Prämienaufschläge: So schützen sich Privatversicherte vor dem Beitragsfluch

Von Sven Böll

Millionen Kunden der privaten Krankenversicherung bekommen in diesen Tagen unerfreuliche Post: Die Beiträge steigen Anfang 2011 deutlich. Doch es gibt einen Gesetzestrick, mit dem sich Verbraucher gegen den Kostenfluch wehren können.

Arzt im Krankenhaus: Genauso gut versichert für weniger Geld Zur Großansicht
dapd

Arzt im Krankenhaus: Genauso gut versichert für weniger Geld

Hamburg - Vor einem Jahr wusste Peter Müller* nicht mehr weiter. Seine private Krankenversicherung hatte ihn krank gemacht. Die Prämie stieg zum 1. Januar 2010 um 33 Prozent. Verzweifelt bat der Frührentner den Anbieter um Alternativen zum 550-Euro-Monatsbeitrag. Er könne die Police nicht bezahlen, kündigte Müller mit verzweifeltem Unterton an.

Doch die Antwort aus dem Callcenter verstärkte nur seine Angst vor dem sozialen Ruin: "Tja, dann müssen Sie eben Ihr Haus verkaufen." Auch sein Makler erwies sich angesichts des finanziellen Dramas nicht gerade als Freund und Helfer: "Tut mir Leid, nichts zu machen."

Die Antworten der Versicherung und des Policenverkäufers waren nicht nur zynisch. Sie waren auch falsch. Das erfuhr Müller aber erst, als er den Versicherungsmakler Javier Garcia aus Bad Oeynhausen kennenlernte. Der 40-Jährige verkauft ebenfalls Krankenversicherungen. Er gehört aber nach Müllers Meinung zum Kreis derjenigen Branchenvertreter, die anders als etliche Kollegen ihr Gewissen nicht zugunsten des Girokontos geopfert haben.

Leseraufruf
ddp
Sie sind privatversichert? Ihre Krankenversicherung hat in den vergangenen Jahren die Beiträge deutlich erhöht? Und Sie haben Ihren Versicherungsverlauf dokumentiert? Schildern Sie uns Ihren Fall, den wir selbstverständlich anonymisieren.
Garcia wies ihn auf ein Gesetz hin, das sperrig klingt und noch immer ziemlich unbekannt ist. Das aber jeder Privatversicherte kennen sollte. In Paragraf 204 des Versicherungsvertragsgesetztes steht:

Der Versicherungsnehmer [kann] vom Versicherer verlangen, dass dieser Anträge auf Wechsel in andere Tarife mit gleichartigem Versicherungsschutz [...] annimmt; soweit die Leistungen in dem Tarif [...] höher oder umfassender sind als in dem bisherigen Tarif, kann der Versicherer für die Mehrleistung einen Leistungsausschluss oder einen angemessenen Risikozuschlag [...] verlangen.

Versteckt im sperrigen Gesetztestext folgt der entscheidende Satz:

Der Versicherungsnehmer kann die Vereinbarung eines Risikozuschlages und einer Wartezeit dadurch abwenden, dass er hinsichtlich der Mehrleistung einen Leistungsausschluss vereinbart.

Das heißt übersetzt: Jeder Privatversicherte hat das Recht, in einen Tarif seines Anbieters zu wechseln, der im Zweifel mehr Leistungen bietet und gleichzeitig günstiger ist. Falls er Vorerkrankungen hat, kann er die zusätzlichen Leistungen ausschließen und damit einen Risikozuschlag vermeiden. Die Formel lautet: Genauso gut versichert für weniger Geld.

Was die Versicherung vorschlägt, ist unattraktiv

Der Paragraf ist deshalb für die knapp neun Millionen Privatversicherten so wichtig, weil die Wahl von Debeka, DKV, Allianz und Co. einer Entscheidung fürs Leben gleichkommt. Wer sich vor 2009 für den Erste-Klasse-Schutz eines Anbieters entschieden hat, kann seine Alterungsrückstellungen beim Wechsel zur Konkurrenz nicht mitnehmen. Versicherte verzichten damit im Zweifel auf mehrere Zehntausend Euro. "Das lohnt sich nur in wenigen Fällen", sagt Experte Garcia.

