Gratisärzte: Notaufnahme für die Mittelschicht

Von , Bad Segeberg

In die Praxis von Uwe Denker kommen die Verlierer des Gesundheitssystems. Er behandelt Patienten ohne Versicherungsschutz. Im Wartezimmer sitzt die abgestürzte deutsche Mittelschicht. Besuch bei einem Mediziner, der lieber arbeitslos wäre.

Praxisgründer Denker: "Die Hälfte der Patienten ist gestrandeter Mittelstand" Zur Großansicht
dapd

Praxisgründer Denker: "Die Hälfte der Patienten ist gestrandeter Mittelstand"

Es ist die Angst, die Jürgen Hampel* hergetrieben hat. Angst, dass das ständige Sodbrennen doch Symptom einer ernsthaften Krankheit sein könnte. "Ich schleppe das jetzt ein dreiviertel Jahr mit mir rum", sagt er. "Es wird nicht besser." Zum Arzt gehen konnte er nicht. Denn Hampel ist nicht krankenversichert, seit 18 Monaten nicht mehr.

Bisher hatte der Dachdeckermeister Glück, er blieb gesund. Doch nun, an diesem Mittwochnachmittag, ist er nach Bad Segeberg gekommen, in die "Praxis ohne Grenzen". Hampel lässt sich untersuchen. Er muss dafür nichts bezahlen und es will auch niemand seine Versichertenkarte sehen. Denn die Ärzte am Kirchplatz behandeln Menschen, die sich "Krankheit nicht leisten können". So steht es auf der Web-Seite der Praxis.

Auch Hampel fehlt das Geld für die Untersuchung - obwohl er nicht so aussieht. Gebügeltes Hemd, schicke Schuhe, der Händedruck kräftig, der Auftritt ziemlich forsch. Wie alt er ist, verrät der Handwerker nicht, er dürfte so um die 50 Jahre sein. Hampel ist selbständig, er hat ein geregeltes Einkommen und wohnt mit Frau und Kindern in einem gemieteten Einfamilienhaus.

Trotz seines so geregelt anmutenden Lebensstils hat er keine Krankenversicherung. Hampel sagt, um die private Kasse zu bezahlen, fehlten ihm 600 bis 700 Euro im Monat. Und in das gesetzliche Solidarsystem dürfe er nicht zurück. Also bleibe ihm derzeit nichts anderes übrig, als ohne Versicherungsschutz zu leben - und zu hoffen, dass er nicht krank wird.

Menschen wie Jürgen Hampel dürfte es eigentlich gar nicht geben in Deutschland. Seit 2009 gilt in der Bundesrepublik die Versicherungspflicht. Sie bedeutet im Kern: Jeder Bürger muss versichert sein, ob er möchte oder nicht. Jeder, der in Deutschland lebt, soll vom international hochgelobten Gesundheitssystem profitieren können.

Doch die Realität sieht anders aus. In die "Praxis ohne Grenzen" kommen zwei Gruppen: Zum einen jene, die auch früher schon nicht versichert waren. Patienten also, die mehr oder weniger freiwillig darauf verzichten, sich bei einer Kasse anzumelden. Die zweite Gruppe ist neu. Das sind Menschen, die ihre Kassenbeiträge nicht mehr zahlen können oder wollen - und deshalb von ihrer Versicherung heruntergestuft werden. Das bedeutet: Die Kasse muss nur noch die Behandlung von akuten Krankheiten und Schmerzen zahlen, nicht mehr.

Für Tausende, vor allem Selbständige und ehemals Gutverdienende, verschlimmert die Versicherungspflicht also sogar die Lage. Sie haben keinen Versicherungsschutz und rutschen zudem in eine finanzielle Notlage, weil sie nicht mehr einfach aus der Kasse austreten können und sich die Beitragsforderungen der Versicherungen immer weiter auftürmen, plus Zinsen.

Statt Obdachlosen kommen Metzger und Grafiker

"Rund die Hälfte unserer Patienten ist gestrandeter Mittelstand", erzählt Uwe Denker. Der Arzt in Rente hat die Praxis Anfang 2010 eröffnet. Eigentlich, so erzählt der 74-Jährige, wollte er ein Angebot für Obdachlose schaffen. Für Langzeitarbeitslose, Alkoholiker, Menschen, die ohne Hilfe nicht mehr mit ihrem Leben zurechtkommen. Davon tauchte dann aber nur eine Handvoll auf. Stattdessen kamen: Metzger, Grafiker, eine Hundesitterin. Auch an diesem Tag erscheinen die Patienten im Wartezimmer keineswegs wie Sozialfälle.

Bislang haben Denker und seine Kollegen 150 Menschen kostenlos behandelt. Mittlerweile habe er Anfragen aus ganz Deutschland, sagt der Arzt. Und immer wieder seien Menschen darunter, die niemand auf den ersten Blick als arm bezeichnen würde.

Auch Dachdecker Hampel will sich nicht als Sozialfall sehen. "Ich komme ganz gut zurecht", sagt er immer wieder. Oder auch: "Das soll jetzt nicht arrogant klingen, aber ich bin nicht so wie die anderen, die hierher kommen."

Aber warum sei er dann nicht krankenversichert, fragt Silke Blendermann. Sie leitet an diesem Tag die Sprechstunde - wie alle Kollegen ehrenamtlich, die Geräte und Medikamente werden durch Spenden finanziert. Die Ärztin aus Hamburg, die selbst aufgrund einer Krankheit nicht länger als zwei Stunden am Tag arbeiten darf, sitzt am Schreibtisch des Behandlungszimmers. Hampel, der auf der anderen Seite Platz genommen hat, atmet durch: "Möchten Sie die kurze oder die ausführliche Geschichte?"

