Reform-Flop Schäuble verzettelt sich bei Werbungskosten

Die Pauschale für Werbungskosten soll von 920 auf 1000 Euro pro Jahr steigen - das ist das Konkreteste, was von der versprochenen großen Steuerreform bleibt. Die Netto-Entlastung ist minimal. Ärgerlicher noch: Kaum jemand kann aufs Belegesammeln verzichten. 

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Kanzlerin Merkel, Minister Schäuble: Placebo-Politik im Endstadium
dpa

Kanzlerin Merkel, Minister Schäuble: Placebo-Politik im Endstadium


Hamburg - Einfach, niedrig und gerecht - das waren einmal die Ziele der Regierung für eine Steuerreform. Inzwischen ist nichts bis wenig von diesen Plänen übrig. Um nicht komplett an den eigenen Ansprüchen zu scheitern, wollen Union und FDP nun das Steuerrecht wenigstens ein bisschen vereinfachen. Das Kabinett hat rund 40 Vorschläge von Finanzminister Wolfgang Schäuble verabschiedet, die im kommenden Jahr in Kraft treten sollen.

"Das Besteuerungsverfahren wird für alle Beteiligten einfacher, transparenter und nachvollziehbarer, steuerbürokratischer Aufwand wird zurückgeführt", lobt sich die Regierung selbst - getreu dem Motto "Tue ein bisschen Gutes, und rede viel darüber". Unter anderem sollen Eltern ab dem kommenden Jahr auch dann Kindergeld bekommen, wenn der Nachwuchs selbst Geld verdient. Außerdem reicht es, die Steuererklärung alle zwei Jahre abzugeben.

Auf eine Vereinfachung sind die Finanzpolitiker der Regierung besonders stolz, sieht sie doch nach allgemeiner Volksbeglückung aus: Die Werbungskostenpauschale soll von 920 auf 1000 Euro im Jahr steigen. Jeder Steuerpflichtige kann dann ohne Nachweis von Belegen diesen höheren Betrag absetzen.

Was erst einmal schön klingt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als ziemliche Placebo-Politik. Wer 80 Euro pro Jahr mehr von der Steuer absetzen kann, hat netto je nach persönlichem Grenzsteuersatz ein maximales Plus von 36 Euro im Jahr - also drei Euro pro Monat. Die Netto-Entlastung ist also bereits homöopathisch. Zumal das Mini-Plus von steigenden Beiträgen zur Arbeitslosen- und Krankenversicherung eh aufgezehrt wird.

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Die wichtigsten Fakten: Wer die meisten Steuern zahlt
Eine Studie der Freien Universität Berlin zeigt nun, dass auch das eigentliche Ziel der Erhöhung der Werbungskostenpauschale - die Vereinfachung des Steuerrechts - verfehlt wird. Frank Hechtner vom Institut für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre hat die Einkommensteuerstatistik 2004 ausgewertet, die Angaben über die Höhe der deklarierten Werbungskosten enthält.

Demnach erzielten vor sechs Jahren 37,4 Millionen Deutsche Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit. Diese Gruppe, die vorwiegend aus Angestellten besteht, teilt sich wie folgt auf:

  • Knapp 24,5 Millionen Steuerzahler hatten Werbungskosten von maximal 920 Euro,
  • rund 490.000 setzten Werbungskosten von mehr als 920 und höchstens 1000 Euro ab, und
  • gut 12,4 Millionen gaben Werbungskosten von mehr als 1000 Euro an.

Finanziell haben die 25 Millionen Steuerzahler etwas von den Plänen der Regierung, die bislang Werbungskosten von maximal 1000 Euro jährlich absetzten. Allerdings profitieren von der beabsichtigten Vereinfachung des Steuerrechts - also dem Wegfall des Belegesammelns - nur diejenigen, die Werbungskosten zwischen 920 und 1000 Euro pro Jahr vorweisen können.