Und jeder Privatversicherte, der bereits irgendein Wehwehchen hatte, ist eh an seinen Anbieter gefesselt. Er befindet sich je nach Schutzniveau in einem Fünf-Sterne-Gefängnis. Denn beim Wechsel zu einem anderen Unternehmen wird eine Gesundheitsprüfung fällig. Wenn der Antrag nicht ganz abgelehnt wird, kommt es oft zum Ausschluss von Leistungen oder zu saftigen Risikozuschlägen. "Beides ist für die meisten Versicherten nicht attraktiv", sagt Garcia.

Wer aber über Jahrzehnte an seinen Versicherer gebunden ist, muss zusehen, dass er dort für sich das Beste herausholt. Und dabei hilft besagter Paragraf 204. Die Firmen legen immer neue Köder-Tarife auf, die für junge Gesunde gedacht sind. Tarife, in denen sich die älteren Kranken tummeln, werden dagegen geschlossen oder nicht mehr beworben. Diese Tarife vergreisen, und die Kunden kämpfen mit drastischen Kostensteigerungen.

Will ein Versicherter seinen Beitrag senken, schlagen die Anbieter meistens eine höhere Selbstbeteiligung vor oder empfehlen die Wahl eines Tarifs mit geringeren Leistungen. Der Haken: Wer später den Selbstbehalt wieder reduzieren oder in einen leistungsstärkeren Tarif wechseln will, kann dies erst nach einer Gesundheitsprüfung tun. Beide Optionen sollten deshalb nur dann geprüft werden, wenn alle anderen Alternativen ausgeschöpft sind.

Doppel-Kampf lohnt sich

Und die beste aller Alternativen ist und bleibt der Wechsel in einen günstigeren Tarif - inklusive des potentiellen Ausschlusses von Mehrleistungen. Für dieses Recht müssen die Versicherten allerdings selbst kämpfen und Ausdauer beweisen. Denn die Unternehmen haben kein Interesse daran, dass Altversicherte mit Krankheiten die Kalkulation der jungen Alles-bestens-Tarife ad absurdum führen. Deswegen hielt die Krankenversicherung ihren Kunden Peter Müller über Monate mit Tarifangeboten inklusive Risikozuschlägen hin. Allerdings waren die Policen fast durchweg teurer als sein aktueller Tarif.

Dass auch Makler häufig nicht den entsprechenden Hinweis geben, dürfte oft finanzielle Gründe haben: Sie verdienen an einem internen Tarifwechsel nichts. Ihre Prämie von bis zu 16 Monatsbeiträgen bekommen sie nur, wenn ein Versicherter bei einer anderen Gesellschaft einen neuen Vertrag abschließt. Das wiederum ist für die meisten Versicherten unattraktiv. Die Interessen könnten unterschiedlicher kaum sein.

Aber der Doppel-Kampf gegen die Versicherung und den Makler lohnt sich. Das zeigt der Erfolg von Peter Müller. Acht Monate, nachdem er seine Versicherung erstmals wegen eines Alternativangebots kontaktiert und immer wieder nachgehakt hatte, unterbreitete sie ihm einen Vorschlag nach Paragraf 204. Nun hat er nahezu die identischen Leistungen wie früher - zahlt aber statt 550 nur noch 230 Euro pro Monat.

Der Branche graut davor, dass Hunderttausende Privatversicherte dem Beispiel von Peter Müller folgen. In der Tat hätte die Massenflucht aus teuren Tarifen zur Folge, dass mittelfristig die bislang günstigen Tarife ebenfalls explodieren. Allerdings ist die Alternative für die Versicherten deutlich schlechter: Im Status quo verharren und noch schneller steigende Beiträge ertragen.

