Privatversicherungen: Sparen, bis der Arzt nicht mehr kommt

Von Tobias Lill

Miese Zeiten für Privatpatienten: Laut Verbraucherschützern weigern sich die Versicherungen immer öfter, Rechnungen zu erstatten. Die Firmen weisen den Vorwurf zurück - doch die Zahl der Beschwerden steigt rasant.

Untersuchung beim Arzt: Nur wenige Patienten können eine Behandlung vorfinanzieren Zur Großansicht
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Untersuchung beim Arzt: Nur wenige Patienten können eine Behandlung vorfinanzieren

München - Die Operation war seine letzte Hoffnung. Die Rückenschmerzen, die Markus Löffler* quälten, waren schier unermesslich und keine Behandlungsmethode hatte Linderung gebracht. Fast bewegungsunfähig wandte sich der Münchner Privatversicherte Ende 2004 an einen Spezialisten. Der empfahl ihm, sich eine Bandscheibenprothese einsetzen zu lassen. Der 54-jährige Löffler schöpfte Hoffnung.

Doch die böse Überraschung folgte prompt: Obwohl Löffler extra einen teureren Tarif gewählt hatte, lehnte seine private Krankenversicherung auf Nachfrage eine Erstattung der Kosten in Höhe von 22.000 Euro ab. Der Eingriff sei medizinisch nicht notwendig, teilte ihm die Kasse knapp mit.

Der verzweifelte Bayer ließ sich trotzdem operieren. Der schwierige Eingriff verlief erfolgreich und die Schmerzen ließen in der Folgezeit deutlich nach. Löffler bezahlte seinen Orthopäden deshalb zunächst selbst, und die Klinik verklagte anschließend seine Versicherung auf Kostenerstattung. Erst als ein unabhängiger Gutachter vor dem Landgericht München feststellte, dass die Operation sehr wohl "medizinisch notwendig war", lenkte die Kasse im Jahr 2007 ein und übernahm den Großteil der Rechnungssumme.

Verbraucherschützer schlagen Alarm

Löffler hatte Glück, über das nötige Geld zu verfügen. "Doch nur wenige können es sich leisten, einen Eingriff vorzufinanzieren", sagt der Münchner Anwalt Emil Brodski. Der Experte für Versicherungsrecht vertritt zahlreiche Privatpatienten, deren Anbieter sich weigerten, medizinisch notwendige Behandlungen zu bezahlen.

Allein in den vergangenen vier Jahren habe sich die Zahl der Privatpatienten, die zu ihm kommen, verdoppelt. Ganz häufig wollten die Kassen etwa für eine ausreichende Physiotherapie nach einer Verletzung oder für eine Laserbehandlung der Augen nicht mehr aufkommen. "Manche Kranke verzichten als Folge gleich ganz auf die adäquate Behandlung", sagt Brodski.

Der Verband der Privaten Krankenversicherung bestreitet, dass seine Mitglieder weniger Kosten erstattet bekommen als noch vor einigen Jahren. Zwar sei der Kostendruck bei den Anbietern in den vergangenen Jahren schneller gestiegen als bei den gesetzlichen Kassen. Doch alles, was medizinisch notwendig sei, werde auch gezahlt, versichert ein Sprecher. "Ob die Kulanz der Anbieter sinkt, kann nur der einzelne Versicherer selbst beantworten." Bei einem großen Branchenvertreter heißt es dazu: "Die Unternehmen schauen genauer hin als noch vor einigen Jahren. Vertraglich vereinbarte Leistungen werden aber nach wie vor problemlos bezahlt."

Verbraucherschützer schlagen hingegen Alarm. "Die Fälle, in denen sich private Kassen weigern, eine medizinisch eindeutig notwendige Behandlung zu bezahlen, haben dramatisch zugenommen", sagt Rotraud Mahlo von der Verbraucherzentrale Niedersachsen auf Anfrage. So würden private Krankenversicherungen (PKV) etwa für Massagen oder bestimmte Medikamente auch in teuren Tarifen immer öfter nicht mehr aufkommen.

Zahl der unzufriedenen Privatversicherten steigt

Und das auch dann, wenn deren Zahlung ausdrücklich vertraglich vereinbart sei. "Da verschreibt der Arzt 30 Sitzungen Physiotherapie, doch die Kasse zahlt nur zehn oder 20", beschreibt Mahlo den typischen Fall. Die Versicherer begründeten ihre Ablehnung stets mit einer angeblich fehlenden "medizinischen Notwendigkeit".

Die Verbraucherschützerin kritisiert dieses "vor allem seit der Gesundheitsreform 2007 um sich greifende Verhalten" scharf. Insbesondere Kunden über 40 müssten häufiger als noch vor einigen Jahren damit rechnen, dass ihr Anbieter die Arztrechnung nicht vollständig übernimmt - zu Unrecht wohlgemerkt. "Manche Anbieter wollen Versicherte, die häufig krank sind, durch ständige Leistungskürzungen zwingen, in einen billigeren Tarif zu wechseln", sagt Mahlo. Dieser neue Tarif schließe dann von vornherein viele Leistungen aus.

