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26. Februar 2010, 14:45 Uhr

Reaktion auf Presse-Polemik

Griechischer Verband ruft zum Boykott deutscher Waren auf

Die griechische Wut über die Deutschen eskaliert: Ein mächtiger Verbraucherverband in Athen appelliert an die Bevölkerung, deutsche Produkte und Geschäfte zu boykottieren. Griechenlands Staatsspitze bekommt währenddessen offenbar Finanznachhilfe - von Deutsche-Bank-Chef Ackermann.

Hamburg/Athen - Die Anwürfe einiger griechischer Interessenvertreter gegen Deutschland haben einen neuen Höhepunkt erreicht: Der mächtige griechische Verbraucherverband Inka hat zu einem Boykott "aller deutschen Produkte und Geschäfte" aufgerufen. "Alle Bewohner Griechenlands" sollten das Warenembargo mittragen, heißt es auf einem Flugblatt, dass Inka unter anderem in der Hauptstadt Athen verteilen ließ - und das der Verband zudem auf seiner Internetseite veröffentlicht hat.

Der Protest richtet sich in erster Linie gegen ein Titelbild des Münchner Magazins "Focus", das die Venus von Milo mit einem ausgestreckten Mittelfinger neben dem Schriftzug "Betrüger in der Euro-Familie" zeigt. "Wir fordern die deutsche Regierung auf, diese äußerst unangebrachte Publikation zu verurteilen", sagte der Präsident des griechischen Verbraucherinstituts, Giorgos Lakouritis, der Nachrichtenagentur Reuters am Freitag. "Die Griechen sind keine Betrüger."

Auch Inka verurteilt das Titelbild scharf. Der Text auf dem Flugblatt ist sprachlich holprig, an einer Stelle fehlt ein Wort. Grob übersetzt ist in dem Dokument zu lesen:

"Die Verfälschung einer Statue der griechischen Geschichte, Schönheit und Zivilisation, die aus einer Zeit stammt, wo sie (die Deutschen, Anm. d. Red.) Bananen auf Bäumen gegessen haben, ist unverzeihlich und nicht hinnehmbar."

An anderer Stelle heißt es:

Eine solche Veröffentlichung sei in der Nachkriegszeit Europas noch nicht vorgekommen. Dabei seien doch alle bemüht, diese Zeit zu vergessen - mit ihren "Gräueltaten und Hunderten von Millionen von Toten durch die sinnlose Zerstörung im Namen des deutschen Hakenkreuzes, das versucht hat, die Welt mit Gewalt zu vereinen".

Der Streit über europäische und damit auch deutsche Hilfen für das hochverschuldete Griechenland belastet zunehmend die politischen Beziehungen. Der deutsche Botschafter in Griechenland, Wolfgang Schultheiss, hatte das "Focus"-Titelbild bedauert und erklärt, Deutschland stehe auf der Seite Griechenlands.

Der Verband Inka gibt sich mit dieser Entschuldigung nicht zufrieden. "Die Erklärung des Botschafters reicht nicht", sagte Verbandspräsident Lakouritis. "Wer solche Freunde hat, der braucht keine Feinde mehr." Auf dem Flugblatt steht, grob übersetzt, dass der Boykott gegen deutsche Waren auch "bei einer kleinen oder großen Entschuldigung" aufrechterhalten werden solle.

Die griechische Bevölkerung begegnet dem Boykottaufruf mit gemischten Gefühlen. Wie eine deutsche Journalistin in Athen SPIEGEL ONLINE berichtete, begrüßten einige Bürger die Aktion, andere hielten den Aufruf von Inka für Unfug.

Die deutschen Exporteure haben gelassen auf die Boykottdrohungen griechischer Verbraucherschützer reagiert und zu mehr Sachlichkeit gemahnt. "Das ist eine Einzelstimme, die sicher nicht der Mehrheitsmeinung der Griechen entspricht", sagte ein Sprecher des Außenhandelsverbandes BGA am Freitag zu Reuters. "Wir gehen davon aus, dass unsere Handelsbeziehungen auch langfristig gut bleiben."