Wie stark die Prämien in der privaten Vollversicherung steigen
Unternehmen Anzahl Vollversicherte Erhöhung 2011 Erhöhung 2010
Debeka 2.114.351 5-7%* 3-5%
DKV 925.791 6-7% 8%
Axa 724.736 5,5% 3,9%**
Allianz 709.002 0-0,5% unter 3%
Central 499.496 k.A. 8,5%**
Signal 468.984 2% 3,6%
Bayerische Beamten 391.086 2% 5%
Continentale 384.583 k.A. 2%
HUK 361.547 k.A.*** 4-6%***
Barmenia 309.425 k.A. k.A.
Hallesche 229.075 3% 9%
Landeskrankenhilfe 208.583 k.A. k.A.
Süddeutsche 169.632 3,7% 8,5%
Gothaer 163.233 k.A. 6,3**
Inter 153.593 2,2% 5,0%

* Nur bei Angestellten
** Anpassung 2010 über alle Tarife
*** Anpassung zum 1. März

Quellen: map-Report (Versicherte, Marktanteil), Unternehmensangaben

* Name geändert

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 124 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Glück gehabt !
mooksberlin 25.11.2010
Zitat von sysopMillionen Kunden der privaten Krankenversicherung bekommen in diesen Tagen unerfreuliche Post: Die Beiträge steigen Anfang 2011*deutlich. Doch es gibt einen Gesetzestrick, mit dem*sich Verbraucher gegen den Kostenfluch wehren können. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,730643,00.html
Da habe ich wohl Glück gehabt, Preissteigerung meiner PKV bei der LVM für 2011 beträgt 0 %
2. Zynismus und Verschwendung bei der Allianz
bundespiepmatz 25.11.2010
Die Allianz teilte mir in einem Brief mit, sie habe den Beitrag meiner privaten KV gesenkt, um 12 Cent. Das Porto für diese Mitteilung war höher.
3. NEUwahlen jetzt
kdshp 25.11.2010
Zitat von sysopMillionen Kunden der privaten Krankenversicherung bekommen in diesen Tagen unerfreuliche Post: Die Beiträge steigen Anfang 2011*deutlich. Doch es gibt einen Gesetzestrick, mit dem*sich Verbraucher gegen den Kostenfluch wehren können. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,730643,00.html
Hallo, also die erhöhung ist ja gerechtfertigt und es war klar das die private krankenverischrung mehr zahlen müssen weil sie eben lange zuwenig zum ganzen beigetragen haben bzw. dafür viel zu hohe leistungen bekommen haben. Der entscheidene satz im dem gesetz ist ja: Der Versicherungsnehmer kann die Vereinbarung eines Risikozuschlages und einer Wartezeit dadurch abwenden, dass er hinsichtlich der Mehrleistung einen Leistungsausschluss vereinbart. Andersrum hat der private versicherungsnehmer ja dann immer zu wenig gezahlt was dann über die gesetzliche krankenverischrung und oder den staat mit finanziert wurde.
4. GesKV/PrivKV
ernstmoritzarndt 25.11.2010
Zitat von sysopMillionen Kunden der privaten Krankenversicherung bekommen in diesen Tagen unerfreuliche Post: Die Beiträge steigen Anfang 2011*deutlich. Doch es gibt einen Gesetzestrick, mit dem*sich Verbraucher gegen den Kostenfluch wehren können. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,730643,00.html
Der Wechsel zu den Privatversicherern wird den Bürgern immer wieder schmackhaft gemacht ohne daß sich die beworbenen Personen über die Konsequenzen klar sind: 1.) Gut verdienender über den Bemessungsgrenzen verdienender Single wird wahrscheinlich als Einzelperson zunächst günstiger laufen. 2.) Er heiratet die "Hausfrau" - dann muß er diese extra versichern, die Differenz zu den GKV-Höchstprämien wird schon sehr gering. 3.) Das Paar bekommt Kinder - dann ist die GKV meistens preiswerter. Evtl. "Sonderleistungen" wie Chefarzt, Einzelzimmer usw. kann man gesondert eindecken. 4.) Unser ehemaliger Single kann mit 56 Jahren seine Prämien nicht mehr zahlen, wird zu normalerweise versicherungspflichtigen Bedingungen angestellt - er kann dann nicht in die GKV zurück und ist verwiesen auf irgendwelche Basistarife, die von den Versicherern zwangsweise angeboten werden müssen. Das ist dann aber wirklich "Basis". Versuchen Sie doch einmal bei Ihrem privaten Krankenversicherer herauszubekommen, wie die jetzige Preiserhöhung zustandekommt! Sie werden seitenlange Briefe über irgendwelche Treuhänder (hat sich der Vorstand im Bekanntenkreis herausgesucht) erhalten, aber niemals eine substantielle Antwort.
5. re
Mirko D. Walter 25.11.2010
Zitat von kdshpAndersrum hat der private versicherungsnehmer ja dann immer zu wenig gezahlt was dann über die gesetzliche krankenverischrung und oder den staat mit finanziert wurde.
Was für ein Unsinn ist denn das bitte?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Private Krankenversicherungen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 124 Kommentare

