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Proteste an der Wall Street: Liebe statt Gier

Von , New York

Gegen Kriegskosten, Korruption und Konsumwahn: Normal-Bürger halten einen Platz nahe der New Yorker Börse besetzt und machen Front gegen die soziale Ungleichheit in den USA. Nun nahm die Polizei bei einer Demo mehr als 700 Protestler fest. Doch was steckt hinter ihrem Widerstand?

SPIEGEL ONLINE

Sie demonstrierten gegen die zunehmende Armut und die Macht der Banken. Doch die Polizei verstand keinen Spaß. Bei einer Kundgebung am Samstag hat sie mehr als 700 von 1500 Protestlern festgenommen. Ihnen wurde vorgeworfen, sie hätten den Straßenverkehr auf der Brooklyn Bridge behindert. Immerhin: Wer auf dem Fußweg lief, blieb verschont.

Aber wer steckt hinter den Protesten, die es seit rund zwei Wochen an der Wall Street gibt? Ein Besuch vor Ort.

Sergio Jimenez ist drei Tage mit dem Zug unterwegs gewesen, um hier zu sein. Der Koch aus Texas wollte sich das nicht nehmen lassen: "Allein unsere Anwesenheit ist ein Sieg", sagt er und duckt sich unter seinen Regenponcho.

Jimenez, 24, steht im Zuccotti Park, einem Platz in Lower Manhattan, zwischen Broadway und Ground Zero. Ringsum haben sich ein paar hundert Demonstranten häuslich eingerichtet, mit Schlafsäcken, Zelten, Plastikplanen. Viele sitzen vor Laptops, andere vertreiben sich die Zeit, indem sie neue Protestplakate pinseln: "Liebe statt Gier", "Scheiß auf Apathie". Eine Gruppe Polizisten hält das Karrée umstellt.

Seit Mitte September harren die Demonstranten hier aus. "Occupy Wall Street" heißt ihre Aktion, auf Deutsch: "Besetzt die Wall Street". Der Unmut richtet sich aber nicht nur gegen gierige Banker und Börsenhändler. Stattdessen stehen die ganz großen Themen auf dem Programm: Krieg, Konsum, Korruption. Da die Wall Street selbst aber als Hochsicherheitstrakt abgeschottet ist, müssen die Aktivisten mit dem Zuccotti Park vorliebnehmen, der liegt zwei Straßen weiter nördlich.

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Wall-Street-Blockade: Protest in New York
Jimenez war früh dabei. Am vergangenen Samstag marschierten er und die anderen zum Union Square, wo die Polizei ohne Vorwarnung hart durchgriff und die Demonstranten in die Enge trieb. Es gab rund 85 Festnahmen, und ein Cop verletzte drei Frauen mit Pfefferspray. Diese Episode sorgte nun schließlich für die Schlagzeilen, die der Dauerprotest allein nicht bewerkstelligen konnte. Das New York Police Department (NYPD) hat Untersuchungen gegen besagten Cop eingeleitet, den Kommissar Anthony Bologna, der früher schon mal einschlägig aufgefallen war, bei den Großdemos zum Republikaner-Parteitag von 2004. Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Viel Wunschdenken

Seitdem, sagt Jimenez, "sind die Cops auffallend freundlich". Wenn man mal von den Festnahmen am Samstag absieht. Die Zahl der Protestler hat sich zwar spürbar verringert. Doch noch immer halten gut 250 Wackere im Zuccotti Park aus, dem sie seinen alten Namen zurückgegeben haben: Liberty Park - Park der Freiheit. "Dies", sagt Jimenez, "ist unser Tahrir-Platz" - jener Platz also, auf dem sich in Ägypten der Aufstand gegen das autoritäre Regime von Hosni Mubarak entlud.

Der Vergleich ist aber nicht nur vermessen, es steckt auch viel Wunschdenken darin. Denn das Echo auf die vom Magazin "Adbusters" und der Hackergruppe Anonymous mitorganisierten Proteste ist mäßig, in den US-Medien und weltweit. Die Berichte drehen sich weniger um die Anliegen der Gruppe als um ein altes Reizthema - Polizei-Brutalität.

"Ich sah, wie der Beamte etwas in die Menge sprühte", berichtete die 18-jährige Studentin Kelly Schomburg über die Pfefferspray-Attacke. "Es begann sofort zu brennen." Auch YouTube-Videos zeigen, wie der Cop in eine ahnungslose Gruppe spritzte. Die Frauen sanken zu Boden und wanden sich vor Schmerzen. Schomburg wurde festgenommen und kam erst am frühen Morgen wieder frei.

Gegen den Polizisten Bologna liegt bereits eine Zivilklage eines Demonstranten vor, wegen Bürgerrechtsverletzung. NYPD-Sprecher Paul Browne nannte Bolognas Vorgehen zunächst "angemessen". Erst nach Bekanntwerden der Videos ordnete Polizeichef Ray Kelly Ermittlungen an, warf den Protestlern aber "tumultartiges Verhalten" vor.

Touristen glotzen, Trader hasten vorbei

Der Wirbel hat fast verdrängt, worum es den Demonstranten eigentlich geht. Sie sehen sich als die "99 Prozent", auf deren Kosten sich ein Prozent der Bevölkerung bereichere. Ihre Wut richtet sich gegen die soziale Ungleichheit in den USA und dagegen, dass sich seit der Finanzkrise nichts verändert habe.

