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Referendum in Griechenland: Jetzt kommen die bitteren Wochen

Ein Kommentar von

Mit dem Referendums-Nein im Rücken will Alexis Tsipras bei den Gläubigern einen besseren Deal herausholen. Selten dürfte sich ein Politiker so verrechnet haben. Der Euroaustritt Griechenlands erscheint kaum noch vermeidbar - und der Weg dorthin wird hart.

Blick in eine ungewisse Zukunft: Syriza-Anhänger vor dem Parlament Zur Großansicht
REUTERS

Blick in eine ungewisse Zukunft: Syriza-Anhänger vor dem Parlament

Wie gerne hätte ich einen Kommentar über ein Ja der Griechen zum Reformprogramm geschrieben. Ich hätte geschrieben, dass uns dieses Ja zeigt: Da ist ein Volk weiser als seine Führer. Da ruft ein Land: Lasst uns nicht allein mit den Polit-Hasardeuren Tsipras und Varoufakis und ihren mehr oder weniger korrupten Vorgängern. Und ich hätte geschrieben, dass die übrigen Eurostaaten diesen Hilferuf erhören und Athen endlich ein faires Angebot machen sollten, das im Kern Folgendes beinhaltet: Eine Umschuldung, die Griechenland Luft zum Atmen gibt. Und als Gegenleistung den Verzicht Athens auf neue Schulden.

Doch die Griechen haben mit Nein gestimmt, mit mehr als 61 Prozent sogar unerwartet deutlich. Sie haben ihrer Syriza-Regierung den Rücken gestärkt, haben deren Versprechen geglaubt: Mit einem Nein im Rücken werde man bei den Gläubigern rasch einen guten Deal herausholen.

Diese Ankündigung dürfte sich einreihen in die vielen falschen Versprechen von Syriza. Vielleicht direkt neben jenes, man werde künftig die reichen Griechen zur Kasse bitten statt die armen. Oder man werde Schluss machen mit der Vetternwirtschaft im Land.

Noch immer schätzt Ministerpräsident Alexis Tsipras die Stimmung in Europa völlig falsch ein. Wer unter den Regierungschefs der Eurostaaten sollte nach dem griechischen Nein zu Sparkurs und Reformen noch den politischen Willen aufbringen, sich für ein drittes Hilfspaket starkzumachen? Noch dazu innerhalb jener in Tagen zu messenden Frist, bevor sich die Europäische Zentralbank endgültig gezwungen sieht, die Nothilfen für griechische Banken zu kappen und die Geldinstitute des Landes damit in die Insolvenz zu schicken.

Video: Sieg der Nein-Sager

Selbst bei einem Reform-Ja der Griechen wäre die Zeit für eine neue Rettungsmission knapp geworden. Angesichts des Nein erscheint sie aussichtslos.

Der Rest der Währungsunion wird das irgendwie verkraften, Deutschland erst recht. Doch für Griechenland beginnen nun bittere Wochen. Mit dem Zusammenbruch der Banken wird das Wirtschaftsleben faktisch zum Erliegen kommen. Vielleicht behelfen sich die Griechen mit Schuldscheinen als einer Art Ersatzwährung? Vielleicht kehren sie vorübergehend zu einer Art Tauschwirtschaft zurück? Vielleicht lassen sie sich den freiwilligen Austritt aus der Eurozone (aus der man sie juristisch kaum hinauswerfen kann) teuer bezahlen? Vielleicht fängt die griechische Zentralbank auch einfach an, sich auf eigene Faust Euros zu drucken?

Vieles ist ab jetzt möglich in Griechenland. Aber nichts ist gut.

