Rekordzinsen Spanien kämpft gegen die Panik

Die Spanier haben weniger Schulden als die Deutschen, außerdem setzen sie ehrgeizige Reformen um - trotzdem könnten sie zum nächsten Opfer der Euro-Krise werden. Der Fall zeigt: Einzelne EU-Länder können sich kaum noch gegen Pleite-Spekulationen wehren.

Von und Suana Meckeler

Börsenhändler in Madrid: "Wir sind eine Art Dritte-Welt-Land geworden"
DPA

Börsenhändler in Madrid: "Wir sind eine Art Dritte-Welt-Land geworden"


Hamburg - Das Grauen hat einen Namen: Zona de rescate, zu Deutsch Rettungszone. So nennen spanische Medien den Bereich jenseits von sieben Prozent Zinsen. Als Länder wie Griechenland, Portugal und Irland so hohe Zinsen zahlten, mussten sie mit Finanzhilfe der EU gestützt werden.

Am Donnerstag trennte Spanien nur noch eine Haaresbreite von dieser Zone: Bei einer Auktion zehnjähriger Staatsanleihen musste das Land den Anlegern im Schnitt eine Rendite von 6,975 Prozent zahlen. Der Schock kam nur drei Tage, bevor die Spanier am Sonntag eine neue Regierung wählen. Die Sozialisten von Premierminister José Luis Rodríguez Zapatero werden dabei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Macht verlieren.

Horrorzinsen und Politiker in Not: Es scheint, als würde die Krise auch in Spanien zum Alltag.

Tatsächlich steckt das Land in großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Noch immer kämpft es mit den Folgen einer geplatzten Immobilienblase und hoher privater Verschuldung. Die Arbeitslosigkeit ist während der Krise so stark gestiegen wie in keinem anderen Industrieland. Jeder Fünfte ist ohne Job, das ist EU-weiter Rekord. Zudem erholt sich die Wirtschaft nur schleppend: Gerade erst musste die Regierung in Madrid ihre Wachstumsprognose von 1,3 auf 0,8 Prozent herunterkorrigieren.

Dennoch ist Spanien nicht einfach ein weiteres Krisenopfer. Die Finanzkrise hat das Land dank eines vergleichsweise streng regulierten Bankensystems glimpflich überstanden. Und in der Schuldenkrise sind die Spanier fast schon Vorbild: Mit einer Staatsverschuldung in Höhe von 61 Prozent der Wirtschaftsleistung liegen sie weit unter den Werten von Griechenland (145 Prozent) und Italien (118 Prozent), aber auch deutlich unter dem von Deutschland (83 Prozent.)

"Die Panikmacher können aus Spanien keine allzu schlimmen Storys stricken", sagt Nicolaus Heinen, Analyst bei der Deutschen Bank. "Das Niveau der Staatsverschuldung ist nicht kritisch, und es wurden wichtige Reformen eingeleitet." Doch das hilft Spanien wenig: "Die Märkte strafen derzeit wahllos all jene Länder ab, bei denen auch nur der leiseste Verdacht einer Ansteckung besteht."

Schuldenbremse in Rekordzeit

"Empörend" seien sowohl die Spekulationen gegen Italien als auch gegen sein Heimatland, findet der spanische Ökonom Luis Garicano, der an der London School of Economics forscht. "Beide Länder sind eindeutig solvent. Doch diese Marktpanik kann sie umbringen."

Tatsächlich zeigt das Beispiel Spaniens, dass sich Euro-Länder inzwischen selbst mit großen Anstrengungen kaum noch gegen Pleite-Spekulationen wehren können. Die Regierung von Zapatero hat zwar spät, dann aber mit durchaus ambitionierten Reformen auf die Krise reagiert. Dazu gehört auch eine Schuldenbremse nach deutschem Vorbild, welche in Rekordzeit beschlossen wurde. "Am Sonntag hatte noch keiner davon gehört", sagt Garicano, "und am nächsten Freitag war sie schon verabschiedet." Die Konservativen haben sich als wahrscheinliche Wahlsieger klar zum Sparkurs und weiteren Reformen bekannt.

