Von Stefan Kaiser
Hamburg - Anshu Jain hatte Grund zum Optimismus. Zwar musste der Co-Chef der Deutschen Bank der Öffentlichkeit gerade einen Milliardenverlust für das vierte Quartal 2012 vermitteln. Doch die Anleger schien das wenig zu kümmern: Sie schauten vor allem auf die Kapitalausstattung der Bank - und weil die überraschend gestiegen war, schoss auch der Aktienkurs nach oben. "Der Kapitalaufbau ist unsere Top-Priorität", machte Jain klar.
Die Szene von der Bilanzpressekonferenz Ende Januar zeigt: Das Eigenkapital ist zur neuen Leitwährung der Bankenwelt geworden. Investoren schauen darauf, weil sie ihr Geld in ein solides Unternehmen stecken wollen - und die Aufsichtsbehörden schrauben die Anforderungen nach oben, weil sie die Lehren aus der Krise ziehen möchten.
Als die Finanzwelt 2007 ins Wanken geriet, standen gigantische Risiken in den Bankbilanzen einer vergleichsweise lächerlich geringen Ausstattung mit eigenem Kapital gegenüber. Am Ende mussten die Regierungen eingreifen, und die kapitalschwachen Institute mit Steuergeldern retten.
Damit das nicht mehr vorkommt, sollen die Institute künftig deutlich höhere Eigenkapitalquoten erfüllen. Mit der Einigung auf die Deckelung von Bonuszahlungen machte die EU in dieser Woche auch den Weg für die neuen Kapitalregeln frei, die ab 2014 schrittweise eingeführt werden, aber schon jetzt als Maßstab für Banken und ihre Investoren gelten. Kern der Regeln: Das Verhältnis von Eigenkapital zu Risiko soll sich verbessern. Aber genau hier liegt ein Problem: Während sich das Eigenkapital ziemlich leicht definieren lässt (Aktienkapital plus einbehaltene Gewinne), weiß niemand so genau, wie man das Risiko vernünftig messen soll.
Das lässt Spielraum für Interpretationen - und den nutzen die Banken gerne. Zwar haben die internationalen Bankenaufseher im sogenannten Baseler Ausschuss ein Standardmodell zur Bewertung von Risiken festgelegt. Darin ist zum Beispiel beschrieben, wie Firmenkredite, Immobiliendarlehen oder Anleihen in der Bilanz zu berechnen sind. Doch in Europa dürfen die Banken wählen, ob sie das Standardmodell nutzen oder sich - nach Absprache mit den nationalen Aufsichtsbehörden - ein eigenes Bewertungsmuster stricken. Vor allem die großen Institute greifen meistens zur zweiten Variante.
"Das System lädt zum Manipulieren ein"
Der Vorteil für die Institute liegt auf der Hand - doch mit dem Wildwuchs bei der Risikobewertung steigt auch die Unsicherheit darüber, wo die Risiken wirklich liegen. Das hat mittlerweile auch die Bankenaufseher aufgeschreckt.
In dieser Woche veröffentlichte die europäische Bankenaufsicht EBA das Zwischenfazit einer großangelegten Studie unter 89 europäischen Kreditinstituten. Das Ergebnis ist besorgniserregend: Die untersuchten Banken bewerten ähnliche Risiken teilweise völlig unterschiedlich. Die Differenzen beliefen sich teilweise auf bis zu 70 Prozent. Ein Teil davon, etwa die Hälfte, ist laut EBA auf unterschiedliche Strukturen der Kreditportfolios oder die unterschiedliche Handhabung der Regeln durch nationale Aufsichtsbehörden zurückführen. Der Rest geht auf die individuellen Auslegungen der Banken zurück. Zu einem ähnlichen Ergebnis war Ende Januar bereits der Baseler Ausschuss der weltweiten Bankenaufseher gekommen.
Auch die jüngsten Erfolge der Deutschen Bank basieren zum Teil auf dem geschickten Ausnutzen des äußerst dehnbaren Regulierungsrahmens. Das größte deutsche Geldhaus verbesserte seine Kapitalquote nur deshalb auf acht Prozent, weil es seine Risikoanlagen Ende 2012 drastisch um 80 Milliarden Euro reduzierte. Nach eigener Aussage kam der größte Teil davon durch den Verkauf von Wertpapieren und Krediten zustande. Ein Viertel aber, also rund 20 Milliarden Euro, schaffte die Bank, indem sie die Risiken einfach neu berechnete.
"Das System lädt ein zum Manipulieren", sagt Dieter Hein, Bankenexperte beim unabhängigen Analysehaus Fairesearch. "Die Banken bekommen von den Regulierern großen Druck, ihre Eigenkapitalquoten zu erhöhen. Dass sie da alle legalen Spielräume nutzen, kann man ihnen kaum vorwerfen."
Die Regulierer suchen nach Alternativen
Schon fast legendär ist die wundersame Rettung der Commerzbank im vergangenen Jahr. Ende 2011 hatte die EBA bei ihr eine Kapitallücke von 5,3 Milliarden Euro festgestellt, die bis Mitte 2012 geschlossen werden sollte. Unmöglich - urteilten die meisten Experten. Der Staat werde wohl wieder mit Milliarden einspringen müssen. Doch wie durch ein Wunder erfüllte die Bank die Vorgabe. Neues Kapital brauchte sie dazu kaum. Sie baute vor allem Risiken ab oder bewertete sie neu.
Die kleinen Manipulationen sind legal und oft ganz einfach. Für die Bewertung von Firmenkrediten kann die Bank zum Beispiel Noten der Rating-Agenturen heranziehen - oder sie kann selbst eine Ausfallwahrscheinlichkeit berechnen. Diese orientiert sich unter anderem an den Ausfallhäufigkeiten der Vergangenheit. Hier lässt sich nun tricksen: Betrachtet man die Ausfälle von Unternehmenskrediten in den vergangenen drei Jahren, ist das Risiko relativ gering. Schaut man sich dagegen die vergangenen fünf Jahre inklusive den Horrorjahren 2008 und 2009 an, sieht die Sache schon ganz anders aus.
Der große Spielraum hat Auswirkungen: So zitiert das "Wall Street Journal" eine Studie der Bank of England, wonach die durchschnittliche Risikogewichtung der britischen Geldhäuser derzeit so niedrig sei wie zuletzt 1987. Das führe dazu, dass die Institute ihre Kapitalausstattung deutlich überschätzen, um bis zu 35 Milliarden Pfund. Die Sicherheit, die die neuen Kapitalregeln schaffen sollen, nimmt deshalb in vielen Fällen nur scheinbar zu. Im schlimmsten Fall reicht das Kapitalpolster nicht, um eine neue Krise abzufedern.
Deshalb suchen die Regulierer nun nach Alternativen.
Die Banken selbst wollen sich natürlich nur ungern begrenzen lassen. Aber noch mehr als harte Vorgaben fürchten sie ungleiche Vorgaben. Laut Experte Hein käme es vielen von ihnen sogar gelegen, wenn die Aufseher neue Standards festlegen würden: "Die Banken sehnen sich selbst nach einheitlichen Regeln."
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