Debatte über Eintrittsalter Rente mit 69 - geht doch

"Eine bekloppte Idee", sagt Sigmar Gabriel. Ökonomen aber sehen keinen anderen Weg: Das Renteneintrittsalter soll weiter steigen, so ihre Empfehlung. Wer hat recht?

Rentnerpaar vor dem Reichstag in Berlin
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Rentnerpaar vor dem Reichstag in Berlin

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Die Bundesbank hat Deutschland einen neuen Rentenstreit beschert - und damit vor allem Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) in Rage gebracht. Das Renteneintrittsalter, so die Bundesbanker, soll schrittweise angehoben werden. Im Jahr 2060 solle es 69 Jahre erreichen.

Gabriel war wenig angetan von dem Vorstoß:

"Wenn ich Banker bei der Bundesbank wäre, dann könnte ich auch auf solche Ideen kommen. Ein Facharbeiter, eine Krankenschwester, ein Altenpfleger hält das für eine bekloppte Idee. Ich auch."

Allerdings sind es nicht nur vermeintlich abgehobene Banker, die eine längere Lebensarbeitszeit fordern. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ist dafür, die Junge Union will es, zahlreiche Ökonomen sagen es seit Langem: Das Renteneintrittsalter muss weiter angehoben werden. Auch über die Schwelle von 67 hinaus, die im Jahr 2030 erreicht werden soll.

Unterstützung für Gabriel kommt dagegen von den Gewerkschaften. Viele Unternehmen würden kaum auf ältere Arbeitnehmer setzen. Schon heute sei nur "jeder sechste 64-Jährige noch sozialversicherungspflichtig beschäftigt, nur wenige gehen direkt von der Arbeit in die Rente", sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach.

Wer hat recht?

Die gesetzliche Rentenversicherung leidet unter dem demografischen Wandel. Die Deutschen werden immer älter: Während ein 65-Jähriger in den Sechzigerjahren im Schnitt noch eine weitere Lebenserwartung von rund zwölf Jahre hatte, liegt sie inzwischen bei etwa 18 Jahren. Prognosen gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung fortsetzen wird.

Weil zudem die Zahl der Geburten gesunken ist, stehen immer weniger potenzielle Rentenbeitragszahler (Alter 20 bis 65) immer mehr Rentnern gegenüber. Der Altenquotient - er drückt die Zahl von Älteren je 100 Bürger zwischen 20 und 65 Jahren aus - ist seit 1990 von 23,9 auf mehr als 34 gestiegen. 2040 dürften 100 Jüngeren sogar mehr als 57 Ältere gegenüberstehen.

Bei der Rente verfolgt die Politik das Ziel, die Lasten des demografischen Wandels gerecht zwischen den Generationen aufzuteilen. Bis 2030 soll das Rentenniveau deshalb nicht unter 43 Prozent fallen. Zugleich werden aber auch Anstiege der Rentenbeitragssätze auf maximal 22 Prozent begrenzt, um die jüngeren Generationen nicht zu stark zu belasten.

Jobfresser Sozialabgaben

Die Prognosen der Bundesregierung enden im Jahr 2030. Der demografische Wandel nimmt dann aber erst so richtig Fahrt auf. Bis 2040 gehen die "Babyboomer" in Rente, die besonders großen Geburtsjahrgänge von Anfang der Sechzigerjahre. Nach Berechnungen des Prognos-Instituts drohen die Beitragssätze dann auf bis zu 26 Prozent zu steigen.

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Das würde nicht nur die Jüngeren belasten, sondern auch den Arbeitsmarkt. Experten gehen davon aus, dass um einen Prozentpunkt höhere Rentenbeiträge erfahrungsgemäß 100.000 Jobs kosten.

Axel Börsch-Supan vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München hält auch den kurzen Planungshorizont für einen Fehler: "Die Amerikaner rechnen ihre Prognosen auf 75 Jahre in die Zukunft." In Deutschland dagegen sei die Zeitspanne in den vergangenen Jahren kürzer geworden. Zufall? Nein, das reflektiere "die Angst der Regierenden vor der Wahrheit", sagt Börsch-Supan.

Er hat beobachtet, wie Teile von Union und SPD das Thema im aufziehenden Bundestagswahlkampf nutzen wollen. Dabei wäre, wer heute älter als 40 ist, kaum von Modellen wie dem der Bundesbank betroffen. Bis 69 müsste erst der Geburtsjahrgang 1995 arbeiten. Für alle älteren würde gelten: Zwischen 2030 und 2060 würde das Rentenalter jedes Jahr um weniger als einen Monat erhöht.

Doppelt so viele Ältere sind erwerbstätig

Das Anstiegstempo orientiert sich an der derzeitigen Erhöhung des Renteneintrittsalters. Es steigt bis 2030 auf 67 Jahre. Börsch-Supan mahnt: Die Politik sollte nun nicht den Fehler machen, "ein sozial ausgewogenes Gebäude wieder einzureißen, weil Panik unter den Wahlkämpfern ausgebrochen ist". Prognosen zufolge soll die Lebenserwartung Älterer bis 2060 um weitere drei Jahre steigen. "Wenn die Lebenserwartung um drei Jahre steigt, kann man zwei Jahre länger arbeiten - und sich dennoch ein Jahr mehr Rente gönnen", sagt Börsch-Supan.

Die Bedenken Gabriels und des DGB teilt er nicht. Auch in körperlich fordernden Bereichen wie der Altenpflege oder dem Handwerk sei längeres Arbeiten zumutbar. Die Berufslaufbahn der meisten Beschäftigten sei nicht statisch, "niemand macht ein Leben lang ein und dieselbe Tätigkeit. Ein Dachdecker gehört zwar mit 50 nicht mehr auf das Dach. Er kann aber noch immer im Betrieb Dachziegel verkaufen oder im Büro eingesetzt werden."

