Reformpläne Pharmaindustrie weist Röslers Sparkonzept zurück

Die Arzneimittelhersteller sehen sich ungerecht behandelt: Sie lehnen Röslers Idee eines neuen Preissystems ab - und schieben die Schuld für steigende Kosten im Gesundheitssystem Ärzten und Krankenhäusern zu.

Gesundheitsminister Rösler: Pharmaindustrie weist Reformideen zurück
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Gesundheitsminister Rösler: Pharmaindustrie weist Reformideen zurück


Frankfurt am Main/Bonn - Das nennt man eine prompte Reaktion: Die Pharmaindustrie hat die Preissenkungspläne von Gesundheitsminister Philipp Rösler zurückgewiesen. Der Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) widerspricht entschieden den Aussagen, die Preise seien zu hoch. Die größten Kosten der Kassen kämen aus anderen Bereichen des Gesundheitssystems, wie der ärztlichen Behandlung und aus den Krankenhäusern. "Jedenfalls nicht von den Arzneimitteln", sagte Hauptgeschäftsführerin Cornelia Yzer.

Die Regierung müsse sich entscheiden, ob sie Wettbewerb zulasse oder auf "alte Modelle der Regulierung" setze. Der VFA vertritt die Interessen der internationalen Pharma-Konzerne in Deutschland. Mitglieder sind Unternehmen wie Pfizer und Glaxo-Smith-Kline, aber auch deutsche Hersteller wie Boehringer Ingelheim und Bayer.

Rösler erwägt zur Begrenzung der steigenden Arzneimittelausgaben, das Preismonopol für innovative Arzneimittel zu kippen. So sollen mehr Preisverhandlungen zwischen Kassen und Pharmaindustrie zur Pflicht werden. Kommt es zu keiner Einigung, sollen Höchstpreise festgelegt werden. Der Minister wolle über sein Konzept in den nächsten Tagen mit den Fraktionen im Bundestag sprechen, sagte die Ministeriumssprecherin. Dann werde das Konzept vorgestellt. "Wenn es um die Ausgaben geht, um die Gelder, die die Versicherten aufbringen, kann es keinen Freibrief geben - und das gilt auch für die Pharmaindustrie", sagte Rösler.

Gesetzliche Krankenkassen melden Milliardenüberschuss

Derweil haben die gesetzlichen Krankenkassen trotz Wirtschaftskrise und deutlichen Ausgabensteigerungen für das vergangene Jahr einen Milliardenüberschuss an das Bundesversicherungsamt gemeldet. Dies ergibt sich aus Daten der aktuellen Finanzstatistik der Gesetzlichen Krankenversicherung, die dem "Handelsblatt" vorliegen. Danach lagen die Einnahmen der Kassen aus dem Gesundheitsfonds um 1,07 Milliarden Euro über den Ausgaben.

Den höchsten Überschuss erzielten die Ortskrankenkassen mit 771,1 Millionen Euro. Die Innungskrankenkassen meldeten ein Plus von 262,9 Millionen Euro. Bei den Betriebskrankenkassen lag der Überschuss bei 189,8 Millionen Euro. Als einzige Kassenart schlossen die Ersatzkassen, zu denen die größten deutschen Krankenkassen wie die Barmer-GEK, die Technikerkrankenkasse und die Deutsche Angestelltenkrankenkasse gehören, das vergangene Jahr mit einem Defizit von 156,9 Millionen Euro ab. Experten äußerten jedoch gegenüber dem "Handelsblatt" Zweifel an den Zahlen der vorläufigen Statistik. So hätten einige Krankenkassen Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds in ihre Jahresbilanzen aufgenommen, die sie im kommenden Jahr zurückzahlen müssten.

Gute Nachrichten gibt es für die Kassen auch im Streit um die umstrittenen Zusatzbeiträge: Das Bundesversicherungsamt teilt nicht die Bedenken des Bundeskartellamts. Es sei nicht rechtswidrig, wenn neun Krankenkassen in einer gemeinsamen Pressekonferenz die Erhebung eines Zusatzbeitrags von acht Euro im Monat ankündigten, hieß es in einer am Montag in Bonn veröffentlichten Erklärung. Die Krankenkassen seien ungeachtet des Mitgliederwettbewerbs nach dem Gesetz ausdrücklich zur Zusammenarbeit angehalten. Das Kartellamt hatte Ende Februar gegen die Kassen wegen des Verdachts möglicherweise verbotener Absprachen ein Prüfverfahren eingeleitet.

