Pro und Contra Was für Stuttgart 21 spricht - und was dagegen

Gegner und Befürworter von Stuttgart 21 stehen sich unversöhnlich gegenüber, die Emotionen kochen hoch. Zeit für einen nüchternen Blick: Welche Argumente sprechen für das Milliardenprojekt, welche dagegen? Bahn-Vorstand Volker Kefer und Schauspieler Hannes Jaenicke antworten auf SPIEGEL ONLINE.

Projektion des Stuttgart-21-Bahnhofs: Was wiegt schwerer - Pro oder Contra?
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Projektion des Stuttgart-21-Bahnhofs: Was wiegt schwerer - Pro oder Contra?


PRO

Volker Kefer: "Über das Projekt können wir nicht
verhandeln"

Volker Kefer ist Technik- und Infrastrukturvorstand der Deutschen Bahn AG

Das Land Baden-Württemberg, Stuttgart und seine Region sind seit Jahrzehnten Motoren des Fortschritts. Hier wurde Technikgeschichte geschrieben, hier wurden neue Entwicklungen eingeleitet und wichtige Akzente im Städtebau gesetzt.

Eine für die damalige Zeit gewaltige Ingenieurleistung ist der Stuttgarter Bahnhof aus dem vergangenen Jahrhundert, der in der Gegenwart jedoch an seine Grenzen stößt. Die technische Entwicklung ist vorangeschritten, und Stuttgart hat jetzt die Chance, an diese Entwicklung in einzigartiger Weise Anschluss zu gewinnen. Stuttgart 21 ermöglicht es, die Stadt für die Zukunft zu stärken und durch Innovationen und Investitionen neue Akzente zu setzen.

Stuttgart bekommt einen leistungsfähigeren, unterirdischen Bahnknoten und der Hauptbahnhof eine neue Bahnsteighalle. Die oberirdischen Bahngleise werden abgetragen. Auf ihrer Fläche entstehen ein neuer Stadtteil und eine erweiterte Parklandschaft. Schnellere regionale Verbindungen lassen Fahrtzeiten kürzer werden und die Menschen bequemer reisen. Im Fernverkehr reduziert sich die Fahrzeit nach Ulm um die Hälfte, damit ist man auch schneller in Augsburg, München, Salzburg und Wien. Der Nahverkehr in der Region Stuttgart bekommt durch die neuen Bahnanlagen eine völlig neue Dimension. Während bisher alle Züge in Stuttgart beginnen und enden, werden künftig schnelle Verbindungen die Regionen rund um Stuttgart besser vernetzen und neue Ziele umsteigefrei erreichbar machen. Im Mittelpunkt liegt immer der Bahnknoten Stuttgart mit deutlich verbesserten Anschlüssen im Nah- und Fernverkehr.

Neben dem Hauptbahnhof entsteht ein weiterer Bahnhof in unmittelbarer Nähe von Messe und Flughafen. Die Fahrt vom Hauptbahnhof hierher dauert nur noch acht Minuten, ein Drittel der heutigen Fahrzeit. Zudem können so erstmals ICE-Züge Flughafen und Messe direkt erreichen. Eine deutliche Aufwertung für den Verkehrs- und Messestandort Stuttgart.

Dieses Projekt umfasst also eine Vielzahl von Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur sowie zur Aufwertung der Lebensqualität in Stuttgart.

In den vergangenen Wochen hat sich eine teils heftige öffentliche Diskussion um das Großprojekt Stuttgart 21 entwickelt. Häufig werden Dinge behauptet, die nachweislich falsch sind und dem einen Zweck dienen, das Projekt kaputt zu reden. Die sachlichen Sorgen und Argumente der Gegner nehmen wir sehr ernst und beschäftigen uns intensiv damit. Schon in der Planungsphase wurden mehr als 10.000 Einwendungen geprüft und in der Planung berücksichtig. Die Bevölkerung war also von Anfang an beteiligt, ebenso wie Parlamente und Gremien, wie es unsere Rechtsordnung vorsieht.

Deswegen ist es nicht richtig, dass so getan wird, als ob wir uns über alle Regeln und Gesetze hinweggesetzt hätten. Wir haben verstanden, dass die Bevölkerung stärker in die laufende Entwicklung und Realisierung des Projekts eingebunden werden möchte. Wir werden also gemeinsam mit den Projektpartnern für eine bessere Information sorgen und stellen uns gerne der Diskussion. Dabei werden wir, wo immer es geht, auf sachliche Hinweise eingehen und sie nach Möglichkeit berücksichtigen.

