für ausländische Arbeitskräfte.

Polen ist in der Region kein Einzelfall. Auch den anderen Visegrád-Staaten Tschechien, Slowakei und Ungarn - Verbündete Polens im Widerstand gegen eine gemeinsame EU-Flüchtlingspolitik - ist bewusst, dass der Wohlstand ohne ausländische Arbeitskräfte weder gehalten noch vergrößert werden kann. Sie öffnen ihre Arbeitsmärkte für Fachkräfte aus den Philippinen und anderen Staaten - nur muslimisch geprägte sind nicht darunter.



insgesamt 107 Beiträge
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ser4t 04.08.2018
1. Ein besserer Weg
Der kulturellen Identität und der inneren Sicherheit eines Landes ist es wenig hilfreich, möglichst hohe Anerkennungsquoten von Flüchtlingen aus kulturfernen Ländern zu erzielen. Ungarn, Polen, Schweden und viele andere Länder haben zuvörderst die Sicherheit ihrer Bürger im Blick. Diese Priorisierung ist in Deutschland aus dem Blick geraten. Hohe Zeit zur Umkehr.
hoeffertobias 04.08.2018
2. Schlau...
einfach schlau!
aurichter 04.08.2018
3. Diskussionswürdig
Den Polen wird selbst in EU Ländern die Tür gezeigt, sie beschweren sich vielfach über Diskriminierung und was macht die Regierung, zeigt der Menschheit was Rassismus ist und wie man als christliches, erzkatholisches "EU Vorzeigeland" mit PISGesetzen Menschen beurteilt. Not und Elend sind für diese Menschen des katholisch geprägten Landes kein Grund anderen Menschen zu helfen. Soetwas wird von der EU noch gepimpert ohne Ende. Evtll kommt ja noch die Zeit, wo Muslime mit einem Zeichen auf dem Ärmel in dem EU Land herumlaufen müssen. Die EU verhält sich diesen Verweigerern wie Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei etc viel zu nachsichtig, da sollte wesentlich mehr Druck aufgebaut werden. Aber diese Drückeberger scheinen die EU Richtlinien sehr gut zu unterlaufen und die Schwachstellen nur für diese Ablehnungshaltung zu nutzen. DA haben diese Länder eine gewisse Vorreiterrolle.
Pränki 04.08.2018
4. Arbeitskräfte von den Philippinen sind mehr als das
Ich bin weit herum gekommen. Polen ist da nicht anders als zum Beispiel Katar oder die Emirate. Auch die stellen vornehmlich Arbeitsmigranten aus den Philippinen ein. Auf jedem Schiff (ob deutscher oder internationaler Markt) arbeiten Menschen aus den Philippinen, auch im Offiziersstatus. Hier sollte man deutlich das positive herausstellen anstatt auf Polen einzuhämmern: Man kann sich auf die Philippinos verlassen, nicht nur während der Arbeit. Es sind einfach wundervolle Menschen. Dazu kommt, dass in dem asiatischen Land Englisch weit verbreitet ist.
franciszek_wisniewska 04.08.2018
5. Wer will da schon hin, wenn selbst die Polen nach
England zum arbeiten gehen
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