Die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt - eine Generation der Enttäuschten, die ein wirtschaftlich desolates Land erben. "Keiner kümmert sich um uns", sagt die 30-jährige Lehrerin Kelly aus New Jersey, die aus Angst vor Repressalien ihren Nachnamen verschweigt. "Es gibt keine Solidarität mehr."

Prominente schauten vorbei: Hollywood-Star Susan Sarandon, Bürgerrechtler Cornel West, Filmemacher Michael Moore. "46 Millionen Menschen leben in den USA in Armut", schimpfte der. "Das ist ein absolutes Verbrechen, es ist unmoralisch."

Die US-Medien haben die Proteste dennoch lange ignoriert - selbst der seriöse Radiosender NPR. Der Aktion fehle es an Masse und Störpotential, bemängelte NPR-Nachrichtenchef Dick Meyer. Die "New York Times" machte sich sogar lustig über die "noble, aber zersplitterte und luftdünne Bewegung".

Deren Hardcore-Mitglieder lassen sich dennoch nicht beirren. Sie verbringen Tag und Nacht auf dem Platz, haben Komitees gegründet und halten Meetings ab. Zweimal täglich paradieren sie durch die Straßen, zur Eröffnungs- und Schlussglocke der Börse. Trader hasten vorbei, Touristen glotzen, und am Dienstag kamen die Teilnehmer der Luxury Night Out hinzu, eines Shopping-Events, bei dem Nobelläden hier mit Champagner um Kunden buhlen. Die Polizei schaute dem Spuk betont passiv zu.

"Wir werden bleiben, bis die Leute aufwachen", verspricht Bagel-Verkäufer Victor Morales, 23. Ginge es jedoch nach der Immobilienfirma Brookfield, der das Areal gehört, würde der Zuccotti Park sofort geräumt. "Wir sind enorm beunruhigt", so eine Sprecherin. Schließlich ist der Platz nach ihrem Chairman benannt, John Zuccotti - wohl auch so einer, den die Demonstranten zum bösen ein Prozent der Bevölkerung zählen würden.

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1.
Dramidoc 02.10.2011
Zitat von sysopGegen Kriegskosten, Korruption und Konsum-Wahn:*Ein paar hundert Normal-Bürger*halten einen Platz*vor der*New Yorker Börse besetzt und machen Front gegen die soziale Ungleichheit in den USA, nun nahm die Polizei bei einer Demo*mehr als 700*Protestler fest. Doch was steckt hinter*ihrem Widerstand? http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,789227,00.html
Oh, da muss Spiegel-Online die Zahlen weit nach oben korrigieren. Bedauerlich für den Journalisten ist, dass es ich eher um Tausende handelt. Zu bedauern ist auch, dass die Anführungszeichen bei den Normal-Bürgern unnötig sind, da es sich wirklich um Normalbürger handelt. Die Tendenz des Artikels ist offenkundig und wirklich zu bedauern, besonders für eine Zeitschrift, die für das demokratische Privileg der Pressefreiheit vor gut fünfzig Jahren stritt. Occupy Wallstreet ist für die USA ebenso notwendig. Ähnliches würde ich auch für Deutschland empfehlen, bedauerlich ist nur, dass die medien auf der anderen Seite stehen. Eine Zensur dieses Postings beweißt mir, dass es so ist.
2.
rennix, 02.10.2011
Interessant finde ich, wie die US Mainstream Medien auf den Protest reagiert haben. Nämlich gar nicht. Wo sonst jeder Verkehrsverstoß in der Zeitung endet herrscht nun Schweigen. Teilweise waren bis zu 1000 Demonstranten vor der Wall Street postiert. Wären das Tea Party Anhänger gewesen - die Presse hätte sich überschlagen. Die NYT - DAS Wallstreet Organ schlechthin - hat tagelang NICHTS berichtet, und versucht nun den Protest zu marginalisieren, indem sie die Anzahl der Demonstranten bewußt zu klein angibt und die Protestler als versponnene Öko Freaks darstellt. Es ist etwas faul im Staate Amerika...
3. Rettung der Gierigen: Eurobonds, Rettungsschirme und Co
Europäische Solidarität 02.10.2011
Was erleben wir denn in Europa? Nicht der Kleinanleger der ein bisschen was sparen wollte wird gerettet (Lehmann Urteil) Es werden die Banken gerettet! Länder, die wegen einer nachhaltigen Wirtschaftsweise vorne stehen sollen zahlen - für Steueroasen wir Irland.Das erleben wir momentan in der Eurobonds Diskussion. Steuer- und Sozialdumping wird immer noch als Standortvorteil verkauft, Unternehmen verlagern vom teurem Deutschland nach Irland, Luxdenburg & Co. Wenn dann die parasitären Steueroasen pleite gehen - ja dann auf einmal entdeckt man die Solidarität! *Wir haben ein Europa des Großkapitals - die Bürger müssen sich das Europa zurückerobern!* Schluss mit der Bankenrettung, der Rettung der Reichen. Wir brauchen einen Schuldenschnitt! Und dann sollten wir von Vorne anfangen. Jetzt die Bundestagspetition gegen die Eurobonds mitzeichnen! http://eurobondzen.de
4. Wunschdenken
iman.kant 02.10.2011
Was für Cäsar Brot und Spiele waren sind für Amerika Konsum und Soaps. Diese Unbeweglichkeit wird über kurz oder lang den Untergang dieser Nation von einer Weltmacht in einen bedeutungslosen Staat bewirken.
5. McCarthy
donnerbalken 02.10.2011
Ganz einfach, wir müssen die McCarthy Gesetze neu einführen. Die Kommunisten stecken dahinter! Die Freie Welt ist gefährdet!
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