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Honorarstreit mit Ärzten: Psychotherapeuten klagen über Ausbeutung

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Die Ärzte bekommen einen neuen Gegner im Honorarstreit. Nach den Krankenkassen gehen nun auch die Psychotherapeuten auf Konfliktkurs. Sie fühlen sich von den Medizinern abgezockt. Eine Therapeutin legt gegenüber SPIEGEL ONLINE ihren Verdienst offen.

Psychotherapeutin Peper: Widerspruch gegen jede Honorarabrechnung Zur Großansicht
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Psychotherapeutin Peper: Widerspruch gegen jede Honorarabrechnung

Hamburg - Der Protest ist für Heike Peper schon zum Ritual geworden. Alle drei Monate legt sie Widerspruch gegen ihre Honorarabrechnung ein. "Das machen inzwischen fast alle Psychotherapeuten so", sagt Peper. "Unsere Berufsverbände raten dringend dazu." Der Protest richtet sich gegen die Kassenärztlichen Vereinigungen. Sie verteilen das Geld der Krankenkassen - und werden von Ärzten dominiert.

Pro Jahr kommen mittlerweile bis zu 80.000 Widersprüche von Psychotherapeuten zusammen. Immer wieder haben sie vor Gericht gesiegt: Die Kassenärztlichen Vereinigungen mussten Hunderte Millionen Euro nachzahlen. Doch die Prozesse ziehen sich häufig über Jahre.

Der ritualisierte Streit vor Gericht zeigt, wie schlecht es um das Verhältnis von Psychotherapeuten und Ärzten steht. Mitten im Honorarstreit mit den Kassen blasen die Therapeuten nun zum Angriff. Sie fühlen sich von den Medizinern abgezockt und fordern von allem mehr: mehr Respekt, mehr Eigenständigkeit, aber vor allem mehr Geld.

Psychotherapeuten, also studierte Psychologen mit therapeutischer Zusatzausbildung, genießen seit nun mehr 13 Jahren Facharztstatus. Der Gesetzgeber wollte das bis dahin herrschende Chaos bei der Behandlung psychischer Erkrankungen beheben und integrierte die Therapeuten in das System der Kassenärztlichen Vereinigungen. Die Ärzte waren davon wenig begeistert. Immerhin mussten sie die Kassenhonorare nun mit Leuten teilen, deren Arbeit sich auf Seelenklempnerei und Kaffeetrinken beschränkt. So zumindest das Vorurteil vieler Ärzte.

Weil die Therapeuten keine Medikamente verschreiben dürfen und bei der Diagnose auf Gespräche statt auf hochkomplexe Geräte setzen, werden sie von den Ärzten nicht ganz ernstgenommen. Darunter leiden die Psychotherapeuten, die Patienten zudem weder krankschreiben noch überweisen dürfen.

In den Gremien der Kassenärzte werden die Psychotherapeuten seitdem systematisch benachteiligt. Obwohl ihr Anteil an den Behandlern etwa 20 Prozent ausmacht, ist ihr Stimmrecht bei zehn Prozent gedeckelt. So zum Beispiel im erweiterten Bewertungsausschuss der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Er bestimmt, wieviel Geld aus dem Fachärztetopf die einzelnen Berufsgruppen bekommen. Dabei ist der Topf für die Fachärzte gedeckelt. Logisch, dass die Mediziner dabei zunächst an sich selbst denken. Doch je mehr sie sich selbst zuweisen, desto weniger bleibt für die Psychotherapeuten.

Bei der Benachteiligung dürfte auch eine Rolle spielen, dass zwei Drittel der Psychotherapeuten Frauen sind. Zum einen arbeiten sie häufiger Teilzeit. Und zum anderen werden Berufsgruppen, in denen Frauen überrepräsentiert sind, in Deutschland meist schlechter bezahlt.

"Die nehmen uns gar nicht wahr"

Heike Peper ist nicht wütend auf die Ärzte. Aber sie fühlt sich ungerecht behandelt. Für exemplarisch hält sie den aktuellen Streit mit den Kassen. "Da verhandeln die Ärzte für uns mit. Wir werden aber nicht erwähnt, die nehmen uns gar nicht wahr." Häufig erlebe sie, wie Mediziner von "Psychologen" sprächen - eine bewusste Beleidigung, immerhin müssen die Therapeuten nach dem Psychologiestudium noch eine Extra-Ausbildung absolvieren. Dauer: vier bis fünf Jahre.

