Gründe für den Populismus 50, motzig, in der Psychokrise

Warum sind viele Deutsche so wütend, obwohl es der Wirtschaft so prima geht? Vielleicht liegt die Antwort ja darin, dass wir gerade einfach zu viele Menschen Anfang 50 haben - und die sind laut Wissenschaft besonders unzufrieden.

Genervte Menschen
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Genervte Menschen

Eine Kolumne von


Zum Ende eines Jahres wollen alle noch mal zurückgucken, was so war und gemacht und alles gedacht wurde. Das wirkt schnell sättigend. Zumal das Jahr bei Profizurückdenkern wie Günther Jauch immer schon etwas abrupt gegen Ende November aufzuhören scheint. Deshalb wollen wir an dieser Stelle etwas zu bedenken geben, was wahrscheinlich dieses Jahr noch keiner so gedacht hat - obwohl das mit ebenso hoher Wahrscheinlichkeit ein Fehler war.

Immerhin ist nach wie vor etwas rätselhaft, warum in Deutschland 2017 bei so tollem wirtschaftlichem Verlauf und sinkenden Einbruchszahlen so viele Leute wütend sind. Obwohl dafür ja schon einige Gründe erwähnt wurden, wie fehlende Postämter rund um Bielefeld, viele Flüchtlinge, Martin (immer Schuld) Schulz oder Globalisierung.

Vielleicht hat die Wutlage aber doch noch einen tieferen Grund, einen kollektiv-psychologischen, der weder mit Politikern noch mit dem Islam zu tun hat. Und der eben bisher völlig übersehen wurde.

Zwei Forscher sind dieses Jahr in einer ziemlich eindrucksvollen Studie der Frage nachgegangen, wie sich unsere Zufriedenheit im Laufe des Lebens typischerweise entwickelt. Bis vor einiger Zeit seien die führenden Experten auf dem Gebiet davon ausgegangen, dass es da keine systematischen altersbedingten Schwankungen gibt, und wir mal glücklicher sind, mal unglücklicher. Punkt.

Genau das sei aber offenbar gar nicht so, schreiben David Blanchflower und Andrew Oswald. Erste Studien nährten den Zweifel schon vor ein paar Jahren. Jetzt werteten die beiden Ökonomen sieben riesige Datensätze aus, bei denen insgesamt 1,3 Millionen Menschen in 51 Ländern befragt wurden. Und das bemerkenswerte Ergebnis ist: In fast allen Ländern schwankt der Gemütszustand der Menschen nach Lebensphasen auffallend ähnlich.

Wir starten in der Jugend voll optimistisch und glücklich. Dann beginnt eine lange allmähliche Talfahrt, die bei Amerikanern irgendwo zwischen Mitte 40 und Anfang 50 den Tiefpunkt erreicht; in Europa wird der Mensch mit Anfang 50 von erhöhtem Trübsal befallen. Im Schnitt. Erst danach geht es wieder bergauf. Sprich: Das Leben ist glückstechnisch betrachtet eher so ein U.

Viele Menschen sitzen unten im U

Was die Forscher ermittelten, bestätigen Daten über Suizidraten, die in den kritischen Lebensjahren zunehmen. Ebenso wie psychische Beschwerden. Was an sich ja auch nicht so ungeheuer ist, wo mit dem Durchschreiten der Vierziger-Jahre vermehrt seelisch unangenehme Phänomene wie Frau-weg/Mann-weg, Firma-pleite, Kinder-sagen-nicht-mehr-hallo oder Junge-Kollegin-weiß-alles-besser auftreten. Und das rettende Rentenufer (und Diplom des Sohnes) noch mindestens vier Fußballweltmeisterschaften entfernt ist. Wer da nicht ins Stimmungstief fällt, ist nicht normal.

Und hier beginnt das größere gesellschaftliche Problem. Was ist, wenn plötzlich einfach sehr viele Menschen in einem Land ganz unten am U sitzen? Und wenn die Betreffenden (ganz menschlich) dazu tendieren, in unglücklichen Momenten zu meinen, dass andere schuld sind, deshalb wütend werden und viel schimpfen. Wie, genau, jetzt. Sie ahnen es.

Kein Jahrgang ist heute in Deutschland so zahlreich vertreten wie, genau, der 1964er - also Leute, die im abgelaufenen Jahr 53 wurden. Macht allein 1,4 Millionen Menschen unter uns, die gerade das triste Alter erreicht haben. Dazu kommen mehr als 2,5 Millionen, die in den beiden ebenso anfälligen Jahren danach und noch mal so viele in den beiden Jahren davor geboren wurden - also heute zwischen 51 und 55 Jahre alt sind und in ebendie kritische Kategorie fallen. Macht insgesamt ziemlich viele Babyboomer gleichzeitig im Psychotief. Der Babyboom als National-Depressivum mit Halbjahrhundertverzögerung.

Oder anders ausgedrückt: Keine Generation ist im Land so präsent wie die Babyboomer - und keine lebenszyklusbedingt gerade so mental angeschlagen. Nimmt man alle Babyboomer-Jahrgänge von 1960 bis 1969 zusammen, macht das mehr als 13 Millionen Menschen im Land. Alle tendenziell unten im U.