Deutsche-Bank-Analyst Heinen glaubt, dass sich die Lage in Spanien in absehbarer Zeit verbessern wird. "Die Wachstumsaussichten fürs nächste Jahr sehen zwar nicht rosig aus, aber mittelfristig ist Spanien auf dem aufsteigenden Ast."

Ermutigende Zeichen gibt es einige. So haben sich die spanischen Exporte fast so schnell erholt wie die deutschen und dabei geholfen, das Leistungsbilanzdefizit deutlich zu reduzieren. Während der Krise haben Unternehmen zudem ihre Produktivität - lange ein Schwachpunkt der spanischen Wirtschaft - deutlich verbessert und ihr Eigenkapital gestärkt.

"Wir sind eine sehr belastbare Gesellschaft"

Das dringendste Problem des Landes bleibt der Arbeitsmarkt, insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit: Nicht weniger als 46 Prozent der unter 25-Jährigen sind ohne Job. "Der Arbeitsmarkt ist in schwerer Not", räumt Ökonom Garicano ein, doch das sei leider keine Neuigkeit. "Wir leben seit vielen Jahren mit hoher Arbeitslosigkeit. Das ist sehr traurig, aber der soziale Zusammenhalt ist groß." Die nach wie vor engen Familienstrukturen fangen arbeitslose Spanier auf.

In einer Grafik hat Garicano die Rezessionen ab 2007 und 1976 verglichen. Im jüngsten Abschwung gingen bislang rund zehn Prozent der Arbeitsplätze verloren. 30 Jahre zuvor waren es bis zu 14 Prozent, der Rückgang dauerte fast 13 Jahre. Garicanos Botschaft: Spanien hat schon Schlimmeres überstanden. "Wir sind eine sehr belastbare Gesellschaft."

Doch zumindest die Leidensfähigkeit der jungen Spanier hat ihre Grenzen erreicht - das zeigten die monatelangen Proteste der "Indignados" im Zentrum von Madrid. Dass so viele junge Menschen ohne Arbeit sind, ist nicht allein eine Folge der Krise: Während des Baubooms brachen viele ihre Ausbildung ab, weil die Jobs in der Baubranche attraktiv waren. Nun gibt es Leerstände statt Lehrstellen.

Als Reaktion auf die Jobmisere hat der scheidende Premier Zapatero den im internationalen Vergleich sehr hohen Kündigungsschutz gelockert. Das sollte Unternehmen ermutigen, junge Menschen nicht länger mit Zeitverträgen abzuspeisen. Doch nun müsse der Staat auch eine Verdrängung älterer Arbeitnehmer verhindern, meint Analyst Heinen. Notfalls müssten Jugendliche deshalb zunächst über Beschäftigungsprogramme oder Umschulungen in Arbeit gebracht werden.

Die Bevölkerung trägt den Reformkurs mit

Eine Herausforderung ist neben dem immer noch von der Immobilienkrise bedrohten Bankensektor auch der Abbau der Neuverschuldung. Mit neun Prozent der Wirtschaftsleistung lag sie im vergangenen Jahr weit über dem EU-Limit von drei Prozent. Als Risiko gelten dabei die Haushalte einiger autonomer Regionen. Die genießen in Spanien auch finanziell ein hohes Maß an Selbständigkeit, im vergangenen Jahr ging mehr als die Hälfte des Defizits auf ihr Konto. Ökonom Garicano verweist jedoch darauf, dass in den meisten Regionen schon jetzt die Konservativen regieren, die sich einem verschärften Sparkurs kaum in den Weg stellen dürften.

Auch die Bevölkerung werde den Reformkurs weiter mittragen, sagt Garicano. Den Beweis sieht er in der Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre, gegen den es kaum Proteste gegeben habe. "Spanien hat klare Reformabsichten gezeigt." Nach dem wahrscheinlichen Regierungswechsel werde der Konservative Mariano Rajoy von den Märkten zumindest einen Monat "Gnadenfrist" bekommen, um weitere Reformen anzustoßen, hofft der Ökonom.

