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Porsche-Prozess gegen Wiedeking: Vom Jäger zum Gejagten

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Ex-Porsche-Chef Wiedeking: Freund und Feind gegen sich

Der Plan war kühn und scheiterte krachend: Sechs Jahre nach der misslungenen Übernahme von Volkswagen müssen sich Ex-Porsche-Chef Wiedeking und Ex-Finanzvorstand Härter vor Gericht verantworten. Doch die Beweislage ist knifflig.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Als Ingenieur war Wendelin Wiedeking große Klasse, als Sanierer des maroden Sportwagenbauers Porsche ebenfalls. Dann ging er zu weit.

Die Übernahme des 15-mal größeren Volkswagen-Konzerns sollte Wiedekings Meisterstück werden, Industriegeschichte schreiben. Doch er erkannte zu spät, dass ganz andere Talente nötig sind, ein erfolgreiches Vielmarkenreich zu unterwerfen, als einer überschaubaren Schar von Leuten eine Rosskur zu diktieren.

Das Bubenstück endete im Desaster. Der damalige Porsche-Chef musste gehen, ebenso wie sein Kollege aus dem Finanzressort, Holger Härter.

Sechs Jahre später folgt am Donnerstag für die beiden ehemaligen Top-Manager das juristische Nachspiel. Wiedeking und Härter müssen sich vor Gericht verantworten. Der Vorwurf: Manipulation des Aktienmarkts durch irreführende öffentliche Mitteilungen.

Aus Sicht des ermittelnden Staatsanwalts Hans Richter folgten die fraglichen Ad-hoc-Mitteilungen zum Kauf von VW-Aktien, die Porsche Chart zeigen zwischen 2007 und 2009 herausgab, nämlich einem ausgeklügelten Masterplan, um den VW-Konzern zur Strecke zu bringen. Die Angeklagten weisen das weit von sich.

Ausgangspunkt ist ein geheimes Treffen im Luxushotel Villa Hammerschmiede im badischen Pfinztal. Anfang 2005 treffen sich hier Wiedeking, Härter und einige Top-Manager von Porsche mit Anwälten und Investmentbankern, um die Möglichkeit einer VW-Übernahme auszuloten. Sechs Monate später stellen sie ihr Konzept den Eigentümern vor - den Piëchs und den Porsches. Der Plan: Porsche soll große Anteile der VW-Aktien kaufen, um die Kontrolle zu gewinnen. Die Aktienmehrheit würde den Stuttgartern am Ende die Macht geben, einen Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag zu diktieren. Und sich dann aus dem Bargeldtopf von VW zu bedienen, um einen Großteil der Kosten für die Übernahme zu finanzieren. Sie bekommen grünes Licht.

Wie Porsche sich an Volkswagen verhob
März 2007

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und Finanzvorstand Holger Härter verfolgen einen kühnen Plan: Sie wollen den um ein Vielfaches größeren Volkswagen-Konzern übernehmen. Die Porsche-Eigentümer Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche haben sie schon früh von der Idee überzeugt. Wiedeking und Härter beginnen mit dem Kauf von VW-Aktien. Im März 2007 haben sie bereits mehr als 30 Prozent der Anteile zusammen.

3. März 2008

Der vom Porsche/Piëch-Clan dominierte Aufsichtsrat segnet den Plan ab, weitere rund 20 Prozent der VW-Anteile zu kaufen. Nach Abschluss der Transaktionen verfügt Porsche damit über mehr als 50 Prozent an dem Autoriesen. Die magische Grenze liegt bei 75 Prozent – dann könnte Wiedeking in Wolfsburg durchregieren.

10. März 2008

Die Nachricht, dass Porsche die Herrschaft über Volkswagen übernehmen will, ist längst in aller Munde. Kaum jemand zweifelt noch daran, dass die Stuttgarter es wirklich ernst meinen. Doch Gerüchte über weitere Aktienkäufe will der Vorstand gleich im Keim ersticken – mit einem klaren Dementi. Eine Aufstockung des Anteils auf 75 Prozent sei nicht geplant, heißt es.