Nur über das Projekt als Ganzes können wir einfach nicht mehr verhandeln. Denn für alle Projektpartner, also Bund, Land, Bahn, Stadt und Region Stuttgart, steht fest: Für Stuttgart 21 gibt es keine Alternative. Alles andere würde die Bahn und die Region Stuttgart einer einmaligen Chance berauben.

CONTRA

Hannes Jaenicke: "In Stuttgart geht es um mehr als einen Bahnhof"

Hannes Jaenicke ist Schauspieler und Stuttgart-21-Gegner

Warum bloß engagiert sich ein Schauspieler, der in Los Angeles zu Hause ist, gegen den Bau eines Bahnhofs in einer deutschen Provinzstadt? Zumal, wenn er sich dafür von jüngeren Kollegen auch noch als Zukunftsbremser beschimpfen lassen muss?

Die Antwort ist einfach: Weil es beim Streit um Stuttgart 21 um weit mehr geht als um die Frage, ob der Hauptbahnhof der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg besser ober- oder unterirdisch liegen sollte.

Dieses gigantische Infrastrukturprojekt, das seit Wochen Zehntausende brave Schwaben voller Wut auf die Straße treibt, ist ein fatales Projekt: Es ist sündhaft teuer und zerstört zu allem Überfluss auch noch die Umwelt. Aktuellen Schätzungen zufolge wird Stuttgart 21 am Ende mehr als zehn Milliarden Euro kosten. Dass niemand die offiziellen Ausgaben von rund vier Milliarden Euro ernst nehmen sollte, zeigt schon ein Blick auf vergangene Großprojekte. Immer wurden die Kosten gerade so hoch angesetzt, dass der Bau politisch durchsetzbar war. Die wahre Rechnung kam dann am Schluss. Und sie beinhaltet in der Regel einen Milliardenzuschlag.

Doch viele hochrangige Politiker wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus sind bereit, all dies in Kauf zu nehmen - um einen mittelgroßen Flughafen besser ans Schienennetz anzubinden und die ICE-Fahrt nach Ulm um ein paar Minuten zu verkürzen. Dies zeigt, dass in unserem Staat die falschen Prioritäten gesetzt werden. Es gibt in Deutschland zu wenige Kita-Plätze, Erzieherinnen verdienen beschämend wenig, im Gesundheitssystem wird ständig gekürzt, und es fehlt an Deutschkursen für Ausländer, obwohl wir riesige Integrationsprobleme haben. Doch für all diese sinnvollen Projekte ist angeblich nie Geld da. Genauso wenig wie für den Klimaschutz.

Wir verschwenden das Geld, das wir angeblich nicht haben, in Stuttgart und zerstören damit auch noch die Umwelt - unter dem Vorwand, etwas Zukunftsfähiges zu bauen. Doch Stuttgart 21 ist kein Zukunftsprojekt. Es ist ein Vergangenheitszerstörungsprojekt. Mehr als hundert Jahre alte Bäume werden gefällt, ein denkmalgeschütztes Gebäude zu großen Teilen dem Erdboden gleichgemacht. Und es gibt renommierte Gutachter, die die Untertunnelung der halben Innenstadt für Wahnsinn halten - unter anderem weil die Mineralquellen verseucht werden könnten.

Gegenargumente gibt es also genug. Doch statt die Bedenken der Bürger ernst zu nehmen, schleudern Politiker den Protestierenden mantrahaft das Bürokraten-Unwort Planfeststellungsverfahren um die Ohren. Ja, das hat es gegeben. Aber was sagt so ein Prozess schon über mögliche Folgekosten für die Umwelt und die Verschleierung von Gefahren aus? Zumal in einem Land, in dem die gleichen Politiker das Atomendlager in Gorleben für sicher erklären.

Tja, und steht wirklich die Zuverlässigkeit Deutschlands auf dem Spiel, wenn wir Stuttgart 21 stoppen? Das kann man ja gern so sehen. Nur sollten damit nicht diejenigen argumentieren, die gerade beim Ausstieg aus dem Atomausstieg die Unzuverlässigkeit der deutschen Politik beweisen.