Die Entwicklung am Arbeitsmarkt bestätigen das: Immer mehr Ältere arbeiten. Die Erwerbstätigenquote ist in der Altersgruppe 55 bis 60 Jahre seit 2004 von 61,1 auf 76,9 Prozent gestiegen, bei den 60- bis 65-Jährigen hat sie sich sogar von 25,1 Prozent auf 52,3 Prozent verdoppelt. Und auch die Arbeitslosenquote lag 2014 mit 7,9 Prozent nur leicht über der Gesamtquote von 6,7 Prozent.

Wirtschaftswissenschaftler wie Börsch-Supan plädieren dafür, das Renteneintrittsalter nicht mehr wie bisher von der Politik als fixen Wert festlegen zu lassen. Stattdessen könnte es in Zukunft automatisch angepasst werden - immer dann, wenn sich auch die Lebenserwartung verändert.

Das Renteneintrittsalter würde dann nur steigen, wenn Rentner auch tatsächlich einen längeren Ruhestand erwarten können. Ein Nebeneffekt des Automatismus: Die Frage wäre in Zukunft der Willkür und Wahlkampfkonjunktur der Politik entzogen.


Zusammengefasst: Sigmar Gabriel und die Gewerkschaften halten die Diskussion über eine Rente mit 69 für "bekloppt". Experten warnen dagegen vor Turbulenzen für die Rentenkassen: Bis 2040 wächst der Anteil Älterer an der Bevölkerung rasant, Prognosen der Bundesregierung enden aber 2030. Der Münchner Ökonom Axel Börsch-Supan schlägt vor, das Renteneintrittsalter in Zukunft an die Entwicklung der Lebenserwartung zu koppeln: "Wenn die Lebenserwartung um drei Jahre steigt, kann man zwei Jahre länger arbeiten - und sich dennoch ein Jahr mehr Rente gönnen."

SPIEGEL TV Magazin 2013
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dirkschumacherowako 18.12.2012
1. höhere MwSt
wie wäre es damit - eine höhere MwSt zur Finanzierung der Renten und eines höheren Kindergeldes? Oder eine Liquiditätsabgabe zur Fianzierung eines Grundeinkommens - beginnend mit Rentern und Kindern? Es gibt viele Möglichkeiten. Geld ist jedenfalls nicht das Problem - sondern eher, wie es wieder ans fliessen kommt. Jobs - die wird es für 68-Jährige nicht geben. Also werden die Renten faktisch gekappt. Um was für ein Kalb tanzt da unsere Gesellschaft. Erwerbstätigkeit auf Teufel komm raus. Derweil richten wir uns als Menschen und nebenbei auch unseren Planeten zugrunde.
Nonvaio01 18.08.2016
2. Konditor
ist das was ich mit 15 gelernt habe, sehr schnell musste ich feststellen das man nur seine knochen hinhaelt, die gesundheit ist total im eimer. Mehlstaub in der Lunge und ein kaputter ruecken sind nur einige der typischen leiden die man nach jahren hat. Keine chance das ein Kondito oder Baecker bis 69 Arbeiten kann. Ich hab mit 25 das Land verlassen und arbeite nun als Risiko Analyst in einem Buero,das kann ich machen bis ich 69 bin. Aber berufe die auf den Koerper gehen auf keinen fall. Nur weil Politiker meinen mit 70 noch ihren senf dazuzugeben muessen, heist das nicht das der rest der bevoelkerung das auch kann.
blitzunddonner 18.08.2016
3. spätere renteneintritte bedeuten doch nicht, dass die menschen länger arbeiten können.
spätere renteneintritte bedeuten doch nicht, dass die menschen länger arbeiten können. es bedeutet nur, dass sie einer anderen staatskasse auf den wecker gehen. jobcenter oder sozialamt z.b.. oder - im idealfall für den staat - privatvermögen wird aufgebraucht (was vorallem die erbengeneration ausplündert - da brauch es dann kein neues erbschaftsgesetz mehr für die kleinerben). die plünderung der unteren mittelschicht bis runter ins sozialamtsmilieu hat ja tradition. aber wie sollen dann die haushalte von kommunen und arbeitsagentur aufgefüllt werden? schon antworten parat? man hat doch nicht etwa einen diskriminierungsgesetztentwurf im auge, der die unternehmen verpflichtet, einen bestimmten prozentsatz von senioren zu beschäftigen? hat doch schon mit frauen und hadnicapped nicht geklappt.
MickyLaus 18.08.2016
4. Witzreich
diese neoliberalen Gedankenspiele. Arbeiten bis fast 70 und die andere Hälfe der Gesellschaft ißt Häppchen oder ist arbeitslos.
hippie.jonny 16.12.2017
5. Ziel?
Also, lieber Herr Bidder, Ihre Aussage: "Bei der Rente verfolgt die Politik das Ziel, die Lasten des demografischen Wandels gerecht zwischen den Generationen aufzuteilen." sollten Sie mal kritisch hinterfragen. Seit 1985 ist diese Enwicklung bekannt, und keine Regierung - erst recht nicht die mit unserem "Renten sind sischer"-Norbert - hat etwas entscheidendes geändert. Warum micht? Rentner sind Wähler...und gewählt werden ist erstes Ziel der Politiker. Wenn man es also gerecht auf die Generationen verteilen wollte, müsste man die heutigen Renten sofort halbieren...oder?
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