Aus Lissabon berichtet Stefan Schultz
Thesen des Wirtschaftsstudenten Francisco Cluny Parreira Rodrigues, Universidade Nova, Lissabon, Juli 2012:
Kurz nachdem Francisco zu studieren begann, brach in Amerika die Investmentbank Lehman Brothers zusammen, und die Finanzkrise begann. Jetzt schreibt der drahtige 22-Jährige mit den dunklen Locken seine Abschlussarbeit, und sein Heimatland Portugal ist pleite. Andere Staaten müssen seine Regierung stützen, damit sie weiter die Renten zahlen kann, damit das Sozialsystem nicht zusammenbricht.
Es gab wohl keinen besseren Zeitraum, Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Und keinen schlechteren. Vieles, was als Theorien in den Lehrbüchern steht, ist in den vergangenen vier Jahren tatsächlich passiert. Francisco studierte Wirtschaft am lebenden beziehungsweise ums Überleben kämpfenden Objekt. Gleichzeitig plagt ihn die Zukunftsangst. Denn er muss in diesem von der Krise verheerten Land einen Job finden - und muss dabei auf die Regierung hoffen.
Mit umfassenden Reformen will Pedro Passos Coelho das Land wieder fit für den globalen Wettbewerb machen und die Staatsverschuldung auf ein erträgliches Maß drücken. Sein Kabinett flexiblisiert den Arbeitsmarkt, streicht im öffentlichen Dienst die Löhne zusammen, kappt Sozialleistungen und macht das Rechtssystem unternehmensfreundlicher. Immer wieder betont die Regierung, dass ihre Reformen greifen. Aber stimmt das? Francisco hat beschlossen, die Maßnahmen, von denen seine Zukunft abhängt, selbst zu prüfen.
Studenten werden zu Reformwächtern
An der Uni nennen sie ihn Cluny, wie George Clooney, nach seinem zweiten Vornamen. Cluny erzählte seine Idee herum: Studenten als Wächter der Reform, Jung-Ökonomen im Dienste der Troika. Er fand zwei Dutzend Mitstreiter, und sie gründeten den Nova Economics Club. Meist trafen sie sich in einem Arbeitsraum der Universität, zwischen goldenen Wappen und dunklen Holzvertäfelungen. Durchs Fenster blickten sie über die Stadt, auf weiße Gebäude, die sich über die umliegenden Hügel bis hinunter zum Tejo-Fluss erstrecken. "Der Club der toten Ökonomen" nannten sie manche, in Anlehnung an den Film "Der Club der toten Dichter", in dem ein Professor seine Eleven zum Freidenkertum inspiriert und ihre Leidenschaft für Poesie weckt.
Clunys Club will ebenfalls Leidenschaft wecken - für die Wirtschaft. Er will, dass die Portugiesen verstehen, was mit ihrem Land passiert. "Viele verurteilen die Reformen pauschal", sagt er. "Doch sie wissen gar nicht, was die Regierung genau unternimmt."
Die Jung-Ökonomen entwickeln nun Indikatoren, die Erfolg und Misserfolg der Reformen messen sollen. Richtwerte, die jeder verstehen soll. Unterstützung bekommen sie von ihren Professoren, unter anderem von Paulo Leiria, einem Ökonomen, der selbst in der Arbeitsgruppe der Regierung sitzt, die die Strukturreformen koordiniert.
Das portugiesische Rechtssystem kommt im Urteil der Studenten weniger gut weg. Seit Jahren kommen die Gerichte mit der Abwicklung der Verfahren nicht hinterher. Zuletzt gab es rund 1,5 Millionen schwebende Prozesse, in viele sind Unternehmen verwickelt. Sie können kaum planen, was die Investitionen bremst. Die Regierung hat eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um das Rechtssystem zu beschleunigen. Doch bislang sei nicht erkennbar, ob diese etwas bewirken, heißt es in einem Bericht des Nova Economics Clubs.
Am 20. Juni präsentierten die Jung-Ökonomen ihre Ergebnisse den Vertretern des Internationalen Währungsfonds und der EU-Kommission. Anwesend war damals unter anderem Albert Jaeger, der ständige Repräsentant des IWF in Lissabon. "Ich war von der Qualität der Studien beeindruckt", sagt er. Auch er ist sich sicher, dass die angestoßenen Reformen positive Effekte haben. Fragt sich nur, wie schnell. Und ob die Bevölkerung sie lange genug mitträgt.
Wie die Reformen einen Generationskonflikt entfachen
Wenn die Reform Portugals vor allem eine Frage der Entbehrungen ist, dann ist diese Last ungleich verteilt. Franciscos Mutter Helena arbeitet als Staatsanwältin. Durch das Reformprogramm ist ihr Lohn im laufenden Jahr um gut 30 Prozent gesunken. Franciscos Vater João arbeitet selbständig als Event-Manager. Die Zahl seiner Kunden sinkt ebenso wie die Zahl seiner Investoren. Neulich verwehrte ihm die Bank die Finanzierung eines Projekts. Dabei hat er in den 26 Jahren seines Berufslebens bislang jeden Kredit zurückgezahlt.
Es ist vor allem die ältere Generation, die durch die Reformen etwas verliert. Ihre Kinder dagegen wollen etwas gewinnen. Sie hoffen, dass der Strukturwandel das Land, in dem sie bald arbeiten wollen, wieder in Ordnung bringt. Es ist verständlich, dass die Generation der Eltern, die das Land nach der Nelkenrevolution mitaufgebaut hat, über den Verlust ihres Wohlstands klagt. Gleichzeitig bremst der Widerstand dieser großen Wählergruppe den politischen Reformprozess. Diesen Realitäten muss sich auch ein Jung-Ökonom wie Cluny, der mit Gesandten des IWF verkehrt, immer wieder stellen.
Neulich saß Francisco beim Abendbrot. Seine Mutter stellte Teller und Schüsseln auf den Tisch, draußen senkte sich die Nacht über Lissabon, und sie diskutieren, wie so oft zuletzt, die Krise.
"Es ist größtenteils richtig, was die Regierung macht", dozierte Cluny. "Wir müssen die Produktivität erhöhen und den Arbeitsmarkt flexibilsieren."
"Das mag schon so sein", sagte seine Mutter. "Nur hat die Regierung nicht deinen Lohn gekürzt, sondern meinen."
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