Radikales Steuerkonzept: Kirchhof feiert seine Bierdeckel-Revolution

Paul Kirchhof startet einen neuen Versuch, das Steuersystem radikal zu reformieren - und bekommt Rückendeckung von der FDP. Er sei "optimistisch", dass sein neuestes Konzept jetzt umgesetzt werde, sagt der Heidelberger Professor. Auch die französische Revolution habe ihre Zeit gebraucht.

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Steuerexperte Kirchhof: "Ich bin jetzt optimistisch"

Köln - Paul Kirchhof ist zurück: Der Mann, dessen Reformeifer Angela Merkel 2005 fast die Kanzlerschaft gekostet hätte, nimmt einen neuen Anlauf zu einer radikalen Steuerwende. Noch immer propagiert er einen Einheitssteuersatz von 25 Prozent. Die Fiskalgesetze will er von 33.000 auf 146 Paragrafen zusammenstutzen ( eine Übersicht seines neuen Konzepts finden Sie hier).

Dass seine Reformkonzepte sich bislang nicht durchsetzen konnten, stört den Heidelberger Professor und ehemaligen Bundesverfassungsrichter nach eigenem Bekunden nicht. Er glaubt weiter an die Vision einer bürgerlichen Steuererklärung, die auf einen einzigen Bierdeckel passen würde.

Und er hält eine baldige Umsetzung seines Reformkonzepts für wahrscheinlich. "Ich bin jetzt optimistisch", sagte er am Dienstag im Deutschlandfunk. Es müsse zunächst gelingen, die Bevölkerung und die Medien von den Vorteilen des Konzepts zu überzeugen. Dann werde auch die Politik "auf dieses Pferd setzen".

Steuerreformen seien dringend nötig. Die ständigen Änderungen am System machten eine verlässliche Planung für Unternehmen unmöglich. Zudem litten die Menschen unter dem Eindruck, zu viele Steuern zu zahlen - einfach deshalb, weil sie nicht wissen, welche Ausnahmeregeln es gibt.

Wenig Unterstützung erwartet

Die "Financial Times Deutschland" zitierte Kirchhof mit noch selbstbewussteren Äußerungen. Zu den Erfolgschancen seiner Reform habe er gesagt: Auch die französische Revolution und die Idee der Menschenrechte hätten ihre Zeit gebraucht.

Unterstützung erhält Kirchhoff von Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht. Das Steuerkonzept des Professors führe zu einer radikalen Vereinfachung, sagte die CDU-Politikerin der "Mitteldeutschen Zeitung". Die Frage der Vereinfachung stehe vor jeder Steuersenkungsdebatte.

Auch der Vorsitzende des Finanzausschusses im Bundestag goutiert das Steuerkonzept. "Die FDP würde einen Gesetzentwurf der Union zur Umsetzung des Steuerkonzeptes von Herrn Kirchhof konstruktiv begleiten", sagte Volker Wissing.

Andere Politiker halten sich mit Meinungsbekundungen bislang zurück. Kirchhofs neuer Vorstoß platzt mitten in eine neue Diskussion über mögliche Steuersenkungen. gegenüber seinen Vorschlägen wirken die Pläne der Regierung regelrecht zaghaft. Auch deshalb wird Kirchhof diesmal wohl auf noch weniger Unterstützung hoffen können als bei seinem ersten Versuch im Jahre 2005.

ssu/dapd

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insgesamt 186 Beiträge
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1. nur die halbe Wahrheit
Tigershark_2 28.06.2011
Zur ganzen Wahrheit gehören Details zur Ermittlung des Einkommens. Gerecht wäre das Steuerkonzept z.B. nur, wenn bei Arbeitnehmern das Einkommen nach Sozialabgaben und Werbungskosten die Bemessungsgrundlage darstellt. Nur dann wären gleiche Steuersätze wie bei Selbständigen und Unternehmen gerechtfertigt.
2. Kirchhof mal zuhören
RobertSchuman 28.06.2011
Nachdem er als einer der wenigen in Deutschland tatsächlich einen Einblick in das Steuerrecht hat sollte man ihn als Experten anerkennen anstatt ihn ständig grundlos als abgehoben darzustellen. Zu der Verwendung eines einheitlichen Steuersatzes zur Vereinfachung (egal ob dieser jetzt 25% oder 30% beträgt) raten nun jetzt seit Jahren Wirtschafts- und Rechtsexperten. Die neue Tendenz grundsätzlich alle Experten zu ignorieren wird uns nicht helfen. Es ist Zeit Herr Kirchhof wenigstens eine Chance zu geben uns sich sein System mal genau anzuschauen. Die Erhebung der deutschen Einkommenssteuer kostet nämlich viele Milliarden. Hier zu sparen wäre sinnvoll.
3. Auch die französische Revolution habe ihre Zeit gebraucht.
Baikal 28.06.2011
Zitat von sysopSeit Jahren trommelt Paul Kirchhof erfolglos für die radikale*Vereinfachung des Steuersystems. Seinem Selbstbewusstsein hat das nicht geschadet. Er sei "optimistisch", dass sein Konzept bald umgesetzt werde, sagt der Heidelberger Professor. Auch die französische Revolution habe ihre Zeit gebraucht. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,771006,00.html
.. danach fehlten aber einige Parasiten und Volksbeglücker im Auftrag der INSM sollten auch daran denken.
4. Naiv
trimalchio 28.06.2011
Die Reaktionen der Leser spiegeln eine von geradezu anrührender Naivität getragene Sehnsucht wieder, dass doch alles einfacher, schöner und besser werden möge. Dieser Vorschlag ist hanebüchener Unsinn, da 1. eine radikale Vereinfachung zu einer radikalen Umverteilung führen würde. Das ist politisch - wenn überhaupt - nur in Zusammenhang mit einer erheblichen Steuerentlastung denkbar. 2. die Auswirkungen einer Radikalreform auf das Steueraufkommen unkalkulierbar sind - auch im Gefüge Bund/Länder/Kommunen. 3. die kurzfristige Neubeurteilung sämtlicher Besteuerungsfälle administrativ schlicht unmöglich ist. Seit Kaiser Nero Rom angezündet hat, um es hübscher wieder aufzubauen, sind die Dinge etwas komplizierter geworden. Einen ganz wesentlichen Vorteil hat der Vorschlag: jeder kann behaupten, dass er das auch will, wenn es die anderen nur nicht verhindern würden - und muss sich so nicht mehr fragen lassen, warum sie/er für die systematische Weiterentwicklung des realen Steuerrechts nichts tut!
5. verstehe ich nicht....
fritz_64 28.06.2011
Zitat von Tigershark_2Zur ganzen Wahrheit gehören Details zur Ermittlung des Einkommens. Gerecht wäre das Steuerkonzept z.B. nur, wenn bei Arbeitnehmern das Einkommen nach Sozialabgaben und Werbungskosten die Bemessungsgrundlage darstellt. Nur dann wären gleiche Steuersätze wie bei Selbständigen und Unternehmen gerechtfertigt.
dürfen dann im Gegenzug Selbständige ihre Zahlungen für KV und RV zu 100% abziehen?
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