Zum Vergleich: Die Achtziger-Jahrgänge kommen alle zusammen auf gerade 8,5 Millionen. Was wiederum eindeutig zu dem Befund passen könnte, dass die kollektive (Mehrheits-)Stimmung im Land einfach nicht so toll ist; oder dazu, dass offenbar vor allem ältere Männer um die 50 derzeit politisch besonders wütend sind und Trump wählen, auf Pegida-Demos gehen oder in Foren gegen das Böse schimpfen (wobei nach Auswertung der Bundestagswahlen der AfD-Wähler offenbar schon etwas jünger anfängt, wütend zu sein). Tja.

Geld für die Fünfziger-Pflege

Gut, jetzt könnten Sie natürlich einwenden, dass der Gerd aus der AfD-Ortsgruppe gar nicht 52 ist, sondern schon 70. Und Onkel Bert mit 53 immer noch urig SPD wählt. Klar, es wählen ja auch nicht alle Protest. Und wir sollten davon ausgehen, dass natürlich noch andere Faktoren für die Deutung der politischen Stimmungslage eine Rolle spielen. Mindestens ebenso sicher ist aber, dass der Babyboom-Faktor in der sozio-polit-ökonomischen Analyse der Problemlage im Land bisher arg fahrlässig missachtet worden ist.

Wenn das Phänomen auch nur ansatzweise die Bedeutung hat, die es zu haben scheint, drängen sich mindestens zwei weitreichende Empfehlungen auf.

  • Erstens sollte die Bundesregierung (na ja, wenn wir mal wieder eine richtige bekommen) alle Etats deutlich erhöhen, die geeignet sind, die gerade nachrückenden Jahrgänge aufstocken zu lassen (Frauen! Männer!) - damit dem Überhang der trüben Fünfziger rein zahlenmäßig möglichst rasch mehr entgegengesetzt wird (natürlich auch nicht zu sehr, damit wir in 50 Jahren nicht wieder so einen Durchhänger kriegen).
  • Zweitens wäre darüber nachzudenken, ob es nicht rasch Fonds geben sollte, um Menschen zu betreuen, die unter mittlerem Alter leiden. So eine Art Fünfziger-Pflege. Mit geförderten Seminaren zur Überwindung von Andere-sind-an-allem-Schuld-Syndromen oder akutem Was-wollen-Ausländer-bei-uns-wenn-ich-Probleme-mit-meiner-Lebensphase-habe.

Der Rest könnte sich, was den Demografiefaktor angeht, dann biologisch klären. Immerhin, so fanden Blanchflower und Oswald heraus, steigt die Zufriedenheit von etwa Mitte 50 bis ins hohe Alter wieder stark an - wahrscheinlich sobald die Kinder durch sind, Mann/Frau für den Rest des Daseins gefunden wurde, die erste Überweisung der Rentenkasse zu erahnen ist und der Lebensdruck abnimmt. Universalbefund.

Durchhalten: In zehn Jahren ist auch der letzte Babyboomer durch die kritische Phase.

Guten Rutsch.

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insgesamt 355 Beiträge
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Seite 1
tweakimp 29.12.2017
1. Oder es liegt daran,
dass nie zwischen Wirtschaft und den Menschen an sich unterschieden wird, so wie hier. Wenn es der Wirtschaft gut geht, heißt das noch nicht, dass auch Wohlstand bei allen Menschen gleich ankommt.
DadaSiggi 29.12.2017
2. Falscher Begriff
Wütend ist der falsche Begriff und (ab)wertend. Ich bin nicht wütend. Da ich nun mal schon länger auf der Welt bin, habe ich einfach mehr Erfahrung, Dinge und Themen anders zu bewerten und in anderen Zeiträumen zu denken. Dabei kommt heraus, dass ich als jüngerer Mensch all zu oft naiv gedacht habe. Es ist keine Wut, eher die Sorge um die nachfolgende Generation — also den eigenen Kindern. Aber unbequeme Wahrheiten wurden schon immer nicht gerne gehört.
Maya2003 29.12.2017
3.
Könnte ja auch daran liegen daß es DER Wirtschaft gut geht, aber DEN Menschen nicht besser als vor einigen Jahren. Das Land wird reicher und reicher während Millionen ärmer und ärmer werden und der Rest sich mit lächerlichen Lohnerhöhungen abfinden muß. Deutschland mag es gut gehen, nur ist es nicht das Deutschland der unteren 2/3. Die Propaganda Dauerberieselung daß "alles gut" sei beleidigt doch die Intelligenz der Bürger. Sie sehen die Probleme - die Politik schweigt lieber. Immer die nächste Wahl im Blick Denn womöglich wählt der Bürger ja "falsch"
zeichenkette 29.12.2017
4. Naja
So einigen um die 50 wird das Rentenufer nicht mehr als Rettung erscheinen, sondern eher als Unterströmung, die man gar nicht erreichen will. Dass persönliche Unzufriedenheit dann politisch wird, darf einen nicht weiter wundern.
BlackWidow 29.12.2017
5.
Sehr schön geschrieben, ich musste schmunzeln. Es bringt mich allerdings ins Grübeln, denn der Babyboomer Aspekt ist in der Tat ein sehr wichtiger der gerne vernachlässigt wird. Und wir haben ja schon oft feststellen müssen das scheinbar unzusammenhängende Ereignisse eine große Kette lostreten können: Irgendein Erzherzog wird erschossen und es kommt zum Weltkrieg. Ein Vulkan bricht aus und die Pest bricht aus, etc. Eine Beobachtung die man wirklich nicht vernachlässigen sollte. Und wenn ich mir meine Eltern so ansehe die sowohl in das Alters- als auch das Verhaltensschema passen kann ich die Beobachtungen subjektiv bisher bestätigen ;)
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