luk/Reuters/dpa/AFP

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Seite 1
stonie, 08.03.2010
1.
Zitat von sysopDas deutsche Gesundheitssystem leidet unter den hohen Medikamentenpreisen. Seit längerem kündigt Gesundheitsminister Philipp Rösler an, etwas dagegen zu tun. Nun könnte es konkret werden: Die Pharmaunternehmen sollen zu niedrigeren Preisen gezwungen werden.
tja, da hat wohl der verband der pharmakologischen industrie gegeizt als es um parteispenden und -sponsoring bei der FDP ging, was? aber im ernst. ich wäre ehrlich überrascht, wenn ausgerechnet einem FDP minister gelänge, woran sich spd und cdu gesundheitsminister jahrelang die zähne ausgebissen haben...!
chibihikari 08.03.2010
2. 1. April?
Habe zumindest vermutet, dass heut der 1. April ist. Ausgerechnet die FDP will der Pharmalobby ans Bein pinkeln? Sehr schlechter Scherz!! MUAAAHAAAAAHAAAA Vermute eher sie wollen eine größere Parteispende rauspressen: Entweder ihr spendet an die FDP ein paar Milionen oder wir sorgen dafür, dass ihr Milliarden verliert. Sollen die Pharmafirmen doch verlangen was sie lustig sind. Einfache Abhilfe würde doch schaffen, wenn man die teuren Medikamente nur noch auf Privatrezept bekommt und die gleichsam wirksamen, aber viel günstigeren Generika die Krankenkasse zahlen lässt. Die teuren "Original"-Medikamente gibt es dann nur noch im Ausnahmefall, falls es keine vergleichbaren Generika gibt. Aber da würden Pharmafirmen, Apotheker und Ärzte gleichermaßen auf die Barrikaden gehen, denn sie verlören Jahr für Jahr Milliarden an Einnahmen, die sie seit jeher völlig ohne Not in die Tasche gestopft bekommen. Wir ham's ja ...
Rainer Unsinn 08.03.2010
3. Pleite ist Pleite ...
Zitat von stonietja, da hat wohl der verband der pharmakologischen industrie gegeizt als es um parteispenden und -sponsoring bei der FDP ging, was? aber im ernst. ich wäre ehrlich überrascht, wenn ausgerechnet einem FDP minister gelänge, woran sich spd und cdu gesundheitsminister jahrelang die zähne ausgebissen haben...!
Ach das glaube ich in dem Fall noch nicht mal. Das deutsche Gesundheitssystem ist eines der teuersten der Welt, wogegen die Leistungen nicht unbedingt zur Weltspitze gehören. Ich denke mal die Kohle ist einfach nimmer da es der Pharma in den Rachen zu schieben. Das ganze muss man sich einfach wie ne längst fällige Kürzung von versteckten Subventionen vorstellen. Da nutzt noch so viel Lobbyarbeit, böse Wille und kriminelle Energie nix. Pleite ist Pleite ...
tzoumaz 08.03.2010
4. Wer es glaubt, wählt FDP...
Zitat von sysopDas deutsche Gesundheitssystem leidet unter den hohen Medikamentenpreisen. Seit längerem kündigt Gesundheitsminister Philipp Rösler an, etwas dagegen zu tun. Nun könnte es konkret werden: Die Pharmaunternehmen sollen zu niedrigeren Preisen gezwungen werden.
in Deutschland ist so etwas nicht möchlich! Der Vorschlag von Rösler geht ja auch nur in die Richtung, daß Krankenkassen und Pharmaindustrie die Preise aushandeln. Welches Interesse sollten den z.B. die Krankenkassen an niedrigen Medikamentenpreisen haben? Wir Versicherten zahlen doch sowieso alles. Staatlich festgesetzte Höchstgrenzen für Medikamente sind ein Fake. Dann gibt es eben plötzlich mal Lieferengpässe für wichtige Medikamente, und Rösler und wir Patienten knicken ein wie Schmidchen Schleicher. In sämtlichen EU-Nachbarländern sind Medikamente ca. 30-50% billiger. Einfach mal über die Kirchturmspitze und die nicht mehr vorhandenen Grenzen schauen! Ich würde mir gern meine Medikamente aus Frankreich schicken lassen. Gerade die FDP, Rösler und das deutsche Apothekerunwesen verhindern das seit Jahren erfolgreich! Aber dafür können wir ja auch gratis in der neuen Rentner-Bravo lesen.
olicrom 08.03.2010
5. Wie bitte?
Preise erzwingen? Industrie attackieren? Ja sind wir hier bei den Sozis oder was? Wo bleibt die liberale Gesinnung, Herr Rössler? Lassen Sie gefälligst dem Markt seinen freien Lauf, dann wirds schon werden. Wie in der Finanzwirtschaft. Oder auf dem Stromsektor. Da gehts doch auch, oder?
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