Wirtschaft


Portugal: Größter Wackelkandidat

Portugal ist nicht Irland, versichert die Regierung in Lissabon. Trotzdem steht das Land unter einem enormen Druck, die Zinsen für Staatsanleihen sind massiv gestiegen. Immerhin wurden Reformen und Sparprogramme auf den Weg gebracht - doch womöglich zu spät.

Stillgelegte Baustelle in Lissabon: Höhere Mehrwertsteuer gegen drohende StaatspleiteZur Großansicht
AP

Stillgelegte Baustelle in Lissabon: Höhere Mehrwertsteuer gegen drohende Staatspleite

Die Rendite für langfristige portugiesische Staatsanleihen liegt in jüngster Zeit oft über sechs Prozent - die Anleger sorgen sich, dass der Staat im Südwesten Europas als nächstes um Mittel aus dem EU-Rettungsschirm bitten muss. Anders als in Irland ist Portugals Problem aber nicht der Bankensektor oder eine Immobilienblase: Das Land hat ein ernstes Strukturproblem. Die Wirtschaft Portugals wuchs in den vergangenen zehn Jahren kaum, die Industrie fällt im internationalen Wettbewerb ab, die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als zehn Prozent.

Die Neuverschuldung erreichte 2009 einen Rekordwert von 9,4 Prozent. Mit Kürzungen in nie dagewesener Höhe will die Regierung das Defizit 2010 auf 7,3 und 2011 auf 4,3 Prozent drücken. Dazu soll die Mehrwertsteuer von 21 auf 23 Prozent steigen, für Unternehmen wird zusätzlich eine Gewinnsteuer in Höhe von 2,5 Prozent fällig.

Große Infrastrukturprojekte wie ein neuer Flughafen und der Bau einer TGV-Schnelltrasse wurden vorerst gestoppt. Staatsunternehmen wie Energiekonzerne und Banken werden zum Teil oder komplett privatisiert; insgesamt sechs Milliarden Euro soll der Ausverkauf einbringen. Gespart werden soll zudem beim öffentlichen Dienst, wo bereits im September die Löhne um fünf Prozent gekappt wurden.

Rückfall in die Rezession droht

Doch noch ist nicht gesagt, dass die Wirtschaft im Land kräftig genug wächst, um den Schuldenabbau voranzubringen. Die Lissaboner Regierung selbst rechnet im kommenden Jahr mit einem Mini-Wachstum von gerade mal 0,2 Prozent. OECD und Internationaler Währungsfonds prophezeien dem Land sogar einen Rückfall in die Rezession.

Hinzu kommt, dass das Sparprogramm seine Wirkung zu spät entfalten könnte. Bereits im Frühjahr muss Portugal 15 Milliarden Euro auftreiben, um alte Schulden zu refinanzieren. Insgesamt sind 2011 rund 40 Milliarden Euro fällig. Sollten die Zinsen nicht bald sinken - oder sogar noch weiter steigen - wird die EU Portugal sicherlich zur Annahme von Hilfsgeldern drängen.

Der Grund: Ein Übergreifen der Portugal-Krise auf Spanien soll auf jeden Fall verhindert werden. Denn vor allem spanische Banken haben in dem Land investiert. Die offenen Forderungen an Banken, Unternehmen und die Lissaboner Regierung beliefen sich Ende Juni auf 57 Milliarden Euro. Sollte Portugal kippen, würde Spanien zum nächsten Rettungskandidaten. Die Rettung einer solch riesigen Volkswirtschaft würde den Rettungsschirm jedoch überfordern.