23. Juli 2008

Gut vier Monate nach dem Dementi billigt der Porsche-Aufsichtsrat den Ankauf weiterer Aktien. Jetzt soll die Beteiligung doch auf 75 Prozent anwachsen. Sorgen über die Finanzierung der dafür notwendigen rund acht Milliarden Euro hat Finanzvorstand Härter zuvor zerstreut. Die Öffentlichkeit erfährt von den Plänen noch nichts.

26. Oktober 2008

Porsche schockiert die Börse mit der Ankündigung, seinen Anteil an VW nun doch auf 75 Prozent erhöhen zu wollen. In der Erklärung sorgt vor allem eine Information für Unruhe: Über Optionen hat sich Porsche zusätzlich zu seinem 42,6-Prozent-Paket weitere 31,5 Prozent gesichert. Weitere 20 Prozent hält Niedersachsen. Es sind also kaum noch Aktien auf dem Markt.

28. Oktober 2008

Anleger, die auf fallende Kurse gesetzt hatten, haben jetzt allen Grund zur Panik. Sie haben VW-Aktien zu einem festgelegten Preis verkauft, die sie noch gar nicht besitzen und jetzt heranschaffen müssen – koste es, was es wolle. Wie viele Aktien von solchen Geschäften erfasst sind, ist nicht bekannt, doch es sind offensichtlich weit mehr als die rund sechs Prozent, die sich noch auf dem Markt befinden. Der Kurs steigt im atemberaubenden Tempo von 200 auf mehr als 1000 Euro.

6. Mai 2009

Der hohe Börsenkurs macht Porsche quasi über Nacht zu einem reichen Unternehmen, aber nur auf dem Papier. Für den Kauf der restlichen 31,5 Prozent, die sich Härter über Optionen gesichert hatte, können sie immerhin als Sicherheit dienen. Den Kaufpreis von rund acht Milliarden Euro muss der Finanzjongleur trotzdem durch Kredite finanzieren. Schlimmer noch: Am 24. März 2009 wird ein Zehn-Milliarden-Euro-Kredit fällig und Härter gelingt es nicht, das Geld für die Anschlussfinanzierung aufzutreiben. In der Not muss VW einspringen – der Jäger wird zur Beute.

23. Juli 2009

Der Schaden, den Wiedeking und Härter angerichtet haben, ist zu groß. Im Piëch/Porsche-Clan ist man sich ausnahmsweise einig: Die beiden Top-Manager müssen gehen. Nach langen Verhandlungen mit dem Aufsichtsrat einigt man sich auf eine Abfindung von 50 Millionen Euro für Wiedeking und 12,5 Millionen für Härter. Wiedeking muss sich allerdings verpflichten, die Hälfte seiner Abfindung in eine Stiftung einzubringen.

13. August 2009

Das Ende der Eigenständigkeit von Porsche ist besiegelt. Der Aufsichtsrat stimmt der Übernahme durch Volkswagen zu. Der Sportwagenhersteller muss sich fortan mit elf anderen Konzernschwestern arrangieren, hat jedoch weiterhin viel Freiheit. Die eigentlichen Gewinner sind allerdings die Familien Piëch und Porsche. Über die Holdinggesellschaft Porsche SE besitzen sie mehr als 50 Prozent an VW. Sechs Jahre später müssen sich Wiedeking und Härter vor Gericht verantworten.

Schrittweise Aufstockung der Anteile

Im September 2005 dann gibt Porsche die erste Mitteilung heraus: Man werde rund 20 Prozent der Volkswagen-Stammaktien Chart zeigen erwerben, schreibt das Unternehmen. Die Beteiligung solle keinesfalls so hoch ausfallen, dass man anschließend ein öffentliches Übernahmeangebot vorlegen müsse. Knapp eineinhalb Jahre später hebt Porsche die Beteiligung über die entscheidende Schwelle von 30 Prozent. Doch noch ist nicht zu erkennen, ob Porsche mehr anstrebt als die Rolle eines Ankeraktionärs.