Zum Autor
Saima Altunkaya
Christian Rickens ist Leiter des Wirtschaftsressorts bei SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Christian_Rickens@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Grandioser Sieg der fortschrittlichen Kräfte in Griechenland
ichsagsja 06.07.2015
Die Linke, Syriza, Tsipras, Varoufakis, alle haben recht behalten. Griechenland als Wiege der Demokratie wird zum Hoffnungsträger der EU und aller zukunftsorientierten Menschen. Ende des Turbokapitalismus, Ende des Neoliberalismus, Scheitern von Schnaeubele, Disselbloom, Lagarde, Junker und wie sie alle heißen, auch das Ende von Stoltenberg - dem Scharfmacher der Nato. Griechenland, die Hoffung und Zuversicht für Menschlichkeit, Solidarität, Nächstenliebe, Demokratie und sozialen Ausgleich. Ende mit der Erperessungspolitik von EU, IWF, EZB, EU-Finanzminister und aller Ökonomen, die nur Zahlen sehen und nicht die Menschen, um die es in Wahrheit geht. Mein großes Dankeschön an die griechischen Bürger, die dem Europa der Menschen ein neues Antlitz gegeben haben. Tsipras hatte Recht, die Erpressungspolitik der Institutionen abzuschmettern. Große Weitsicht von Varoufakis. Die Vernuft hat gesiegt. Die Scharfmacher haben Flasche leeer! Schande den Flaschen in der EU, die sich hinter den Institutionen versteckt haben, obwohl die Mechanismen der EU seit langem gescheitert sind: Konflikte mit Geld unter der Decke halten und dann in die Nationalstaaten hineinregieren mit unhaltbaren finanziellen Knebelungen, die die Bürger knechten und ausbluten lassen. Weiter so Griechenland! Weg mit den Saktionen gegen Russland! Wir brauchen wirtschaftlichen Austausch und keine US-Atomraketen. Merkel und Schnaeuble sind grandios gescheitert, die Politik der Deutschnationalen in den Medien ist gründlich gegen die Wand gefahren.
2. statt
f-rust 06.07.2015
"in die Insolvenz zu schicken", durch Kappung der EZB-Gelder, wie der Kommentator es nun als vermeintlich unausweichlich an die Wand malt, hätten die "ach so Weisen" in EU, Institutionen, Ratingagenturen und Medien doch die Privatgläubiger vor 5 Jahren und 3 Jahren usf. "in die Insolvenz" schicken können - vulgo ausländische Banken und Hedgefonds ... inf mit einem Bruchteil unser nunmehr sinnlos an Spekulanten verpulverten Steuermilliarden den MENSCHEN direkt helfen können ... aber NEIN: die heilige Kuh Turbokapitalismus ist unantastbar. Nicht mehr lange ..
3. etwas einseitig
chatty1974 06.07.2015
wenn ich Grieche gewesen wäre hätte ich nicht gewusst wofür ich stimmen würde. Beim Verbleib im EUR noch mehre Jahre Miniwachstum wegen der teilweise regiden Sparprogramme. Beim Austritt aus dem EUR eine stark geminderte Kaufkraft bei importierten Produkten. Es war wahrscheinlich die Wahl zwischen Pest und Cholera.
4.
Oberleerer 06.07.2015
Das NEIN liegt wohl daran, daß das Geld nicht beim Volk angekommen ist. Die 60% mußten immer mehr Lasten stemmen und sich vorwerfen lassen die Betrüger und Schuldner zu sein. Von den Krediten haben aber nur Beamte und Militärs profitiert, sowie ein paar Geschäftemacher, die Staatsaufträge organisiert haben. Immerhin wohl 40%. Der meiste Teil der Kredite floß in die Tilgung alter Kredite wieder ins Ausland, an Spekulanten, die hofften es geht noch lange so weiter und trotzdem hohe Zinsen bekamen.
5. Verrechnet?
Rendang Daging 06.07.2015
Ich versteh nicht wieso hier immer geschrieben wird dass sich die griechische Regierung verrechnet hat und dauernd Fehler macht. Tsirpas und Co haben das Land und die Einwohner genau da wo sie sie haben wollen: bei einem Neustart. Und das haben weder die Vorgänger Regierungen noch die Gläubiger hingekriegt in den letzten 5 Jahren. Dass es 2010 nicht direkt zu einem reset kam ist wohl die größte Lüge bzw Fehler in der ganzen Geschichte. Dass es für diese Entwicklung ausgerechnet eine Regierung aus Linken und Rechten braucht ist blamabel für die europäische Politik...
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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