Es geht den Gegnern von Stuttgart 21 nicht um die grundsätzliche Anti-Haltung zu vermeintlichen oder tatsächlichen Visionen. Doch sie kämpfen für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Und das heißt auch: Städte müssen für die Bürger da sein - und nicht für die Konzerne. In den USA regiert bei der Städteplanung schon lange der Dollar: Wo jemand Land verkauft, wird gebaut. Auch in Deutschland ist der Trend zur Kommerzialisierung unverkennbar. Stuttgart 21 ist vor allem ein riesiges Projekt zur Entwicklung eines neuen Wohn- und Geschäftsquartiers. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wir sollten uns in Stuttgart und Deutschland lieber an den wahren Visionen der Stadtentwicklung orientieren - etwa an Vancouver in Kanada, wo 50 Prozent der Immobilien im Zentrum Wohngebäude sein müssen. Oder wo Hochhäuser nur noch in der Nähe von U-Bahnen entstehen dürfen, damit die Leute mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit kommen.

Wenn wir dagegen das milliardenschwere Buddeln im schwäbischen Boden für eine Vision halten, dann werden die Bürger in ein paar Jahrzehnten wiedergutmachen müssen, was Politik und Wirtschaft zerstört haben.

Aufgezeichnet von Sven Böll



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insgesamt 286 Beiträge
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Seite 1
Michael Giertz, 14.10.2010
1. Kurz gemacht:
Die KERNFRAGE, die doch ist: Werden jemals die Kosten, die auf den Steuerzahler zukommen, innerhalb eines absehbaren Zeitraums wieder durch das Projekt S21 reingespielt? Solange die Kosten steigen und steigen wird der "absehbare Zeitraum" immer länger und damit "weniger absehbar". Was jetzt die Grünen von halten ist mir relativ egal, es werden überall in Deutschland Bäume gefällt und Trassen gebaut, nur dann nicht immer für die Bahn, sondern für die Autobahn. Da ist auch nicht immer jemand am demonstrieren. Was mich interessiert sind allein die Kosten. Und ob das Projekt nicht einfach "preisgünstiger" zu haben ist. Der Bahnhof jedenfalls sieht für mich aus wie "exorbitant teuer" und hat damit allein ein Einsparvermögen von 500 - 1000 Millionen Euro. Aber das nur am Rande.
einmaliger 14.10.2010
2. Nicht überzeugend
Als Nicht-Stuttgarte bisher ohne große Meinung zu diesem Projekt finde ich die Argumente von Herrn Jaenicke nicht gerade überzeugend. Sind das wirklich die Knackpunkte der Diskussion?
brux 14.10.2010
3. Was soll der Quatsch?
Diese Gegenüberstellung ist sinnfrei, da Herr Jaenicke eben leider keine Ahnung, sondern nur eine Meinung hat. Zudem ist er nicht einmal in Deutschland oder Europa zuhause. Dieses Projekt kann man nur durch eine Sachdebatte abhandeln und das ist im wesentlichen geschehen. Was fehlt, ist halt eine Infobox, wie sie am Potsdamer Platz aufgestellt wurde. Ich frage mich, was Jaenicke dazu sagen würde, wenn demnächst ein paar Mathe-Professoren seine schauspielerischen Leistungen exklusiv und in aller Breite in den Medien beurteilen. Es hielte das sicher für sachfremd.
Benjowi 14.10.2010
4. Mieses Spiel mit Gewinn und Verlust!
Eines der Probleme ist sicherlich, dass hier wieder einmal das in diesem Lande mittlerweile übliche Spiel gespielt wird, die Gewinne (in dem Fall aus der Immobilienverwertung) in die Taschen der Spezln, die Kosten (in dem Fall die horrenden Baukosten mit nach oben offener Endsumme) auf das Konto der Steuerzahler. Nicht umsonst scheint ausgerechnet die Immobilienbranche der treibende Teil hinter den Umbauplänen zu sein. Rein technisch sieht das alles sehr sinnvoll aus-nur von der Aussage, dass die Gewinne aus der Immobilienverwertung quasi die Baukosten tragen würden, ist leider nicht mehr allzuviel über geblieben und die Gründe scheinen auf der Hand zu liegen!
Beobachter123 14.10.2010
5. Chaos
Wenn wir in Deutschland alles mit einem Volksentscheid regeln versinken wir im Chaos. Oder wollen sie vielleicht einen Volksentscheid zu Minaretten, Zuwanderung, dem Euro oder der Todesstrafe?
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