Portugals Krisengeneration Wie ein 22-Jähriger seine Regierung überwacht

Portugals Regierung will das Land rundumerneuern, doch ihre Reformen spalten das Land: Während seine Eltern unter Lohnkürzungen leiden, überwacht Wirtschaftsstudent Francisco Cluny die Reformfortschritte der Politik - damit sie seine Zukunft nicht verspielt.

SPIEGEL ONLINE

Aus Lissabon berichtet


Thesen des Wirtschaftsstudenten Francisco Cluny Parreira Rodrigues, Universidade Nova, Lissabon, Juli 2012:

  • Die meisten Menschen fragen nicht, wie man die Krise lösen kann, sondern wer an ihr schuld ist.
  • Egal, welche Strategie man gegen die Krise wählt - sie wird unweigerlich Hunderttausende bis Millionen Menschen schmerzhaft treffen.
  • Die Lösung der Krise ist ergo eine Frage der Entbehrungen. Es geht darum, jetzt zu verzichten, damit es uns künftig wieder besser geht.

Kurz nachdem Francisco zu studieren begann, brach in Amerika die Investmentbank Lehman Brothers zusammen, und die Finanzkrise begann. Jetzt schreibt der drahtige 22-Jährige mit den dunklen Locken seine Abschlussarbeit, und sein Heimatland Portugal ist pleite. Andere Staaten müssen seine Regierung stützen, damit sie weiter die Renten zahlen kann, damit das Sozialsystem nicht zusammenbricht.

Es gab wohl keinen besseren Zeitraum, Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Und keinen schlechteren. Vieles, was als Theorien in den Lehrbüchern steht, ist in den vergangenen vier Jahren tatsächlich passiert. Francisco studierte Wirtschaft am lebenden beziehungsweise ums Überleben kämpfenden Objekt. Gleichzeitig plagt ihn die Zukunftsangst. Denn er muss in diesem von der Krise verheerten Land einen Job finden - und muss dabei auf die Regierung hoffen.

Mit umfassenden Reformen will Pedro Passos Coelho das Land wieder fit für den globalen Wettbewerb machen und die Staatsverschuldung auf ein erträgliches Maß drücken. Sein Kabinett flexiblisiert den Arbeitsmarkt, streicht im öffentlichen Dienst die Löhne zusammen, kappt Sozialleistungen und macht das Rechtssystem unternehmensfreundlicher. Immer wieder betont die Regierung, dass ihre Reformen greifen. Aber stimmt das? Francisco hat beschlossen, die Maßnahmen, von denen seine Zukunft abhängt, selbst zu prüfen.

Studenten werden zu Reformwächtern

An der Uni nennen sie ihn Cluny, wie George Clooney, nach seinem zweiten Vornamen. Cluny erzählte seine Idee herum: Studenten als Wächter der Reform, Jung-Ökonomen im Dienste der Troika. Er fand zwei Dutzend Mitstreiter, und sie gründeten den Nova Economics Club. Meist trafen sie sich in einem Arbeitsraum der Universität, zwischen goldenen Wappen und dunklen Holzvertäfelungen. Durchs Fenster blickten sie über die Stadt, auf weiße Gebäude, die sich über die umliegenden Hügel bis hinunter zum Tejo-Fluss erstrecken. "Der Club der toten Ökonomen" nannten sie manche, in Anlehnung an den Film "Der Club der toten Dichter", in dem ein Professor seine Eleven zum Freidenkertum inspiriert und ihre Leidenschaft für Poesie weckt.

Clunys Club will ebenfalls Leidenschaft wecken - für die Wirtschaft. Er will, dass die Portugiesen verstehen, was mit ihrem Land passiert. "Viele verurteilen die Reformen pauschal", sagt er. "Doch sie wissen gar nicht, was die Regierung genau unternimmt."

