Streit um Flexi-Rente Hälfte der Beschäftigten will im Alter weniger arbeiten

Die Hälfte der Beschäftigten über 55 Jahren will laut einer Umfrage einen sanften Ausstieg aus dem Job. Aber wer soll das bezahlen?

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Arbeiter beim Bau einer Autobahnbrücke (Archiv): Wie lange wollen wir arbeiten?
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Arbeiter beim Bau einer Autobahnbrücke (Archiv): Wie lange wollen wir arbeiten?


Hamburg - Die Mütterrente und die abschlagsfreie Rente mit 63 sind abgehakt, die ersten Milliarden verteilt. Ab Dienstag widmet sich die schwarz-rote Koalition nun den weitaus größeren Fragen für die breite Masse: Wie lange wollen und können wir in Zukunft arbeiten? Welche Alternativen gibt es zur starren Rente mit 67? Und nicht zuletzt: Wer bezahlt?

Zwischen Union und der SPD zeichnet sich schon vor Beginn der Verhandlungen ein Dissens ab. Würde man ältere Arbeitnehmer abstimmen lassen, gäbe es einen raschen Beschluss. Denn in puncto Rente herrscht bei ihnen eine klare Meinung vor: Mit 49 Prozent wünscht sich gut die Hälfte der Beschäftigten über 55 Jahren, den Übergang vom Job in den Ruhestand flexibel zu gestalten, also die Arbeitszeit schrittweise zu reduzieren. Das ergab eine bundesweite repräsentative Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), deren Ergebnis SPIEGEL ONLINE vorliegt. Unter den Arbeitnehmerinnen beträgt der Anteil sogar 61 Prozent.

Der Dachverband der Gewerkschaften trifft mit seiner Befragung einen Nerv in der alternden Bevölkerung. Erst vor wenigen Tagen kündigte die einflussreiche Chemiegewerkschaft IG BCE an, in der kommenden Tarifrunde für eine Drei- oder Vier-Tage-Woche für Beschäftigte ab 60 Jahren zu kämpfen. Der DGB fordert schon seit Längerem einen fließenden Übergang in die Rente.

Bauarbeiter sind im Schnitt mit 58 Jahren raus aus dem Job

Die Realität scheint den Gewerkschaften teilweise recht zu geben. So scheiden Bauarbeiter im Schnitt mit 58 Jahren aus dem Arbeitsleben aus, wie DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach betont, Beschäftigte im Gesundheitswesen oder Maschinenbau mit 61. "Da ist doch völlig klar, dass die Idee von der 'Vollzeitarbeit bis zum gesetzlichen Rentenalter' für viele Arbeitnehmer überhaupt nicht passt", sagt Buntenbach.

Tatsache ist aber auch, dass immer mehr ältere Beschäftigte immer länger arbeiten. Vor elf Jahren gingen nur knapp 13 Prozent der 60- bis unter 65-Jährigen noch einem sozialversicherungspflichtigen Job nach. Im vergangenen Jahr waren es mehr als 30 Prozent.

So geht es bei den Koalitionsgesprächen ab Dienstag denn auch vor allem darum, beiden Seiten Rechnung zu tragen: also jenen, die sanft in den Ruhestand gleiten wollen, und jenen, die über das 65., 66. oder 67. Lebensjahr hinaus arbeiten wollen. Der entsprechende Satz im Koalitionsvertrag lautet: "Wir werden den rechtlichen Rahmen für flexiblere Übergänge vom Erwerbsleben in den Ruhestand verbessern."

Die Flexi-Rente lässt viel Interpretationsspielraum

Nur was soll das genau heißen: flexibel vor oder nach dem Eintritt ins Rentenalter? Die Interpretationen der sogenannten Flexi-Rente gehen weit auseinander.

Derzeit gibt es bereits Möglichkeiten, schrittweise aus dem Erwerbsleben auszuscheiden und auch als Rentner weiterzuarbeiten. Kritiker halten die bisherigen Regeln jedoch für zu starr. So müssen Arbeitnehmer, die eine Teilrente beantragen, Abschläge ihrer späteren Vollrente in Kauf nehmen. Zugleich dürfen sie nur 450 Euro dazuverdienen, bei höheren Beträgen werden die Bezüge gekürzt. Die Altersteilzeit ist deshalb auch nicht sonderlich beliebt: Von rund 625.000 neuen Rentnern im vergangenen Jahr entschieden sich nur etwas mehr als 1600 für dieses Modell.