Im Schnitt kommt Peper auf 20 bis 25 Therapiestunden pro Woche. Für eine normale Sitzung bekommt sie 81 Euro, für Kennenlern-Stunden, sogenannte probatorische Sitzungen, gibt es 60 Euro. Dazu kommen Dokumentationen, Berichte, Telefonate - Leistungen, für die Peper so gut wie kein Geld bekommt. "Für einen Therapiebericht bekomme ich 50 Euro, da sitze ich aber drei bis vier Stunden dran", sagt Peper. Insgesamt investiere sie 18 bis 20 Stunden für Bürokratie, schätzt die Psychotherapeutin. Tendenz steigend.

Monatlich erhält Peper rund 5000 Euro für die Behandlung von Kassenpatienten. Dazu kommen noch Honorare für derzeit zwei Privatversicherte sowie Ausbildertätigkeiten. Damit kommt sie immerhin auf knapp das Doppelte des deutschen Durchschnittsverdieners. Doch von ihrem Umsatz gehen nicht nur Steuern und Abgaben ab - auch die Praxiskosten muss Peper davon bezahlen.

Ärzte wollen eigenes Budget für Psychotherapeuten

Das durchschnittliche Nettoeinkommen eines Psychotherapeuten liegt bei 2658 Euro. Das geht aus Berechnungen der KBV hervor. Ärzte verdienen im Schnitt deutlich mehr. In Hamburg kommt ein Hausarzt laut dem Verband der Ersatzkassen auf ein monatliches Nettoeinkommen von 5215 Euro, ein Radiologe sogar auf 16.641 Euro.

Natürlich müssen die Ärzte häufig teure Geräte finanzieren und ihr Personal bezahlen. Psychotherapeuten kommen dagegen in der Regel sogar ohne Sprechstundenhilfe aus. Doch diese Kosten sind beim Nettoeinkommen bereits abgezogen. Peper hält die aktuelle Situation für unfair. Der Satz für eine Therapiestunde müsse über hundert Euro steigen, fordert sie. Immerhin sei das Honorar seit 1993 gerademal um sechs Euro gestiegen - "das ist nicht mal ein Inflationsausgleich".

Die Ärzte weisen die Beschwerden der Psychotherapeuten zurück. Die Zusammenarbeit funktioniere immer besser, sagt Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Und einer Umfrage zufolge seien die meisten Therapeuten mit ihrem Beruf zufrieden. Allerdings, so Stahl, sei die Nachfrage nach psychotherapeutischen Behandlungen enorm gestiegen. Und das müsse aus dem Fachärztetopf bezahlt werden. Die KBV wolle deshalb bei den Verhandlungen mit den Kassen durchsetzen, dass die Nicht-Mediziner ein eigenes Budget bekommen.

Mehr Krankengeld als Therapiehonorar

Das wäre auch den Psychotherapeuten am liebsten. "Wir würden lieber direkt mit den Kassen verhandeln, als uns mit den Ärzten zu streiten", sagt Dieter Best, Vorsitzender der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung.

Bei den Kassen stößt dieser Wunsch jedoch auf Widerstand. "Es ist eine Besonderheit in Deutschland, dass Psychotherapie von der Kasse bezahlt wird", sagt Thomas Uhlemann, Referatsleiter beim Spitzenverband der GKV. Da die Zahl der Psychotherapeuten ständig steige, könne nicht gleichzeitig das Honorar deutlich erhöht werden. Die Klagen hält er für übertrieben, "auch wenn die Ärzte sicherlich Möglichkeiten genutzt haben, den Psychotherapeuten Leistungen vorzuenthalten".

Die Sturheit der Kassen ärgert Peper. "Für das Krankengeld aufgrund von psychischen Störungen geben die mehr aus als für die ambulante Therapie." Mit der richtigen Therapie könnten viele ihren Job ganz normal ausüben, sagt Peper. "Und das spart dann richtig Geld."

