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Arbeitsmarkt: Lost in Thüringen

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Diego Lopez im Erfurter Unterschlupf: "Sie haben uns schamlos betrogen"

Sie kamen voller Hoffnung auf einen Arbeitsplatz nach Deutschland. Doch ihr Traum ist geplatzt. Fast 130 Spanier sind in Erfurt gestrandet, von der versprochenen Stelle keine Spur. Offenbar haben sich zwei private Arbeitsvermittler übernommen.

Erfurt - Wenn die Nacht hereinbricht über Erfurt, muss Diego Lopez ins "Loch". So nennt der 21-jährige Spanier den Keller der früheren SED-Parteischule, den er sich seit der vergangenen Woche mit 20 Landsleuten teilt. Je fünf Doppelbetten stehen eng an eng in zwei kleinen Zimmern, es rieche nach Schweiß und alten Socken, erzählt Lopez. Die Lüftung funktioniere nicht richtig, zusammen teilten sich die 21 jungen Menschen eine einzige Dusche. Aber wenigstens haben sie hier eine funktionierende Heizung, müssen nicht mehr in der Baracke oder auf dem Fußboden schlafen. Und diesen Unterschlupf kann sich Lopez noch gerade leisten: Die Nacht im "Loch" kostet ihn nur 3,50 Euro.

Der ausgebildete Altenpfleger ist einer von 128 Spaniern, die hier in Erfurt gestrandet sind. Voller Hoffnung sind sie vor ein paar Wochen nach Deutschland aufgebrochen, um der Massenarbeitslosigkeit daheim zu entfliehen. Um "The job of my life" zu ergattern, wie die Bundesagentur für Arbeit ihr neues Förderprogramm für junge Bürger europäischer Krisenstaaten nennt. Eine Ausbildung nach dem dualen System oder eine Stelle als Fachkraft, dazu Sprachkurse und eine Unterkunft, alles bezuschusst vom deutschen Staat: Mit diesem Paket haben zwei private Arbeitsvermittler die Spanier nach Thüringen gelockt. Jetzt sind die Südeuropäer hier - aber keine Spur vom versprochenen Traumberuf.

"Sie haben uns schamlos betrogen", sagt Diego Lopez. Gemeint sind Kerstin S. und Sven K., die Chefs der Vermittlungsagenturen X-Job und Sphinx Consulting. "Sven hat mir gesagt, ich würde hier 818 Euro im Monat verdienen und in einer Vierer-Wohngemeinschaft leben", sagt Diego Lopez. Doch als er dann vor zwei Wochen in Erfurt ankam, habe ihn statt des versprochenen Arbeitsvertrags in einer Altenburger Pflegeeinrichtung und des WG-Zimmers eine düstere Kaschemme ohne fließendes Wasser erwartet. Andere Leidensgenossen quartierten die Vermittler in einer ungeheizten Baracke eines Erfurter Industriegebiets ein. Einige Programmteilnehmer berichten sogar, sie hätten in Autos übernachten müssen. Und von den versprochenen Fördermitteln des deutschen Staates haben sie nicht einen Cent gesehen.

Am schlimmsten aber war für die Spanier, dass es gar keine Arbeit gab: Kaum einer von ihnen bekam den versprochenen Ausbildungsvertrag; oft wussten die Firmen so gut wie nichts über ihre Neuankömmlingen aus Südeuropa, weil ihnen jegliche Informationen fehlten. Bewerber, Betriebe und Politiker sind sich einig: Die beiden privaten Arbeitsvermittler haben versagt.

"Deutschland ist nicht das Paradies"

"Da wurden offensichtlich elementare Sorgfaltspflichten verletzt", sagt Matthias Machnig. Thüringens sozialdemokratischer Wirtschaftsminister ist alarmiert: Reihenweise kommen gerade spanische Journalisten nach Erfurt, um über ihre Landsleute zu berichten. "Deutschland ist nicht das Paradies", titelt der Radiosender Cadena Ser. Schon am Mittwoch hat Machnig einen ersten Krisengipfel mit Vertretern der regionalen Wirtschaft und der spanischen Botschaft einberufen. "Hier geht es um das Image Thüringens und Deutschlands", sagt der SPD-Politiker.

"Diese Vermittler haben sich heillos übernommen", berichtet Dirk Ellinger, Chef des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Thüringen. "Sie haben es nicht einmal geschafft, korrekte Namenslisten der Programmteilnehmer zu erstellen." 70 spanische Azubis wollte Kerstin S. den Restaurantbetrieben, Hotels und Großküchen vermitteln. Gegen eine Kopfprämie von 250 Euro versprach die Vermittlerin den Betrieben ein Rundum-sorglos-Paket: von der Vorauswahl qualifizierter Bewerber über die Organisation von Deutschkursen bis hin zu einer Unterkunft in Thüringen. Dann aber habe Kerstin S. serienweise Termine mit den Betrieben platzen lassen, Fristen versäumt, Listen falsch hergestellt, behauptet Ellinger "Und als dann die ersten Spanier kamen, hat sie mir eine E-Mail geschickt, ob ich nicht mit denen allen schnell einen Praktikumsvertrag machen könnte." Wegen der staatlichen Zuschüsse von mehreren hundert Euro pro Monat, welche die Zentrale Arbeitsvermittlung (ZAV) "Job of my life"-Teilnehmern in Aussicht stellt.

Arbeitsvermittler schieben sich gegenseitig die Schuld zu

Kerstin S. streitet alles ab. "Die Dehoga lügt", sagt die Vermittlerin. Sämtliche Firmen hatten "den Kenntnisstand gehabt, dass diese Jugendlichen kommen". Viele Ausbildungsverträge seien wegen schlechter Sprachkenntnisse geplatzt. "Ein Großteil dieser Leute will gar nicht Deutsch lernen", sagt S. Die jungen Spanier seien von Sven K., ihrem Partner vor Ort, offenbar falsch über das Programm informiert worden. Sven K. seinerseits schiebt Kerstin S. die Schuld am Debakel zu.

Politiker und Betriebe versuchen nun, gemeinsam eine Lösung zu finden. Minister Machnig beruft für Freitag einen zweiten Rettungsgipfel ein, zu dem er alle betroffenen Jugendlichen einlädt. Die Dehoga-Betriebe heuern nun auf eigene Faust an: 50 Praktikums- oder Ausbildungsverträge haben sie bereits unterschrieben; "am Ende kriegen wir vielleicht 80 Spanier unter", sagt Geschäftsführer Ellinger. Und für staatliche Zuschüsse könnte es auch noch reichen. "Hier handelt es sich um massive Härtefälle, die wir mit großer Aufmerksamkeit verfolgen", sagt eine Sprecherin der ZAV.

Auch Diego Lopez hofft inständig, doch noch im gelobten Land eine Stelle zu kriegen. Schließlich geht ihm gerade das Geld aus. Und die 150 Euro für seinen Deutschkurs in Spanien, all die Ausgaben für Flugticket, Bahnfahrt und Unterkunft, die er laut Versprechungen der Vermittler vom deutschen Staat erstattet bekommen sollte, wird der 21-Jährige wohl nie wiedersehen. Um diese Fördermittel zu erhalten, hätten die Agenturen vorab Anträge stellen müssen. Bis heute ist kein einziges derartiges Dokument in der ZAV eingegangen.

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