Die Jung-Ökonomen entwickeln nun Indikatoren, die Erfolg und Misserfolg der Reformen messen sollen. Richtwerte, die jeder verstehen soll. Unterstützung bekommen sie von ihren Professoren, unter anderem von Paulo Leiria, einem Ökonomen, der selbst in der Arbeitsgruppe der Regierung sitzt, die die Strukturreformen koordiniert.

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Grafiken: So laufen Portugals Strukturreformen
In einer ersten Analyse sieht der Nova Economics Club durchaus positive Ansätze. Viele der angekündigten Reformen seien zügig und konsequent umgesetzt worden, heißt es in einem Bericht. Die Jugendarbeitslosigkeit ist seit Herbst 2011 - dem Zeitpunkt, in dem die ersten Reformen starteten - kaum noch gestiegen, und es bestehe Hoffnung, dass sie wieder zurückgehe. Ebenfalls positiv entwickle sich der Gesundheitssektor. Durch den verstärkten Einsatz von billigen, patentfreien Medikamenten sinken in diesem inzwischen die Kosten .

Das portugiesische Rechtssystem kommt im Urteil der Studenten weniger gut weg. Seit Jahren kommen die Gerichte mit der Abwicklung der Verfahren nicht hinterher. Zuletzt gab es rund 1,5 Millionen schwebende Prozesse, in viele sind Unternehmen verwickelt. Sie können kaum planen, was die Investitionen bremst. Die Regierung hat eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um das Rechtssystem zu beschleunigen. Doch bislang sei nicht erkennbar, ob diese etwas bewirken, heißt es in einem Bericht des Nova Economics Clubs.

Am 20. Juni präsentierten die Jung-Ökonomen ihre Ergebnisse den Vertretern des Internationalen Währungsfonds und der EU-Kommission. Anwesend war damals unter anderem Albert Jaeger, der ständige Repräsentant des IWF in Lissabon. "Ich war von der Qualität der Studien beeindruckt", sagt er. Auch er ist sich sicher, dass die angestoßenen Reformen positive Effekte haben. Fragt sich nur, wie schnell. Und ob die Bevölkerung sie lange genug mitträgt.

Wie die Reformen einen Generationskonflikt entfachen

Wenn die Reform Portugals vor allem eine Frage der Entbehrungen ist, dann ist diese Last ungleich verteilt. Franciscos Mutter Helena arbeitet als Staatsanwältin. Durch das Reformprogramm ist ihr Lohn im laufenden Jahr um gut 30 Prozent gesunken. Franciscos Vater João arbeitet selbständig als Event-Manager. Die Zahl seiner Kunden sinkt ebenso wie die Zahl seiner Investoren. Neulich verwehrte ihm die Bank die Finanzierung eines Projekts. Dabei hat er in den 26 Jahren seines Berufslebens bislang jeden Kredit zurückgezahlt.

Es ist vor allem die ältere Generation, die durch die Reformen etwas verliert. Ihre Kinder dagegen wollen etwas gewinnen. Sie hoffen, dass der Strukturwandel das Land, in dem sie bald arbeiten wollen, wieder in Ordnung bringt. Es ist verständlich, dass die Generation der Eltern, die das Land nach der Nelkenrevolution mitaufgebaut hat, über den Verlust ihres Wohlstands klagt. Gleichzeitig bremst der Widerstand dieser großen Wählergruppe den politischen Reformprozess. Diesen Realitäten muss sich auch ein Jung-Ökonom wie Cluny, der mit Gesandten des IWF verkehrt, immer wieder stellen.

Neulich saß Francisco beim Abendbrot. Seine Mutter stellte Teller und Schüsseln auf den Tisch, draußen senkte sich die Nacht über Lissabon, und sie diskutieren, wie so oft zuletzt, die Krise.

"Es ist größtenteils richtig, was die Regierung macht", dozierte Cluny. "Wir müssen die Produktivität erhöhen und den Arbeitsmarkt flexibilsieren."

"Das mag schon so sein", sagte seine Mutter. "Nur hat die Regierung nicht deinen Lohn gekürzt, sondern meinen."