Chronologie der Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.
2009: Das Krankenhausfinanzierungsgesetz wird umgestellt
Die Finanzierung der Länder für Investitionen, die mit dem Krankenhausfinanzierungsgesetz 1972 eingeführt worden ist, wird auf leistungsbezogene Investitionspauschalen umgestellt. Dazu wird ein Orientierungswert eingeführt und die Anbindung an die Grundlohnsumme abgelöst. Der Orientierungswert berücksichtigt die Kostenstrukturen der Krankenhäuser.
2011: Neue Medikamente werden grundlegend geprüft (AMNOG)
Die Preisgestaltung für neu auf den Markt kommende Medikamente ändert sich mit dem Arzneimittelneurordnungsgesetz (AMNOG) grundlegend. Ein Pharmahersteller kann die Preise für patentgeschützte Medikamente zwar zunächst wie bisher frei festsetzen. Spätestens drei Monate danach muss er allerdings den medizinischen Zusatznutzen seines Medikamentes im Vergleich zu bereits auf dem Markt befindlichen Mitteln nachweisen. Ergibt sich kein Zusatznutzen, unterliegt das Medikament der Festbetragsregelung, bei einem nachgewiesenen Zusatznutzen muss der Pharmahersteller spätestens innerhalb eines Jahres nach Markteinführung mit dem GKV-Spitzenverband Preisverhandlungen führen. Grundlage für die Preisverhandlung ist eine Kosten-Nutzen-Bewertung des Medikamentes, die der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) oder in seinem Auftrag das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erstellt.
2011: Der Beitragssatz steigt - das GKV-Finanzierungsgesetz
Diese Reform spüren vor allem die Versicherten: Der Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung steigt um 0,6 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Davon zahlen die GKV-Mitglieder 8,2 Prozentpunkte, die Arbeitgeber 7,3 Prozent. Der Arbeitgeberbeitrag wird bei diesem Beitrag eingefroren. Künftige Ausgabensteigerungen sollen über Zusatzbeiträge finanziert werden, die die GKV-Mitglieder allein zu tragen haben. Kann eine Kasse ihre Kosten nicht mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds decken, muss sie - wie bisher - einen Zusatzbeitrag erheben. Die Höhe des Zusatzbeitrages ist künftig nicht mehr limitiert.
2012: Das GKV-Versorgungsstrukturgesetz
Dieses Gesetz stellt dem Gemeinsamen Bundesausschuss der Krankenkassen und Ärzte weitere Aufgaben: Neue Behandlungsmethoden sollen auf ihren Nutzen hin überprüft werden, ohne sie in dieser Zeit der Patientenversorgung vorzuenthalten. Der GBA kann künftig neue nichtmedikamentöse Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zeitlich begrenzt und unter kontrollierten Bedingungen erproben, um über eine eventuelle Aufnahme in den Leistungskatalog entscheiden zu können. Ebenfalls im Paket enthalten: Fachärzte werden verpflichtet, gesetzlich Versicherten angemessen und zeitnah Behandlungstermine anzubieten. Seit dem GKV-VStG können Versicherte auf Antrag von ihrer Krankenkasse eine Kostenaufstellung der in Anspruch genommenen ärztlichen und verordneten Leistungen in einem Zeitraum von mindestens 18 Monaten vor Antragstellung erhalten.