Ole Reißmann und Stefan Schultz

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insgesamt 3 Beiträge
BartSimpson 25.11.2010
Der Grund: Ein Übergreifen der Portugal-Krise auf Spanien soll auf jeden Fall verhindert werden. Denn vor allem spanische Banken haben in dem Land investiert. Die offenen Forderungen an Banken, Unternehmen und die Lissaboner [...]
Der Grund: Ein Übergreifen der Portugal-Krise auf Spanien soll auf jeden Fall verhindert werden. Denn vor allem spanische Banken haben in dem Land investiert. Die offenen Forderungen an Banken, Unternehmen und die Lissaboner Regierung beliefen sich Ende Juni auf 57 Milliarden Euro. Sollte Portugal kippen, würde Spanien zum nächsten Rettungskandidaten. (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,730769,00.html) Eben das gilt es herauszufinden. Muss man wirklich Portugal helfen, nur um spanische Banken zu retten? D. h. wir geben das Geld über Umwege an spanische Banken. Dann ist es mir doch lieber, einige spanische Banken abstürzen zu lassen, und Spanien die entsprechenden Gelder ggf. direkt zu geben. Ob durch das Abstürzen einiger spanischer Banken auch Spanien abstürzt, ist doch nicht in Stein gemeißelt. Ich würde sagen, man lässt es einfach mal darauf ankommen. Kann mir schlecht vorstellen, dass die betroffenen spanischen Banken derart relevante Verflechtungen aufweisen, wie damals die Lehman Brothers.
matt_us 25.11.2010
Portugal ist ein Wackelkandidat weil es in den letzten zehn Jahren jedes Jahr etwa 10% mehr verpulvert als es verdient. Das Geld was gebraucht wird, wird sich im Ausland gepumpt. Mit anderen Worten, das Leistungsbilanzdefizit [...]
Zitat von sysopPortugal ist nicht Irland, versichert*die Regierung in Lissabon. Trotzdem steht das Land unter einem enormen Druck, die Zinsen für Staatsanleihen sind massiv gestiegen. Immerhin wurden Reformen und Sparprogramme auf den Weg gebracht - doch womöglich zu spät. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,730769,00.html
Portugal ist ein Wackelkandidat weil es in den letzten zehn Jahren jedes Jahr etwa 10% mehr verpulvert als es verdient. Das Geld was gebraucht wird, wird sich im Ausland gepumpt. Mit anderen Worten, das Leistungsbilanzdefizit liegt so um die 10%, und auch fuer die naechsten 2 Jahre werden Defizite um etwa 9% erwartet, also keine grosse Verbesserung. Das heisst man nimmt sich jedes Jahr etwa 9% neue Schulden im Ausland auf als man insgesamt erwirtschaftet, die zu den alten dazu gezaehlt werden muessen und auch getilgt werden muessen. Investoren machen das nur mit, bis zu einem gewissen Zeitpunkt, und dann ist Schluss. Das einzige was da hilft sind Umschuldungen. Nicht zu hoeheren Zinsen, aber zu niedrigeren als den jetzigen Marktzinsen. Nur so kann man Portugal (und allen anderen Krisenlaendern) helfen sich aus der hohen Verschuldung herauszusparen und die portugiesische Wirtschaft wieder wettbewerbsfaehig machen. Langfristige Loesung waere den Stabilitaetspakt erweitern und ausser 3% Neuverschuldungsgrenze und 60% Staatsschuldengrenze ein neue Kategorie einfuehren: Das Leistungsbilanzdefizit muss unter 2% oder 3% liegen. Wenn es eine Leistungsbilanzdfizitgrenze gegeben haette, (und an die man sich gehalten haette), gaebe es keine Eurokrise.
Searchio 01.12.2010
Die Ökonomischen Probleme Portugals lassen sich nicht einfach wegfinanzieren. Schon vor knapp acht Jahren scherzten Unternehmer "...was würden wir nur ohne den Euro machen...?". Damit war nicht unser aller Währung, [...]
Die Ökonomischen Probleme Portugals lassen sich nicht einfach wegfinanzieren. Schon vor knapp acht Jahren scherzten Unternehmer "...was würden wir nur ohne den Euro machen...?". Damit war nicht unser aller Währung, sondern die Europameisterschaft gemeint. Die der Bau und Konsttruktionsbranche mit primären Projekten wie Stadien und sekundären Projekten die dafür nötige Infrastruktur (Ausbau von Flughäfen, Bahnhöfen, Metro, Straßen, etc..) einiges an Schub gab. Wirtschaftlich ist fast schon ein Provinz Spaniens... womit sich Portugal auch fast schon glücklich schätzen könnte. Es produziert nichts. Der portugiesische Konsument hat keine Alternativen als importierte Produkte zu kaufen. Seit Mitte der Neunziger wandern ausländische Firmen ab, da der Osten strukturell wie geographisch dem Economy-WhoisWho Europas näher und praktischerweise sogar noch billiger ist. Selbst der niedrigste Mindestlohn jenseits Osteuropas ist nicht in der Lage das Übel abzuwenden. Die Niedriglohnaufstellung wird mit der Konkurrenz aus dem näheren Osten nicht fertig, substanziell verkommt das Land zum reinen Dienstleister. Quo Vadis Portugal?
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  • Donnerstag, 25.11.2010 – 13:23 Uhr
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