Nach Vorstellung der Sozialdemokraten soll sich an der Erwerbstätigkeit im Alter künftig etwas grundlegend ändern. Je gesünder Arbeitnehmer im Beruf bleiben, desto länger könnten sie auch arbeiten, meint Katja Mast, Arbeitsmarktexpertin der SPD-Fraktion. Sie könnte sich daher auch eine Drei- oder Vier-Tage-Woche für ältere Beschäftigte vorstellen, die dazu eine Teilrente beziehen. "Die Innovation wäre ja, neue Schichtmodelle zu finden, die Arbeitnehmer länger im Job halten", sagt Mast.

Nach Vorstellung ihrer Partei soll es bei der Teilrente also möglich sein, beispielsweise ab dem 60. Lebensjahr zwischen 30 oder 70 Prozent der vollen Rente in Anspruch zu nehmen und weiter zu arbeiten. Solche Modelle müssten jetzt aber erst mal "solide berechnet" werden, sagt Mast. Die Kosten dürften nicht einseitig beim Staat entstehen, sondern müssten auch von den Tarifparteien mitgetragen werden. Zudem plant Arbeitsministerin Andrea Nahles(SPD) nach SPIEGEL-Informationen die Zuverdienstgrenzen für Teilrentner zu lockern.

Die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag lehnt die Rente mit 60 ab. Sie pocht dagegen auf die Möglichkeit, dass ältere Arbeitnehmer auch länger erwerbstätig sein können. Anders gesagt: Längeres Arbeiten soll attraktiver werden. Entsprechend fordert die Union, auch die Arbeitgeberbeiträge für erwerbstätige Rentner zu streichen. Derzeit müssen Betriebe für Arbeitnehmer, die auch nach ihrem Renteneintrittsalter arbeiten, Abgaben auf die Gehälter zahlen.

Das soll nach dem Willen der SPD auch so bleiben. "Es kann nicht sein, dass es ein Sonderarbeitsrecht für "billigere" Ältere gibt", sagt Katja Mast. "Damit würden wir die Generationen gegeneinander ausspielen."

Die Positionen zeigen: Den Begriff Flexi-Rente mit Leben zu füllen, wird schwierig. Hinzu kommt, dass der Zeitplan eng ist. Bis Ende des Jahres soll eine Lösung stehen, die in ein Gesetz gegossen werden kann.

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insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
freespeech1 22.09.2014
1.
Sobald vermittelt wird, dass die Flexi-Rente alternativlos ist, ist auch das Geld dafür da, egal woher. So ist die Erfahrung.
linkereuropäischerpatriot 22.09.2014
2. Junge Einwanderer!
Nur durch Einwanderung von Fachkräften ist eine Bezahlung einer solchen Lösung möglich. Hierfür benötigt man aber eine gerichtete Einwanderungspolitik analog Kanada, Australiens oder der USA. Die Frage, warum dies keiner in dieser Gesellschaft möchte?!
gesellschaft 22.09.2014
3. Renteneintritt-Frauen mit 60 J.,Männer mit 65 J
wer dann weiter arbeiten will und kann- Steuerfrei für AG und AN- das war einmal möglich. Mit Abzügen vorher sollte möglich bleiben.
warum-du-so? 22.09.2014
4. Blabla...
Typisch deutsch "Wer soll das bezahlen!" Das alles ist schon längst bezahlt von den dummen Steuerzahlern. Nur da bedient sich jeder von den Dieben da oben, für das Volk bleibt nur ein Schulterzucken.. Nix da, alles Geld weg, ja wo isses denn hin - sowas sowas.. Ich würde alles, was fehlt per Zwangsabgabe den Politikern einfach Pfänden - Das Wohl des Volkes steht im Vordergrund!
Forist2 22.09.2014
5. Das ist ein Schachzug.............
So wird dafür gesorgt, daß es zukünftig keine Erwerbsgemindertenrentner mehr geben wird. Denn dem Arbeitsmarkt steht somit dann jeder lebenslänglich zur Verfügung und hängt am Gängelband der Agentur für Arbeit. Wieder einmal werden das vor allem die Scherbehinderten bezahlen.
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