Doch selbst dieses Mindestmaß an Geduld erscheint angesichts der gefährlich gestiegenen Zinssätze nicht mehr selbstverständlich. Mit dem Mut der Verzweiflung und des ohnehin bald nicht mehr Regierenden rief Zapatero kurz nach der teuren Anleihenauktion am Donnerstag die Europäische Zentralbank (EZB) zur Hilfe. Diese müsse jetzt "wirklich ihrem Namen gerecht" werden und die gemeinsame Währung verteidigen. Zuvor hatten bereits andere Politiker und verschiedene Ökonomen gefordert, die EZB müsse ein erträgliches Zinsniveau durch massive Anleihekäufe verteidigen.

In Deutschland ist dieser Plan äußert umstritten, bedeutet er doch eine Staatsfinanzierung durch die EZB, welche nie vorgesehen war. Aus Sicht des Spaniers Garicano gibt es aber keine Alternative. Durch den Euro-Beitritt sei Spanien "eine Art Dritte-Welt-Land geworden, weil wir Geld in einer Währung leihen, die wir nicht mehr kontrollieren".

Nun müssten EZB und auch Bundesbank deutlich machen, dass sie eine Pleite Spaniens unter keinen Umständen zulassen werden. "Wir tun unseren Teil, und sie müssen ihren tun."

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insgesamt 247 Beiträge
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Seite 1
timewalk 18.11.2011
1. Bei Panik
Zitat von sysopDie Spanier haben weniger Schulden als die Deutschen, außerdem setzen sie ehrgeizige Reformen um -*trotzdem könnten sie zum nächsten Opfer der Euro-Krise werden. Der Fall zeigt: Einzelne EU-Länder können sich kaum noch gegen Angriffe von Spekulanten wehren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,798507,00.html
Am besten schreiend auf der Straße rennen....
deus-Lo-vult 18.11.2011
2. ..
Zitat von sysopDie Spanier haben weniger Schulden als die Deutschen, außerdem setzen sie ehrgeizige Reformen um -*trotzdem könnten sie zum nächsten Opfer der Euro-Krise werden. Der Fall zeigt: Einzelne EU-Länder können sich kaum noch gegen Angriffe von Spekulanten wehren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,798507,00.html
Wenn die Politik nicht bald handelt und diese perversen Spekulationen verbietet, dann wird es noch ein ganz böses Ende nehmen!
mitwisser, 18.11.2011
3. Spekulatius
Zitat von sysopDie Spanier haben weniger Schulden als die Deutschen, außerdem setzen sie ehrgeizige Reformen um -*trotzdem könnten sie zum nächsten Opfer der Euro-Krise werden. Der Fall zeigt: Einzelne EU-Länder können sich kaum noch gegen Angriffe von Spekulanten wehren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,798507,00.html
Angriffe von Spekulanten? Oder Bedingungen von Kapitalgebern wie ich sie überall auf der Welt bei jeder Bank auch akzeptieren muss? Oder kann ich über den Hypothekenzins, den Dispo oder die Guthabenzinsen verhandeln? Fragt sich, wer die größeren Spekulanten sind, gierige Staaten oder gierige private Geldgeber (Versicherungen, Fonds etc.). Wir werden von gierigen Politikern regiert - das ist eines der größten Probleme. Die Dummheit dieser Klasse kommt verschärfend hinzu...
alexbln 18.11.2011
4. .
das mediale dauerfeuer zur staatsfinanzierung durch die ezb nimmt gestalt an. jeden tag. sorry leibe spanier- ihr dürft auch gerne aus dem euro raus. niemand hindert euch. gilt für alle ländern, auch D. was aber gar nicth geht ist "finanzierung" durch die ezb udn damit durch die anderen ländern. ps: spanien hatte auch in den 90ern hohe zinsen zu zahlen.
herc 18.11.2011
5. Verstehe ich nicht
Zitat von sysopDie Spanier haben weniger Schulden als die Deutschen, außerdem setzen sie ehrgeizige Reformen um -*trotzdem könnten sie zum nächsten Opfer der Euro-Krise werden. Der Fall zeigt: Einzelne EU-Länder können sich kaum noch gegen Angriffe von Spekulanten wehren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,798507,00.html
Aber genau das scheint doch von Politik und Finanzwirtschaft gewollt zu sein, sonst hätte man diese Möglichkeit doch längst eingeschränkt.
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