Glaubt man Verbraucherschützern, nehmen Gerichtsklagen gegen Privatversicherer rapide zu. Zwar ist die Versorgung der rund 8,5 Millionen Privatpatienten in der Regel wohl nach wie vor deutlich besser als die der gesetzlich Versicherten, doch Lilo Blunck, Vorsitzende des Bundes der Versicherten, warnt: "Es gibt eine stetig steigende Zahl von unzufriedenen PKV-Kunden." Elke Weidenbach von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen sieht ebenfalls einen Trend: "Die Versicherungen nehmen mittlerweile jedes Detail der Arztrechnung auseinander und wollen dann immer öfter nicht zahlen."

Geiz-ist-Geil-Mentalität der Versicherer

Häufig monieren die Versicherten auch mangelnde Kulanz. Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg geht davon aus, dass die Anbieter die Vertragsbedingungen "seit einigen Jahren offenbar strenger auslegen". Früher hätten die Versicherungsunternehmen öfter als heute auch Leistungen bezahlt, zu denen sie eigentlich gar nicht verpflichtet gewesen wären.

Schuld an der Geiz-ist-Geil-Mentalität zahlreicher Versicherer ist der gestiegene Kostendruck. Die rapide anziehenden Gesundheitskosten machen den privaten Versicherern enorm zu schaffen. Zudem hat die letzte Reform der ehemaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) den privaten Krankenversicherungen die Gewinnung von Neukunden erheblich erschwert. Schmidt führte 2007 eine - mittlerweile von Schwarz-Gelb wieder abgeschaffte - dreijährige Wartezeit vor einem möglichen Übertritt in die PKV ein.

Darüber hinaus wurde die Gehaltsgrenze - bis zu der sich Arbeitnehmer gesetzlich versichern müssen - kräftig erhöht. Bei vielen Versicherungen ging die Zahl der Kunden als Folge deutlich zurück. Auch versuchen viele Ärzte, bei den PKV-Kunden zu holen, was bei den gesetzlichen Kassen gestrichen wurde. Für die privaten Anbieter treibt dies die Kosten in die Höhe. Die Unternehmen reagieren darauf mit einem offenbar geringeren Leistungsumfang - und mit regelmäßigen Beitragserhöhungen.

Es geht ums nackte Überleben

Immer öfter muss der Ombudsmann für die private Kranken- und Pflegeversicherung schlichten. Gingen 2003 noch 2208 Beschwerden bei seiner Stelle ein, waren es 2008 mit 4376 bereits fast doppelt so viele. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der neu registrierten Streitfälle noch einmal deutlich auf "mehr als 5000", wie Ombudsmann Helmut Müller auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mitteilte.

Die privaten Krankenversicherer haben für den Anstieg der Beschwerden eine einfache Erklärung: Dieser sei den zurückgehenden Eingängen bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) geschuldet. Allerdings sank die Zahl der bei der BaFin eingegangenen Beschwerden über private Krankenversicherer von 2001 bis 2008 laut amtlicher Statistik lediglich von 2919 auf 2159. Die Zunahme der beim Ombudsmann registrierten Streitfälle lässt sich damit also nur zu einem geringen Teil erklären.

Ob der Anstieg der Beschwerden damit zu tun hat, dass die Versicherer tatsächlich weniger Leistungen zahlten als früher, lässt sich laut Ombudsmann Müller "mit der vorhandenen Datenmenge jedoch nicht feststellen". Ursächlich für den Anstieg der Beschwerden könne der steigende Bekanntheitsgrad der im Oktober 2001 ins Leben gerufenen Institution sein. Der Schlichter geht davon aus, dass Fälle, in denen Anbieter ihre vertraglichen Verpflichtungen nicht einhalten, selten sind. "Mein Bauchgefühl sagt mir jedoch, dass die Versicherer weniger kulant sind als noch vor einigen Jahren", sagt Müller, dessen Arbeit von den Versicherern finanziert wird.

Um Kulanz geht es bei den Menschen, die sich an Anwalt Brodski wenden, längst nicht mehr, eher ums nackte Überleben. "Immer häufiger zahlen manche Privatkassen auch bei schweren Krankheiten nicht die beste Behandlung", sagt er. So etwa bei einem an Prostatakrebs erkrankten Mann. Als sich seine Versicherung weigerte, für die Kosten einer neuen, aber besonders erfolgversprechenden Therapie aufzukommen, musste sich dieser sein Recht vor Gericht erkämpfen. Wer eh schon leidet, verliert durch lange Prozesse weitere Kräfte.