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1.
jamblichos 02.10.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDie Ärzte bekommen einen neuen Gegner im Honorarstreit. Nach den Krankenkassen gehen nun auch die Psychotherapeuten auf Konfliktkurs. Sie fühlen sich von den Medizinern abgezockt. Eine Therapeutin legt gegenüber SPIEGEL ONLINE ihren Verdienst offen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/psychotherapeuten-klagen-ueber-ausbeutung-a-859024.html
Interessant zu lesen, wie viel die Ärzte verdienen, die sich doch ständig beschweren, sie müssten im internationalen Vergleich mehr abbekommen. Selbst wenn man woanders wo mehr bekommt, ist das Gehalt doch immer noch gigantisch. Was mir im Artikel fehlt, ist ein Verweis darauf, dass die Zusatzausbildung für Psychotherapeuten sehr kostspielig ist und sie diese aus eigener Tasche zahlen müssen. Sie haben also viel Zeit und Geld in ihre Ausbildung investiert; da ist es doch nicht verwunderlich, dass sie genauso dafür honoriert werden wollen wie die Ärzte.
2. optional
jruhe 02.10.2012
Die durchschnittlichen 16.641 Euro _netto_ für einen Radiologen (niedergelassen?) halte ich für absolut unglaubwürdig.
3.
psychologiestudent 02.10.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEDie Ärzte bekommen einen neuen Gegner im Honorarstreit. Nach den Krankenkassen gehen nun auch die Psychotherapeuten auf Konfliktkurs. Sie fühlen sich von den Medizinern abgezockt. Eine Therapeutin legt gegenüber SPIEGEL ONLINE ihren Verdienst offen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/psychotherapeuten-klagen-ueber-ausbeutung-a-859024.html
kleiner Zusatz zum Artikel: Die Ausbildung, die die Psychologen nach ihrem Studium machen müssen, kostet 12-30 000 Euro. Die ersten 1-1,5 Jahre müssen die Therapeuten im sogenannten "Psychiatrischen Jahr" in einer Klinik arbeiten. Dort werden die Therapeuten in Ausbildung (PIAs) nicht bezahlt oder mit !höchstens! 400 € abgespeist. Müssen aber in der Zeit schon wie normale Therapeuten in der Klinik arbeiten, offiziell unter Aufsicht, inoffiziell werden sie aber natürlich allein gelassen. Danach arbeiten sie nach einer Zwischenprüfung in der Ambulanz ihrer Ausbildungsstätte und verdienen dort Geld. Die Ausbildungen sind dann so ausgelegt, dass man am Ende bei ca. 0 € rauskommt. D.H. 5 Jahre Studium plus 3 Jahre Ausbildung mit einem Gehalt von 0 Euro.... Danach sind die meisten Therapeuten erstmal ordentlich verschuldet, oder sie bilden sich nach dem Studium berufsbegleitend aus, was aber mindestens 5 Jahre braucht und unglaublich anstrengend ist, weil der Therapeutenjob nix ist, was man mal eben nebenbei machen kann. Die Ärzte werden dagegen nach ihrem Studium selbstverständlich ganz normal angestellt und erhalten ein Gehalt als Assistenzarzt. Weiterbildungen werden von der Klinik übernommen. Dass die psychologischen Therapeuten es dann nicht so toll finden, mit weniger Geld abgespeist zu werden, ist nicht völlig unverständlich...
4. Empirische Ergebnisse
PsyDyn 02.10.2012
Empirische Studien z.B. der Techniker Krankenkasse (2011) zeigen eindeutig, daß pro ausgegebenem Euro für Psychotherapie 2,73 Euro eingespart werden — und zwar durch Einsparung von ansonsten häufig anfallenden Kosten wie sicher notwendige Untersuchungen bei psychosomatisch bedingten Störungen, wiederholte Diagnostik oder schließlich sich chronifizierende und eigenständig werdende Somatisierungsstörungen. Weltweit kann man sicher sagen, daß durch Psychotherapie weder eine Bereicherung der Psychotherapeuten erfolgt (und dazu zählen eben nicht nur Psychologen, sondern auch ärztliche Puten wie Psychiater und Psychoanalytiker!) noch eine Luxusversorgung von Bagatellkranken. Psychotherapie kann, wird sie lege artis durchgeführt von gut ausgebildeten Ärzten und Psychologen, das gesamte Leben eines Patienten und indirekt von dessen Lebenspartner, Kindern, Familie und Berufsumfeld verändern. Dafür möchten Psychotherapeuten endlich anerkannt werden und dafür auch ein angemessenes Honorar erhalten. Es kann nicht angehen, daß ich als Zahnarzt das vier- bis achtfache Gehalt verdienen könnte im Vergleich zur täglich enorm belastenden Arbeit als Psychoanalytiker.
5. Ärzte als Psychotherapeuten
aaww 02.10.2012
oder Psychoanalytiker werden genau so schlecht bezahlt wie Psychologen. Ich muß das ansprechen, weil hier eine Front zwischen Psychologen und Ärzten aufgebaut wird. Richtig muß es heißen, daß eine Front zwischen Ärzten und Psyhotherapeuten (Ärzte und Psychologen) besteht, denn die Ärzte für Psychotherapie werden von allen anderen Ärzten finanziell benachteiligt bei der Honorarverteilung. Ich denke, daß drei Töpfe geben muß, einen, aus dem alle Ärzte ohne Psychotherapieleistungen bezahlt werden, einen, aus dem alle Ärzte bezahlt werden, die ausschließlich Psychotherapieleistungen abrechnen und einen, aus dem Psychotherapien von Psychologen abgerechnet werden. Denn im Gegensatz zu Psychologen können Ärztliche Psychoanalytiker und Psychotherapeuten alle medizinischen Untersuchungen und Überweisungen vornehmen.
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Depressionen
Krankheit und Verbreitung
Depressionen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern psychische Probleme, die behandelt werden müssen.

Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für die Mehrzahl der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.
Ursachen und Formen
Die Ursachen der Depressionen sind vielfältig und bleiben bei vielen Patienten unbekannt. Auslöser kann ein Schicksalsschlag sein. Es gibt aber auch Depressionen, die von einem ungelösten, frühkindlichen Konflikt herrühren, der bis ins Erwachsenenalter hineingetragen wird. Auch Medikamente können mitunter eine Depression auslösen: Sie wird als Nebenwirkung bei zahlreichen Arzneien genannt.

Eine endogene Depression entsteht, wenn Stoffwechselvorgänge im Gehirn gestört sind. Sie tritt oft plötzlich und scheinbar ohne Ursache auf; Mediziner vermuten auch eine erbliche Komponente. Eine neurotische oder Erschöpfungsdepression kann durch langfristige Belastungen entstehen, eine reaktive Depression wird oft durch ein aktuelles Ereignis wie etwa einen Trauerfall verursacht.

Seltener ist die bipolare Störung, die früher auch manisch-depressive Erkrankung genannt wurde. Hier wechseln sich extrem gehobene Stimmung und tiefe Niedergeschlagenheit ab. Die Betroffenen erleben mehr und kürzere depressive Phasen, die immer häufiger auftreten, je länger die Störung anhält. Zusätzlich gibt es noch mehrere Unterformen der Depression.
Symptome
Der Depressive erlebt eine anhaltend gedrückte und traurige Stimmung, wobei die Symptome am Morgen oft schlimmer sind als abends. Ein wichtiges Symptom sind Schlafstörungen. Die Patienten ziehen sich zurück und verlieren das Interesse an gesellschaftlichen Kontakten und an vielen anderen Dingen des Lebens. Oft kommen Angst und unbegründete Schuldgefühle hinzu sowie das Gefühl völliger Wertlosigkeit.
Therapie
Depressionen gelten allgemein als gut behandelbar. Oft hilft eine Kombination aus modernen Psychopharmaka und Psychotherapie. In manchen Fällen ist auch gezielter Schlafentzug oder eine Lichttherapie sinnvoll. Nach Abklingen der Symptome muss die Behandlung meist lange Monate fortgesetzt werden, da ein hohes Rückfallrisiko besteht.
Was können Betroffene tun?
Um aus einer Depression herauszufinden, ist das Wichtigste, sich Hilfe bei einem Arzt, Psychotherapeuten oder einer anderen Anlaufstelle zu suchen.

