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Rausschmiss als Bankchef: Nobelpreisträger Yunus fleht Volk um Hilfe an

Von , Islamabad

Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus kämpft um seinen Ruf: Nach der Regierung hat nun auch das Oberste Gericht in Bangladesch seinen Rauswurf als Bankchef gebilligt. Verzweifelt bittet der einstige Volksheld seine Landsleute um Beistand.

Yunus: "Habe mein Leben der Armutsbekämpfung gewidmet" Zur Großansicht
REUTERS

Yunus: "Habe mein Leben der Armutsbekämpfung gewidmet"

"Ich brauche die Hilfe aller Bangladescher", schreibt Muhammad Yunus in einem Appell an die Bevölkerung. Es ist der Hilferuf eines Mannes, der nicht nur um seinen Posten als Direktor der von ihm gegründeten Grameen Bank kämpft, sondern auch um seinen Ruf als Helfer der Armen, als Wohltäter und Philantrop.

Denn plötzlich klebt ein Makel an ihm, der so gar nicht passt zu diesem Mann, der 2006 gemeinsam mit seiner Bank den Friedensnobelpreis erhielt für die Idee, armen Menschen Kleinstkredite zu geben. Die Idee: Mit dem Geld sollen sie sich mit einer kleinen Geschäftsidee selbständig machen und auf diese Weise selbst aus der Armut befreien können. Es ist ein vielfach kopiertes, manchmal missbrauchtes, oft kritisiertes Modell - weil es zu sehr auf die Kräfte des Marktes vertraut.

Yunus soll es mit der Buchführung nicht so genau nehmen, außerdem sei er zu alt für seinen Job, heißt es. Ausgerechnet Yunus, der seit seiner Nobelehrung den Status eines Volkshelden in Bangladesch hat. Trotzdem gälten für ihn dieselben Regeln wie für alle anderen, sagen seine Kritiker. Man sei doch nur neidisch auf seinen hart erarbeiteten Erfolg und fürchte, er könne politisch Einfluss nehmen, erwidern seine Anhänger.

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Nobelpreisträger Muhammad Yunus: Niedergang einer Nationalikone
Bekannt ist, dass Bangladeschs Premierministerin Sheikh Hasina keine gute Meinung über Yunus hat, seit dieser vor vier Jahren kurzzeitig mit einer eigenen Partei Machtambitionen gezeigt hatte. Aus dieser Zeit sind ihm ein paar tiefe Feindschaften geblieben. Die Regierung will Yunus loswerden: Die Zentralbank in der Hauptstadt Dhaka entschied, dass er mit seinen 70 Jahren zu alt sei für den Posten als Bankchef, schließlich gebe es eine Altersgrenze von 60 Jahren. Man werde ihn nicht länger als "rechtmäßigen Vorstand" anerkennen, hieß es Anfang März in einem Schreiben der Zentralbank.

Die Vorwürfe seien "komplett aus der Luft gegriffen"

"Unmöglich" findet Jannat-E-Quanine, was da gerade passiert. Die Frau ist Yunus' Sprecherin, am Montagabend hat sie seinen Appell an alle Journalisten in ihrem Adressbuch verschickt. Die Medien hätten ihrer Meinung nach keine rühmliche Rolle gespielt in der Geschichte, sagt sie. Und tatsächlich haben sich die einheimischen Journalisten auf Yunus gestürzt, als Ende November ein dänischer Journalist eine Dokumentation veröffentlichte, wonach die Grameen Bank Entwicklungsgelder in Millionenhöhe veruntreut habe. In herzlicher Abneigung diktierte Regierungschefin Hasina den Journalisten in die Blöcke, Yunus' Vergabe von Mikrokrediten sei nichts anderes, als "Menschen auszunehmen, nachdem man ihnen einen Kredit gegeben hat". Zu diesem Zeitpunkt hatte es noch keine Untersuchungen der Vorwürfe gegeben.

Kürzlich veröffentlichte zudem Hasinas Sohn, Sajeeb Wazed, der in den USA lebt und sich als Berater seiner Mutter betätigt, ein "offizielles Statement im Namen der Regierung", wonach "entgegen der weit verbreiteten Wahrnehmung" nicht Yunus, sondern die Regierung von Bangladesch die Grameen Bank gegründet habe. Zudem gebe es keine Beweise, dass Mikrokredite die Armut in Bangladesch verringert hätten.

"Unmöglich ist das", sagt Jannat-E-Quanine, die Frau mit dem Kopftuch und der dicken Hornbrille, durch die die Augen leuchten, wenn sie von Yunus spricht, und vor Wut funkeln, wenn es um die Vorwürfe geht.

Ein norwegischer Sender hatte den Beitrag ausgestrahlt, wonach Yunus zweckgebundene Entwicklungsgelder ohne Wissen der Geberländer in andere Projekte als vorgesehen gesteckt hat - vor allem aus Norwegen, aber auch aus Deutschland, den Niederlanden, Schweden und aus den USA. Ein Vorwurf, den Yunus als "komplett aus der Luft gegriffen und ohne jede Grundlage" bezeichnete. Eine Untersuchung durch das norwegische Entwicklungsministerium bestätigte Yunus' Sicht.

