Privatinsolvenz Nur acht Prozent schaffen den Sprung aus der Schuldenfalle

Die Bilanz der neuen Privatinsolvenz ist ernüchternd: Nur wenige Betroffene erreichen die Streichung ihrer Verbindlichkeiten. Dafür müssten sie in drei Jahren 35 Prozent ihrer Schulden tilgen - doch diese Hürde ist zu hoch.

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Im Sommer 2014 hat der Gesetzgeber die Regeln für die sogenannte Privatinsolvenz vereinfacht. Die Idee: Überschuldete Verbraucher sollen schneller den Weg zurück in ein schuldenfreies Leben finden.

Nach drei Jahren fällt die erste Bilanz allerdings ernüchternd aus: Die Reform hilft ersten Daten zufolge bislang der Mehrheit der Betroffenen nicht. Zu diesem Schluss kommt eine Untersuchung der Wirtschaftsberatung Crif Bürgel. Demnach gelang es bisher etwa acht Prozent der Menschen, die Privatinsolvenz anmelden mussten, sich für einen vorzeitigen Neustart nach drei Jahren Tilgung zu qualifizieren.

Die 2014 geschaffene Regelung sieht vor, dass das Verfahren von sechs auf drei Jahre verkürzt werden kann, sofern der Schuldner 35 Prozent seiner Schuld innerhalb von 36 Monaten tilgt, zuzüglich der Verfahrenskosten. Die Neuerung trat im Sommer 2014 in Kraft, im Zeitraum Juli bis Dezember 2017 kam sie also erstmals zur Anwendung.

Laut Crif Brügel meldeten von Anfang Juli bis Ende Dezember 2014 in Deutschland 49.642 Menschen Privatinsolvenz an. Davon erreichten 4111 Verbraucher innerhalb der Dreijahresfrist bis 2017 die Restschuldbefreiung.

"Die Quote von 35 Prozent ist deutlich zu hoch", kritisierte Christoph Niering, Vorsitzender des Verbandes Insolvenzverwalter Deutschlands (VID). Auch Verbraucherschützer hatten die aus ihrer Sicht zu hohen Hürden beklagt.

Warum junge Schuldner eher Erfolg haben

Häufiger als im Durchschnitt gelang jungen Menschen der vorzeitige Neustart ohne Schulden. Grund dafür ist allerdings vor allem die Tatsache, dass viele jüngere Erwachsene geringere Schuldenbeträge abzutragen haben. Die Verbindlichkeiten der unter 25-Jährigen, die in die Pleite rutschten, liegen Crif Bürgel zufolge im Schnitt bei knapp unter 10.000 Euro. "Bei 10.000 Euro Schulden reicht schon eine Rate von 125 Euro pro Monat, um innerhalb von drei Jahren die Quote von 35 Prozent und die Verfahrenskosten zu bezahlen", rechnete Niering vor. "Für junge Menschen mit einem Job ist das sehr häufig machbar."

Anders sieht es oft bei Älteren aus. Ihre Schulden sind meist deutlich höher, etwa wegen des Kaufs einer Immobilie. Verbraucher, die mit 61 Jahren und mehr Insolvenz anmelden mussten, sitzen Crif Bürgel zufolge im Schnitt auf Schulden von 43.000 Euro. Für sie ist es schwieriger, die Befreiung schon nach drei Jahren zu erreichen.

"Ältere oder gescheiterte Selbstständige, die meist viel höher verschuldet sind, profitieren kaum von der Reform", sagte Niering. "Denn schon bei 100.000 Euro Schulden müsste der Betroffene monatlich über 1000 Euro zahlen, um die Voraussetzungen für die vorzeitige Restschuldbefreiung zu erfüllen. So viel haben die wenigsten zur Verfügung".

Die Mehrheit der insolventen Verbraucher steht Crif Bürgel zufolge vor allem bei Kreditinstituten, Versandhändlern, Versicherungen, Behörden, Vermietern, Energieversorgern und Telefongesellschaften in der Kreide. Ausgewertet wurden Daten der Amtsgerichte.