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insgesamt 59 Beiträge
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Seite 1
artorix 23.07.2012
1. Klar, sachlich, überzeugend
Die drei Thesen sind von frappierender Klarheit und emotionsloser Sachlichkeit, die einfach überzeugt. Dem wäre nicht ein Wort hinzuzufügen, außer - diese Thesen will niemand hören, weil sie weh tun. Lieber jammert man pauschal über Regierungen und deren Entscheidungen, meistens ohne inhaltliche Kenntnisse und ohne fachliches Verständnis. Jammern und nörgeln soll ja des Deutschen liebestes Kind sein. Diese Gruppe von einem guten Dutzend Wirtschaftsstudenten unterscheidet sich in allen Belangen wohltuend von der Allgemeinheit in Deutschland und wohl auch in Portugal.
myxx 23.07.2012
2. Die...
Thesen dieses Mannes hätte ich auch ganz ohne Wirtschaftsstudium aufstellen können, dafür muss man einfach nur ein bisschen Nachrichten schauen (vielleicht nicht gerade RTL) und politisch/wirtschaftlich interessiert sein... Abgesehen davon führe ich die gleiche Art der "Überwachung" in meinem Jura-Studium durch, es ist völlig normal, dass man studiumsbezogene, aktuelle politische oder wirtschaftliche Ereignisse in Klausuren oder Hausarbeiten zu Gesicht bekommt.
the_chief2k 23.07.2012
3. optional
Die Thesen sind klar, ja. Warum verzichtet nicht die Privatwirtschaft, insbesondere der Finanzsektor sondern sind die (im Artikel angesprochenen) Betroffenen der Reform, der oeffentliche Dienst und die Allgemeinheit? NIchts dagegen einzuwenden, dass auch dort gespart werden kann, doch Saetze wie: "Sein Kabinett flexiblisiert den Arbeitsmarkt, streicht im öffentlichen Dienst die Löhne zusammen, kappt Sozialleistungen und macht das Rechtssystem unternehmensfreundlicher" zeigen die Richtung. Franciscos Mutter hat durch ihre Arbeit die Krise nicht verursacht, die Folgen finanzieren darf sie nun aber schon. Es waere schon angebracht, die Schuldigen bei der Bewaeltigung mit ins Boot zu holen.
DMenakker 23.07.2012
4.
Zitat von artorixDie drei Thesen sind von frappierender Klarheit und emotionsloser Sachlichkeit, die einfach überzeugt. Dem wäre nicht ein Wort hinzuzufügen, außer - diese Thesen will niemand hören, weil sie weh tun. Lieber jammert man pauschal über Regierungen und deren Entscheidungen, meistens ohne inhaltliche Kenntnisse und ohne fachliches Verständnis. Jammern und nörgeln soll ja des Deutschen liebestes Kind sein. Diese Gruppe von einem guten Dutzend Wirtschaftsstudenten unterscheidet sich in allen Belangen wohltuend von der Allgemeinheit in Deutschland und wohl auch in Portugal.
Aber nein doch. Sie haben Kraftilanti nicht verstanden, wir müssen Schulden machen zur vorbeugenden Sozialarbeit. Jede gefressene Dose Kaviar ist ein potentieller Ausbildungsplatz als Importkaufmann vor einen russischstämmigen Einwanderer. Also, Leute fresst mehr Kaviar. Nur so helfen wir unseren Randgruppen! [Ironie off] Mal im Ernst, wer solch banalen selbstverständlichkeiten in D zu Papier bringt wird als grösster Dummkopf verschrieen, weil man ja die ganzen Ausnahmetabestände nicht sehe. Wer das nicht kennt, hat noch nie mit Linken diskutiert
gliese581c 23.07.2012
5. Wer braucht ein Studium ...?
...um zu checken was da vor sich geht. Über die Verhältnisse gelebt haben viele. Das Geld anderer ausgegeben. Dazu unfähige und korrupte "Politiker" die nur wiedergewählt werde wollen und denen sonst alles egal ist. Na, dann recheriere mal weiter, Studenten-Cluny
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