Vielen Patienten hilft es, ihren Tagesablauf zu strukturieren, sagt Angelika Schlarb vom Psychologischen Institut der Universität Tübingen. "Es ist wichtig, morgens überhaupt aufzustehen und sich körperlich beziehungsweise sportlich zu engagieren. 30 Minuten schneller Spaziergang helfen dabei so gut wie ein Antidepressivum."

Zudem sollte man sich Aufgaben suchen, die zu bewältigen sind und Negatives umgehen. Angehörige sollten negative Äußerungen des Depressiven ignorieren und versuchen, auf mögliche positive Tagesereignisse zu sprechen zu kommen.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Internetseite weitere Informationen zur Krankheit. Um herauszufinden, ob man selbst depressiv ist, kann als erster Schritt der Selbsttest der Stiftung helfen.

Mit Material von dpa

Chronologie der Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.
2009: Das Krankenhausfinanzierungsgesetz wird umgestellt
Die Finanzierung der Länder für Investitionen, die mit dem Krankenhausfinanzierungsgesetz 1972 eingeführt worden ist, wird auf leistungsbezogene Investitionspauschalen umgestellt. Dazu wird ein Orientierungswert eingeführt und die Anbindung an die Grundlohnsumme abgelöst. Der Orientierungswert berücksichtigt die Kostenstrukturen der Krankenhäuser.
2011: Neue Medikamente werden grundlegend geprüft (AMNOG)
Die Preisgestaltung für neu auf den Markt kommende Medikamente ändert sich mit dem Arzneimittelneurordnungsgesetz (AMNOG) grundlegend. Ein Pharmahersteller kann die Preise für patentgeschützte Medikamente zwar zunächst wie bisher frei festsetzen. Spätestens drei Monate danach muss er allerdings den medizinischen Zusatznutzen seines Medikamentes im Vergleich zu bereits auf dem Markt befindlichen Mitteln nachweisen. Ergibt sich kein Zusatznutzen, unterliegt das Medikament der Festbetragsregelung, bei einem nachgewiesenen Zusatznutzen muss der Pharmahersteller spätestens innerhalb eines Jahres nach Markteinführung mit dem GKV-Spitzenverband Preisverhandlungen führen. Grundlage für die Preisverhandlung ist eine Kosten-Nutzen-Bewertung des Medikamentes, die der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) oder in seinem Auftrag das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erstellt.
2011: Der Beitragssatz steigt - das GKV-Finanzierungsgesetz
Diese Reform spüren vor allem die Versicherten: Der Beitragssatz in der gesetzlichen Krankenversicherung steigt um 0,6 Prozentpunkte auf 15,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Davon zahlen die GKV-Mitglieder 8,2 Prozentpunkte, die Arbeitgeber 7,3 Prozent. Der Arbeitgeberbeitrag wird bei diesem Beitrag eingefroren. Künftige Ausgabensteigerungen sollen über Zusatzbeiträge finanziert werden, die die GKV-Mitglieder allein zu tragen haben. Kann eine Kasse ihre Kosten nicht mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds decken, muss sie - wie bisher - einen Zusatzbeitrag erheben. Die Höhe des Zusatzbeitrages ist künftig nicht mehr limitiert.
2012: Das GKV-Versorgungsstrukturgesetz
Dieses Gesetz stellt dem Gemeinsamen Bundesausschuss der Krankenkassen und Ärzte weitere Aufgaben: Neue Behandlungsmethoden sollen auf ihren Nutzen hin überprüft werden, ohne sie in dieser Zeit der Patientenversorgung vorzuenthalten. Der GBA kann künftig neue nichtmedikamentöse Untersuchungs- und Behandlungsmethoden zeitlich begrenzt und unter kontrollierten Bedingungen erproben, um über eine eventuelle Aufnahme in den Leistungskatalog entscheiden zu können. Ebenfalls im Paket enthalten: Fachärzte werden verpflichtet, gesetzlich Versicherten angemessen und zeitnah Behandlungstermine anzubieten. Seit dem GKV-VStG können Versicherte auf Antrag von ihrer Krankenkasse eine Kostenaufstellung der in Anspruch genommenen ärztlichen und verordneten Leistungen in einem Zeitraum von mindestens 18 Monaten vor Antragstellung erhalten.

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