Spendenaktion eines Reederei-Erben "Jeder Grieche kann sich für 3000 Euro freikaufen"

Kann diese Aktion Griechenland helfen? Der Reederei-Erbe Peter Nomikos sammelt bei Spendern Geld, kauft damit griechische Staatsanleihen - und erlässt dem Land dann diese Schulden. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der 33-Jährige über seine Kampagne und die ersten Erfolge.

Demonstranten in Athen: "Eine historisch einmalige Gelegenheit"
AP

Demonstranten in Athen: "Eine historisch einmalige Gelegenheit"


SPIEGEL ONLINE: Herr Nomikos, Sie haben gerade eine Kampagne für ein schuldenfreies Griechenland gestartet. Ihre Stiftung kauft griechische Staatsanleihen und erlässt der griechischen Regierung dann diese Schulden. Meinen Sie das wirklich ernst?

Nomikos: Ich handele beruflich mit Staatsschulden, und ich sehe eine historisch einmalige Gelegenheit. Die Griechen haben mit dem Euro eine sehr starke Währung, während der Preis der Staatsanleihen eingebrochen ist. Man kann griechische Schuldscheine also für sehr wenig Geld kaufen und so die Staatsschuld mit relativ geringem Aufwand abbauen.

SPIEGEL ONLINE: Sie bitten Ihre Landsleute um Spenden. Was sagen Sie, um sie zu überzeugen?

Nomikos: Wenn Sie die nationale Schuld auf die Bevölkerung übertragen, steht jeder Grieche mit ungefähr 25.000 Euro in der Kreide. Ich erkläre meinen Landsleuten, dass sie persönlich schuldenfrei werden können. Griechische Staatsanleihen mit einem Nominalwert von einem Euro werden im Moment für rund 12 Cent gehandelt. Das heißt, jeder Grieche kann sich für rund 3000 Euro freikaufen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Schuldscheine hat Ihre Stiftung schon erworben?

Nomikos: Wir kaufen immer die Anleihen, die am günstigsten zu haben sind. Bislang haben wir 273.000 Euro investiert und halten Schulden im Wert von 2,2 Millionen Euro.

SPIEGEL ONLINE: Und diese Schulden erlassen Sie dann dem Staat?

Nomikos: Nicht sofort. Wenn wir das täten, würde unser Projekt an Durchschlagskraft verlieren. Wenn die Schuldenquote sinkt, steigen die Anleihenpreise. Wenn unsere Bewegung großen Erfolg hat, könnte das ein Problem werden, weil wir die Schulden nicht mehr so billig vom Markt kaufen können. Deshalb halten wir die Anleihen erstmal und reinvestieren alle Profite in weitere Anleihen. Wir wollen so viele Anleihen wie möglich kaufen und die Schulden dann auf einen Schlag erlassen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich eine bestimmte Zielmarke gesetzt?

Nomikos: Wir haben erst am Wochenende mit dem Spendensammeln begonnen. Wir warten ab, wie es sich entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr erster Großspender war der Reeder Evangelos Marinakis, Besitzer des größten griechischen Fußballclubs Olympiakos Piräus. Er hat 168.590 Euro überwiesen. Wie kam das?

Nomikos: Ich habe ihn vor vier Wochen angerufen und gefragt, ob er unser Logo und unsere Botschaft in seiner Vereinswerbung benutzen würde. Er sagte sofort Ja. Das war ein großer Durchbruch, das halbe Land ist Anhänger von Olympiakos. Dann habe ich ihn noch gefragt, ob er die Schuldenfreiheit seiner Spieler kaufen wolle. Er antwortete: Ich will auch die Freiheit meiner Mitarbeiter kaufen. Und er zahlte für 55 Leute - pro Kopf 3065 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat noch gespendet?

Nomikos: Ich habe 34 Mitglieder meiner Familie freigekauft. Aber es geht nicht darum, dass ich meine reichen Freunde um Geld bitte. Es geht darum, dass die Masse der Griechen ihrem Land helfen soll. Die Kampagne funktioniert nur, wenn sie eine gesellschaftliche Bewegung wird. Die Leute sollen sich gegenseitig anschauen und fragen: Was hast Du gegen die Staatsverschuldung unternommen?

SPIEGEL ONLINE: Wäre es nicht einfacher, wenn die Griechen einfach ihre Steuern zahlten?

Nomikos: Der Unterschied ist, dass man bei Steuern nicht weiß, wofür sie verwendet werden. Es gibt in Griechenland ein grundlegendes Misstrauen gegenüber dem Staat, und ich will nicht so tun, als könnte ich diese Kultur verändern. Aber die Griechen sind auch glühende Patrioten, und dieses Gefühl sollten wir nutzen. Ein Euro für "Schuldenfreies Griechenland" ist nicht ein Euro weniger Steuern. Beides ergänzt sich.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagiert die griechische Regierung auf Ihre Kampagne?

Nomikos: Viele Leute in der Regierung und in der diplomatischen Szene finden unser Projekt sehr ermutigend. Ich muss aber betonen, dass wir nicht politisch sind und mit der Regierung nichts zu tun haben. Es ist das erste Mal, dass ein griechischer Privatmann andere Staatsbürger organisiert, um unser größtes Problem anzugehen. Es zeigt der Welt, dass wir die Initiative ergreifen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Stiftung im US-Bundesstaat Delaware gegründet. Warum nicht in Griechenland?

Nomikos: In Griechenland könnte ich nicht sicher sein, dass das Geld unberührt bliebe. Außerdem hat die Gründung einer US-Stiftung den Vorteil, dass amerikanische Steuerzahler die Spende von der Steuer absetzen können. Das ist ein Anreiz für die wohlhabende griechische Diaspora in den USA.

SPIEGEL ONLINE: Sollen auch andere Nationalitäten spenden?

Nomikos: Jeder Freund der Griechen ist willkommen. Ursprünglich hatte ich geplant, vor allem Auslandsgriechen anzusprechen. Aber es gibt ein riesiges Interesse aus der Unternehmerschaft in Griechenland selbst. Einige Firmen vermarkten ihre Produkte mit dem Slogan "Schuldenfreies Griechenland" und führen dafür einen Teil des Gewinns an die Kampagne ab.

Das Interview führte Carsten Volkery



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insgesamt 132 Beiträge
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Seite 1
taubenvergifter 28.06.2012
1. tststs
kein Mensch darf sich als Patriot bezeichnen, der bewusst und völlig ohne Not Steuern hinterzieht.
peter234 28.06.2012
2.
Da kann man nur Viel Erfolg wünschen.
elwu 28.06.2012
3. optional
Der erste Großspender war also der Reeder Evangelos Marinakis. Naja, da gemäß Artikel 107 der griechischen Verfassung Reeder von der Einkommenssteuer befreit sind (ja, das steht da wirklich), wird ihn das wenig geschmerzt haben. Solange sich Griechenland noch derartige Unverschämtheiten leistet, sollen sie keinen Cent mehr von Steuergeldern anderer Länder erhalten.
B.Lebowski 28.06.2012
4.
Zitat von sysopMaroan el Sani / Studio Fischer Kann diese Aktion Griechenland helfen? Der Reederei-Erbe Peter Nomikos sammelt bei Spendern Geld, kauft damit griechische Staatsanleihen - und erlässt dem Land dann diese Schulden. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der 33-Jährige über seine Kampagne und die ersten Erfolge. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,841336,00.html
Das gesamte Finanzsystem ist einfach krank, wie man an diesem Beispiel sehen kann.
luporum 28.06.2012
5. optional
WOW - endlich kommt Bewegung ins Spiel !
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