Und das waren 2004 eben gerade einmal 490.000 Personen. Oder anders gesagt: 1,3 Prozent der Steuerzahler, die Einkommen aus nichtselbständiger Arbeit erzielten. Immerhin sie werden der Bundesregierung dankbar sein. Für die anderen 98,7 Prozent bleibt nicht viel mehr als die Hoffnung auf eine echte Steuerreform.



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insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
heinz.mann 29.12.2010
1. Eine echte Steuerreform...
Zitat von sysopDie*Pauschale für Werbungskosten soll von 920 auf 1000 Euro pro Jahr steigen - das ist das Konkreteste, was von der versprochenen großen Steuerreform bleibt.*Die Netto-Entlastung*ist minimal.*Ärgerlicher noch: Kaum jemand kann aufs Belegesammeln verzichten.* http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,736299,00.html
wird es nciht geben, da ja für jede Kleinigkeit Abschreibemöglichkeiten für Unternehmer bestehen, somit wird es schwer dies zu entfilzen und man will es sich ja auch nicht mit dem Klientel verscherzen.
Schneemann_ 29.12.2010
2. Es sind noch weniger
Zitat: Oder anders gesagt: 1,3 Prozent der Steuerzahler, die Einkommen aus nichtselbständiger Arbeit erzielten. Auch die 1,3 Prozent sind etwas hoch gegriffen - zunächst einmal weiß ja keiner genau, wieviel Werbungskosten er am Ende des jahres exakt geltend machen kann, ergo müssen auch diese 1,3 Prozent ihre Zettelchen sammeln, am Ende des Jahres genau nachrechnen ... um dann im Ergebnis festzustellen,dass sie bei der Steuererklärung keine Werbungskosten mehr aufführen müssen - dies immerhin bleibt denen in der Tat erspart. Für die meisten der 25 Mio. Profiteure sollte man einen Grenzsteuersatz von nicht mehr als 25% unterstellen - in den Bereich in etwa führt der durchschnitttliche Bruttolohn (nach Splittingtabelle); das wären dann 20 Euro im Jahr bzw. 1,67 im Monat Steuerersparnis.
Ketzer- 29.12.2010
3. logischer Fehler im Artikel
Hallo Herr Böll, von der Erhöhung der Pauschale profitieren selbstverständlich alle, die bisher keine Einkommensteuererklärung abgegeben haben bzw. weniger als 920€ Werbungskosten hatten, also rund 25 Millionen.
StrikeEagle 29.12.2010
4. Nachgedacht?
Die 480.000 von der "Vereinfachung" profitierenden werden auch nicht jubeln: Kein Mensch weiß am Jahresanfang wirklich wie hoch die Werbungskosten am Jahresende wirklich sein werden. Das Belegesammeln und Zusammenzählen kann man sich also nicht ersparen. Erst mit der Erstellung der Steuererklärung, die für diese Personen maximal einen Abend dauert weiß man dann wirklich, ob es sich gelohnt hat, die Belege zu sammeln. Ergo: Erst wenn der Betrag deutlich anstiege könnte ein Großteil der Steuerpflichtigen auf das Sammeln der Belege verzichten. Das wäre ein echter Schritt zur Vereinfachung! SPON sollte die Aussagen vielleicht nochmal überdenken...
Traumflug 29.12.2010
5. .
Cool bleiben. Anstatt zu meckern sollte man lieber mal feiern, dass es überhaupt Vereinfachungen gibt. Ganz ohne Nachteile für irgendjemanden. Das ist bei den beinahe wöchentlichen Zusatz-Gesetzen in anderen Bereichen keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Sicherlich ist der Begriff "Reform" übertrieben. "Tippselschritt" wäre eher angebracht. Dennoch etwas, dem man uneingeschränkt zustimmen sollte. Vielleicht macht das der Regierung Lust auf Mehr und das nächste man können wir die "Reform" schon "Schrittchen" nennen.
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