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beb/dpa

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phillyst 17.01.2018
1. Da fehlt eine Erkenntnis.
Viele Privatinsolvenzler haben einfach auch andere Probleme, nie gelernt mit Geld zu wirtschaften, haben psychische Probleme, beziehen Hartz 4 oder eine Kombination aus mehreren dieser Punkte - wenn dann noch eine Familie da ist o.ä. werden selbst 5000 Euro Schulden od. 65€ monatlich quasi unmöglich. Dann hat man noch die Fälle, in denen der Schuldner nicht schlecht lebt, weil alles der Lebensgefährtin/Tante oder sonstjemandem gehört... der hat gar kein Interesse, seine eventuell hohen Schulden zurück zu zahlen, wenn er es aussitzen kann. Letzteres ist sicher nicht die Mehrzahl (ich gehe mal davon aus, die Mehrheit der Schuldner würde wahrscheinlich liebend gern wieder Schuldenfrei sein), aber zusammen mit dem im Artikel beschriebenen Fällen dürfte das chon für 75% der Privatinsolvenzen zutreffen.
duke_van_hudde 17.01.2018
2. Das kann man auch anders sehen
, wenn man die Schulden niemals loswerden kann, dann wird man überhaupt kein Interesse mehr haben wirklich aktiv sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Tja und einen Schuldturm oder das man wegen Schulden in die Sklaverrei gerät wird es eh nicht mehr geben. Ob die jetzige Lösung ein zu einfacherer Weg ist dadrüber kann man streiten, aber das es einen Weg geben muss aus den Schulden wieder rauszukommen halte ich für absolut richtig. Da ihn nur wirklich wenige schaffen ist der weg aber eh für viele nicht so einfach. Was ich bei der ganzen Sache nur halt auch recht wichtig finden würde, wenn solche Menschen Angebote bekommen würden wo sie lernen was Zinsen bedeuten und wie man z.b. ein Haushaltsbuch führt. Es gibt in Deutshcland viel zu viele Menschen die nicht mal 3 Monatsnettoausgaben als Reserve haben und ganz schnell in sehr grossen Problemen kommen wenn nur eine ganz kleine Sache schief laeuft. Ein Krankheit die z.b. mal länger als 6 Wochen dauert. Hier sollte man eh überlegen ob die Schulen nicht etwas machen könnten. In Mathematik/Wirtschafts/Informatik Untericht könnte man sowas einbauen.
taschenorakel 17.01.2018
3. @theanalyzer - Irrtum
Sie gehen irrtümlicherweise davon aus, dass der Großteil der Schuldner alleinige Schuld an der Insolvenz trägt und die Gläubiger generell schuldfrei wären. In der Realität tragen die Gläubiger aber häufig eine Mitschuld: Inkompetenz, Gier, kriminelle Energie. Inkompetenz, indem unangemessen auf persönliche Schicksalsschläge des Schuldners reagiert wird. Statt den Kompromiss zu suchen und den Verlust zu beschränken, werden Anwälte und Inkasso-Unternehmen bezahlt, ohne dass die Schuld wesentlich beglichen wird. Gier, wenn auf absurde Provisionen schielend, Leuten viel zu teure Verträge aufgedrängt werden. Kriminelle Energie, wenn Banken, wie die Eurohypo per Gesetzeslücke korrekt bediente Kredite fällig stellen, Strafzinsen fordern und Sicherheiten verwerten, ohne die Restschuld zu mindern.
iman.kant 17.01.2018
4. Man könnte jetzt verleitet sein dem Autor zuzustimmen
und geneigt sein die Hürde als zu Hoch zu empfinden. Warum diese nicht senken? Wir haben in Deutschland vor der Jahrtausendwende dieses Verfahren eingeführt und es setzt einen enormen Durchhaltewillen voraus. Der Schuldner muss sein Leben umorganisieren und ist in 7 Jahren schuldenfrei. Die Banken bzw. Händler verlieren ihr Geld. Wenn man jetzt dieses Verfahren noch mehr erleichtert fällt die "Erziehungsmaßnahme" weg. Schulden machen wird dann im Endeffekt noch belohnt. Das funktioniert in den Gedankengänge der Linken aber in einer sozialen Marktwirtschaft bestimmt nicht. Finger weg von noch kleineren Hürden. Mir tut es Leid dass es viele unverschuldetete trifft (Krankheit / Arbeitslosigkeit / (Scheidung)...), dies könnte man ggf. mit angepassten Durchführungsrichtlinien mildern.
c.kloss1 17.01.2018
5. Richtiges Ziel
@ 1.: Die Realität zeigt, dass diese Schuldner nicht in der Lage sind irgendetwas zurückzuzahlen. Diese Perspektivlosigkeit führt halt zur Passivität. Wozu noch Arbeit suchen ? Wozu Nebenjob holen, wenn die Rate nichtmal die Zinsen abdeckt ? Ziel von Privatinsolvenzen ist es gerade diese Menschen die Perspektivlosigkeit zu nehmen und wieder die Möglichkeit zu geben, sich in der Gesellschaft zu engagieren, sich zu beteiligen. Man darf nicht vergessen, etwas zu Kaufen in dem Wissen, man kann es nicht zahlen, ist eine Straftat. Von daher ist ein Ausnutzen, dieser Reglung eher seltener.
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