Wieder ein Jahr später, im März 2008, billigt der Aufsichtsrat die weitere Aufstockung der Anteile auf mehr als 50 Prozent. Porsche weist wenig später aber jede Verdächtigung zurück, man peile die 75-Prozent-Marke an, die die absolute Herrschaft über VW sichern würde.

Während dieser Zeit wähnt sich Wiedeking bereits auf der Siegerstraße. Er führt sich in Wolfsburg auf - berichten Insider - als wäre er bereits unumschränkter Herrscher, und bringt damit Freund und Feind gegen sich auf.

Doch der Angriff sollte nicht am Widerstand der VW-Leute scheitern. Entscheidend war vielmehr die Entwicklung an den internationalen Börsen. Finanzchef Härter hatte den Angriff auf VW mithilfe von Optionsgeschäften und Milliardenkrediten finanziert. Als der Kurs der VW-Papiere infolge der Insolvenz von Lehman Brothers ins Rutschen kam, schmolzen damit auch die erforderlichen Sicherheiten für die Kreditgeber dahin. Porsche musste Hunderte Millionen Euro nachschießen, um die immer nervöser werdenden Gläubiger zu beruhigen.

Anleger reagieren panisch

Im Oktober 2008 gelang ihm dies mit einem Paukenschlag. Der kleine Sportwagenbauer Porsche gab bekannt, dass man nun doch einen 75-Prozent-Anteil des Riesenkonzerns VW anpeile - und sich neben den im Portfolio befindlichen 42,6 Prozent der Stammaktien bereits weitere 31,5 Prozent über Optionsgeschäfte gesichert hat.

Die Nachricht verfehlt ihre Wirkung nicht. Allen Anlegern, die auf einen weiteren Verfall des Aktienkurses gewettet hatten, wird schlagartig klar, dass zusammen mit den 20 Prozent in den Händen des Landes Niedersachsen nur noch eine vergleichsweise winzige Menge von knapp sechs Prozent der Anteile auf dem Markt ist. Viel zu wenig, um die vielen Optionsgeschäfte abzudecken, die zuvor abgeschlossen worden waren.

Der Kurs stieg binnen weniger Stunden auf zeitweise mehr als tausend Euro.

Der Coup verschaffte Wiedeking und Härter jedoch nur eine Atempause, denn nun galt es, die eigenen Optionsgeschäfte einzulösen, um den Kurs auf hohem Niveau zu stabilisieren. Zusammen mit der Umschuldung für einen fälligen Zehn-Milliarden-Kredit brauchte Porsche dafür dringend weitere acht Milliarden Euro. So viel wollten die Banken aber nicht geben. Porsche wurde vom Jäger zum Gejagten - und schließlich zur zwölften Tochter im Volkswagen-Reich.

Das Landgericht Stuttgart muss nun herausfinden, ob Wiedeking und Härter mit der schrittweisen Veröffentlichung ihrer Kaufabsichten einen Masterplan verfolgten, der von Anfang an so angelegt war, oder ob über jede Aufstockung tatsächlich spontan der Situation folgend entschieden worden ist. Vertrauliche Mails dienen den Anklägern als Indizien, doch viel mehr haben sie nicht in der Hand.

Juristisches Neuland

Ob das für eine Verurteilung reicht, daran zweifeln nicht wenige Juristen. Schließlich müsse der Nachweis geführt werden, dass der Börsenkurs der VW-Aktie gezielt manipuliert werden sollte. Die Auswirkungen der einzelnen Mitteilungen sind zwar unbestreitbar. Doch die Staatsanwälte müssen beweisen, dass die Absender genau diese Wirkung beabsichtigten.

Das Verfahren ist jedoch noch aus einem anderen Grund heikel: "Juristisch gesehen betreten wir Neuland", sagt der Frankfurter Juraprofessor Matthias Jahn. Das Gesetz regele bisher eher unpräzise, was genau unter Marktmanipulation zu verstehen ist. "Das ist die Krux an diesem Strafverfahren." Jahn zeigt sich skeptisch, dass die Staatsanwaltschaft eine Verurteilung durchsetzen wird. "Es gibt belastbare Indizien, dass die Staatsanwaltschaft sich mit ihrer Anklage sehr schwertun wird", sagt der Rechtsexperte.