Yunus bittet die Bevölkerung um Unterstützung

Mit seiner jetzigen Abberufung wolle die Regierung von Bangladesch lediglich die Kontrolle über die Grameen Bank übernehmen und sich damit politische Vorteile verschaffen, sagt Yunus. Trotz jährlicher Anhörungen durch die Zentralbank seit 1999 komme sein Lebensalter erst jetzt zur Sprache und werde als Problem ausgemacht. Die Grameen Bank hätte ihn mit Zustimmung der Zentralbank zum Vorstandschef erkoren und zudem entschieden, dass es keine Altersgrenze geben solle, schreibt er in seinem Appell an die Bevölkerung.

"Ich habe mein ganzes Leben der Bekämpfung der Armut der Menschen in Bangladesch gewidmet", heißt es weiter. Um eine weitere Arbeit zu ermöglichen, sollte es einen "sanften Übergang in der Managementführung von mir zum nächsten Direktor" geben. An diesem Übergang arbeite er. Vorerst wolle er aber als Geschäftsführer im Amt bleiben und bitte um die Unterstützung der Bevölkerung, schreibt er. Wichtig sei, sagt er, dass die Bank unabhängig und weiter im Besitz der bisherigen Hauptaktionäre bleibe, den armen Kunden, die mit ihrer Kreditnahme gleichzeitig Anteilseigner werden. 97 Prozent davon sind nach Angaben der Grameen Bank Frauen. Die Regierung von Bangladesch ist, trotz aller Kritik an Yunus, mit 25 Prozent beteiligt.

Der Banker hat gegen seine Absetzung Klage vor dem Obersten Gerichtshof in Dhaka eingereicht. Am Dienstagmittag wiesen die Richter die Klage zurück - mit der Begründung, Yunus habe niemals die Zustimmung der Regierung erhalten, Chef der Grameen Bank zu werden.

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insgesamt 7 Beiträge
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1. "Ich, ich liebe euch doch alle!"...
Alf.Edel 08.03.2011
"...alle Menschen in unserem schönen Bangladesch..." ;)
2. Der Mann muss weg!
snickerman 08.03.2011
Mit seinen Mikrokrediten zu günstigen Zinsen und mit Erfolgskontrolle stört er nämlich gewaltig das miese Geschäft der Wucherer, die die kleinen Leute in lebenslange Schuldknechtschaft treiben wollen! So haben die großen Banken des Landes einfach das Erfolgsmodell von Yunus gekapert und nutzen dessen Reputation, um ihre eigenen Kredite rauszuhauen, die mit denen des Friedensnobelpreisträgers gar nichts zu tun haben und exorbitante Zinsen von den Menschen verlangen. Damit machen die Riesengewinne- nun muss nur noch der "Alte Mann" weg, damit er ihnen nicht mehr dazwischenfunken kann. Auf dem Lande (so wie auch in Indien) bringen sich währenddessen immer mehr verzweifelte Menschen um, weil sie diese nachgemachten Mikrokredite niemals werden abzahlen können. Jetzt noch Yunus als "Südnenbock" aufbauen- und das mörderische Geschäft kann weitergehn!
3. Politisch
janne2109 08.03.2011
er wurde der Regierung zu politisch, das hat schon manchen ins Gefängnis gebracht ( Chodorkowski) waren bleiben diese wirklich helfenden Menschen nicht bei ihrem Thema? Wer in solchen Ländern lebt muss die Folgen einfach wissen.
4. Jaja...
snickerman 08.03.2011
wieder mal zu jeder unpassenden Gelegenheit den Amerika-Hass rausrotzen, ist ja bei Ihnen eh chronisch! Ist schon klar, dass sie Obama meinen, wenn Sie also wie immer nix zu sagen haben, könnes Sies auch lassen!
5. Vielleicht sollte ihm die Weltbank einen ordentlichen Buchhalter sponsorn.
derandersdenkende 08.03.2011
Zitat von sysopFriedensnobelpreisträger Muhammad Yunus kämpft um seinen Ruf: Nach der Regierung hat nun auch das Oberste Gericht in Bangladesch seinen*Rauswurf als Bankchef gebilligt. Verzweifelt bittet der einstige Volksheld seine Landsleute um Beistand. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,749608,00.html
Das kann ja nicht so teuer sein und wäre außerdem eine noble Geste. In einer Welt, die Menschen ausschließt um einige wenige immer reicher zu machen, hilft er Ausgeschlossenen aus dem Keller der Gesellschaft zu finden, um ein menschenwürdiges Dasein führen zu können. Ist schon möglich, daß das einigen ein Dorn im Auge ist. Gefördert werden, sollten solche Initiativen allemal.
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Soziale Berater: Begeistert von der Yunus-Idee

Was ist Social Business?
Das Prinzip
Social Business ist ein Unternehmenskonzept, das auf den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus zurückgeht. Im Unterschied zur herkömmlichen Wirtschaftsweise konzentriert sich Social Business auf die Lösung sozialer Probleme.
Die Rendite
Macht das Unternehmen Gewinne, bleiben sie größtenteils im Unternehmen. Investoren bekommen nur das Geld zurück, das sie investiert haben. Eine Dividende gibt es in der Regel nicht.
Beispiele
Bekannte Unternehmen, die im Social Business aktiv sind, sind unter anderem BASF, Danone oder Veolia. BASF verkauft gemeinsam mit Yunus' Grameen Bank erschwingliche Moskitonetze in Bangladesch. Danone gründete mit der Grameen Bank ein Joint Venture und verkauft einen Joghurt, der mit wichtigen Nährstoffen angereichert ist, für umgerechnet sechs Cent. Veolia versorgt die ärmsten Gebiete in Bangladesch mit Trinkwasser.
Buchtipp

Muhammad Yunus:
Social Business
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