"Gerne die Kurzfassung."

"Meine Firma lief jahrelang ausgezeichnet, ich hatte Millionenumsätze, 16 Mitarbeiter, drei Immobilien."

Doch dann verklagte ihn ein Auftraggeber - angeblich Pfusch am Bau. Hampel wehrte sich, ging durch fünf Instanzen und gewann den Prozess. Doch es war ein Sieg ohne Wert. Die Gegenseite war mittlerweile zahlungsunfähig, Hampel blieb auf allen Kosten sitzen. "Ich verlor alles", sagt er heute. "Nacheinander habe ich meine Immobilien verkauft, trotzdem musste ich dann vor drei Jahren Insolvenz anmelden."

Die Beitragsuhr läuft weiter

Trotz des Abstiegs, der sich über Jahre hinzog, wirkt der Unternehmer nicht verbittert. Hampel beschwert sich nicht, er zuckt mit den Achseln: "Es ist halt so." Seine Zukunft sieht er fatalistisch. "Wenn ich gesund bleibe, kann ich mit meiner neuen Firma noch ein paar Jahre weitermachen." Und wenn nicht, dann gehe er eben zum Amt und melde sein Gewerbe ab. Konkret würde das heißen: Hartz IV.

Denker hat in den vergangenen zwei Jahren einige Patienten wie Hampel behandelt. Er glaubt, dass der Dachdecker seine Situation unterschätzt. "Die Beitragsuhr läuft ja weiter. Wie will er zurück in das System kommen?" Das Problem: Allein für die vergangenen anderthalb Jahre müsste Hampel wohl mindestens 10.000 Euro nachzahlen.

"Die Versicherungspflicht hat die Lage für viele Menschen verschlimmert", kritisiert Denker. Statt all jenen ohne Krankenversicherung die Rückkehr in das System zu ermöglichen, zerstöre die Reform Existenzen. Eine einfache Lösung hat Denker auch nicht, der Arzt hofft, dass seine Praxis irgendwann überflüssig wird. Doch derzeit sieht es nicht danach aus. Die Nachfrage wachse stetig. Denker vergleicht das Gesundheitssystem mit einem Schutzwall, der die Flut aufhalten soll. "Dieser Deich ist durchlässig geworden. Wenn wir nichts tun, droht ein Armutstsunami."

Für Hampel endet die Sprechstunde. Silke Blendermann verschreibt ihm ein Medikament gegen das Sodbrennen. Wenn es nach 14 Tagen nicht besser wird, soll er wiederkommen. Dann müsste man eine Magenspiegelung machen. Hampels Angst bleibt.

* Name von der Redaktion geändert.

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insgesamt 191 Beiträge
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1. Wann
Schweijk 23.04.2012
endlich wird dieses entsolidarisierte System abgeschafft? Entweder alle zahlen in die KV ein oder keiner, ebenso mit der RV. Danke Herr Rösler das sie so fähig und weitsichtig sind[sarkasmus off] FDP die 0,8% Partei auch in NRW. Mit Lindner können sie das aber sicher noch mehr unterbieten, sagen wir so 0,4%. Guten Rutsch ins abseits FDP'ler
2. welche partei steht hier auf, ...
blitzunddonner 23.04.2012
... und folgt endlich dem handlungsbedarf?
3.
mjurgen 23.04.2012
Unglaublich dass die Politiker diese Zustände zulassen. Irgendwie hört sich das wie 3. Welt an. Deutschland als Modell für Europa: Hartz 4, Hundertausende Menschen ohne Versicherungsschutz und in Armut, zum Tod lachen. Bismarck steh auf.
4.
marlene9000 23.04.2012
liebe grüße an frau ulla schmidt!
5. Solidaritätsprinzip ist keine Einbahnstraße.
Medman 23.04.2012
Zitat von sysopIn die Praxis von Uwe Denker kommen die Verlierer des Gesundheitssystems. Er behandelt Patienten ohne Versicherungsschutz. Im Wartezimmer sitzt die abgestürzte deutsche Mittelschicht. Besuch bei einem Mediziner, der lieber arbeitslos wäre. Gratisärzte: Notaufnahme für die Mittelschicht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,828347,00.html)
Ich habe mit dem Artikel ein Problem. Auf der einen Seite steht die Empathie für die Menschen, die in eine solche Praxis müssen, die unverschuldet in Schwierigkeiten gekommen sind und nun keine Krankenversicherung mehr haben. Auf der anderen Seite sehe ich auch das Solidarsystem in Deutschland. Ich habe mich (trotz mehrfachen anstrengenden Versuchen meines Versicherungsberaters) als Selbständiger dazu entschlossen im GKV System zu blieben - obwohl es teurer ist und obwohl man weniger Leistungen erhält. Warum? Weil ich im Notfall auf die Solidarität der anderen bauen kann, jetzt schon für ältere und damit kränkere Versicherte bezahle, so wie später jüngere gesunde Versicherte für mich als Leistungsempfänger bezahlen werden. Diese Wahl hatte jeder der im Artikel erwähnten Personen und diese haben sich für die günstige Luxusvariante der PKV entschieden - mit dem Risiko das es zu Situationen kommen kann, in der sie nicht mehr versichert sind und nicht zurück können in das Solidarsystem. Ich finde es muss eine Hilfe für solche Menschen geben, aber die kann nicht bedeuten, dass man sie ungefragt wieder ins Solidarsystem aufnimmt - anstatt dessen gehören solche Praxen staatliche gefördert und unterstützt um einen Rettungsschirm zu haben (den brauchen nämlich nicht nur Staaten). Hut ab vor den Ärzten in dieser Praxis!
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Gesundheitssystem: Wofür die Kassen Geld ausgeben

Die bisherigen Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.