Theoretisch drohen Wiedeking und Härter hohe Geldstrafen oder sogar ein Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren. Dass die früheren Porsche-Bosse jedoch tatsächlich hinter Gittern landen oder eine Bewährungsstrafe aufgebrummt bekommen, hält Juraprofessor Jahn für so gut wie unmöglich.


Zusammengefasst: Die ehemaligen Porsche-Top-Manager Wendelin Wiedeking und Holger Härter müssen sich vor Gericht verantworten. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft haben sie nach einem sorgfältig ausgeklügelten Plan die Aktienmärkte manipuliert, um ihr großes Ziel zu verwirklichen: die Übernahme des riesigen VW-Konzerns. Im schlimmsten Fall drohen den Angeklagten hohe Geldstrafen oder sogar Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren. Der Beweis dürfte den Anklägern jedoch schwerfallen.

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1. Kursmanipulation oder Kaufabsicht?
jürgen_knorsch 22.10.2015
Kursmanipulation ist strafbar, Kauf von Aktien eigentlich nicht. Ja, auch wenn wir es nichr alle verstehen, wir haben es gehört, Heuschrecken, böse Menschen, Daytraider und Investmenthaie, wobei die kleinen Daytraider keine Marktmanipulation schaffen mangels Volumen. Hier ist die Sachlage anders: Kauf von Aktien zum Behalten, Kauf einer Firma sozusagen, nicht Kurs hochjagen und verkaufen und Differenzgewinne machen. Der Kauf ins Anlagevermögen treibt die Aktienkurse, dass ist nicht strafbar. Billig einkaufen wollen eigentlich auch nicht. Wiedeking ist an Piech gescheitert, ob der Herr Piech hätte wissen können, das die Diesel manipuliert waren? Das hätte Wiedeking gar nicht geduldet als guter Ingenieur
2. einerseits
felisconcolor 22.10.2015
will man den freien ungezügelten Kapitalismus, vulgo freie Marktwirtschaft, andererseits zieht man sich in die Schmollecke zurück wenn ein paar Ausgebuffte genau dies tun. Wenn es gelungen wäre hätte man Wiedekind und Härter auf die Schultern geklopft und zu Managern des Jahres gekürt. Jetzt sagt man " mi mi mi" Marktmanipulation weil ein paar Kleinanleger in der großen Liga mitspielen wollten und bissel Kleingeld verloren haben. Ich sag nur entweder oder. Friss oder stirb. Alles andere ist weinerlicher Kinderkram. Oder habt endlich Eier in der Hose und greift massiv in den ungezügelten Markt ein. Aber das traut sich ja niemand.
3. Gier frisst Hirn?
ZornigerMitmischer 22.10.2015
An einem ganz ähnlichen Übernahme-Husarenstück hat sich keine zehn Jahre vor der Porsche-Aktion der Stahlkonzern Krupp erfolglos versucht. Das Ergebnis ist bekannt: Krupp ist jetzt ThyssenKrupp und die neue gemeinsame Konzern-Hauptverwaltung wurde vor einigen Jahren auf den abgeräumten Brachflächen des zuvor weitgehend dicht gemachten Essener Stammwerks gebaut. Haben "Investmentbanker und Anwälte" den Porsche-Granden schlecht beraten?
4. Welchen Platz haben ...
exbb 22.10.2015
Die Investmentbanker auf der Anklagebank. Denn die haben mit Sicherheit den Plan ausgeheckt. Kranke Menschen.
5. Deal
whitemouse 22.10.2015
Es war übel, dass der Prozess gegen Ackermann nicht mit einem Urteil abgeschlossen wurde. Aber hier sehe ich keine Notwendigkeit für ein Urteil. Eine Einstellung gegen Zahlung scheint mir sinnvoll.
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