Offener Brief: Forscher und Politiker fordern 30-Stunden-Woche

Wagenknecht, Kipping: "Brauchen gesamtgesellschaftliches Projekt Arbeitszeitverkürzung" Zur Großansicht
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Wagenknecht, Kipping: "Brauchen gesamtgesellschaftliches Projekt Arbeitszeitverkürzung"

Es klingt ein wenig wie ein Aufruf aus den siebziger Jahren. Hundert Wissenschaftler, Gewerkschafter und Politiker fordern eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Die Begründung: Ein "Überangebot an den Arbeitsmärkten" führe zu schrumpfenden Gehältern.

Berlin - Niedrige Löhne, befristete Beschäftigungen, Fachkräftemangel - diese Probleme werden aktuell beim Thema Arbeitsmarkt diskutiert. Von kürzeren Arbeitszeiten war lange nicht mehr die Rede. Nun wagen mehr als hundert Forscher, Politiker und Gewerkschafter einen neuen Vorstoß - sie fordern eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. In einem Brief, der am Montag veröffentlicht werden soll, wenden sie sich laut "tageszeitung" (taz) an die Vorstände ihrer Organisationen und Verbände. Unter den Unterzeichnern sind der Zeitung zufolge Katja Kipping und Sahra Wagenknecht von der Linkspartei sowie der Sozialphilosoph Oskar Negt.

"Wir brauchen ein gesamtgesellschaftliches Projekt Arbeitszeitverkürzung, es kann keine rein tarifpolitische Aufgabe mehr sein", sagte Heinz-Josef Bontrup, Wirtschaftsrechtler an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen und Mitinitiator des Briefs, der "taz". Hintergrund der Forderung sei die hohe Arbeitslosigkeit in Europa. "Ein Überangebot an den Arbeitsmärkten führt zu Lohnverfall", heiße es in dem Aufruf. Die Krisenlasten dürften nicht länger der lohnabhängigen Bevölkerungsmehrheit und den Arbeitslosen aufgebürdet werden.

Das Konzept bezieht sich ausdrücklich auch auf Deutschland. "Neben den offiziell etwas über drei Millionen Arbeitslosen gibt es hierzulande über drei Millionen Teilzeitbeschäftigte, die im Schnitt 14,7 Stunden in der Woche arbeiten und denen das nicht reicht", sagte Bontrup der "taz".

"Man muss die Ware Arbeitskraft verknappen"

Das Konzept der Unterzeichner sieht vor, die 30-Stunden-Woche schrittweise über mehrere Jahre einzuführen. Die Initiatoren versprechen sich deutliche Produktivitätssteigerungen. Diese sollen dann komplett den Beschäftigten zufließen - um den vollen Lohnausgleich zu sichern.

Bontrup fordert den DGB in der "taz" auf, eine konzertierte Aktion zu starten. Doch dort wird man über den Vorstoß nicht unbedingt begeistert sein. Zuletzt scheiterte die IG Metall 2003 mit ihrem Streik für die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland.

Die Anhänger der 30-Stunden-Woche ficht das nicht an. Bontrup erklärt die Ablehnung mit fehlendem Wissen und Aufklärung. Mancher Gewerkschaftsvorstand kapiere "Dinge aus dem ersten Semester Ökonomie nicht". Man müsse "die Ware Arbeitskraft verknappen", sonst würden die Löhne nicht steigen. Solche Angriffe dürften bei Spitzengewerkschaftern aber kaum dazu beitragen, das Konzept der Arbeitszeitverkürzer zu unterstützen.

cte

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insgesamt 633 Beiträge
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1. Und die Lebensqualität würde steigen.
Nibbla 11.02.2013
Wenn man nicht immer auf 100% arbeiten müsste. Ka ob es Absicht ist, dass dieser Teil jetzt mal nicht erwähnt wird.
2. herrmannherrmann
herrmannherrmann1233 11.02.2013
ganze hundert wissenschaftler? und die Linken? in einem brief an die taz? wahnsinn.. was für ein schwachsinn...
3. sehr unrealistisch!
Spiegelleserin57 11.02.2013
Zitat von sysopEs klingt ein wenig wie ein Aufruf aus den siebziger Jahren. Hundert Wissenschaftler, Gewerkschafter und Politiker fordern eine 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich. Die Begründung: Ein "Überangebot an den Arbeitsmärkten" führe zu schrumpfenden Gehältern. Politiker und Forscher fordern 30-Stunden-Woche - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/politiker-und-forscher-fordern-30-stunden-woche-a-882537.html)
Diese Forderung darf man schon fast als einen Fastnachtsgeck ansehen. Vielleicht wird es eine 30-Stunden-Woche geben aber dann mit Lohnkürzung. Ich bin immer wieder über solche unrealistischen Forderungen besonders von der Gewerkschaft überrascht. Diese Entwicklung ist eine ganz normale Folge der Sparpolitik. Eine kleine Buchempfehlung: die Globalisierungsfalle. Viele der kommenden Probleme sind dort schon erwähnt, das Buch ist schon länger auf dem Markt. Es ist auch erschreckend wie naiv diese forderung ist vor dem Hintergruns dass die Politiker die Wirtschaft kennen sollten besonders da sie in den Aufsichtsräten sitzen. Ein kompletter Geck, viele Wirtschaftsvorstände werden jetzt schallend lachen!
4. Logisch
Freifrau von Hase 11.02.2013
Eigentlich ist es logisch: Wenn durch Rationalisierung und Technisierung immer weniger Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, gleichzeitig aber immer Menschen in Lohn und Brot gebracht werden müssen (Zunahme der Weltbevölkerung), dann kann die Folgerung nur lauten: Weniger Arbeiten. Sonst arbeiten irgendwann 50% voll und 50% gar nicht. Und damit es keine sozialen Unruhen gibt, müssten dann die 50% der Arbeitenden ihren Lohn sowieso mit den Nichtarbeitenden teilen.
5.
Ponce 11.02.2013
Na endlich tut sich mal was in der Richtung! Leider hat das keinen Aussicht auf Erfolg.
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