Ackermann auf dem Weg nach Griechenland

Einzelne griechische Kritiker haben in den vergangenen Tagen immer wieder gegen den Betrugsvorwurf gewettert. Die Zeitung "Eleftheros Typos" zeigte in einer Ausgabe eine Fotomontage der Goldelse auf der Siegessäule, die ein Hakenkreuz hält. Im Text dazu hieß es: " Finanznazitum bedroht Europa" und: "Es reicht mit der Verleumdung des Landes durch die Deutschen."

Der griechische Parlamentspräsident Filippos Petsalnikos will sich beim deutschen Botschafter in Athen beschweren: "Der Grund, weswegen ich den Botschafter zu mir bestellt habe ist, dass die Veröffentlichungen, die nichts mit der Realität zu tun haben, jede Grenze überschritten haben", sagte er am Dienstag. Der Bürgermeister von Athen, Nikitas Kaklamanis, rief dazu auf, "gegen diese beschämende Veröffentlichung zu protestieren".

Auch Ministerpräsident Giorgos Papandreou sorgte für neuen Zündstoff, indem er die Frage deutscher Reparationszahlungen für das Land aus dem Zweiten Weltkrieg als ungelöst bezeichnete. Kommenden Freitag kommt Papandreou zu seinem Antrittsbesuch nach Berlin. Bei dem Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel würden alle aktuellen Fragen auf den Tisch kommen, sagte eine Regierungssprecherin in Berlin. Deutschland stehe Griechenland bei seinen Bemühungen zur Lösung seiner Probleme solidarisch zur Seite und sei sich mit der Regierung des Landes einig.

Angaben von Insidern zufolge lassen Griechenlands Top-Politiker sich offenbar Finanznachhilfe von Josef Ackermann geben. Der Deutsche-Bank-Chef sei nach Athen gereist, um sich dort noch am Freitag mit Regierungsvertretern zu treffen, sagte ein Sprecher des größten deutschen Finanzinstituts. Zum Inhalt der Gespräche wollte er keine Stellung nehmen.

Eine Branchenkennerin sagte aber, die Regierung habe offenbar finanziellen Beratungsbedarf. Die Deutsche Bank hat bereits die jüngste Staatsanleihe Griechenlands organisiert, Anfang März wird eine weitere erwartet.

Schuldenkrise droht sich zu verschärfen

Dieses Mal dürfte es für Griechenland allerdings schwieriger werden, sich mit frischem Kapital zu versorgen. Große deutsche Banken wollen laut einer Umfrage der "Financial Times Deutschland" ("FTD") nicht mehr in Staatsanleihen des hochverschuldeten Landes investieren. Die beiden wichtigsten deutschen Staatsfinanzierer, Eurohypo und Hypo Real Estate , kündigten am Donnerstag an, bei der bevorstehenden Finanzierungsrunde keine neuen Griechenland-Bonds mehr zu zeichnen.

Auch die Postbank werde kein frisches Geld in dem Mittelmeerland investieren. Die Deutsche Bank wolle nur noch als Investmentbank bei der Platzierung von Anleihen mitwirken und nicht mehr selbst Geld in griechischen Staatspapieren anlegen. Große Landesbanken wie die BayernLB und die Stuttgarter LBBW wollten sich nicht äußern. Aus Kreisen der Institute heiße es allerdings, Investitionen in Griechenland-Bonds seien "kaum vorstellbar".

Sollten sich die Anleihegläubiger aus Deutschland und möglicherweise auch aus anderen Ländern tatsächlich von Griechenland abwenden, müsste das Land höhere Zinskosten für seine Anleihen schultern. Gerade Deutschlands Banken waren für die Südeuropäer bislang ein äußerst wichtiger Kreditgeber. Nach SPIEGEL-Informationen hält die Hypo Real Estate griechische Staatsanleihen in Höhe von 9,1 Milliarden Euro. Die Commerzbank, an der der Bund ebenfalls beteiligt ist, hält Griechenland-Papiere im Volumen von 4,6 Milliarden Euro. Auch angeschlagene Landesbanken haben im großen Stil griechische Anlagepapiere gekauft, die LBBW für 2,7 Milliarden Euro, die BayernLB für 1,5 Milliarden Euro.

ssu/dpa/Reuters

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