Der Ansturm auf den Ombudsmann dürfte weiter anhalten. Denn laut Müller waren immerhin etwa 30 Prozent der Beschwerden im vergangenen Jahr erfolgreich. Und falls das nicht hilft, rät Anwalt Brodski seinen Mandanten, den Rechtsweg nicht zu scheuen: "Die Klageaussichten sind vielversprechend, weil die Gerichte eine andere Wahrnehmung von 'medizinisch notwendig' haben als die privaten Kassen." So wie im Fall Löffler.

*Name geändert

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 182 Beiträge
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1. Privatversicherungen: Sparen, bis der Arzt nicht mehr kommt
sm374 24.01.2010
Den Bericht kann ich bestätigen: Im vergangenen Jahr wollte unsere Private Krankenversicherung nicht einmal eine medizinisch notwendige Brille unserer 3 jährigen Tochter erstatten. !! Dafür ist aber pünktlich zum Jahreswechsel die Versicherungs - Prämie um 15 % gestiegen. Wenn die GKV den Beitragssatz im Gesundheitsfonds um ähnliche Größenordnung erhöhen würde (z.B. von 15 % auf 16,5 %) - dann gäbe es einen Aufstand der gestzlich Versicherten - bei Privatversicherten wird dies als belastbar - weil zumutbar - hingenommen !!
2. Die heilige Privatisierung
Lutz Krumm 24.01.2010
Zitat von sysopMiese Zeiten für Privatpatienten: Laut Verbraucherschützern weigern sich die Versicherungen immer öfter, Rechnungen zu erstatten. Die Firmen weisen den Vorwurf zurück - doch die Zahl der Beschwerden steigt rasant. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,672078,00.html
Jetzt bin ich aber wirklich mal auf die Beiträge hier gespannt! Privatisierung über alles!! Heute schon gerürupt und geriestert?
3. Lektor online?
Felicitas Flötotto 24.01.2010
Keiner da? Werter Autor bitte lesen Sie die letzten Absätze nochmal sorgfältig durch.
4. Dramatisch?
jdm11000 24.01.2010
Zitat von sysopMiese Zeiten für Privatpatienten: Laut Verbraucherschützern weigern sich die Versicherungen immer öfter, Rechnungen zu erstatten. Die Firmen weisen den Vorwurf zurück - doch die Zahl der Beschwerden steigt rasant. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,672078,00.html
Also die Zahlen die im Artikel vorgelegt werden, sprechen von nicht mehr als 5000 Fälle pro Jahr. Bei ca 8 Mio Versicherten und damit mehr als 8 Mio Versicherungsfällen im Jahr (unterstellt, jeder Versicherte hat einen Fall pro Jahr) sprechen wir dann von... 0,0625 % strittiger Fälle. Wow - welch ein Satz von Heftigkeit. Der SPON muß anscheinend sich dem Bild-Nievau erheblich angleichen, oder wie soll man das hier verstehen? Also ich bin selber seit 25 Jahren privat Versichert - und bisher hat meine Versicherung alles, aber auch wirklich alles gezahlt!
5. Verwechslung
Heusenstamm 24.01.2010
Es ist bedenklich, wenn von unqualifizierten Politikern oder auch hier wieder dem Spiegel von "Kassen" gesprochen wird, aber KrankenVERSICHERUNGEN gemeint sind. Ein für allemal: Eine Private Versicherung fällt unter das Versicherungsprinzip und hat herzlich wenig mit dem Kassenprinzip zu tun! Nur so kann ich mir erklären, dass sinnlose Vorschläge von Staatsmedizinern wie Lauterbach & Co überhaupt entstehen können! Nur damit jeder es kapiert: Der Privatpatient hat viele, viele Stellhebel in seinen Tarifen - der gesetzlich Versicherte ist so gut wie ENTMÜNDIGT - wer das nicht verstanden hat, dem ist nicht mehr zu helfen...
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Der Zusatzbeitrag

Die knapp 200 Krankenkassen in Deutschland bekommen aus dem inzwischen eingeführten Gesundheitsfonds für jedes Jahr eine feste Summe zugeteilt. Diese wird nach komplizierten Regeln ermittelt - unter anderem danach, wieviel Gesunde oder Kranke die Kasse versichert. Kommt die Kasse mit der zugeteilten Summe nicht aus, muss sie direkt bei ihren Mitgliedern zusätzliches Geld eintreiben, den sogenannten Zusatzbeitrag.

Er darf, wenn er über acht Euro beträgt, höchstens ein Prozent des Einkommens ausmachen. Ein Rentner mit 1100 Euro im Monat muss also maximal elf Euro zahlen. Der Zusatzbeitrag muss den Mitgliedern vier Wochen im Voraus angekündigt werden. Diese haben dann ein sofortiges Sonderkündigungsrecht. Hat die Kasse dagegen aus ihrer Zuteilung aus dem Fonds Geld übrig, darf sie ihren Mitgliedern eine Prämie ausschütten. AP